01. Januar 2016

Lebendiger Lehm

Vorarlberg_2 Ausbau und Fassade - Lebendiger Lehm

Im modernen Vorarlberg Museum in Bregenz spielt Lehm alle seine Vorteile aus: er ist einmalig nachhaltig, verlagert Investitionen auf den Stuckateur und ist dabei ausgesprochen ästhetisch. Insgesamt 150000 m² bearbeitete Flächen waren für die 35 Mitarbeiter der ausführenden Firma Preite eine Herausforderung.

Die Architekten Cukrowicz Nachbaur bauten das Vorarlberger Landesmuseum im österreichischen Bregenz einfach weiter: Sie erhielten den denkmal­geschützten Bestand nahezu vollständig und integrierten ihn in einen modernen Neubau. Lehm ist dabei sowohl der Untergrund, der Alt- und Neubau verbindet, als auch ästhetische Oberfläche. 16500 m² hochwertig geglättete Lehmflächen wirken sehr edel. Durch Fensterscheiben belichtet, changiert der Lehmputz in hellen, warmen Grautönen. Die vielschichtige mineralische Farbigkeit des Lehm-Edelputzes »Gloria« von Conluto wurde eigens für das Museum entwickelt. In diesem Sommer wurde es als spektakuläres »Vorarlberg Museum« wieder eröffnet und der Entwurf sogleich mit dem Architekturpreis »best architects 14« in Gold ausgezeichnet.

Konsequent nachhaltig
Für die Architekten spielte Lehm vom Entwurf an eine entscheidende Rolle. »Wir verwenden gerne Material in seiner natürlichsten Form«, betont der Projektleiter Stefan Abbrederis. Sein Büro gewann den EU-weiten Wettbewerb, weil es konsequent nachhaltig plante, unter anderem für alle Wände
3 cm und für die Decken 2,5 cm starke Lehmschichten. Statt Vollklimatisierung setze es auf die sorptiven Eigenschaften des Naturmaterials. »Der Lehm wird bei uns nicht nur ästhetisch eingesetzt, sondern reguliert auch das Klima«, unterstreicht der Planer. Lehm entlastet die Lüftungsanlage – mehr noch als im 2007 eröffneten Museum Kolumba in Köln (ausbau + fassade 10/2007).

Lehm unterstützt Lüftung
Die dicken Lehmputze im Bregenzer Museum puffern Feuchtigkeitsspitzen. Wenn beispielsweise eine Schulklasse mit regennasser Kleidung in die
Museumsräume kommt, steigt die Raumluftfeuchte kurzfristig an. Vom Lehm wird die Feuchtigkeit adsorbiert, zwischengespeichert und wieder abgegeben, wenn die Luftfeuchtigkeit im Raum sinkt. Durch Lehm kann die Anforderung des Museums nach maximal drei Prozent Schwankung der Luftfeuchtigkeit mit einer kleineren Lüftungsanlage erfüllt werden. »Das Klima im gesamten Gebäude wurde simuliert. Danach konnte ein Drittel der Haustechnik im Lüftungsbereich eingespart werden«, freut sich der Architekt. »Im Betrieb sind unsere Erwartungen noch übertroffen worden.« Das bedeutet weniger Investitionen für Technik und weniger laufende Kosten für Energie. Damit leitet Lehm Investitionen zum Stuckateur um.

