01. Januar 2016

Ratskeller - neuester Stand

Der Ratskeller in Veitshöchheim wurde vor Kurzem aufwendig saniert und mit einer modernen ­Innendämmung ausgestattet. Das System ist geschickt in das Heizkonzept und in die innenarchitektonische Gestaltung integriert.

Die Gemeinde Veitshöchheim ist etwa ­sieben Kilometer nordwestlich von Würzburg gelegen. Im Zentrum der ­unterfränkischen Ortschaft liegt der Ratskeller, ein unter Denkmalschutz ­stehendes Gebäude, das auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. Ursprünglich diente es als Küche für die benachbarte Sommerresidenz der Würzburger Fürstbischöfe. 1753 erweiterte Barockbaumeister Bal­thasar Neumann das Schloss und baute in diesem Zusammenhang auch den Küchentrakt um. Nach dem ersten Weltkrieg fiel die Schlossanlage an den Freistaat Bayern, der das Küchengebäude als ­Labor- und Verwaltungsbau nutzte.
In den 1970er-Jahren übernahm die ­Gemeinde das Bauwerk und ließ einen Teil zur Gaststätte mit ­Hotelbetrieb umbauen. Im Januar 2010 musste die Gaststätte ihre Türen schließen, weil ein Wasserschaden das Gebäude schwer beschädigt hatte. Eine Zeit lang war seine Zukunft ungewiss. Aufgrund der Nähe zum Schloss mit dem schönen Rokokogarten entschied sich der Veitshöchheimer ­Gemeinderat, den Ratskeller umfangreich sanieren zu lassen und weiterhin als Restaurant zu nutzen, allerdings ohne Hotelbetrieb. Realisiert wurde eine Eventgastronomie mit einer Erweiterung des Gastraumes im Erd­geschoss und ­einem großen sowie ­einem kleinen Saal für Veranstaltungen im Obergeschoss. Das Dachgeschoss steht aus brandschutz- und baurecht­lichen Gründen nicht mehr für die ­Gastronomienutzung zur Verfügung und beherbergt heute Personalräume und ein Büro.

Hohe Anforderungen
»Die größte Herausforderung«, so Architekt Holger Keß, »bestand in der ener­getischen Ertüchtigung, denn an der Fassade des denkmalgeschützten ­Gebäudes durfte nichts verändert ­werden.« Das bedeutete: Notwendige Dämmmaßnahmen mussten innen ­erfolgen. Die Innendämmung von Außenwänden stellt hohe Anforderungen an Planer und Ausführende, denn hierbei sind einige bauphysikalische Aspekte zu berücksichtigen. Hintergrund ist der Taupunkt, der Punkt, an dem die Luft in der Wand keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen kann und Tauwasser ausfällt. Dieser Punkt hängt mit dem Temperaturabfall in der Wand zusammen und liegt bei ungedämmten und außen gedämmten Wänden vor der ­tragenden Wand. Bei Innenwanddämmungen jedoch liegt er in der Wand. Mögliche Folge: es kann Tauwasser in der Wand anfallen und sie schädigen. Bauphysikalische Betrachtungen belegen zwar, dass nach dem Glaser-Verfahren berechnete Dampfsperren die ­Menge des Wasserdampfes reduzieren und damit den Anfall von Tauwasser verhindern. In der Praxis jedoch sieht es häufig so aus, dass sich aufgrund ­beschädigter oder unsauber verlegter Dampfsperren hinter der Dämmung Feuchtigkeit sammelt und Bauschäden die Folge sind.

