01. Januar 2016

Feinarbeit aus Backnang

Stuckateurin_Ade_3 Ausbau und Fassade - Feinarbeit aus Backnang

Als Stuckateurin hat Christine Ade in ihrer Berufslaufbahn durchweg positive Erfahrungen ­gemacht. Mit viel Technikwissen, handwerklichem Geschick und Sachverstand hat sie sich seit Mitte der 1980er-Jahre vor allem im Denkmalbereich einen guten Namen gemacht.

»Nein, ich habe meine Berufsentscheidung niemals bereut«, erklärt Christine Ade mit dem wissenden Lächeln eines Menschen, der diese Frage schon oft gehört hat und ergänzt: »Wenn sich ­jemand dazu kritisch geäußert hat, dann waren es meistens nur Frauen.« Die erfahrene Handwerkerin ist auf den ersten Blick das Gegenteil von dem ­Klischee der rustikalen Frau am Bau: Sie ist nur knapp über 1,60 Meter groß, schlank und eher feingliedrig gebaut. Wenn man sie ohne Hintergrundwissen in ihrem Büro im ­schwäbischen Backnang sitzen sieht, könnte man Christine Ade jederzeit für eine Bürokauffrau oder eine Architektin halten – doch weit ­gefehlt – sie ist Stuckateurmeisterin mit Leib und Seele!
Fast wäre es nicht so weit gekommen: Sie wurde zwar in eine Stuckateur­familie hineingeboren – ihr Vater ­Helmut hatte den heimischen Betrieb bereits 1953 gegründet — doch als die Tochter nach der mittleren Reife den gleichen ­Beruf ergreifen wollte, waren die Eltern zunächst skeptisch. Chistine Ade kann sich noch gut an die Einwände der ­Eltern erinnern: »Obwohl ich als Kleinkind oft zu Baustellen mitgefahren bin und in den Schulferien oft mitgeholfen habe, ­trauten sie mir die Arbeit nicht zu. Und die örtliche Handwerkskammer hat mich darüber informiert, dass die Schulen und Baustellen Ende der 1970er-Jahre noch nicht auf Frauen im Handwerk eingestellt seien. Ich habe mir die Idee vermiesen ­lassen und dann vier Jahre lang eine Ausbildung zur ­Erzieherin absolviert.« Sie gesteht, dass ihr diese ­Arbeit nicht ­besonders viel Spaß ­gemacht hat. Doch dann brachte ein Schicksalsschlag die Wende: Ihr ­Vater erlitt im Mai 1984 ­einen schweren Verkehrs­unfall und fiel monatelang aus. Der 15 Mann starke Betrieb brauchte ­dringend Unterstützung und Führung. »Das war der ­Moment, als ich mir sagte: ›Jetzt kommst Du heim‹! Ich habe ­niemanden in meiner Umgebung und bei den Behörden informiert, ­sondern umgehend den Lehrvertrag bei meinem Vater ­unterschrieben. Schon im Herbst des gleichen Jahres fing meine Stuckateurlehre an.«

Beschleunigte Entwicklung
Der Sprung ins kalte Wasser war ­anfangs beschwerlich, erwies sich im Nachhinein aber als sehr lehrreich. ­Christine Ade: »Plötzlich war ich auf Baubesprechungen dabei und musste mir unglaublich viel Wissen, beispielsweise in den Bereichen Materialkunde oder Maschinentechnik in kürzester Zeit selbst aneignen. Aber das hat meine Entwicklung nur beschleunigt, schließlich musste der Betrieb ja weiterlaufen.« 1986 war sie mit der Ausbildung fertig, nur zwei Jahre später absolvierte sie die Meisterprüfung mit Bravour. Im Jahr 1996 verabschiedete sich Helmut Ade in den wohlverdienten Ruhestand; Tochter Christine übernahm seinen Betrieb und ist seither erfolgreich als selbstständige Stuckateur-Unternehmerin tätig.
»Früher waren wir stark im Neubau- und Bauträgerbereich engagiert, aber das hat mir nicht so sehr gelegen. Ich fühle mich eher bei den Privatkunden aufgehoben, da ist auch nicht so viel Personal notwendig«, sagt Christine Ade.
Ihr Handwerksbetrieb ist deshalb über die Jahre stetig kleiner geworden — mittlerweile bildet sie mit einem angestellten Facharbeiter und ihrer Mutter (die für die Büroarbeit zuständig ist) ein dreiköpfiges, flexibles und schlagkräf-­tiges Team.

