01. Januar 2016

Villa Kunterbunt

Xella_3 Ausbau und Fassade - Villa Kunterbunt

18 Familien haben sich in Karlsruhe zusammengeschlossen und als Baugruppe ein Mehrfamilienhaus im Passivhaus-Standard gebaut. Das Rohbau-Mauerwerk aus Kalksandstein enthält ein 30 cm starkes Wärmedämm-Verbundsystem.

Das enge Zusammenleben von verschie­denen Generationen war früher selbstverständlich. Die traditionelle Groß­familie, die in einem Haus zusammenlebt, gibt es heute immer seltener. In vielen Stadtteilen bleiben die Generationen unter sich. Da gibt es Siedlungen mit schmucken Einfamilienhäusern, die von jungen Familien mit Kindern bezogen werden. Gehen die Kinder aus dem Haus, bleibt die Elterngeneration zurück – mit entsprechenden Konsequenzen für das gesamte Lebensumfeld. Es gibt auch die jungen Szeneviertel voll pulsierenden Lebens, die aus Sorge vor ­Ruhestörung von der älteren Genera­tion gemieden werden. Neuerdings ist eine Trendwende zu beobachten: Vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Entwicklung und des gesellschaftlichen Wandels entstehen zunehmend neue Wohnformen, in denen Menschen aller Generationen aktiv ihr Zusammenleben gestalten und trotzdem verschiedene Lebensentwürfe realisieren. Dahinter stehen die unterschiedlichsten Ideen: gute Nachbarschaft, der Wunsch nach gegenseitiger Unterstützung und Hilfe, Suche nach Gemeinschaft, einem Freundeskreis für gemeinsame Aktivitäten oder Vorsorge für das Alter.
In Karlsruhe wird derzeit in Zusammenarbeit mit der Stadt sowie der Volkswohnung GmbH mit dem Projekt »Mehrgenerationen-Wohnen Quartier am Albgrün« eine Siedlung realisiert, bei dem sich verschiedene Projektgruppen zusammengefunden haben, um das Wohn- und Lebensumfeld nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Attraktives Wohnprojekt
Unter Beteiligung mehrerer Baugemeinschaften, einer Mietergruppe sowie ­einer genossenschaftlichen Gruppe ist der Bau von 90 bis 120 Wohneinheiten, ein Nachbarschafts- und Gemeinde­zentrum sowie ergänzende soziale Einrichtungen und eine Freianlage mit ­hohem Naherholungswert direkt auf dem Gelände geplant. Da einige Mitglieder dort nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten wollen, wird über Büro- und Praxisräume auf dem Gelände nachgedacht. Das gesamte Vorhaben profitiert von einer bereits vorhandenen Kindertagesstätte, vielfäl­tigen Einkaufsmöglichkeiten sowie ­günstigen Verbindungen mit dem ­öffentlichen Nahverkehr zur Innenstadt. Um das Projekt ­attraktiv und lebendig zu gestalten, ­sollen die neue Wohnsiedlung und ihre Infrastruktur in die ­gewachsene Ordnung des Stadtteils Grünwinkel eingebunden werden. ­

Vorteile Baugemeinschaftsverfahren
Als erste Gruppe bezieht die Baugemeinschaft »Vielfalt« ihr Gebäude auf einem langgestreckten Grundstück an der Durmersheimer Straße. Der Name ist Programm! »Es ist«, erklärt Rolf Riehle, einer der beiden Sprecher der Gemeinschaft, »eine vielfältige Gruppe aus Familien, Singles und Paaren sowie Senioren.« Insgesamt sind es 18 Par­teien, die sich zusammengeschlossen haben. Alle haben sich bereits lange vor Baubeginn kennengelernt. »Weil wir uns schon beim Einzug gut kennen«, hofft Rolf Riehle, »kann sich von Anfang an harmonische Nachbarschaft entwickeln.« Eingeplante Gemeinschaftsräume sollen das Gemeinschaftsgefühl weiter fördern.
Alle versprechen sich Vorteile von dem Projekt. »Wir können unsere individuellen Wünsche besser verwirklichen, weil wir selbst Auftraggeber des Architekten sind«, fasst Riehle die Erwartungen der Gruppe zusammen. Dazu gehört unter anderem die Realisierung des Projektes im Passivhaus-Standard. Außerdem baue man preiswerter, weil eine Baugruppe sich viele Kosten sparen könne. Und: »Unsere Berater und Planer fragen die besten Preise am Markt ab, daher bauen wir extrem günstig.« Etwa 15 bis 20 Prozent der Kosten, schätzt Manfred Krines, Geschäftsführer der Krines GmbH, können gegenüber einem privaten Bauträger eingespart werden.

