05. Juli 2017

Modern ausbauen, Historie stärken

Pfarrwitwenhaus in Greifswald
Fotos: Bilder im Bestand + Pläne = HWP Planungsgesellschaft mbH/Bilder nach Sanierung = Dr. Cordia Schlegelmilch
Fotos: Bilder im Bestand + Pläne = HWP Planungsgesellschaft mbH/Bilder nach Sanierung = Dr. Cordia Schlegelmilch

»Wo ist das Fachwerk geblieben?«, fragen sich viele Greifswalder Bürger, die das Pfarrwitwenhaus in der Altstadt von früher noch mit einer Fassade im Schwarz-Weiß-Kontrast kennen. Dass das Gebäude entsprechend seiner Bauzeit im 18. Jahrhundert lange eine barocke Putzfassade hatte, wissen die wenigsten. Auch nicht, dass die 1990 erfolgte Freilegung des Fachwerks der Bausubstanz sehr geschadet hat.

Errichtet 1727/28 als zweigeschossige Reihenhausanlage im Auftrag der Kirchengemeinde St. Nikolai, steht das Pfarrwitwenhaus auf einem Eckgrundstück am Kirchenvorplatz. ­Gegenüber ragt der knapp 100 m hohe Turm des Doms St. Nikolai imposant in die Höhe. Seinen umgangssprachlichen Namen erhielt das Pfarrwitwenhaus aufgrund seiner einstigen Nutzung als Wohnhaus der Witwen von General- ­beziehungsweise Stadtsuperintendenten, leitendenden Geistlichen des Kirchenkreises. Jedes der drei Häuser ­bestand zur Bauzeit aus zwei Wohnungen mit Stube, Kammer und Küche. Die vergleichsweise traditionelle Bauweise ist wohl der Funktion als Kirchen-Sonderbau geschuldet, der an die Stelle abgetragener baufälliger »Kirchenbuden« trat.

Die anfänglich sichtbare Tragkonstruktion der Außenwände mit schwarzen Fachwerkbalken und weißen Ausfachungen entsprach der Bauweise wirtschaftlich schwieriger Jahre, weniger der vor allem auf Repräsentation ausgelegten Fassadengestaltung des 18. Jahrhunderts. Im Barock setzte man älteren Fachwerkhäusern gerne eine gemauerte, zeitgenössische Fassade vor das Tragwerk. Mitunter wurden sie aber auch von ­Beginn an verputzt oder durch eine ­Bekleidung vor Wind und Wetter ­geschützt. Das Pfarrwitwenhaus erhielt 1832, also nach über 100 Jahren Standzeit, einen ­Außenputz. Den behielt es bis Anfang 1990, als man im Rahmen einer umfassenden Sanierung stark in die Bausubstanz eingegriff.

Gerettet und umgenutzt

Zunächst als Büro und später als Wohnhaus genutzt, erwarb die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung im Jahr 2013 das Pfarrwitwenhaus von der Kirchengemeinde St. Nikolai. Die Rettung des fast 300 Jahre alten Hauses vor dem Verfall ist dem Engagement von Professor Berthold Beitz zu verdanken, seinerzeit Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung. Das ­Gebäude und sein Standort waren nicht zufällig ­gewählt, denn daneben befindet sich seit 2002 das ­Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald. Hier kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Diszip­linen zur gemeinsamen Arbeit an Forschungsschwerpunkten zusammen. Geladen sind sie jeweils für ein halbes beziehungsweise ganzes Jahr, um sich einem größeren Forschungsvorhaben zu widmen. Das umgebaute Pfarrwitwenhaus erweitert mit sechs Gästewohnungen das Angebot an Unterbringungsmöglichkeiten auf Zeit.

Reduzieren verdeutlicht Potenziale

Für die Baumaßnahme am Pfarrwitwenhaus formulierte die Untere Denkmalschutzbehörde Greifswald folgende Vorgaben:

  • den Erhalt und die Sanierung der Fachwerk-Tragkonstruktion in den Außenwänden,
  • den Wiederaufbau der Putzfassade mit Farbgestaltung in Anlehnung an die ­barocke Ausführung,
  • die Erneuerung der drei Eingangstüren an der Martin-Luther-Straße 11 und 12 sowie Domstraße 52 entsprechend dem historischen Vorbild, allerdings nur in Bezug auf deren Lage und äußere Gestaltung, nicht auf deren Funktionalität sowie
  • den Erhalt, wo nötig die Erneuerung der Dachdeckung mit Hohlpfannen in röt­lichem Farbton.

Erhaltenswertes schützen

Die Schäden an der Bausubstanz waren umfangreich. Sie reichten von fehlendem Holz- und Witterungsschutz, alterungsbedingten Schäden an Fenstern und Türen über unzureichende Wärmedämmung im Dach bis hin zu defekter Deckung und Entwässerung der Dachflächen. Folglich konnte im Wesentlichen von dem nach der Sanierung 1990 verbliebenen historischen ­Bestand nur die Tragstruktur des Gebäudes in Form von Fachwerkwänden und teilweise Holzbalken im Dachstuhl erhalten werden. Denkmalgeschützt sind die ­Gebäude-hülle und deren Tragstruktur.

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