01. Januar 2016

Gründliches Verfahren

Das denkmalgeschützte Alte Pfarrhaus in Kernen im Remstal beherbergt nach einer umfassenden Sanierung den örtlichen Polizeiposten. Das fertige Gebäude beweist, dass Denkmalpflege und Nutzungsanforderungen in Einklang zu bringen sind.

»Wir in Kernen haben die schönste ­Polizeidienststelle Deutschlands«, schwärmt Polizeihauptkomissar Roland Kazmaier. »Da kommt man gern ins ­Geschäft.« Das war beileibe nicht immer so: Bis zu seinem Umzug in das Baudenkmal war der Polizeiposten in ­beengten Räumlichkeiten untergebracht. »Ich fühle mich richtig befreit. Endlich sind wir aus dem U-Boot raus«, sagt Kazmaier.
Das neue Polizeidomizil hat eine wechselvolle Geschichte: Es war nicht nur Pfarrhaus, sondern auch Bauamt, Wohnhaus und schließlich Obdach­losenunterkunft, bevor nach sorgfäl­tigen und mit Sinn fürs Detail ausgeführten Sanierungsarbeiten im vergangenen Jahr die Polizei einzog.

Bestand
Der von einer hohen Mauer eingefasste ehemalige Pfarrhof bildet mit Pfarrhaus, Nebengebäuden und der evangelischen Kirche ein kulturhistorisch bedeutendes Ensemble und prägt durch seine zent­rale Lage das Ortsbild der schwäbischen Gemeinde mit dem idyllischen Weinortcharakter.
Das Alte Pfarrhaus entspricht in seiner ursprünglichen Form dem Typus des Weingärtnerhauses: Auf einem massiven Sockel über einem querliegenden Gewölbekeller erhebt sich ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit Satteldach. Über die nördliche Giebelseite wird das Gebäude erschlossen. Hier befinden sich der Haupteingang mit Freitreppe, der Kellerzugang sowie die Hofeinfahrt.
Die bauliche Kernsubstanz stammt aus dem 16. Jahrhundert, das Bauwerk ­wurde jedoch in späteren Umbauphasen mehrfach verändert, zum Beispiel in den Jahren 1786 und 1865 durch den Einbau weiterer Fenster und den Verputz des Sichtfachwerks. Ende 1970 wurde das Fachwerk der nördlichen Giebelwand wieder freigelegt, in jüngerer Zeit beschränkten sich die Renovierungsarbeiten auf Putzausbesserungen, Verschalungen und den Austausch von Tapeten und Bodenbelägen.

Instandsetzung
»Den Startschuss für die Sanierung des Kulturdenkmals gab der Gemeinderat bereits im März 2008«, erläutert Architekt Christoph Fetzer die Planungs­phase. »Mit den Entkernungsarbeiten haben wir dann Ende 2009 begonnen. Um Kenntnisse über originale Bauteile und mögliche Schäden an der Konstruktion zu bekommen, mussten wir Wände, Decken und Böden öffnen. Zur Befundung der Putz-, Farb- und Tapetenreste wurden Fachleute hinzugezogen.«
Außen wiesen die Fachwerkwände Feuchtigkeitsschäden und Salzausblühungen auf, die Natursteine am Sockel entlang der westlichen Trauf­seite waren verwittert und die Dachdeckung war abgängig.
Glücklicherweise waren keine Schäden an der konstruktiven Bausubstanz erkennbar, die Instandsetzungsarbeiten innen beschränkten sich auf die Ausbaugewerke. Die alten Parkett- und Holzdielenböden und die charakteris­tischen Stuckdecken wurden restauriert und aufgefrischt, die Innentreppe ­wurde neu belegt und gestrichen, blieb ansonsten aber nahezu unverändert.
Darüber hinaus hat man das Gebäude der neuen Nutzung als Polizeiposten angepasst, wobei Eingriffe in die historische Bausubstanz vermieden wurden. Von den neun renovierten Räumen auf drei Stockwerken – Technik- und ­Sanitärräume nicht mitgerechnet – entfallen vier auf Diensträume im ersten Obergeschoss. Die Haustechnik und die sanitären ­Anlagen wurden samt den ­Installationen erneuert, ebenso die Elektroinstallation, die durch polizei­typische Ausstattung wie Antennen und Sicherheitsüberwachung ergänzt wurde. ­Spezifische Sicherheits­aspekte machten den Einbau von WK-3-Fenstern und Verglasungselementen in den Fluren ­erforderlich.

