01. Januar 2016

Farbtöne und ihr Zusammenspiel

Sto-Farbe-1 Ausbau und Fassade - Farbtöne und ihr Zusammenspiel

Farben machen nur einen geringen Teil der am Bau eingesetzten Baustoffe aus, ihre Wirkung ist jedoch immens. Sie prägen die Anmutung des Bauwerks. Daher ist die Wahl des Farbtons ebenso wichtig wie die der Farbe selbst.

Diese Redensweisen sind fest in unserem Wortschatz integriert: »Sieh doch nicht so schwarz!«, »Der war gestern blau.«, »Ein Mann sieht rot.« und so ­weiter und so fort. Farbtöne sind so allgegenwärtig, dass sie tief in unserer Sprache verwurzelt sind. Rot stoppt und verbietet, gelb warnt, grün gibt freie Fahrt oder signalisiert Umweltverträglichkeit. Schon sind wir im Thema: Wie lässt sich dieser »Farbcode« für die ­Gestaltung im Alltag nutzen?

Universal Design
Universelles Design ist ein ganzheit­licher Ansatz. Alles soll so gestaltet sein, dass es für jeden verständlich und selbsterklärend, ästhetisch gelungen und, wo erforderlich, ergonomisch ­gestaltet ist. Der Ansatz des Universal Designs geht also weit über die Farb(ton)wahl hinaus, zählt diese jedoch entscheidend dazu.
Die Wahl von Farbtönen kann entscheidend zum Gelingen eines Konzepts beitragen; ganz gleich, ob es um intuitiv bedienbare Geräte, barrierefreies Internet, leicht zugängliche Gebäude oder sofort erkennbare Gefahrenbereiche geht. Neben dem Farbton spielt der Kontrast eine Rolle, auch er trägt dazu bei, wie gut und wie schnell etwas ­erkannt wird.
In Zukunft wird Universal Design ­bedeutender. Dafür sorgt schon die ­demografische Entwicklung, denn in der älter werdenden Gesellschaft nimmt auch die Zahl derer zu, denen umsich­tige, Orientierung unterstützende ­Gestaltung im Alltag hilft.

Kontrast, Monochromie, Buntheit
Wie kontraststark, wie bunt ist »richtig«? Technische Grenzen existieren heute kaum noch, abgesehen von ­manchen Maximalwerten für den Hellbezugswert bei Fassaden. Ist polychrom gleichzusetzen mit bunt? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Der Gestalter hat jedenfalls sorgsam zu komponieren. Gerade bei großen Flächen darf nicht die maximale Zahl an Farbtönen das Ziel sein, sondern ein bewusst zusammengestellter Kanon an Nuancen.
Wie das vorbildlich umgesetzt wird, ­zeigen die Bauten von Bruno Taut: ­Kleine farbliche Akzente prägen seine Fassaden, geben ihnen einen eigenständigen Charakter — das ist gut und sogar wünschenswert. Schlägt die Kompo-­sition in Buntheit um — mancher Baumarkt, manches Gewerbezentrum und auch einige Siedlungen mögen hier als Negativ-Beispiel dienen — droht eine Kakophonie der Farb-Töne. Das Auge bleibt ohne Orientierung, die Gestaltung wird laut bis aggressiv. Gute Gestalter vermeiden diesen Effekt — eben mit dem subtilen Nebeneinander verschiedener Nuancen aus stimmig zusammengestellten Farbräumen.

Wann wirkt was wie
Vor der Farbzusammenstellung sind grundsätzliche Gedanken anzustellen. Welche Farbe steht in welcher Situation für welches Gefühl? Farben übermitteln erst in ihrem Einsatz ihre spezielle ­Botschaft.
Zum Beispiel Schwarz — die Farbe der Trauer, der Architekten, mancher ­Subkultur, die Gesamtheit aller Farben. Schwarz an der Fassade, technisch ­häufig möglich, ist eine deutliche Aussage für einen solitären Bau. Das passt zu einem Stadtbild prägenden Bauwerk wie zu einem Museum oder ­einem selbstbewussten Wohnhaus. Beim gewöhn­lichen Einfamilienhaus oder gar einem Kindergarten sendet das Schwarz das falsche Signal. Grün passt besser zum Pflanzenhandel als zum ­Mode-Geschäft, fröhliche, helle Farb­töne ­passen besser zum Kinder­garten als dunkles Grau.
Sensibilität ist nicht nur bei der Farbtonwahl, sondern auch beim Festlegen des Sättigungsgrads gefordert. Als sehr grobe Faustformel: Je größer die Fläche, desto geringer sollte die Sättigung ausfallen. Das fordert die Beratungskom­petenz des Fachunternehmers — gerade im Dialog mit ­Laien: Der Farbton, der im Farbfächer so chic aussieht, schreit plötzlich von der Fassade.

Sonderfall Sanierung
Farbe verkümmert in der Sanierung ­leider immer noch viel zu oft zur Funktion »Fassade aufhübschen«. Sie kann viel mehr. Farbe kann alte Wohnanalagen neu gliedern, Farbe kann erhaltenswerte Architektur neu beleben. Der sensible Farbgestalter berücksichtigt, wie sich der Bau in seine Umgebung einfügt, welche Bedeutung er hat, seine Nutzung und wie Farbigkeit und Architektur zusammenpassen. Hellgrün bemaltes Tragwerk eines Fachwerk­hauses dürfte generell als ungewöhnlich gewertet werden, Weiß als Pflicht für die Gefache ginge wiederum über das Ziel hinaus. Farbe bietet Orientierung, wertet Siedlungen auf und macht diese wieder lebenswert(er) — Stichwort ­Universal Design: Farbraster, klare ­farbige Fassung für Balkone, Eingänge, Laubengänge. Wo dieses fehlt, verhilft ein neuer Farbkanon leicht zu mehr ­Lebensqualität. Einfach ist die Definition des Farbtons nur im Denkmalschutz und für Bau­werke, bei denen die Farbgebung durch das Urheberrecht des Planverfassers ­geschützt ist. Hier ist die Richtschnur klar: Das Original ist zu erhalten — selbst wenn es dem Betrachter nicht gefällt.

Glanzgrad und Struktur
Ein Farbton wirkt aber nicht nur mit seiner Farbigkeit. Oberflächenstruktur und Glanzgrad verändern die Wirkung erheblich. Die Beschichtung und ihr Farbton sind also eine komplexe ­gestalterische Aufgabe. Es genügt nicht, den Baustoff unter technischen Prämissen festzulegen und den Farbton unter gestalterischen Aspekten, immer ist es ein ganzheitlicher Ansatz — im besten Fall Universal Design.

Uwe Koos,
Leiter Sto Design

Abbildungen: Isabell Munck/Sto AG                                                                                                  Ausgabe: 3/2012

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