Hochwertig und kostengünstig
Der Bauingenieur wurde von der Bauherrenschaft mit der Bauleitung sowie mit der Kosten­steuerung beauftragt. Das Gesamt­budget der Baugruppe darf nicht überschritten werden. Sind Einzelposten teurer als kalkuliert, müssen sie an ­anderer Stelle eingespart werden. Wird ein Gewinn erwirtschaftet, kommt er der Allgemeinheit zugute und wird für Extras wie die Ausstattung oder für ein ökologisches, vollmineralisches Wärmedämm-Verbundsystem mit Ytong »Multipor« Mineraldämmplatten ­genutzt, die zuvor nicht eingeplant ­waren. »Insgesamt«, erklärt Krines stolz, »ist es uns gelungen, sehr hochwertig und trotzdem kostengünstig zu bauen.« Sein Ehrgeiz ist, zu beweisen, dass es möglich ist, auch ein Passivhaus-Projekt von dieser Größenordnung mit nachhaltigen und hochwertigen Baustoffen zu vernünftigen Preisen zu realisieren. Die Kos­ten für das Bauvorhaben »Vielfalt« ­beziffert er mit rund 1600 Euro ­(Kostengruppe 300 und 400) pro Quad­ratmeter Wohnfläche.

Planung
Für den Entwurf des mehrgeschossigen Wohngebäudes konnte das in der ­Planung von Passivhäusern bewanderte Architekturbüro Joachim Eble aus ­Tübingen gewonnen werden. Es hatte sich mit seinem Konzept im Rahmen ­eines von der Baugruppe ausgelobten Wettbewerbes durchgesetzt. Entstanden ist ein Entwurf mit 21 individuell gestaltbaren Wohnungen unterschied­licher Größe bei einer Gesamtfläche von rund 2000 m². Darunter waren Maisonette-Wohnungen ebenso wie ein Penthouse mit Dachterrasse oder barrierefreie, behindertengerechte Wohneinheiten. Sämtliche Grundrisse wurden in persönlichen Planungsgesprächen ­gemeinsam mit dem Architekten entwickelt. Die einzigen limitierenden ­Faktoren waren dabei statische Erfordernisse sowie die Anordnung der ­Installationsschächte.

Barrierefreie Wege
Das gesamte Haus ist eingebettet in ­eine großzügige, etwa 1500 m² große Außenanlage mit naturnaher Planung und Wasserspielplatz für die Kinder. ­Jede Erdgeschoss-Wohnung verfügt über einen privaten Garten. Die Wohnungen der oberen Stockwerke sind alle mit gut dimensionierten Balkonen ausgestattet. Große Fenster in allen Wohnungen sorgen für helle Räume. ­»Bezüglich der Fenster«, merkt Manfred Krines an, »sind wir bis an die Grenze des für Passivhäuser Möglichen und Zulässigen gegangen.« Das Gebäude ist unterkellert und verfügt über eine Tiefgarage. Ein Aufzug bringt die Bewohner direkt aus der Tiefgarage in die gewünschte Etage. Die Wohnungen des Kopfbaus sind über das Treppenhaus, die Wohnungen im Langhaus über Laubengänge erreichbar. Die Türen öffnen und schließen automatisch, sämtliche Wege sind barrierefrei. Auch die Ausstattung entspricht einem ­gehobenen Standard.