Viele Arbeitsgänge
Antonio Preite, Seniorchef der Preite Verputz und Trockenbau GmbH, leitete den Ausbau mit Lehm. Die Arbeiten dauerten 15 Monate. Als günstigster Anbieter hatte die Firma Preite den Zuschlag bei der europaweiten Ausschreibung erhalten. Antonio Preite ist begeis­tert: »Wir konnten bis zu acht Arbeitsgänge verkaufen. Zwei bis drei Lagen Unterputz, Feinputz, zwei Lagen Edelputz und zweimal Glätten.« Insgesamt bearbeiteten die Mitarbeiter zirka 150000 m² Lehmoberflächen in den unterschiedlichsten Arbeitsgängen. Zeitweise waren bis zu 20 Mitarbeiter parallel dort beschäftigt. »Viele Ausführungsdetails haben wir selbst entwickelt, wie für die Tapetentüren«, erinnert sich Sandro Preite, Juniorchef und Sohn von Antonio Preite. Für die Türen wurden großflächige Putzträger aus Stahlblech angefertigt, so dass auch auskragende Bauteile überputzt werden konnten. Zudem wurden 1200 Deckenleuchten eingeputzt.

Erdfeuchter Unterputz
Aus ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten lohnte es sich, statt getrocknetem Unterputz erdfeuchtes Material mit einer entsprechenden ­Maschine zu verarbeiten. Sandro Preite entschied sich für eine UMP L-Power. Sie musste in der Woche fast 40 Tonnen Lehm-Unterputz fördern. Um die Leitungslängen zu reduzieren, wurden die Big Bags mit einem Bauaufzug oder Kran auf den einzelnen Etagen positioniert. Im Winter 2012 war es zeitweise so kalt, dass der erdfeuchte Lehm gefroren auf die Baustelle kam und erst dort wieder auftaute. Alle Betonwände und -decken erhielten einen vergüteten Zementvorspritz von Röfix als Haftgrund. Das Denkmal dämmten die altbauerfahrenen Handwerker innen mit Kalziumsilikat-Platten, die mit Wandheizungen belegt wurden. Auf alle Untergründe folgten zwei bis drei Lagen Unterputz, 25 – 35 mm stark, mit flächigem Glas­fasergewebe für die Wandheizungen. Danach wurden die Gerüste abgebaut und der Boden ein­gebracht. Erst dann konnte das Abschlussprofil der Wand gesetzt und ­daran angearbeitet werden.

Herausforderung Trocknung
Die Trocknung der enormen Mengen Unterputz war eine Herausforderung. Geheizt wurde dabei über die Museums­heizung. Ein separates Unternehmen unterstützte die Trocknung in fenster­losen Räumen mit Kondenstrocknern. Durch Außentemperaturen von bis -15 °C entstand dennoch Kondenswasser an kühlen Betonstellen, wie etwa dem Atrium, das noch nach oben offen war. Deshalb konnte an einigen Bereichen temporär nicht weitergearbeitet werden.

Edles Mineral
Im Sommer 2012 baute das Team von Preite erneut ein Gerüst auf. Als Zwischenlage vor dem Edelputz zog es den braunen Feinputz 3 mm stark auf den Unterputz auf. Die 1500 m² Lehmbauplatten (22 mm dick) in den abgehängten Decken erhielten ebenfalls zwei Lagen Feinputz mit vollflächiger Gewebe­einlage. Schließlich kamen auf alle Oberflächen zwei Lagen Lehm-Edelputz (2 mm). Abschließend wurde der Lehm-Edelputz zweimal mit Japan­glättkellen aus rostfreiem Edelstahl geglättet – eine Arbeit für Könner. »Das 24 Meter hohe Atrium ansatzfrei zu glätten war eine Herausforderung«, erinnert sich Sandro Preite. »Aus Lehm werden immer mehr ästhetische Oberflächen hergestellt. Da ist die Abstimmung mit dem Kunden wichtig, was für Qualitäten er haben möchte«, betont Jörg Meyer, Inhaber von Conluto und Fachberater des Stuckateurs. Besonders für Lehm gelte: »Eine Oberfläche kann nur so gut sein, wie es der Untergrund hergibt.« Beim Vorarlberg Museum sind sie einmalig ästhetisch wie ein edles Mineral und energetisch innovativ.


Silvia Schäfers

Abbildungen: 1: Bereuter; 2,3,5: Schiess; 4,6: Preite                                                                                Ausgabe: 12/2013

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