01. Januar 2016

Kunst im Kiez

In Berlin-Neukölln gestaltete der Künstler Dustin Schenk eine Brandwand mit ortstypischen Motiven, einem Riesenroboter und intensiven Farben. Die Wand dient dem Nachbarschaftsschutz und soll die Ausbreitung von Feuer auf benachbarte Gebäudeteile verhindern.

In Berlin prägen Brandwände seit jeher den Stadtraum, ihre künstlerische ­Gestaltung hat Tradition. Sie sind die ideale Leinwand für alle Formen der ­urbanen Bebilderung, ob kunstvoll ­bemalt, von der Werbewelt plakativ ­gestaltet oder von Sprayern und Straßenkünstlern kreativ bespielt. Die originellen Wandmalereien oder ­»Murals«, wie sie auch genannt werden, sind nicht nur längst Touristenattraktion und Standortfaktor für die Kreativ­metropole Berlin, sie sind auch ein Teil des subkulturellen Charmes, der die Stadt auch bei internationalem Publikum so beliebt macht.

Besuch von einem fernen Planeten
Ein besonders interessantes Exemplar einer Brandwand kann man in Berlin-Neukölln bestaunen. Im Rahmen der energetischen Brandwand-Sanierung ihres Mehrfamilienhauses in der ­Hobrechtstraße 56 ließen sich die ­Eigentümer, Jörg Walter und Martin Falke, von einer anderen Wandbemalung zur Gestaltung der Giebelwand ­inspirieren. Erstgenannter ist Mitglied im Kooperationsnetz der Immobilien­eigentümer im Neuköllner Reuterkiez, einem Netzwerk von rund 25 Haus­besitzern, deren Ziel die nachhaltige ­Immobilienbewirtschaftung im Interesse aller Beteiligten ist. Daher ist ihm dieser Einsatz für den Kiez ein wahres ­Herzensanliegen.

Graffiti-Charakter
»Dieses Wandbild wertet das Quartier auf«, erklärt Jörg Walter. »Es setzt ein positives Zeichen in einem Problem-Kiez, der sonst eher durch Negativ­schlagzeilen von sich reden macht.«
Da das Haus an einen Spielplatz grenzt, stand eine kindgerechte, illustrative ­Gestaltung im Vordergrund. Dustin Schenks Idee von einem Riesenroboter, der durch Neukölln stapft und das ­Viertel entdeckt, hat als Motiv sofort gefallen gefunden. Um die Kiez-Bewohner mit einzubinden, organisierte man zusammen mit dem Eigentümer-Netzwerk auf dem benachbarten Spielplatz einen Mal-Workshop, in dem interessierte Kinder »zwischen fünf und 150 Jahren« die Geschichte des abenteuer­lustigen Roboters vom fremden Stern weiterspinnen und Ideen sammeln konnten, welche Orte und Menschen er unbedingt kennenlernen sollte. Die ­Ergebnisse flossen in das Gesamtkonzept des Künstlers mit ein.
»Eigentlich mache ich ja keine Wand­bilder mehr«, so Schenk. »Aber das ­Projekt habe ich als schöne Heraus­forderung erlebt. Das machte zum einen die Größe der Wand, das machte der Spot, das machte Berlin und vor allem Neukölln, das machte auch, dass es eine Illustration für Kinder sein soll und in Mischtechnik als ›Halb-Graffiti‹ ausgeführt wurde.«

Mit Mineralfarbe und Sprühdose
Die Sanierung umfasste unter anderem das Aufbringen eines hochwertigen Wärmedämm-Verbundsystems (WDVS) der Firma Keim. Da die künstlerische Gestaltung zugleich Schlussbeschichtung ist, entschieden sich die Verantwortlichen für »Keim Soldalit«, eine hoch diffusionsfähige und besonders lichtechte mineralische Fassadenfarbe aus demselben Hause. Anhand einer Entwurfszeichnung des Künstlers ließ man die verschiedenen Farbtöne werkseitig mischen. Sehr dunkle oder intensive Farbtöne mit einem Helligkeits­bezugswert unter 20 wurden den besonderen Anforderungen einer gedämmten Fassade angepasst, um zu vermeiden, dass es durch thermische Aufheizung bei hohen Außentempe­raturen zu Rissen und möglichen Folgeschäden kommt.
Die Illustration wurde von Dustin Schenk und zwei Mitarbeitern, die er anleitete, ohne Schablone oder Projek­tion direkt auf die 250 m² Fassade ­gezeichnet und anschließend groß­flächig mit der fertig gemischten Silikat­farbe angelegt. Für den Graffiti-Charakter sorgen mit der Sprühdose ­gezogene Konturen in Anthrazit und Dunkel-Aubergine.

Beliebtes Fotomotiv
Obwohl nach Vorlage gearbeitet wurde, entwickelte sich vieles erst vor Ort während der Realisierung. »Mir war wichtig, dass die Arbeit zwar exakt ausgeführt wird, aber dennoch unverkennbar meine künstlerische Handschrift trägt«, beschreibt Schenk den Entstehungsprozess. »Die freie, comicähnliche Grafik hat ihren eigenen Reiz und eine besondere Wirkung auf den Betrachter.« Der Besuch vom anderen Stern ist das Ergebnis einer beispielhaften Eigen­tümer-Initiative, die ohne das Spon­soring des Künstlers, des beteiligten Bauunternehmens und der Firma Keimfarben so nicht möglich gewesen wäre. »Durch diese gemeinsame Aktion und das Engagement aller Beteiligten ist es gelungen, einen Mehrwert für den ­Reuterkiez zu schaffen und das unter Einbeziehung der Anwohner, speziell der Kinder«, stellt Jörg Walter fest.
Doch nicht nur die Kleinsten schätzen das fröh­liche Mural, auch für Berlin-Touristen ist es mittlerweile ein beliebtes Fotomotiv und sogar die »wilden« Sprayer respektieren das Werk – bis heute wurde es an keiner einzigen ­Stelle übersprüht.

Abbildungen: Keimfarben                                                                       Ausgabe: 9/2012