01. Januar 2016

Innendämmung mit Höchstleistung

Aerogel-1 Ausbau und Fassade - Innendämmung mit Höchstleistung

Aerogel wird seit Neuestem ebenso in der Raumfahrt verwendet wie um Pipelines zu ­dämmen. Inzwischen bieten auch die ersten Baustoffhersteller das noch sehr teure ­Material für ­Sanierungen an. Ein fugenloser Dämmputz wird aktuell in der Schweiz entwickelt.

Laut Wikipedia weisen aerogele Subs­tanzen »geringe Dichte und hohe Porosität« auf. Das Aerogel, das am Bau eingesetzt wird, wird aus Silikaten hergestellt. Im Prinzip hat es die gleiche Basis wie Silikatfarben. Allerdings besteht es zu mindestens 90 Prozent aus Luft und ist auch nur dreimal so schwer wie ­diese. Die Luftporen des Aerogels sind um ein vielfaches kleiner als jene, die in Schaumglas vorkommen. Dadurch dämmt es hervorragend. Auch sind die Poren offen, so dass das Aerogel hervorragende Sorptionseigenschaften hat und Luftfeuchtigkeit ­puffern kann. Nach Forschungen an der Schweizer Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) entspricht die Fähigkeit zur Feuchtepufferung der ­einer guten Lehmbauplatte. Ähnlich wie Lehm ist Aerogel wasserempfindlich. Damit es kein flüssiges Wasser aufnimmt, ist es hydrophobiert, beispielsweise mit Silikonen. Das Material ist nach aktuellen Erkenntnissen nicht gesundheitsgefährlich. Allerdings ist die Hydrophobierung nicht baubiologisch. Da Aerogele Hautfett aufnehmen, kommt es bei Kontakt zu trockener Haut. Grundsätzlich sollte deshalb nach der Verarbeitung die Kleidung gewechselt sowie die betroffenen Hautstellen mit Seife gewaschen und eingecremt werden.

Einsatzgebiete
Eingesetzt wird Aerogel bei der ­Sanierung, wenn es auf jeden Zenti­meter ankommt. Das Granulat, wird mit einem Bindemittel in Matten fixiert, ist Zuschlag für einen fugenlosen Putz oder wird als Einblasdämmstoff verwendet. In der Regel rentieren sich die neuen Dämmstoffe als Innendämmung, bei ­Bedarf können sie auch außen angebracht werden. Schon sehr dünne Schichten zwischen 15 – 40 mm erfüllen aktuelle Dämmpflichten. Das Material wird meist mit stark diffusions­fähigen Systemkomponenten verarbeitet und kommt ohne Dampfsperre aus, was es bauphysikalisch robust macht. Arnold Drewer vom Institut für preisoptimierte energetische Gebäudemodernisierung (IpeG) ist der Meinung, dass Aerogele vorerst nicht günstiger werden, weil sie aufwändig produziert werden. Die ­Matten kosten laut Drewer etwa 3500 Euro/m³ — immerhin halb so viel wie Vakuumdämmung. Als Einblasdämmstoff seien es immerhin noch 1500 ­Euro/m³ — also zirka 50 Mal so viel wie Zellulose.
Thomas Stahl von der Forschungsanstalt Empa rechnet damit, dass Aerogele günstiger werden. An der Empa und weltweit werde an einer effizienteren Produktion geforscht. Neben einem Leichtbeton werden inzwischen auch Fenster mit Aerogelen ausgerüstet. Man darf auf weitere Innovationen gespannt sein. Die Vorteile gegenüber herkömm­lichen ­Systemen sind:
• Bis zu 70 Prozent schlankere ­Konstruktionen dank WLG 013 – 025
• Geringe Dämmdicke von wenigen Zentimetern reduziert Wohnflächenver­luste
• Besonders geeignet: Innen für Heizkörpernischen und Fensterleibungen; Außen für Stiegenaufgänge, schmale Gassen und enge Durchgänge
• Auch Formen mit kleinen Radien und Versprüngen wie Profile können ­gedämmt werden

Einblasdämmstoff
Als loses Granulat wird Aerogel in Big Bags zur nachträglichen Einblas-­Dämmung besonders schmaler Hohlschichten geliefert. Aufgrund der hohen Kosten wird es meist in Luftschichten von bis zu 2 cm Stärke, beispielsweise hinter Klinkerfassaden eingesetzt.

