02. November 2017

WDVS-Brandliste ohne Wert

Brandliste
Foto: Freiwillige Feuerwehr Werne

Die Feuerwehrverbände führen und veröffentlichen Listen zu Brandereignissen mit Dämmfassaden. Nun hat das Energieinstitut Hessen die Angaben analysiert und kommt zu dem Ergebnis: 73 Prozent der gelisteten Brandfälle sind Fehleinträge oder Nichtigkeiten. Damit kann mit dieser Liste nichts mehr begründet werden. Zu diesem Schluss kommt Werner Eicke-Hennig.

Die »Zusammenstellung von Brandereignissen in Verbindung mit WDVS« wurde von der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland (AGBF-Bund) und dem Deutschen Feuerwehrverband 2012 eingerichtet. Diese »Liste« (Kurzbezeichnung in der Folge) wird von der Frankfurter Berufsfeuerwehr geführt, Meldungen erfolgen freiwillig über einen Fragebogen. Die Liste sollte einen Überblick über das Ausmaß der Brände mit WDVS-Beteiligung schaffen, damaliges Interesse war die Diskussion um das Brandverhalten von Polystyrol an Fassaden.

Falsche Einschätzungen in der Öffentlichkeit

Die Liste ist keine Statistik, da sie ihre Einträge auf freiwilliger Grundlage sammelt. Auch wurden die Einträge nicht bewertet. Dies war aber das Ziel bei ihrer Einführung und ohne eine solche führt die im Internet einsehbare Auflistung zu falschen Einschätzungen in der Öffentlichkeit. Deshalb legt das »Energieinstitut Hessen« hiermit einen ersten Diskussionsvorschlag für eine Bewertung der in der Liste aufgeführten 108 Brandfälle vor (Stand August 2017), die über 16 Jahre aufgelistet wurden. Hierüber kann man fortan im Detail disku­tieren: Einzelne Neubewertungen verändern die Grundaussagen jedoch nicht.

20 Prozent der 108 gelisteten Brandfälle sind Fehleinträge. Entweder handelt es sich um Vorhangfassaden, Gebäude in Frankreich oder England, Dachbrände, andere Dämmstoffe als Polystyrol oder Nichtigkeiten. Die Liste wurde später unglücklicherweise auf alle brenn­baren Fassadentypen umgewidmet, um diese Einträge beibehalten zu können. Sie wird aber weiterhin ohne Falldifferenzierung öffentlich falsch interpretiert, da man sie allein mit dem WDVS und dem Dämmstoff Polystyrol identifiziert. Die Umwidmung hätte gekennzeichnet und erklärt werden müssen.

53 Prozent oder 57 Brandfälle mit WDVS-Beteiligung sind kleine Bagatellfälle, bei denen das WDVS sich nicht am Brand beteiligte, sondern selber in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Putz blieb erhalten, das Polystyrol brannte nicht mit. Die meisten dieser Brände fanden zudem an oder in Gebäuden statt, für die es keine brandschutztechnischen Anforderungen an die Fassadenbekleidung gibt (Gebäudeklasse 1 – 3), weil dies keine Erhöhung der Brandsicherheit erbrächte. Beispiel: Ein an die Fassade angebauter brennender Carport, samt brennendem PKW, entzündet beim EFH fast immer das Dach und erzeugt über Fenster Zimmerbrände. Eine unbrennbare Fassade ändert daran nichts. Viele der Bagatellfälle könnte man deshalb auch als »Fehleinträge« einstufen. Nach Abzug dieser beiden Gruppen verbleiben nur noch 29 Brandfälle.

14 Prozent oder 15 der 108 Brandfälle sind kleine Brände mit WDVS-Beteiligung, das EPS brannte mit, ohne Auswirkung auf den Brandverlauf. Häufig erschließt sich aus der Listendarstellung die Rolle des Polystyrols für die Brandweiterleitung nicht. In fast allen Fällen werden hier die Brände von außen herangetragen. Brennender Abfall an der Fassade oder brennende Autos oder Holzschuppen bestimmen den Brandverlauf. Die Brände wären auch ohne Polystyroldämmung nicht anders verlaufen. Nur sechs der 15 Fälle finden an Mehrfamilienhäusern statt, die brandschutztechnischen Anforderungen an die Fassade unterliegen (mindestens Gebäudeklasse 4, mindestens schwerentflammbar).

