05. Juli 2016

Fassadengestaltung mit Putz

Die Gestaltung unseres Stadtbildes wird zunehmend geprägt durch moderne ­Wärme­dämm-Verbundsysteme. Im Zuge der energetischen Fassadensanierung von nicht denkmalgeschützten Bestandsgebäuden wird sich dieser Trend weiter fortsetzen. Eine Chance für den Fachunternehmer, um sich als Gestalter zu profilieren.

Im Neubaubereich stellt die Wärmedämm-Verbundfassade ohnehin den ­aktuellen Stand der Technik dar. Leider lässt die Gestaltung der meisten Fassaden, zumindest aus Sicht des Verfassers, fast alle Wünsche offen. Untergeord­nete und damit im Sinne der Denkmalschutzgesetzgebung nicht schützenswerte Putzfassaden an Bestandsgebäuden werden zunehmend verdrängt. Auf eine an die Originalfassade angepasste Oberflächengestaltung wird selten geachtet, beziehungsweise wird der Wert einer relativ einfach gestalteten Putzfassade überhaupt nicht erkannt. Dabei prägen gerade diese einfach gestalteten Fassaden unser Stadtbild und sind Zeugnis einer regionalen und handwerklich geprägten Vielfalt, welche ­gerade in Mitteleuropa ihresgleichen sucht. Dem aufmerksamen Betrachter dürfte es in der Vergangenheit nicht schwergefallen sein, sich anhand der Fassaden in den verschiedenen Regionen und Bauzeiten zu orientieren.

Hochzeit im Historismus
Beginnend in der Romanik wurden Ritzfugen zur Imitation eines hammerrechten Schichtenmauerwerks und erste Kellenglattstriche an Burgen und Schlössern ausgeführt. Es folgten gotische Kellenzüge mit aufgesetzten Eckquaderungen und historische Glatt- und Spritzputze mit genuteten Rustizierungen in der Renaissance. Der Barock brachte die Kellenwürfe, die Buckel­quaderungen und Patschokputze. Die Hochzeit des Putzes lag im Historismus, wo diese Putztechniken in abgewandelter Form wiederentdeckt und weiterentwickelt wurden: Kratz-, Besenschlag-, Nagelbrett-, Stein-, Stech-, Kammzug-, Besenstrich-, Lämmerschwanz- oder Zopfputz sowie Leierspritz-, Riesel-, Messel-, Schlepp- und Kellendruckputz sind Beispiele dieser beeindruckenden Vielfalt. Aber auch vereinzelte Gestaltungsansätze der Moderne, bei denen durch das Einblasen von farbigen Glassplittern oder schwarzem Siliciumcarbid interessante Fassaden kreiert wurden, können überzeugen. Diese ungefähr eintausendjährige Geschichte des Putzes in Mitteleuropa scheint jedoch endgültig ihrem Ende entgegenzugehen und bald in Vergessenheit zu geraten. Statt Vielfalt und regionalen Unterschieden ­prägen zunehmend uniforme Einheitsfassaden unser Stadtbild. Die vielfach zu beobachtende Veralgung und Verschmutzung dieser Fassaden trägt ein Weiteres zur Herabsetzung des optischen Erscheinungsbildes bei.

Wenig Gestaltungsspielraum
Die Gründe für das monotone Erscheinungsbild der meisten Wärmedämm-Verbundsysteme sind vielfältig. Einerseits engt sich durch die Systemzu­lassung dieser Produkte der Gestal­tungs­spielraum erheblich ein und eine freie handwerkliche Fassadengestaltung ist durch die Beschränkung auf die üb­licherweise angewendeten Dünnschichtsysteme nicht mehr möglich. Früher übliche Baustellenmischungen scheiden aufgrund der Systemzulassung von vornherein aus, die Industrie diktiert mit ihren Produkten den äußerst lukrativen und subventionierten Markt. ­
Zwar bieten einige Hersteller inzwischen auch mineralische Dickputze mit einer Schichtdicke von zirka 15 mm als Oberputz an, jedoch verlangt deren ­Applikation im Sinne einer bestimmten Putztechnik wie zum Beispiel durch ­einen Kammzugputz in der Regel eine gesonderte Vereinbarung mit dem Hersteller und dem Bauherren, um gewährleistungsrechtliche Sicherheit zu ­bekommen.

