02. Juni 2017

Vielseitig: gebrauchsfertige Fassadenputze

Foto: IWM/Fotolia.com/miss mafalda
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Pastöse Fassadenputze kommen gebrauchsfertig auf die Baustelle und bieten insbesondere bei der Verarbeitung einige Vorteile. Doch auch ihre physikalischen und ­ästhetischen ­Eigenschaften überzeugen. Je nach Bindemittelbasis und -gehalt lassen sich verschiedene Putztypen klassifizieren, die sich für unterschiedliche Einsatzzwecke eignen.

Pastöse Putze sind Hightech-Produkte, die bereits seit über 50 Jahren erfolgreich eingesetzt werden. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu den mineralischen Putzen sind die Bindemittel. Während bei den minera­lischen Produkten anorganische Stoffe, vor allem Kalk und Zement, zum Einsatz kommen, basieren die pastösen auf ­organischen Polymerdispersionen. Dabei handelt es sich, vereinfacht gesagt, um in Wasser fein verteilte Kunststoffpartikel, die bei Entzug der Flüssigkeit zu einem Film vernetzen. Organisch gebundene Putze muss man daher nicht auf der Baustelle mit Wasser anmischen. Sie werden gebrauchsfertig – in pastösem Zustand – geliefert.

Seit Oktober 2009 regelt die europäische Norm DIN EN 15824 »Festlegungen für Außen- und Innenputze mit organischen Bindemitteln« diese Klasse von Putzen. Dementsprechend sind die Produkte mit dem europäischen CE-Kennzeichen gekennzeichnet. Damit dokumentieren die Hersteller, dass die Putze den aktuellen europäischen Anforderungen an Standsicherheit, Brandschutz und Umweltschutz entsprechen.

Große Gestaltungsvielfalt

Verschiedene Sande und Gesteinsmehle, Körnungen wie Marmor oder Quarz sowie Farbpigmente verleihen den pastösen Putzen ihre Optik. So lassen sich mit organisch gebundenen Putzen verschiedenste Effekte und Strukturen erzeugen – von grob-rustikalen bis hin zu feinen, glatten Fassadenoberflächen. Zur Auswahl stehen neben den gängigen Scheibenputzen auch solche mit kratzputzähnlichem Aussehen, Reibe- und Rillenputze, Spritz-, Roll- und Buntsteinputze. Die Auftragsstärke, und somit die Schichtdicke, ergibt sich in der Regel aus der Korngröße des Strukturkorns bis 6 mm. Nicht zuletzt sind der Gestaltungsvielfalt in puncto Farbe kaum Grenzen gesetzt. Je nach verwendetem Bindemittel sind die Putze nahezu uneingeschränkt einfärbbar.

Auf Basis der enthaltenen Bindemittel beziehungsweise des Bindemittelgehalts unterscheidet man verschiedene Typen organisch gebundener Putze, die hinsichtlich physikalischer Eigenschaften variieren und sich somit für verschiedene Anwendungszwecke eignen. Generell gibt es von allen Typen Versionen sowohl für den Einsatz im Innen- als auch im ­Außenbereich. Fassadenputze, auf die sich dieser Beitrag fokussiert, sind in ihrer Wasseraufnahme an die vorgesehenen Einsatzbedingungen angepasst.

Dispersionsputze

Mit den Dispersionsputzen, früher Kunstharzputze genannt, begann die Entwicklung der pastösen Putze in den 1950er-Jahren. Sie weisen eine hohe Elastizität auf und passen sich gut an ­hygrothermisch bedingte Formänderungen an. Weitere Vorteile sind eine hohe mechanische Belastbarkeit und eine hohe Lebensdauer. Aus diesen Gründen eignen sich Dispersionsputze als ideale Endbeschichtung für Wärmedämm-Verbundsysteme. Nicht zuletzt lassen sich Dispersionsputze praktisch uneingeschränkt mit anorganischen oder organischen Pigmenten einfärben.

Dispersions-Silikatputze

Dispersions-Silikatputze, auch kurz Silikatputze genannt, enthalten eine Bindemittelkombination aus Kaliwasserglas und Polymerdispersion. Sie binden überwiegend mineralisch, aber auch organisch ab, was den Oberflächen ein typisches kalkmattes Aussehen verleiht. Für die Verkieselung des Wasserglases ist ein geeigneter mineralischer Untergrund erforderlich. Ebenfalls aus diesem Grund muss auf dauerhaft alkalibeständige anorganische Farbpigmente zurückgegriffen werden, die zwar die Farbwahl etwas einschränken, dafür aber enorm farb­beständig sind. Diese Art von Putzen verfügt über eine sehr hohe Wasserdampfdurchlässigkeit, ist entsprechend dif- fusionsoffen und trotzdem wetter­beständig. Gleichzeitig ist das Material kaum wasserquellbar und zudem wenig thermoplastisch, die Putze werden bei Wärmeeinfluss nicht klebrig. Disper­sions-Silikatputze gelten daher als wenig verschmutzungsanfällig. Sie kommen aufgrund ihres mineralischen Charakters auch insbesondere bei Altbauten und in der Denkmalpflege zum Einsatz.

Eine Variante dieses Putztyps sind sogenannte Sol-Silikatputze mit einer Bindemittelkombination aus Kieselsol und Wasserglas. Diese verfügen im Vergleich zu den vorgenannten Dispersions-Silikatputzen über eine minimierte Ausblühneigung sowie ein optimiertes Kreidungsverhalten und sind auch auf organischen Untergründen applizierbar.