Konstruktion
Die Gebäudehülle besteht aus 17,5 cm dickem Kalksandstein-Mauerwerk. »Wir haben uns für eine Mauerwerks-Konstruktion entschieden«, so Krines, »weil es einen guten Wohnkomfort bietet.« Nur einige tragende Mauern wurden aus statischen Gründen in Beton ausgeführt. Um die von den Bauherren gewünschte hohe Flexibilität zu garantieren, erfolgte der Innenausbau der einzelnen Wohnungen in Trockenbauweise.  Der Baukörper wurde komplett mit ­einem vollmineralischen Wärmedämm-Verbundsystem aus 30 cm dicken Multipor Mineraldämmplatten gedämmt. Die silikatischen Platten aus Kalk, Sand, Zement und Wasser verfügen über eine Wärmeleitfähigkeit von 0,045 W/(mK). Sie sind formstabil, druckfest, diffu­sionsoffen, nicht brennbar und sorgen für eine algen- sowie pilzfreie Fassade. Verfügbar sind Stärken von 60 mm bis 300 mm. Das System wird ergänzt durch Schraubdübel, Multipor Leichtmörtel als Armierungsputz sowie ­Armierungsgewebe und Oberputz. »Für die Bauherren war der Einsatz eines ökologischen Baustoffs wichtig«, begründet Manfred Krines die Dämmstoffwahl. »Sie wollten eine Dämmung, die erdölfrei und auf rein mineralischer Basis hergestellt wird.« Eine Auffassung, die Krines selbst teilt. Andere Lösungen, da ist der Bauleiter kompromisslos, ­seien mit ihm nicht durchzusetzen: »Wenn mir jemand sagt, aus ­Kosten-gründen können wir uns das vollmineralische System nicht leisten, dann antworte ich immer: Den billigen Dämmstoff können wir uns auch nicht mehr leisten. Wir müssen an die Zukunft ­denken und nachhaltig planen und bauen.« Stefan Meistrowitz, ­Geschäfts-führer der PST GmbH, die die WDVS-­Arbeiten ausführte, ergänzt: »Multipor ist ein hundertprozentig ökologischer Baustoff. Wenn ich damit die Fassaden dämme, bin ich sicher, dass meine ­Kunden auch viele Jahrzehnte später zufrieden sind.«

Bauphysik
Krines verweist auf die lange Haltbarkeit und die hohe Witterungsbeständigkeit von vollmineralischen WDVS: »Sie trotzen Wind, Wasser und Feuer. Daher liegt die durchschnittliche Lebensdauer von vollmineralischen ­Systemen mit rund 40 Jahren deutlich höher als bei vergleichbaren Materia­lien, während der Instandhaltungsaufwand gering ist.« Die Entscheidung für das Multipor ­WDVS war das Ergebnis eines langen Beratungs­prozesses. »Die Bauherren«, erzählt ­Krines, »hatten Fernsehbeiträge und Medienberichte in Erinnerung und stellten viele Fragen zu den Themen Veralgung und Brandgefahr.« Es gelang ihm, die Ängste zu vertreiben: »Mine­ralische Dämmplatten wie Multipor gehören zur höchsten Brandschutz­klasse A 1 und brennen nicht.«