Bestandteil des Heizkonzepts
Der Anfall von Tauwasser lässt sich bei Innendämmungen wegen des Temperaturabfalls in der Wand nicht vermeiden. Damit Wand und Dämmung dennoch trocken bleiben, muss die Feuchtigkeit über den kapillaren Wassertransport aus der Wand herausgeleitet werden, und zwar dorthin, wo sie verdunsten kann. Auf diesem Prinzip basiert »Sto Therm In Comfort«. Kern dieses Dämmsystems ist die Sto-Perlite-Innendämmplatte. Sie besteht aus dem vulkanischen Glas­gestein Perlit, das zum einen über ­wärme- und schalldämmende Eigenschaften verfügt und sich zum anderen für die Feuchteverteilung eignet. Die Dämmplatten sind diffusionsoffen, nicht brennbar und sie haben einen positiven Einfluss auf das Raumklima, weil sie Feuchtespitzen puffern. Fällt in der innen gedämmten Wand Tauwasser an, nehmen die Platten es auf und transportieren es in Richtung Innenraum, wo es abtrocknet. Damit kann die bei vielen anderen Innendämmungen erforderliche Dampfsperre entfallen.

»Wir haben den Ratskeller mit diesem System nicht nur gedämmt, sondern aus der Not eine Tugend gemacht«, erklärt Holger Keß. Die Innendämmung, die den U-Wert der Außenwände von 1,9 auf 0,4 W/m²K reduziert, ist außerdem ­Bestandteil des Heizkonzepts und setzt die historische Architektur ansprechend in Szene.

Historische Entdeckung
Die Basis der Sanierung bildeten die Funde, die bei den umfangreichen ­Abbrucharbeiten zu Tage traten. Nahezu im gesamten Haus wurden die neuzeitlichen Veränderungen zurückgebaut, ­diverse Wände und Einbauten abge­brochen und im Dachgeschoss die Verkleidung der Zwischendecke abgerissen.
Im Ratskeller, dem Gastraum im Erd­geschoss, stellte sich heraus, dass es sich bei dem vermeintlich historischen ­Gewölbe um eine Betondecke mit einer abgehängten, gewölbten Rabitzkonst­ruktion handelte, die 1974 eingebaut worden war. Die Rabitzdecke hatte ­unter dem Wasserschaden gelitten und musste wegen mangelnder Standsicherheit komplett entfernt werden. Glück­licherweise, denn ihr Abbruch gab den Blick frei auf die Kämpfer, die Ansatzpunkte des ursprünglichen Gewölbes, das bei den Umbauten in 1970er-Jahren abgeschlagen worden war.
Im Dachgeschoss entdeckte man die von Barockbaumeister Balthasar Neumann entworfene Holzbalkendecke. Um sie gebührend zur Geltung zu bringen, beschlossen Bauherr und Planer, die Decke im Bereich des Großen Saales zu öffnen. Sie schufen damit einen Luft­raum, der den Veranstaltungssaal nach oben optisch vergrößert, ihm eine
eindrucksvolle Atmosphäre verleiht und ihn durch die erhaltenen Dachgauben ­stimmungsvoll beleuchtet.

Heizkörper als Störelement
Die Außenwände des Ratskellers bestehen aus bis zu 80 cm dickem Bruchsteinmauerwerk. Um für die Innendämmung eine ebene Wandoberfläche zu erhalten, wurden nicht mehr notwen­dige Durchbrüche und die Fenster­nischen im unteren Bereich mit Hochlochziegeln ausgemauert. Anschließend erfolgte die Verlegung der Kabel für ­Telefon, Strom und Netzwerk sowie die Montage der Verteiler- und Steckdosen. Danach wurde die zum Innendämm­system gehörende Klebe- und Armierungsmasse »Sto Levell In Mineral« vollflächig auf die Wand und auf die Dämm­platten aufgetragen, um die 10 cm starken Innendämmplatten vollflächig auf dem Untergrund zu fixieren. »Heizkörper hätten die Gestaltung ­gestört und wären auch bei der Einrichtung hinderlich gewesen«, berichtet Keß. »So verfolgten wir die Idee, die Wände in den Gastbereichen als Heizflächen zu nutzen.« Die warmen Oberflächen unterstützen das Verdunsten des Tauwassers und sie geben Strahlungswärme ab, die der Mensch als wohltuender empfindet als die sonst übliche Konvektionswärme von Heiz­körpern.

