01. Januar 2016

Baubiologische Brandsanierung

Pilz-Brandschutz-4 Ausbau und Fassade - Baubiologische Brandsanierung

Nach einem Brand wurden die Oberflächen eines denkmalgeschützten Schulhauses ­baubiologisch saniert. Die Lehmbauteile konnten relativ einfach instandgesetzt werden, im Gegensatz zu den Holz- sowie den härteren Kalk- und Natursteinoberflächen.

Das ehemalige Schulgebäude in Vordermurrhärrle — ein altes Fachwerkhaus (siehe ausbau+fassade 01/11, S. 36 bis 39) — wurde schon seit vielen Jahren fast ausschließlich nur als Büro- und Wohnhaus ­genutzt. Auf großzügigen 260 Quadratmetern wurde in dem 1857 erbauten, inzwischen denkmalgeschützten Haus gearbeitet und gewohnt, aber nicht mehr gepaukt. Am Abend des 30. Juli 2011 begann es im Erdgeschoss ­liegenden Heizraum ­des Gebäudes zu brennen. Vorausgegangen war eine ­Verpuffung im Holzofen, der Teil der ­erneuerbaren Heizung war. Der Brand breitete sich schnell in die angrenzende Werkstatt aus, wo er Hölzer entzündete. Benzinkanister und eine Gasflasche ­fingen ebenfalls bald Feuer. Durch das Scheunentor und aus einem kleinen Fenster im Sandsteinsockel schlugen die Flammen ins Freie und über die Fassade bis zur Regenrinne. Insgesamt brannte es 45 Minuten heftig, bis die Feuerwehr gelöscht hatte. Die anschließende Brandsanierung kostete 54000 Euro.

Feuerfeste Lehmwickel
Die Lehmwickeldecke der Werkstatt hielt dem Feuer stand. Nur an einer Stelle brannten die Deckenbalken so stark, dass sich auch die Wickel lösten. Die meisten wurden erst nach dem ­Löschen von der Feuerwehr heraus­geschlagen, um ein nochmaliges ­Entzünden auszuschließen. »Durch den Brand habe ich erfahren, dass auch mit Lehm-Holzkonstruktionen eine hohe Feuerbeständigkeit erreicht werden kann«, ist der Baubiologe Rolf Canters erleichtert. »Ich bin begeistert von der hohen Sicherheit, die uns vor dem Schlimmsten bewahrt hat.« Glücklicherweise entstanden nur geringe statische Schäden. Allerdings zogen Flammen durch angrenzende Räume, der Rauch fast durch das komplette Haus. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde der angrenzende Flur. Aber auch Wände, die ein Stockwerk höher und auf der anderen Hausseite lagen, verrußten ­intensiv. Entlang des Kamins zog Rauch selbst bis unter den Giebel. Eine vollwandige, dichte und selbstschließende Tür zum Heizraum hätte den Schaden stark begrenzen können.

Baubiologische Brandsanierung
Vor der Sanierung wurden Proben ­genommen, um Schadstoffe chemisch zu bestimmen. Die Raumluft zu untersuchen ist aufwendig und teuer. ­Deshalb wurden auf allen drei Etagen Wischproben von abwischbaren, ­horizontalen Flächen genommen. Die höchste Schadstoffbelastung durch Rauch war im Geschoss über dem Brand zu messen. Unter dem Dach betrug die Belastung nur 10 Prozent davon. So konnte abgeschätzt werden, dass die gesundheitliche Belastung in den ­unteren Räumen erheblich, unterm Dach hingegen gering war. Die höher belasteten Räume wurden gründlicher gereinigt, ihre nicht abwaschbaren ­Möbel entsorgt. Die Teeküche im Erd­geschoss sowie Bad und Küche im Obergeschoss waren nicht mehr nutzbar und wurden ebenfalls entsorgt. Das ­gesamte Haus wurde leer geräumt und dekontaminiert.
Die Oberflächen — allesamt ­ohne ­Tapeten — wurden mit H2O2, mit Dampfstrahler, Schleifmaschine und von Hand mechanisch gereinigt. Aus baubiologischen Gründen wurde weit­gehend auf Lösemittel verzichtet Diese wurden nur bei den Fliesen im OG-Bad eingesetzt, da sie erhalten werden sollten. Dem dort durch hohe Temperaturen entstandenen klebrigen Film war nur mit Fett­lösern beizukommen.

Böden, Natursteine und Konstruktionshölzer
Baubiologisch sollte möglichst mechanisch gereinigt werden. Allgemein sollte es möglichst wenig stauben. Die verrußten oder verkohlten Stellen auf den ­Natursteinen und Konstruktionshölzern wurden deshalb mit Wasserdampfstrahler und einer Schleiffräse abgetragen. Wo ein Wasserdampfstrahler auch mit warmem Wasser nicht genügte, wurde ein leistungsstarker Exzenterschleifer eingesetzt. Die horizontalen Holzflächen wurden baubiologisch mit Leinölseife gereinigt. Weiteres Ziel war es, in Fugen und Unterböden verbliebene Schadstoffpartikel zu binden oder abzu­sperren. Deshalb wurden die zwei bis fünf Millimeter breiten Fugen des ­Eiche-Riemenbodens in der OG-Küche mit diffusionsoffenem Spritzkork gefüllt. Der übrige Parkett hatte nur schmale Fugen, die durch dreimaliges Einlassen mit Öl weitgehend geschlossen wurden.

Lehm- und Kalkputze
Von den Oberflächen der harten Kalkputze ließ sich der Ruß auch mit der Hochdruck-Krake schlecht entfernen. Sie wurden aufwändig abgefräst. Beim Lehm war die Sanierung einfacher. Die Lehmflächen wurden mit Ziehklinge, Drahtbürste und Schleifpad mechanisch gereinigt. An der überwiegend erhal­tenen Lehmwickeldecke wurden die ­abgesprengten Fehlstellen ausgebessert. Von den drei bis vier Millimeter starken Deckputzen auf den Wänden wurde durch Abkratzen oder Abreiben die oberste Schicht entfernt. Der weiße Feinputz wurde dabei teilweise durchgerieben. Der Unterputz, ein heller, ockerfarbener Lehm, scheint mitunter etwas durch. Die restliche Oberfläche des Feinputzes wurde interessanter, weil der Strohzuschlag sich nach einem feuchten Abwischen deutlicher abzeichnet. »Die Lehmflächen sind sehr sanierungsfreundlich«, fasst es der Hausherr zusammen. »Ich bin begeistert von ihrer Reparaturfähigkeit.«

Achim Pilz, Fachjournalist

Abbildungen: Canters/Pilz                                                                                                 Ausgabe: 3/2012

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