Silikonharzputze

Silikonharzputze stellen die jüngste Entwicklung pastöser Außenputze dar. Diese Produkte binden mit einer ­Mischung aus Silikonharzemulsion und Polymerdispersion ab. Sie weisen ein ähnliches Diffusionsvermögen wie mineralische Putze auf, dazu aber gleichzeitig ein hohes Wasserabweisungsvermögen, was der Durchfeuchtung von Außenwänden entgegenwirkt. Silikonharzputze gelten als schlagregenfest und verfügen über eine gute Selbstreinigungsfähigkeit. All dies gewährleistet eine lange Haltbarkeit. Silikonharzputze können auf allen gängigen Untergründen aufgebracht werden. Lediglich eine Beschichtung von Beton ist in Fällen, bei denen ein CO2-Schutz gefordert ist, nicht zu empfehlen. Ähnlich wie Dispersions-Silikatputze werden auch Silikonharzputze mit an­organischen Pigmenten getönt.

Verarbeitung – von Hand oder maschinell

Pastöse Putze bieten eine hohe Verarbeitungssicherheit bei zeitsparender Anwendung. Da sie gebrauchsfertig und eingefärbt angeliefert werden, sind ­Mischungsfehler ausgeschlossen. Nach dem Umrühren kann lediglich durch die Zugabe von Wasser die Verarbeitungskonsistenz eingestellt werden. Die Ver­arbeitung erfolgt direkt aus dem Eimer oder aus Kleinsilos. Als Arbeitsgerät kommen klassische Stuckateurwerkzeuge, wie Kelle oder Traufel, zum Einsatz. Um ein einheitliches Erscheinungsbild zu erzielen und Ansätze zu vermeiden, sollte die Strukturierung der Putzoberfläche kontinuierlich und möglichst nur durch eine Person pro Einzelfläche erfolgen.

Alternativ ist der Einsatz von Maschinentechnik möglich. In diesem Fall wird der Putz mit dem Spritzverfahren auf­gebracht. Besonders bei Großprojekten lassen sich die Arbeiten auf diese Weise schneller und mit geringerem Materialeinsatz ausführen.  

Generell ist das Trocknungsverhalten und damit die Ausführungsqualität von Putzen abhängig von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftbewegung. Pastöse Putze lassen sich ab einer Temperatur von +5°C, Dispersions-Silikatputze ab einer Temperatur von +8°C verarbeiten. Speziell entwickelte Rezepturen sind ­bereits ab +1°C einsetzbar. Darüber ­hinaus sollten die Temperaturen während der Verarbeitung nicht über 30°C liegen. Denn zu schneller Wasserentzug aus dem Putz, beispielsweise durch starken Sonnenschein oder Wind, kann zu Rissbildung und Festigkeitsabfall führen. Schutzmaßnahmen wie das Abhängen zum Beschatten der Putzoberfläche schaffen Abhilfe.

Strategien gegen Algen- und Pilzbewuchs

Algen- und Pilzbewuchs auf Putzfassaden führt in der Baupraxis immer wieder zu Mängelanzeigen und Rechtsstreitigkeiten. Betroffen sind oft hoch wärme­gedämmte Fassaden, an deren Oberfläche sich Tauwasser niederschlägt, was wiederum das Wachstum der Mikro­organismen fördert. Um anfallende Feuchtigkeit möglichst schnell wieder von der ­Fassadenoberfläche abzuführen, und somit dem Grünbelag die Lebensgrundlage zu entziehen, haben die ­Hersteller verschiedene materialtechnische Strategien entwickelt.

Hydrophile Putzsysteme werden herstellerseitig so eingestellt, dass Tauwasser vorübergehend in feinste Kapillar­poren aufgenommen und anschließend im ­Tagesverlauf durch Verdunstung möglichst schnell wieder an die Umgebungsluft abgegeben wird. Kapillar-­hydrophob eingestellte Beschichtungen hingegen sind wasserabweisend und sorgen dafür, dass sich anfallendes Wasser möglichst schnell als Wasserfilm über die Fläche verteilt, ohne dass sich Tropfen bilden. Dieser dünne Wasserfilm trocknet schneller und gleich­mäßiger ab, als es Wassertropfen können. Auch die ­Alkalität von Dispersions-Silikatputzen verzögert die ­Besiedelung.

Neben den beschriebenen Strategien gibt es die Möglichkeit, organisch gebundene Putze mit einem Biozid auszurüsten. Diese Filmkonservierung muss wasser­löslich sein, um von Algen und Pilzsporen aufgenommen werden zu können. In der Folge waschen die Biozide mit der Zeit aus, verlieren ihre Schutzwirkung und gelangen in die Umwelt. Inzwischen setzen die Hersteller auf mikroverkapselte Biozide, die nur sehr langsam und zeitlich verzögert freigesetzt werden und somit die Wirksamkeit verbessern. Dennoch empfiehlt das ­Umweltbundesamt den kompletten Verzicht.

Orientierung durch Umweltzeichen

Biozidhaltige Produkte müssen entsprechend gekennzeichnet sein. Für pastöse Putze, die auf WDVS eingesetzt werden, bietet das RAL-Umweltzeichen 140 zusätzliche Orientierungen. Dieser »Blaue Engel« wird nur an WDVS mit biozidfreien Oberbeschichtungen ver­geben. Letztlich liegt die Entscheidung beim Bauherren, der von seinem Fachhandwerker  beraten und auf die Wirkungsweisen hingewiesen werden sollte.

Nicht zu verwechseln ist die Filmkonservierung mit der Topfkonservierung pastöser Putze. Letztere bedeutet, dass einem Putz ein Biozid in geringen Mengen ­zugegeben wird, um das Material während der Zeit der ­Lagerung, also vor Verarbeitung, im Eimer haltbar zu ­machen.

Antje Hannig, Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM)

 

Ausgabe 06 /2017

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