9 Prozent oder 10 der gelisteten Brandfälle gehören zu den größeren Bränden mit WDVS-Beteiligung mit umfassenderen Schäden. Sie fanden ausschließlich an Mehrfamilienhäusern ab Gebäudeklasse 4 statt. Die Rolle des Polystyrols für den Brandverlauf ist auch hier in einigen Fällen nicht geklärt, auch hier brannte das EPS mit. Der Brandfall 65 macht dies exemplarisch deutlich: Fünf Autos und ein Papiercontainer brannten unter dem MFH in einer aufgeständerten, offenen EG-Parkzone. Die unbrennbar verklinkerte Brüstung des 1. OG hielt den Flammen stand. Die Flammen schlugen außen über diesen 1,5 m hohen »ungeplanten« Brandriegel und verursachten durch die Fenster Zimmerbrände bis in den letzten Stock. Dabei schmolz und brannte auch das Polystyrol um die Fenster. Wie wäre der Brand ohne WDVS verlaufen? Man betrachte die Brandlast unter dem Haus und vergleiche die Flammhöhen mit Brandfall 76, Chemnitz: Müllcontainer erzeugen Flammhöhen von 10 m und lassen Zimmerbrände auch bei ungedämmten Fassaden entstehen.

In 4 Prozent oder 4 Brandereignissen kam es zu Todesfällen (elf Menschen) in 16 Jahren. Der Erhebungsbogen enthält keine Frage nach dem zum Tod führenden Hergang. In solchen Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft und gibt keine Auskunft. Die Liste klärt die Todesursache nicht, ohne dass dies irgendwo vermerkt ist. Deshalb werden die Fälle heute sogar von Feuerwehrverbänden wie dem AGBF und der »vfdb«  so interpretiert, als gingen die Todesfälle auf das mitbrennende Polystyrol zurück. Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Wir wollen die Diskussion an dieser Stelle noch nicht führen, verweisen aber darauf, dass bei zwei der elf Todesfälle eindeutig der primäre Zimmerbrand den Tod verursacht hat (Brandfälle 4 und 38).

Dabei war im Brandfall 4 das WDVS nicht beteiligt, weil der Brandüberschlag aus der brennenden Küche im 2. OG über zwei Stockwerke hinweg direkt durch das Fenster im 4. OG einen Zimmerbrand verursachte, in dem vier Menschen an Herzversagen starben. Zwei weitere Menschen starben auf der Flucht vor den gewaltigen Zimmerbränden, die die Hartfaserplatteninnenbekleidung aller Räume eines MFH verursachte, die sich durch einen Zimmerbrand entzündete (mindestens 3000 Liter-Heizöl-Äquivalent pro Wohnung brannten; Fall 3 Berlin). Der Brandfall 89 (Duisburg) mit drei Toten ist noch unklar, weil nur wenige Informationen verfügbar sind. Unsere Fragen dazu stehen in der von uns bewerteten Brandereignisliste WDVS (siehe InfoPlus). Die Analyse zeigt, die gelisteten Todesfälle wären durch noch mehr Brandriegel nicht verhindert worden und wurden nicht durch das mitbrennende Polystyrol verursacht.

Wir halten fest: 73 Prozent der Listeneinträge sind Fehleinträge oder Bagatellen. Im Durchschnitt gibt es nach der von den Feuerwehren geführten Liste in ganz Deutschland nur 1,8 Brandfälle pro Jahr mit aktiverer Beteiligung des Polystyrols. Bei 180000 Brandfällen pro Jahr sind das 0,01 Promille aller Brände. Auch bei diesen Fällen klärt die Liste nicht die Bedeutung des WDVS für den Brandverlauf. Die bisher in der Brandschutzdebatte genannten Zahlen müssen nach unten korrigiert werden. In Frankfurt am Main werden sämtliche Brände mit WDVS-Beteiligung erfasst, da die Frankfurter Berufs­feuerwehr die Liste führt. Die Passivhaushauptstadt Deutschlands ist aber unauffällig: Bei 74000 Wohn­gebäuden und 10000 Nichtwohngebäuden gibt es nur 0,9 Brandfälle pro Jahr mit WDVS-Beteiligung, davon 70 Prozent Bagatellfälle, also 0,3 Brandfälle pro Jahr mit größerem Ausmaß, bei jährlich 1600 – 1800 Bränden.

