01. Januar 2016

Experimentierfeld privater Raum

Venn Ausbau und Fassade - Experimentierfeld privater Raum

Wenn es um gesundes Bauen geht, spielt nicht nur die Qualität der Baustoffe eine Rolle. Es kommt auch auf die Gestaltung der Räume an. Darauf weist der international renommierte Farbgestalter Axel Venn in diesem Essay hin.

Weiche Fakten, harte Bedingungen – ein Vorwort
Zuerst ein paar Anmerkungen zu dem Thema »Gesundes Bauen« oder »Rezepte für Gesundes Wohnen« oder »Biotop Raum«; insbesondere geht es mir um die wahrnehmungs-orientierten, ästhetischen und ethischen, sowie ergonomischen Basis-Spezifikationen.
Neben den bekannten bauphysikalischen, biologischen und humanmedizinischen werden die in meiner Wissenschaftsarbeit erforschten gestalterischen, psycho-physiologischen und humanfunktionalen Parameter eine immer wesentlichere Rolle bei den Häuslesbauern spielen.
Dagegen sind die ausschließlich energiesparenden Umwelt- und Nachhaltigkeits-Modelle in eine wissenschaftliche und mediale Fragwürdigkeits-Diskussion geraten. Denn intensive Abschottungsmodelle zum Wohle einer optimalisierten Ressourcenschonung des Energieverbrauchs führte nicht selten zu sub-optimalen Ergebnissen in der Gesundheits-Balance.
Darum beschäftigt sich dieser Beitrag hauptsächlich mit den wahrnehmungs- und psycho-physiologischen Faktoren der ersten und manches Mal der zweiten Lebenswelt, dem Wohnen und dem Arbeiten. Bei meiner Betrachtung setze ich voraus, dass die funktionalen, baubiologischen und nachhaltigen Kriterien des Bauens und Ausbaus nachvollziehbar beherrschbar sind und jeder tech­nische Fortschritt verantwortungsbewusst im Dienste der Gesundheit und eines optimalen Umweltschutzes genutzt wird.

Leben und Wohnen: Zwischen Zukunfts-Idylle und Nostalgie-Biotop
Die Szene war noch nie so spannend wie heute. Wohnen ist im Gespräch, denn die Urlaubsreise auf dem Traumschiff ist fad geworden. Die Ausgeh­gesellschaft hält sich eher in der Küche und vor dem Kamin auf als im Jet. Sie verbringt noch mehr Stunden im Badezimmer, nennen wir es lieber im familiären Spa-Zentrum, als zuvor. Das
Home-Office ist längst zur Spardose besonders raumgeiziger Unternehmer avanciert.

Das Leben zu Hause – eine kleine Revolution
Die in das häusliche Arbeitszimmer Verbannten sind meistens glücklich darüber. Ab und zu jedoch fehlt der Plausch auf dem Flur und in der Kaffeeküche.
Nirgendwo wird heute so viel experimentiert wie im privaten Raum. Sehnsüchte, Hoffnungen und heißersehnte Wünsche ranken sich nur noch selten ums eigene Auto oder um dreimal Ferien im Jahr. Die Liebe zum Erwerb der angesagtesten und heißesten Klamotten ist abgekühlt. Der schöne Schein des Glamourösen ist matt
geworden.

Schöpferisches Interesse an Räumen
Die Autos tragen Trauer und kommen verhüllt daher. Tief-Braun bis zum verschmutzten Foto-Rost-Rot , ein kräftiges, dumpfes Nickel-Grün, Grau-Rubin, Caputmortuum und Portwein-Altrot gaukeln Verzicht vor, bleiben jedoch Nuancen verschämt-vornehmer Qualität. Ihre besondere Eigenschaft, vom Nebel und dunklen Nächten verschluckt zu werden, gibt dem Erwerber den besonderen, tarnenden Siegfried-Kick.
Im Gegensatz zu all den schönen Vorlieben der vergangenen Jahre gilt heute unser schöpferisches Interesse dem Zuhause. Räume sind zum Inbegriff
eines allein seligmachenden und identitätsstiftenden Merkmals geworden.

Das Zuhause – ein ultimatives Statussymbol
Die Image-Bildner kaprizieren sich auf die eigenen vier Wände: »Das Haus ist nicht nur meine feste Burg, sondern auch der schönste Ort (nach Möglichkeit) erfüllter Träume«.
Die beliebtesten Cafés, Bistros, Hotelzimmer, Büroräume sehen so aus wie das eigene Wohn- oder Esszimmer oder wie die Junggesellenbude oder die WG in der Fabriketage. Der Unterschied zwischen Arbeitsplatz-Ambiente und Drei-Zimmer-Wohnung besteht darin, dass Kleinkinder zum erstgenannten Bereich seltener Zutritt haben.
Gemütlichkeit, Wohlfühlen und Chaos ist überall zu Hause. Kluge Arbeitgeber ketten ihre Mitarbeiter mittels Billard­tischen, Etagen-Rutschen, Sauna- und Massage-Angeboten, sowie vorzüglichen Ein-Sterne-Koch-Schlemmereien an ihre Bildschirme. Auch die Zimmer und Suiten der begehrtesten Business-Hotels tragen Identitäten heimatlichen Ursprungs.
Wo immer man auch ist, »sich ganz wie zu Hause zu fühlen«, betrachten wir als Aufforderung, sich im Kuschelparadies einzunisten.
Der alte Gemütlichkeitsbegriff hat seinen Sitz nahe am Kopf und Bauch, zwischen beiden scheint das Gemüt angesiedelt zu sein, und man ersitzt die Gemütlichkeit mit Pantoffeln an den Füßen auf Böden, auf Planken, Fellen und Teppichen.