Heizkreislauf für jeden Raum
Die Umsetzung der Wandflächentemperierung erfolgte, indem in einem vorher festgelegten Raster raumseitig um die Fenster statt der 10 cm starken Perliteplatten nur 5 cm starke Dämmplatten verlegt wurden. Dadurch entstanden Schlitze, in denen die Kupferrohre für die Beheizung verlaufen – waagerecht über den Fenstern der Zulauf, rechts und links der Fenster jeweils zwei senkrechte Heizungsrohre und horizontal über der Fußleiste der Rücklauf. Die Rohre sind so miteinander verbunden, dass jeder Raum über einen eigenen Kreislauf mit separater Temperatur­regelung verfügt.
Um eine ebene Wandoberfläche zu erhalten, wurden die Schlitze nach Montage und Dichtigskeitsprüfung der ­Kupferrohre mit einer zum System gehörenden Füllmasse (Sto Cell LD) verfüllt. Anschließend erfolgten die Grundierung, ein erneuter Auftrag der Klebe- und Armierungsmasse sowie das Ein­betten des Armierungsgewebes. Den oberen Abschluss bildet eine diffusionsoffene, mineralische Schlussbeschichtung. Von den Dämmmaßnahmen ausgenommen wurden die Oberflächen der freigelegten Kämpfer im Gastraum. Ihr ­historisches Bruchsteinmauerwerk blieb auf der Raumseite sichtbar und wird von der Innendämmung wie dreidimensionale Kunstwerke wirkungsvoll in ­Szene gesetzt.

Gäste als Wärmequelle
Die in die Dämmung integrierte Wandheizung wird über einen Gaskessel versorgt und erfüllt mehrere Aufgaben.
Sie unterstützt die Verdunstung des ­Wassers, das in der Wand anfällt und durch die Kapillarwirkung zum Innenraum transportiert wird. Gleichzeitig stellt die Heizung eine ständige Grundtemperierung von 16 bis 18 Grad Cel­sius sicher. Zusätzliche Heizkörper sind nicht notwendig, weil Gäste und ­Beleuchtung als Wärmequelle fungieren und dieser Wärmeüberschuss durch eine Lüftungsanlage zurückgewonnen wird. Die Sprossenfenster, die im Erdgeschoss teilweise mit Bleiverglasungen versehen sind, blieben erhalten. Um Kältebrücken zu vermeiden und eine durchgehende Dämmebene zu schaffen, sind die 50 bis 60 cm tiefen Fensterleibungen raum­seitig mit isolierverglasten Fenstern ­geschlossen. Es gibt einige zweiflügelige Innenfenster, um bei Bedarf natürliche Belüftung zu ermöglichen. Die Mehrzahl wurde jedoch einflügelig mit Steck­griffen ausgeführt. Sie verleihen den Fensterleibungen das Aussehen von Schaufenstern und bieten dem Restaurantbetreiber Raum für stimmungsvolle Dekorationen.
Insgesamt 1,7 Millionen Euro hat die Gemeinde Veitshöchheim in die Sanierung des Ratskellers investiert. Rund 60 Prozent der Summe entfallen auf die energetische Sanierung, den Denkmalschutz und den Erhalt der Bausubstanz. Im Gastraum stehen jetzt etwa 120 Plätze zur Verfügung, im Innenhof ­kommen zirka 80 Sitzplätze hinzu. Seit der Eröffnung im Dezember 2011 erfreuen sich Restaurant und die beiden Veranstaltungsräume steigender ­Beliebtheit. Dies gilt insbesondere für den »Balthasar-Neumann-Saal«, der aufgrund seiner festlichen Atmosphäre gern für Hochzeitsfeiern gebucht wird.

Abbildungen: Sto                                                                      Ausgabe: 10/2012