Immer weniger Todesfälle durch Brände

Diese geringen Fallzahlen werden auch durch das Statistische Bundesamt und seine jährliche Totalerhebung aller Todesfälle durch »Feuer, Rauch und Flammen« gestützt. Die amtliche Statistik belegt, zwischen 1980 und 2015 nahm die Zahl der »Brandtoten« um 50 Prozent ab, von etwa 800 auf zuletzt 343 pro Jahr, obgleich immer mehr Häuser mit Polystyrol gedämmt wurden. 6204 Todesfälle gab es seit 2001 bei Bränden in ungedämmten Häusern, elf in Gebäuden, die mit Polystyrol auf der Fassade gedämmt waren. Die Ursache ist in beiden Fällen dieselbe: »Brandtote sind Rauchtote« sagen die Feuerwehren. Da Polystyrolfassaden bei ursäch­lichen Primärbränden mitbrennen, stammt der Rauch also auch hier aus den Bränden im und am Haus. Das Risiko in Deutschland an Rauch, Feuer und Flammen in Häusern zu sterben hat in den letzten 30 Jahren kräftig abgenommen. Noch nie gab es Brandtote durch eine mitbrennende Polystyroldämmung an einer Fassade.

Fazit

Während eine rationale Risikodiskussion erforderlich wäre, entzünden sich in Deutschland Brandschutzdiskussionen stets an spektakulären Einzelbränden, in ihrem Ton zwischen aufgeregt und aggressiv schwankend. In diesem moralischen Gewitter fragt niemand nach dem Umfang des extrem kleinen Problems. Nur an 0,01 Promille aller jährlichen Brände sind heute WDVS aus Polystyrol beteiligt. Zudem sinkt die Anzahl der Brandtoten, während die Fassadendämmung mit Polystyrol zunimmt. Das WDVS mit Polystyrol ist ein extrem sicheres Fassadendämmsystem.

Zum Glück, denn wir brauchen es, um Wärmewende und eine sozialverträgliche Gebäudesanierung zu verbinden. Und wir führen angesichts jährlich nur 1,8 ernsteren Brandfällen mit WDVS-Beteiligung die falsche Debatte, wenn wir sie allein auf den Dämmstoff fokussieren. Denn entscheidend sind die gesamten Brandverläufe, die physikalischen Gesetzen gehorchen. Deshalb gibt es zum Beispiel keine brandrechtlichen Fassadenschutzziele für kleine Gebäude, weil die Brandweiterleitung über die Fassade hier unerheblich ist. Es ist auch zu diskutieren, welcher Weg zu noch geringeren Brandgefahren der bessere ist. Denn auch bei unbrennbaren Fassaden bestehen die ursächlichen Schwachpunkte aus:

  •  Autos vor und unter Fassaden,
  •  Mülltonnen an Fassaden,
  •  hölzerne Dächer,
  •  Carports und Schuppenanbauten,
  •  hölzerne Treppenhäuser und
  •  die üblichen Brandursachen im Innern von Häusern, von Kurzschluss bis menschlichem Fehlverhalten.

Hier entstehen jene Brände, die bei mit Polystyrol gedämmten Fassaden dem Dämmstoff zugeschrieben werden. Auch bei nationaler Umstellung auf Steinwolle als Fassadendämmstoff würde die Anzahl der Hausbrände nicht abnehmen. Auch weiter werden Fenster durch Mülltonnen- oder Carportbrände zerstört, mit anschließenden Zimmerbränden, Dächer durch Mülltonnen angesteckt und Zimmerbrände werden sich von innen auf ganze Häuser ausdehnen. Möglicherweise liegt der Schlüssel zu noch weniger Bränden in einer anderen Müllpolitik mit verordneter Einhausung von Müllcontainern an Fassaden, überlegteren Aufstellorten für Pkw, behördlichem Eingriff bei verwahrlosenden Wohngebäuden, wie in Dortmund und Duisburg usw. Dies zu entscheiden ist Aufgabe des Staates, der einen Abgleich zwischen Brandrisikominderung, Brandschutzkosten und Freiheitsrechten der Bürger vorzunehmen hat.         

Dipl.-Ing. Werner Eicke-Hennig,
Energieinstitut Hessen

Ausgabe 11 / 2017

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