Flexible Matte
Spaceloft von Stadur Süd ist eine Vliesmatte für den Innenraum, in der Aerogele stabilisiert wurden. Sie ist in 5 und 10 mm Dicke zu haben, ist sehr flexibel und passt sich auch kleinen Radien an. Das System Aerocalce von Röfix baut auf einer solchen Matte auf. Die Aerocalce IB 980 Vliesmatte kommt in ­einem Mittelschicht- und einem Dickschichtsystem zum Einsatz. In beiden Fällen kann sie auch mehrschichtig ­zwischen Klebemörtellagen verwendet werden.
Ein Stützgewebe mit Befes­tigungsset verbindet den folgenden Aufbau mit dem Untergrund. Es folgt ein Unterputz, im Dickschichtsystem als Wärmedämmputz, der zusätzlich die Dämmwirkung verbessert. Ein Armierungsgewebe, Oberputz und Silikatfarbe bilden die ­kapillaraktive Schutzschicht.

Stabile Platte
Als Halbprodukt bietet etwa Aspen ­einen Plattenwerkstoff an. Die Platten können mit einem Cutter-Messer zu­geschnitten und auf den Untergrund geschraubt werden. Dabei ist auf einen hinterströmungsfreien Einbau zu achten — am besten zu realisieren mit einem kapillaraktiven Mörtel. Sto baut sein ­System Sto Therm »In Aevero« auf eine solche stabile Platte auf. Das System enthält Platten von 10 bis 40 mm Dicke und spezielle, kapillaraktive Spezial­klebe- und Armierungsmörtel.
Aerowolle von Rockwool ist ein RAL-zertifizierter Dämmstoff, bei dem das Aerogel an Steinwolle gebunden ist. 20 beziehungsweise 40 mm Aerowolle sind mit einer 10 mm dünnen Gipskartonplatte mit umlaufend abgeflachter ­Kante verbunden. Das Innendämm-­System besteht aus einer Standard-­Verbundplatte für die Verarbeitung in der Fläche, einer Leibungsplatte für Fensterleibungen und Heizkörpernischen sowie einer Keilplatte für einbindende Bauteile.

Dämmputz
Thomas Stahl von der Empa entwickelt und erprobt seit 2009 einen nahtlosen Sanierputz mit 60 bis 90 Prozent-Aerogelen. Der Unterputz ist zementfrei und kann in bis zu sechs Zentimeter starken Schichten einlagig aufgetragen werden. Die Herausforderung war hier, gängige Putzmaschinen einzusetzen. Denn ihr hoher Druck kann das sehr empfindliche Aerogel zerkleinern. Die ersten Referenzgebäude werden 2012 verputzt. Ihre bauphysikalischen Werte werden ebenso gemessen wie die einer Probewand an der Empa.
Die Wand ist aus für die 1950er-Jahre typischen Materialien aufgebaut, mitsamt einbindendem Fichtenholzbalken. Der Balken liegt innen auf einem ­Mauerstück auf und ist von der Außenwitterung nur durch eine dünne Ziegelwand abgeschirmt. »An diesem Bauteil testen wir, wie unsere Isolierung mit den typischen Decken­balken eines Altbaus zusammenspielt«, erläutert der Bauphysiker Stahl. Dieses Experiment ist Teil des schweizer ­Projekts »Sustainable Renovation of His­torical Buildings«. Der Putz soll 2013 auf den Markt ­kommen.

Achim Pilz,
Fachjournalist

Abbildungen: NASA; Rockwool; Röfix; 4-5: Empa; Dziuba-Tepferd; Stadur                                               Ausgabe: 2/2012

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