Handwerkliche Feinarbeit
Die meisten Aufträge generiert die schwäbische Stuckateurin heute in den Bereichen Renovierung, Sanierung und Restaurierung. Christine Ade: »Speziell im Denkmalschutz haben wir uns überregional einen sehr guten Namen erarbeitet, ­viele Aufträge kommen über Empfehlungen herein.« Als Referenz­arbeiten nennt sie den Gotischen Chor und die Totenkirche in Backnang, ­darüber ­hinaus hat sie unzählige Fachwerkhäuser in ihrer Heimatregion ­saniert und renoviert.
»Bei mir bekommen die Kunden einen ›All-inkusive-Service‹. Ich organisiere ­alle notwendigen Gewerke am Bau, also Glaser, Flaschner und Zimmerer. Alles kommt aus einer Hand, die Kunden ­wollen erfahrungsgemäß einen Ansprechpartner auf der Baustelle haben.«

Technik statt roher Kraft
Körperlich sei die Stuckateurarbeit auch für ­Frauen zu schaffen, da es heutzutage mehr auf die Technik und nicht auf die Kraft ankomme, versichert sie. »Ich leite die Organisation des Betriebs, übernehme die besonderen Kundenwünsche und erledige die handwerkliche Fein­arbeit. Ich habe es stets versucht und meistens auch geschafft, mit leichterem Material, handwerklichem Geschick und optimiertem Maschineneinsatz rohe Kraft auszugleichen. Es klappt und macht großen Spaß!«
Das Motto »Lebenslanges Lernen« ­beherzigt die Handwerkerin seit vielen Jahren. Schon im Jahr 1999 hat ­Christine Ade die ­Prüfung als ­»öffentlich bestellte und vereidigte Sachverstän­dige« in Stuttgart erfolgreich abgelegt. Auch in der regionalen Innung Rems-Murr ist sie stark engagiert, war sogar über viele Jahre hinweg als stellver­tretende Obermeisterin aktiv. »Ich ­bekomme regelmäßig ­Anrufe und ­Fragen von Innungskollegen. Bei uns gibt es ­keine Berührungsängste, Frauen im Handwerk sind nichts Ungewöhnliches, sie werden vollkommen ­akzeptiert.«

Eine Sache des Vertrauens
Natürlich gebe es bei ihren Kunden ­klare Unterschiede im Verhalten ­zwischen Männern und Frauen. Die Männer seien meistens mehr an der Technik interessiert, während sich die Frauen eher für die strukturgebenden Formen und die Farbgebung interessieren würden. »Meinen Kunden ist es egal, welches Geschlecht der beauftragte Handwerker oder die Handwerkerin hat, solange sie davon überzeugt sind, dass die beauftragte Person ihre Arbeit ­beherrscht.«
Bei Christine Ade ist das der Fall. Als ­Erfolgsfaktoren für eine gute Auftragsabwicklung und Kundenzufriedenheit nennt sie die Begriffe ­Zuverlässigkeit, Termintreue und saubere Arbeit. ­Darüber hinaus nimmt sie die Kundschaft wortwörtlich an die Hand: »Ich erkläre den Kunden jeden einzelnen ­Arbeitsschritt. So wissen sie immer ­genau, was gerade in ihrem Haus passiert. Das ist eine Sache des Vertrauens.«

Zwölf-Stunden-Tage sind Normalität
Es gibt jede Menge zu tun, die Auftragsbücher für 2012 sind bei ihr schon gut gefüllt: mit Aufträgen im gestalterischen Bereich, mit dem Einbau von WDV-Sys­temen und dem allgegenwärtigen Thema »energetische Sanierung«. Die Kundschaft legt immer mehr Wert auf umweltbewusste, nachhaltige ­Materialien, das merkt auch Christine Ade: »Die Zeiten haben sich geändert. Heute verwende ich auf der Baustelle fast nur noch Lehm- und Kalkprodukte.«
Auch der schönste Beruf hat Schattenseiten, als selbstständige Stuckateur­meis­­terin arbeitet Christine Ade nicht nach der Stechuhr. Die ­Arbeitstage ­können in dieser Branche schon mal in ­»Arbeitsabende« übergehen, wie sie lächelnd ­gesteht: »Im Sommer sind da schon zwölf- bis 14-Stunden-Tage ­dabei. Der Partner kommt dann manchmal zu kurz, dafür haben wir im Winter mehr Ruhepausen und somit mehr Freizeit.«

dm

Abbildungen: Mioc/Ade                                                                                                       Ausgabe: 4/2012

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