01. Januar 2016

Energieeffizienz auf lange Sicht

Die Wohnungsgenossenschaft Göttingen e.V. trägt der Nachfrage nach energieeffizienten Wohnungen Rechnung. Die im Baufeld Windausweg entstandenen Wohngebäude sind mit einer Gebäudehülle ausgestattet, die die Abhängigkeit vom Energieträgermarkt verringert.

Die niedersächsische Stadt Göttingen ist von Bildung und Wissenschaften ­geprägt. Wo gelehrt und geforscht wird, muss auch gewohnt werden. Diesem unverzichtbaren Lebensbedürfnis verdankt die Wohnungsgenossenschaft Göttingen e.V. ihre bereits 120 Jahre währende Präsenz auf dem Wohnungsmarkt. Gegründet wurde der Göttinger Bau- und Sparverein, aus dem die ­Genossenschaft hervorging, 1891 mit dem Ziel, »die Wohnungsverhältnisse in Göttingen durch Bau, Erwerb und Verwaltung von Wohnhäusern zwecks Vermietung« zu verbessern. Die Aufgabenstellung ist über die Jahrzehnte im Prinzip die Gleiche geblieben, der Bestand von ehemals 90 auf 4500 Wohnungen angewachsen. »Insgesamt verfügen wir im Ergebnis der sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckenden Bautätigkeit zwar über einen inhomogenen Wohnungsbestand«, erläuterte Carlo Scherrer, Vorstandsmitglied und technischer Leiter der  Wohnungsgenossenschaft, »können dadurch aber auf dem Markt mit preiswertem Wohnraum für jedermann aufwarten.« Um der derzeit vorhandenen Nachfrage nach zeitgemäßen und größeren Wohnungen gerecht zu werden, setzt die Genossenschaft neben der Modernisierung von Wohnungen traditionell auch auf Neubau.  

Gemeinschaftlich erschlossen – getrennt gebaut
Als das ehemalige Rechtsmedizinische Institut der Göttinger Universität seinen Standort am Windausweg aufgab, nutzten drei ortsansässige Wohnungsunternehmen die Gunst der Stunde und erwarben das 27000 Quadratmeter  große Gelände vom Land Niedersachsen zum Zwecke der Wohnbebauung. Die Erschließung des Baufeldes erfolgte durch die ­Eigentümer gemeinsam, die Bebauung behielt sich der jeweilige Bauherr vor. Das komme der Vielfalt der Stadt zugute, argumentierte Vorstandsmitglied Scherrer und verwies in diesem Zusammenhang auf die Bausünden der 1970er­-Jahre. Im Rahmen eines 2007 von der Stadt Göttingen ausgelobten Gutachterverfahrens entstanden die planungsrechtlichen Voraussetzungen für das neue Wohnquartier am Windausweg. Zeitgemäß bauen heißt für die Wohnungsgenossenschaft Göttingen e.V. nicht nur, der Vielfalt der Wohn­bedürfnisse Rechnung zu tragen, ­sondern Nachhaltigkeit und Energieeffizienz oberste Priorität einzuräumen. Das war zugleich Voraussetzung für die Erlangung zinsgünstiger KfW-Kredite und die Bezahlbarkeit des Wohnraums. »Mit jährlich 40 kWh/m² Primär- und 15 kWh/m² Heizenergiebedarf erreichen wir den energetischen Standard von Passivhäusern«, konstatierte Scherrer.  

Gespräch mit künftigen Bewohnern
Die Planung des anspruchsvollen Projektes hatte die Wohnungsgenossenschaft an das in Göttingen ansässige Büro »bmp Architekten« vergeben. ­Architekt und Stadtplaner Jochen ­Görres von bmp verwies darauf, dass im Planungsprozess entscheidende Impulse im Gespräch mit den künftigen Bewohnern der Wohngebäude ausgingen. Das öffentliche Interesse am Wohnungsbauvorhaben Windausweg war von ­Anfang an groß. Dafür sorgten neben der günstigen Lage des Quartiers die ­Attraktivität des Ensembles und die Vielfalt des Wohnangebots. Im Baufeld der Wohnungsgenossenschaft bilden zwei riegelförmige fünfgeschossige Bauten und zwei viergeschossige Stadtvillen mit Wohnungen für junge Fami­lien, Zwei-Personen-Haushalte und  Singles sowie altersgerecht gestaltete Wohnungen einen gemeinsamen ­Gartenhof.
Die Genossenschaft, hob Scherrer hervor, habe in den Gesprächen über zeitgemäßes Bauen eine Reihe von Über­raschungen erlebt. So sprachen sich zum Beispiel viele der Befragten für ­einen vom Bauherrn in der Wertigkeit unterschätzten Mieterkeller aus. Das angedachte offene Wohnen stieß zunächst auf Vorbehalte, im Verlaufe der Diskussion aber zunehmend auf ­Akzeptanz. Eine wichtige Rolle spielten im Dialog mit den Nutzern Fragen der Energieeffizienz und Haustechnik.
Der ins Auge ­gefasste Passivhaus-Standard erforderte zwingend den Einsatz von Wohnungslüftungs­anlagen. Aus der Abfrage ­individueller Bedürfnisse und Wünsche nach Wohnqualität entstand das ­Konzept eines Wohnungsbauprojektes, das auf maßgeschneiderte, energetisch effiziente Wohnungen ­abzielte.

