01. Januar 2016

Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen

Daemmung_1 Ausbau und Fassade - Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen

Der deutsche Dämmstoffmarkt bietet Fachunternehmern ein breites Sortiment an ökologischen beziehungsweise nachhaltigen Produkten mit sehr guten bauphysikalischen ­Eigenschaften. Baubiologe Herbert Danner hat eine Übersicht zusammengestellt.

Der Bundesgesetzgeber schreibt es vor (ENEV 2009) und die ständig steigenden Energiepreise erleichtern die Entscheidung – energieeffizientes Bauen und Sanieren ist nicht mehr nur eine freiwillige Dienstleistung einzelner ­Umweltbewusster an der Gesellschaft, sondern eindeutig das Gebot der ­Stunde. Dennoch häufen sich in den vergangenen Monaten seriöse, hoch­kritische Berichte in verschiedenen ­Medien mit folgenden Fragestellungen:  »Ist die Wärmedämmung von Gebäuden denn wirklich nachhaltig?« oder ­»Erhöht sich das Brandschutz- und das Schimmelrisiko durch ein Wärmedämm-­Verbundsystem?« Das sind ­Fragen, ­denen sich die Bau- und Dämmbranche ernsthaft stellen und überzeugende Antworten finden muss.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, auf dem Dämmstoffmarkt ­dominieren eindeutig die konventionellen synthetischen Dämmstoffe Poly­styrol und künstliche Mineralfasern (KMF) mit einem Marktanteil von zirka 90 Prozent. Ausschlaggebende Gründe sind häufig einerseits das niedrige Preisniveau der konventionellen Dämmstoffe, andererseits ein ­erhebliches ­Informationsdefizit über »alternative natürliche Dämmstoffe« und die mangelnde Bereitschaft von ­Planern und Handwerkern, sich mit ­diesen Alterna­tiven zu beschäftigen und sich zu qualifizieren. Dabei bietet der deutsche Dämmstoffmarkt heute ein breites ­Sortiment an geeigneten ökologischen beziehungsweise nachhaltigen Produkten mit hervorragenden bauphysikalischen Eigenschaften für fast alle Einsatzzwecke und Bauteile (siehe auch Kapitel »Marktübersicht und ­weitere ­Informationen«).

1) Alternative Dämmstoff-Produkte – aus Naturfasern und mineralisch
a) Naturfaser-Dämmstoffe
Der Naturfaserdämmstoffmarkt bietet heute die breiteste Produktpalette aller Dämmstoffgruppen, und er wird ständig ausgebaut. Vorrangig eingesetzt werden derzeit Holz-, Hanf- und Zellulosefasern, als flockiges Einblasmaterial und in ­unterschiedlichen Plattenformaten und Qualitäten (stabil oder flexibel, schwer oder leicht). Einblasdämmstoffe bieten sich an zur kostengünstigen Hohlraumdämmung in Dachstühlen und an der Fassade, im Holzrahmenbau und für oberste Geschossdecken. Weitere Materialien siehe Kapitel 8.

b) Mineralische Dämmstoffe
Als Fassadendämmung dienen auch ­mineralische Produkte mit guten Dämmeigenschaften, zum Beispiel ein WDVS mit Mineralschaum-Dämm­platten, hochwärmegedämmte Ziegel mit Perlitefüllung in monolithischer Bauweise, oder eine mineralische Wärmedämmfassade (WDF) zur Sanierung von Bestandsbauten sowie energetische ­Optimierungen von Neubauten. Alle diese Systeme haben den Vorteil, dass die energetisch optimierte Fassade nicht mit Verbundsystemen bestückt ist und damit voraussichtlich erhebliche (preisliche) Vorteile bei einem späteren Rückbau bietet, siehe Kapitel 7.

2) Bauphysikalische Qualitäten
Naturfaserdämmstoffe haben aufgrund ihrer Faserstruktur besondere bauphysikalische Qualitäten. Sie sind besonders dampfdiffusionsfähig und hygroskopisch, können dadurch einen positiven und ausgleichenden Beitrag zum Feuchtehaushalt eines Gebäudes leisten und damit das Schimmelrisiko moderner dichter Gebäude erheblich senken. Allerdings gilt hier in besonderem Maße, dass die Planung und Ausführungsqualität hohen Ansprüchen genügen muss. Die Materialwahl alleine ist keine Gewähr für schadensfreie Bauteile, erst professionelle Planung und zuverlässige Ausführung sorgen längerfristig für schadensfreie Bauteile. Feuchtevariable Dampfbremsen (vari­abler sd-Wert) wirken sich in diesem ­Sinne besonders positiv aus, wie einschlägige Studien und professionelle bauphysikalische Simulationspro­gramme eindrucksvoll belegen.
 