Algenbewuchs wird verhindert
Natürlich seien wärmegedämmte Bauteile einem erhöhten Algenrisiko ausgesetzt. Da wenig Wärme nach außen dringt, kühlt die äußere Fassadenoberfläche stärker ab – es bildet sich Tauwasser. Dies führt zu einer erhöhten Feuchtigkeitsbelastung, sowohl in der Intensität als auch in der Dauer. »Dieses Wasser stellt die Grundvoraussetzung für den Bewuchs dar. Algen lieben anhaltende Feuchtigkeit.« Diffusionsoffene Systeme wie das Multipor WDVS, betont er, seien gegenüber herkömm­lichen Systemen im Vorteil. »Sie verfügen über einen optimalen Feuchtehaushalt und trocknen nach Feuchtebelastung schnell wieder ab.  Daher sind sie am ehesten geeignet, den ­Algenbewuchs zu verhindern.«
Auch kunststoffgebundene WDVS, die immer häufiger mit einem speziellen Schutz vor Algen- und Pilzbefall ausgestattet sind, seien keine Alternative. »Neue Untersuchungen zeigen«, erklärt der Bauingenieur, »dass diese Problemstoffe ausgewaschen werden und über das abfließende Regenwasser in das Grundwasser gelangen können.« Da das Multipor WDVS auf Basis natürlicher Rohstoffe und ohne gesundheitsgefährdende Zusätze produziert wird, verursacht die Dämmung weniger Emissionen als andere Fassadenbaustoffe und ist vollständig recycelbar. Als umweltfreundliche Alternative zu konventionellen Wärmedämmstoffen, die zudem hoch druckfest ist (Druckfestigkeit im Mittel ≥ 300 kPa) bewährten sich die Multipor Mineraldämmplatten auch bei der Dachdämmung, die mit 2 x 180 mm ausgeführt wurde. Das Dach wurde abschließend extensiv begrünt.

Verarbeitung
Insgesamt rund 1850 m² Multipor ­Mineraldämmplatten wurden für die Dämmung des gesamten Baukörpers verarbeitet. Wegen ihres geringen ­Gewichts und des handlichen Formats von 600 x 390 mm lassen sich die formstabilen und druckfesten Dämmplatten einfach verarbeiten und eignen sich besonders für großflächige Dämmarbeiten. Die Ausführungssicherheit der PST GmbH sorgt für einen schnellen ­Arbeitsfortschritt. Das Bochumer Stucka­teur-Unternehmen hat das Multipor WDVS bereits bei zahlreichen Großobjekten verarbeitet. »Wir wollten ›auf Nummer sicher gehen‹ und haben für die Fassadenarbeiten eine Firma mit ­Erfahrung gesucht«, begründet Manfred Krines die Auftragsvergabe.
Die Plattenverklebung begann nach Abschluss der notwendigen Vorarbeiten jeweils an der unteren Hausecke. Die Platten wurden fugendicht knirsch aneinandergestoßen und fortlaufend im Verband mit mindestens 15 cm Überbindemaß geklebt. Zuvor war der speziell auf das Produkt abgestimmte und frisch angerührte Multipor Leichtmörtel vollflächig mit einer Zahntraufel (Zahnung 10 mm) auf der Plattenrückseite aufgetragen worden. Die Steghöhe, also die Dicke des aufgetragenen Leicht­mörtels, beträgt etwa 7 – 8 mm.
Unebenheiten im Mauerwerk von bis zu 5 mm können so gut ausgeglichen werden.

Leichte Bearbeitung
An den Gebäudeecken wurden die Platten verzahnt verklebt. Fehlstellen ließen sich mit dem Füllmörtel schließen. Leichte Höhenver­sätze der Dämmplatten nach dem ­Ankleben egalisierten die Mitarbeiter der PST GmbH mit einem Schleifbrett. Pass-Stücke ließen sich vor Ort exakt zuschneiden. »Die leichte ­Bearbeitbarkeit«, so Stefan Meistrowitz, Geschäftsführer der PST GmbH, »war hier wegen der vielen Anschlüsse und Details von besonderem Vorteil.« Die Multipor Platten wurden auf die Fassade aufgeklebt und zusätzlich mit einem Tellerdübel mittig je Platte verdübelt, um anfallenden Windsogbelas­tungen optimal standzuhalten. Die Verdübelung erfolgte vor dem Aufbringen des Armierungsputzes beziehungsweise – gewebes. Als Schluss­beschichtung wurde ein mineralischer Oberputz aufgetragen, der mit den Dämmplatten ­einen homogenen und diffusionsoffenen Konstruktionsaufbau ergab, der ­zusätzlich gegen ­mechanische Einwirkung, zum Beispiel durch Spechte, ­bestens schützt. Ein abschließender kunterbunter Außenanstrich mit mineralischen Farben greift in seiner Farbenvielfalt den Namen des Projektes ­optisch auf.

Abbildungen: Xella                                                                                                            Ausgabe: 3/2013

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