Das Projekt nimmt Gestalt an
Ihr hohes energetisches Niveau verdanken die Wohnbauten am Windausweg dem Zusammenspiel von Gebäudehülle und Haustechnik. Man habe dabei das Angebot des Marktes ausgereizt, bemerkte Görres, und bei der Wahl der Dämmmaterialien hohe Maßstäbe angelegt. Das »Capatect« Wärmedämm-Verbundsystem mit der »Dalmatiner« Fassadendämmplatte, das Planer- und Objektberater Peter Schmidt offerierte, erwies sich als am besten geeignet. »Es handelte sich um ein zugelassenes ­System, entsprach den Anforderungen des Brandschutzes und stand in den benötigten Stärken zur Verfügung«, ­resümierte der Planer. Für die 17,5 cm starken Außenwände aus Kalksandstein wurden 300 mm, für die Kellerdecken 200 bis 250 mm und für die Flachdächer im Mittel sogar  400 mm Dämmstärke benötigt. Peter Schmidt führte weitere Argumente zugunsten des Carbonfaser-WDVS und der vorgeschlagenen NQG-Beschichtung ins Feld: Die angebotene widerstandsfähige
Carbonfaser-Armierung schützt die Dämmung zuverlässig gegen Vandalismus, unabsichtliche Zerstörung oder Witterungseinflüsse wie zum Beispiel Hagel und wird damit der Forderung nach nachhaltiger Bauweise gerecht.
Diesem Anliegen trägt auch die finale Beschichtung mit »Thermo San« ­Fassadenputz und -Fassadenfarbe Rechnung, die die Oberfläche härter einstellt und einen wirksamen Schutz vor Algen- und Pilzbefall bildet. Die in der Nano-Quarz-Gitter (NQG)-Technologie hergestellten Putze und Farben wirken der Schmutzanhaftung ent­gegen und leisten ihren Beitrag zur Langlebigkeit.

Blower-door-Test zum Abschluss
Den Zuschlag für die Ausführung der Arbeiten erhielt die Malerwerkstatt GmbH Lohrengel aus der Region, die den Umgang mit Capatect-WDVS ­beherrscht. Die Dransfelder Firma kann wie die Wohnungsgenossenschaft auf ein 120-jähriges Bestehen zurückblicken. Sie bietet mit ihren bis zu 80 Mitarbeitern ein breites Spektrum von Leistungen an, arbeitet überwiegend
im Bestand und bringt es im Jahr auf 15000 bis 20000 Quadratmeter Fassadensanierung. Stuckateurmeister Daniel Dietrich, der auf der Baustelle Regie führte, bezeichnete die logistische ­Bewältigung der Materialmengen als größte Schwierigkeit. Nach Fertigstellung der Gebäudehülle mit den optisch reizvollen hölzernen Fensterschiebe­läden wollte es die ­Genossenschaft ­genau wissen und ­unterzog die ­Gebäude einem Blower-door-Test, der zu ihrer Zufriedenheit ausfiel. »Wir wollten sicher sein«, sagte der Tech­nische Leiter, »dass die den ­Bewohnern laut Bauvertrag geschuldete Qualität erbracht und das durch ­Undichtigkeit der Gebäudehülle verursachte Bau­schadensrisiko minimiert ist.«

Modernste Technik im Einsatz
Für die Wärmeerzeugung der Gebäude reicht jeweils eine Gastherme aus. Sie wird unterstützt durch eine zentrale Lüftungsanlage, die über ein Zweirohrsystem frische Zuluft in die Wohnräume bläst, die mit Abluftwärme vorgewärmt ist. Gegenüber dezentralen Anlagen sei die Antriebsleistung geringer und die Wartung weniger aufwendig. Das Miteinander von Bauherr, Planer und ­Bewohnern hat ein zeitgemäßes und nachhaltiges Wohnensemble hervorgebracht. Carlo Scherrer: »Wir halten es für einen sinnvollen Ansatz, sich mit einer gut gedämmten ressourcen­schonenden Gebäudehülle für den Wandel in der Energieträger-Landschaft zu wappnen.«

Wolfram Strehlau,
Fachjournalist

Abbildungen: Carapol/Duckek                                                                                          Ausgabe: 3/2013