3) Einsatzzwecke
a) Wärmedämm-Verbundsysteme
Die Auswahl von Dämmstoffen für Wärmedämm-Verbundsysteme ist stark begrenzt. Die gängigsten Alternativen zu PS- und Mineralfaser-WDVS mit bauaufsichtlicher Zulassung sind WDVS aus Holzfaserdämmstoffen und Mineralschaum von verschiedenen Herstellern. Im Vergleich zu PS oder Mineral­fasern verfügen diese Alternativen über deutlich mehr Masse, also deutlich höhere Wärmespeicherkapazitäten und damit ein geringeres Risiko zur Ver­algung (Kapitel 6) . Zu beachten ist, dass eine bauaufsichtliche Zulassung nur für WDVS als ganzheitliches System vergeben wird, eine Verarbeitung willkürlicher Einzelkomponenten also bauaufsichtlich nicht zulässig ist.

b) Dachdämmung
Eine Fülle von Varianten und Materi­alien bieten sich an, um ein normales Sparrendach zu dämmen. Als Zwischensparrendämmung eignen sich zum Beispiel Zellulose, Holzfaser oder Seegras im Einblasverfahren ebenso wie flexible Hanf-/Holzfaser- und Zellulose-Dämmplatten. Das Einblasverfahren ist bei professioneller Ausführung ein bewährtes und setzungssicheres Verfahren. Für die Aufsparrendämmung eignen sich stabile Holzfaserdämmplatten, auf Wunsch gegen hohe Feuchte imprägniert. Beide Varianten lassen sich sehr gut miteinander kombinieren.
Die höhere Masse (insbesondere von stabilen Holzfaserdämmplatten mit
> 150 kg/m³ sorgen für einen besonders komfortablen sommerlichen Hitzeschutz. Bei der Dachdämmung – insbesondere bei der Sanierung bestehender Gebäude – sei nochmals an die hohen bauphysikalischen Risiken erinnert und die erforderliche hohe professionelle Planungs- und Verarbeitungsqualität, siehe Kapitel 2 und 4.

c) Dämmung der obersten Geschossdecke
Falls das Dachgeschoss nicht für Wohnzwecke benötigt wird, bietet sich die Dämmung der obersten Geschoss­decke als kostengünstige und witterungs­unabhängige ­Alternative mit sehr ­geringen bauphysikalischen Risiken an. Der Naturdämmstoffmarkt bietet auch hier ­wieder verschiedene ­Varianten an, mit stabilen/ begehbaren Holzfaser-Dämm­platten oder eine Hohlraumdämmung mit Einblasdämmstoffen beziehungsweise ­flexiblen Materialien (Produktvielfalt siehe Kapitel 8).

d) Innendämmung
Eine Innendämmung birgt fast immer ein erhöhtes bauphysikalisches Risiko (Schimmelrisiko) und Wärmebrücken in sich, deshalb ist – wenn möglich – einer Außen­dämmung der Vorzug zu ­geben. Das Schimmel­risiko minimiert sich mit minera­lischen diffussionsfähigen Dämm­platten (beispielsweise Kalzium-Silikat, Perlite etc., hoher pH-Wert = schlechter Nährboden für Schimmel­pilze), oder mit einer fugenfreien Konstruktion aus diffussionsfähigen und hygroskopischen Holzfaserdämmplatten mit Lehmputz. Am besten in Verbindung mit einer Wandflächenheizung/-temperierung. Eine professionelle Planung und einwandfreie Ausführung ist hier unerlässlich, damit sich nicht langfristig hinter der Innendämmung ein ­hygienisch-problematisches Kleinklima entwickeln kann und zu hohen Bauschäden sowie gesundheitlichen ­Risiken führt.

4) Qualitätsmanagement
Eine sorgfältige Planung und hochwertige Verarbeitung sind die Voraussetzung für ein qualitativ gutes Endprodukt, eine energieeffiziente und lang­fristig bauschadensfreie Immobilie. Es versteht sich von selbst, dass hierzu ­eine entsprechende Qualifizierung beziehungsweise Fortbildung zu den verwendeten Produkten und die notwen­dige Werkzeugausstattung erforderlich ist. ­Hohlräume lassen sich nur mit ­gutem Handwerkszeug und entsprechender Ausbildung fugenlos und ­dauerhaft ­setzungsfrei mit Zellulose-/Holzfasern ausblasen, massive Holz­faserdämm­platten nicht mit Glühdraht oder Fuchsschwanz präzise bearbeiten. Nur eine hochwertige Verarbeitung ­sichert langfristig die energetischen und bauphysikalischen Eigenschaften zu, die dem Auftraggeber geschuldet sind. Schlechte Verarbeitung lässt sich zum Beispiel durch Thermografieaufnahmen beweisen.
Teil des Qualitätsmanagements ist auch ein größtmöglicher Verbraucherschutz. Die Hersteller von Naturfaserdämm­stoffen bieten oft eine größere Transparenz an (beispielsweise Voll­deklaration, Natureplus-Zertfizierung), als dies bei synthetischen Dämmstoffen der Fall ist.