Energetische Modernisierung
Zur Verbesserung des baulichen ­Wärmeschutzes und zur Energieein­sparung wurden alle Fassaden bis auf die nördliche Sichtfachwerkwand mit einem Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) gedämmt, die Dachflächen zwischen den Sparren voll ausgedämmt und mit einer Zusatzdämmschicht versehen. Um die historisch wertvolle Fachwerkgiebelwand zu erhalten, kam als ­Wärmeschutz nur eine Innendämmung infrage. Hier wurden außen ­lediglich die Schäden an Holz und ­Gefachen ausgebessert und mit einem neuen Anstrich versehen.
In Sachen Dämmung entschieden sich die Verantwortlichen bewusst für diffu­sionsoffene, mineralische WDVS von der Firma Keim. »Fachwerk lebt und muss atmen. Eine luftdichte Verpackung ­zersetzt selbst jahrhunderte­altes ­Eichenholz binnen weniger Jahre«, so Christoph Fetzer. »Die Vorteile einer ­mineralischen Wärmedämmung sind – neben hervorragenden bauphysikalischen Eigenschaften – Witterungsbeständigkeit, hoher Brandschutz, Lang­lebigkeit und gestalterische Freiheit.«
Die verputzten Außenfassaden wurden mit einem Keim WDVS mit angeklebten Mineralwolle-Lamellenplatten versehen. Der Architekt ist überzeugt: »Diese Platten haben eine lebendige Oberflächenoptik, die den besonderen handwerk­lichen Charakter des historischen ­Gebäudes unterstützt. Solche Abweichungen von heute üblichen Genauigkeitsstandards gehören einfach zu ­einem Fachwerkhaus und machen einen nicht unerheblichen Teil seines Charmes aus.«
Eine Dämmung der Innenwände ist im Vergleich zu einer Außendämmung ­immer nur die zweitbeste Lösung. Bei der Sanierung des Alten Pfarrhauses war eine Innendämmung jedoch die einzige Möglichkeit, die Sichtfachwerkfassade energetisch aufzurüsten. Das Problem jeder Innendämmung ist, dass der Taupunkt nach innen wandert, ­wodurch die Gefahr von Feuchtigkeitsbildung verbunden mit Gebäude­schäden besteht. Das »iPor-System« von Keim setzt auf diffusionsoffene, kapil-lar­aktive Dämmmaterialien, welche die Feuchtigkeit aufnehmen und regulieren.

Farbkonzept
Den Architekten war die Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes des Kulturdenkmals ein Anliegen. Dies erreichten sie zum einen durch den Austausch der einflügeligen Verbundglasfenster ohne Teilung durch Holzsprossenfenster mit Klappläden nach historischem Vorbild, zum anderen durch ein differenziertes Farbkonzept auf Grundlage der Putz- und Farb­befunde. »Werkzeug zur Farbgestaltung war für uns der Keim Farbfächer exklusiv«, erklärt Christoph Fetzer. »Mit dieser grammatikalischen Grundstruktur ­haben wir sämtliche Farbtöne definiert, für Fassaden und Innen­wände, aber auch für Holzbauteile, Treppen, Türen und Natursteingewände.«
Die mit Brillantputz verputzten Fassadenflächen wurden ebenso wie die ­Gefache der Fachwerkwand mit Keim Soldalit in einem Weißton gefasst, das Sockelgeschoss ockergelb und die ­Natursteingewände in einem hellen Grau. Das Holzfachwerk ließ man hellgrau deckend lackieren, die Fenster mit Futter in einem grauen Farbton. Farb­akzente setzen die rotbraun lackierten Fensterläden und die Eingangstüre. Das Fachwerk und die Türen samt Futter wurden hellgrau gestrichen. Ein Farbtupfer ist die rotbraun lackierte Treppe mit ihren ockerfarbigen Staketen.

Resümee
Die Qualität der Sanierung zeigt sich im Feingespür der Planer für die historische Substanz. Sie beweist zugleich, dass Denkmalpflege und Nutzungsanforderungen in Einklang zu bringen sind. Ziel moderner Denkmalpflege sind nicht museal konservierte Kulissen, sondern belebte Gebäude, die funktionieren.

Abbildungen: Keim                                                                                                      Ausgabe: 6/2013