Umweltschädliche Substanzen
Übrigens bieten diese mineralischen Dickputze weitere Vorteile, die für deren Anwendung sprechen. So wird das Durchscheinen der Befestigungs­dübel aufgrund der höheren Schichtdicke ­unterdrückt. Die allgegenwärtige Ver­algung wird aufgrund des basischen ­pH-Wertes und der Möglichkeit zur Wasserauf- sowie -abgabe und damit zur raschen Abtrocknung der Fassade bei mineralischen Dickputzen minimiert. Damit wird der Zusatz von Mikrobio­ziden zu Putzen und Anstrichen mit ihren nachweislich auswaschbaren und damit in das Grundwasser gelangenden ­umweltschädlichen Substanzen unnötig. Weiterhin wird das Erscheinungsbild der Wärmedämm-Verbundsysteme durch die Fachkunde der Ausführenden und durch den Gestaltungswillen des Bauherren und dessen Planer bestimmt.
Erstere ­betreffend sind die Systeme derart konzipiert, dass sie nahezu von Laienhandwerkern ohne die besondere handwerkliche Fachkunde, welche beispielsweise bei einem Maurer oder Stuckateur vorausgesetzt wird, verarbeitet werden können.

Mangel an Kenntnissen
Die handwerklichen Fähigkeiten der Ausführenden gehen oftmals kaum über die reine Montagetätigkeit hinaus, so dass die Kenntnisse für eine authen­tische Gestaltung der gewünschten ­Putzoberfläche fehlt. Die Herstellung ­eines Kratzputzes stellt dann schnell die Obergrenze des Ausführbaren dar und der eventuell gewünschte Kellenwurf-, Kammzug- oder Schleppputz scheitert an den fachlichen Voraussetzungen des Ausführenden. Dabei bieten gerade ­bestimmte Gestaltungsansätze und der Einsatz handwerklich versierter Fachkräfte immer wieder die Möglichkeit, sich von Mitbewerbern abzuheben und sich nicht mehr ausschließlich vom Einheitspreis des Fassadenquadrat­meters die Ausführung diktieren zu ­lassen.
Der Gestaltungswillen des Planers ist nach meiner Erfahrung oft vorhanden und viele Architekten sind sich auch bei untergeordneten, nicht denkmal­geschützten Fassaden ihrer Verantwortung bewusst und versuchen entsprechende Gestaltungsansätze bei ihren oft öffentlichen Aufträgen an Schulen, Verwaltungsgebäuden und anderen Profanbauten durchzusetzen. Für dieses Bemühen ernten sie vonseiten ihrer ­öffentlichen Bauherren oftmals nur ­Unverständnis. Unverständnis, weshalb an nicht denkmalgeschützten Fassaden Maßnahmen vorgesehen werden sollen, die das vorhandene Stadtbild erhalten, Handwerksgeschichte ablesbar machen und oftmals, wie erläutert, die bessere technische Alternative darstellen.

Vielfalt ist bewahrenswert
Während im Neubaubereich kostspielige und wartungsintensive Fassadenkon­struktionen so manchen Architektenwettbewerb entscheiden, vermisst man dieses Gestaltungsbewusstsein bei ­Bestandsfassaden fast völlig. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht immer einer Denkmalschutzgesetzgebung bedarf, um die vorhandene Vielfalt zu bewahren und auch in Zukunft Bestandsfassaden derart saniert werden, dass sich die
Betrachtung wieder lohnt.

Klaus-Gunnar Bauch

Abbildungen: Bauch                                                             Ausgabe: 10/2012