5) Umweltschutz und Nachhaltigkeit
Holz und andere Naturfasern sind in ihren Lebenszyklen weitgehend CO2-neutral. Bei dauerhafter Nutzung – zum Beispiel als Bau- und Dämmstoff oder Innenausstattung – bleibt der Kohlenstoff über Jahrzehnte beziehungsweise Jahrhunderte gespeichert und dient ­somit als langfristige klimarele­vante CO2-Senke. Der während der Wachstumsphase aufgenommene und gespeicherte Kohlenstoff wird langfristig ­gebunden und erst am Ende des ­Lebenszyklus – beispiels­weise durch ­abschließende Verbrennung oder Verrottung – als CO2 freigesetzt, ebenso wie beim natürlichen Verrottungs­prozess im Ökosystem Wald. Im Kreislauf einer nachhaltigen Waldwirtschaft – wie in Zentraleuropa ­üblich – spricht man von CO2-Neutralität. In ­diesem Punkt kann die ­synthe­tische Dämmstoffindustrie nichts Vergleichbares ­bieten, im Gegenteil - es werden bei synthetischen ­petrochemischen Dämmstoffen wert­volle Ressourcen verbraucht.

6) Algen
Die Veralgung von WDVS-Fassaden ist ein weit verbreitetes Phänomen. Insbesondere betroffen sind westlich ausgerichtete Fassaden mit ohne oder nur mit geringem Dachüberstand mit leichten Dämmstoffen, so das Fraunhofer ­Institut für Bauphysik in Holzkirchen. Das Phänomen tritt zuerst meist in der nasskalten herbstlichen Jahreszeit auf, wenn die Fassaden stark bewittert ­werden und aufgrund der geringen Masse (PS- und Mineralfaser-WDVS) kein Wärmespeicherpotential aufweisen und die fungiziden Bestandteile des Putzes/Anstrichs innerhalb von fünf Jahren weitgehend ausgewaschen und ins Grundwasser gelangt sind. Im ­Gegensatz dazu hat ein WDVS mit einer Holzfaserdämmplatte (>150 kg/m³) ­eine geringere Neigung zur Veralgung. Der beste Schutz ist sicherlich eine Kombination aus konstruktivem ­Fassadenschutz bei gleichzeitig hoher Dämmstoffmasse.  

7) End of Life – Rückbau
Was geschieht mit den Millionen von Quadratmetern an WDVS? Bislang hat die Industrie noch kein Entsorgungskonzept für die Bauschuttmassen, die voraussichtlich spätestens ab 2030 jährlich anfallen werden. Insbesondere für geklebte und gedübelte Dämm­stoffe, vorrangig PS-WDVS (Kapitel 8, Broschüre vom Bauzentrum München), wird der Gesetzgeber aufwendige und professionelle Entsorgungskonzepte verlangen, die den Immobilienbesitzern sicherlich erhebliche Investitions­summen abverlangen werden. Mineralisch ­monolithische Systeme oder prob­lemlos rückbaubare Systeme wie Holzständerbauten sind hier im Vorteil.

8) Marktübersicht und weitere Informationen
• Die wahrscheinlich umfangreichste und aktuellste Dämmstoff-Datenbank mit über 250 Dämmstoffen hat das Paderborner IPEG-Institut gelistet, aufgeteilt in verschiedene Kategorien wie Plattendämmstoffe, Einblasdämmstoffe etc., über das IPEG-Institut zum Download gegen eine Gebühr von je 9,90 Euro erhältlich.
• Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) bietet ihre informa­tive und 2012 aktualisierte  Broschüre »Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen« auf ihrer Internetseite zum kostenlosen Download an. Sie kann auch als gedruckte Broschüre bei der FNR bestellt werden.
• Das Bauzentrum München bietet die Broschüre »Ökologische Dämmstoffe im Vergleich« als kostenlosen Down­load auf seiner Internetseite an (Infos und Downloads – Fachinformationen – Leitfäden und Broschüren). Die Druckversion ist momentan vergriffen, steht aber voraussichtlich in ­aktualisierter Fassung ab Ende Januar 2013 wieder kostenlos zur Verfügung.

Herbert Danner,
Baubiologe

Abbildungen: Steico                                                                                                       Ausgabe: 1/2013

  1. Daemmung_1 Ausbau und Fassade - Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen
  2. Daemmung_2 Ausbau und Fassade - Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen
  3. Daemmung_3 Ausbau und Fassade - Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen
  4. Daemmung_4 Ausbau und Fassade - Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen
  5. Daemmung_5 Ausbau und Fassade - Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen
  6. Daemmung_6 Ausbau und Fassade - Dämmen mit naturnahen Dämmstoffen