Nachhaltigkeit – eine Philosophie der Verantwortung
Vergessene authentische Artefakte zu schaffen, gehört zu den Großtugenden des Lebens zu Hause. Das bedeutet zugleich, dass Nützlichkeit, Tauglichkeit und Qualität neu interpretiert werden müssen. Das heißt beispielsweise, dass Qualität nicht nur Haltbarkeits-, Funktionalitäts- und Kosten-Nutzen-Vorteils­parameter besitzen muss, sondern dass zu ihr auch Nachhaltigkeit-, Ästhetik-, Ethik- und Humanfunktions-Eigenschaften gehören sollen.

Nachhaltigkeit ist zum Vererben da
Nachhaltigkeit besteht nicht nur aus sparsamen Perlatoren/Strahlreglern für Wasserhähne oder knausrigen Toilettenspülsystemen oder Energiesparlampen, Sparherden, Spülschränken und Backöfen, sondern Nachhaltigkeit stellt auch ein innovationsgetriebenes poly­valentes System dar, bestehend unter anderem aus: Böden, Tapeten, Bäumen, Living-Walls, Dachbegrünungen, Bekleidungsprodukten und Dichtungsmaterialien für Fenster, Türen, sowie Standby-Killern, Wohlfühlangeboten, kalt- und warmgetönten Farben und narrativen Boden- und Wandprodukten oder auch porösen und topografischen Strukturen oder gesägten und gerasterten hoch-tief Oberflächen, die besonders schallhemmende Wirkungen aufzeigen.
Patina ist »in«. In Zeiten, in denen Renovierungen von Häusern und Wohnungen zu einem der wesentlichen Betätigungsfelder der Handwerker gehören, wird die Fähigkeit des Erhalts mehr gefragt sein als eine bloße, seelenlose Von-Grund-auf-Sanierung.
Gerade Türen, Decken, Wände und Böden sollten nur dort völlig neu entstehen, wenn sie rettungslos zerstört sind.
Viel Skepsis ist angesagt, wenn bei historischen oder »alten« Bausubstanzen jeder Buckel und jeder Kratzer zu Tode saniert werden. Wunderbar aber, wenn so viel wie möglich »authen­tische« Reste sichtbar bleiben.
Einige der kommenden Wohntrends werden teilweise auch von historischen Vorlagen begleitet sein oder nutzen Zitate vergangener Jahre. Andere Ambiente beziehen hingegen ihre Substanz oder Anreicherungen aus folkloristischen oder fremden kulturellen, geografischen oder gesellschaftlichen Bereichen. Eindeutig hält die neugewonnene Wertschätzung des Wohnens weiterhin an. Das Image-Produkt Nummer Eins bleibt das Zuhause. Es rangiert weit vor dem Bekanntenkreis, Beruf, Einkommen und sogar der Gesundheit.
Bisher ist nicht zu erwarten, dass sich im Ranking der Wünsche oder der Zufriedenheitsmerkmale Gravierendes ändern wird.

»Sag mir, wie du wohnst, ich sage dir, wer du bist.«
Culture-Style ist Trend. Wohnen vermag eine philosophische Basis unseres Daseins stiften. Das Wohnambiente wird immer deutlicher zum singulären Ausdruck der Persönlichkeit.
Der schöpferische Focus für das Ambiente lautet: »Pimp my life«. Das ist ein epikureisches Muster, das sich auf Daseinsoptimierung kapriziert.
Das einzelne Raum- und Wohn-Produkt allein ist nichts. Erst im orchestralen Zusammenspiel erhält es Gestalt, Poesie und Authentizität. Die weichen Bedeutungen stehen im Vordergrund, die reine Funktionalität gerät ins Abseits.
Bei allem gestalterischen Tun lautet »Harmonie« die fettgesetzte Überschrift, denn Chaos ist uns zuwider. Wenn es um Gestaltung, Einrichtung, um das Dekorieren, Verschönern, Instandsetzen, Aufhübschen, Präsentieren und Prunken geht, sind wir selbst der Mittelpunkt unserer Leidenschaft.

Gesunde Räume – nicht Attribut, sondern Grundsatz
Bedeutsam für das gesunde Leben in Räumen sind Gestaltungsrezepturen, die emotionale Wirksamkeit vermitteln.
Ein wesentliches Merkmal, das eine Art Rezeptur darstellt, lautet: »Ein Raum sollte nie monothematisch gestaltet sein! Jeder Raum benötigt zwei Potenziale: Ein Teil ist für das Anregende zuständig, der andere dient der Beruhigung. Immer geht es um die Komplementarität, den Ausgleich von laut und leise, von kleinteilig und großzügig, von sanft und rau, von hell und dunkel, von Stillstand und Dynamik.«

Gesunde Räume für Kinder
In dem Buch: »Farben der Gesundheit« (Callwey 2011) heißt es: »… darum ist es wesentlich, dass bereits im frühkindlichen Alter die Farbbegegnung mit
Intensität und einem großen Farbspektrum sich vollziehen sollte. Ausreichende Anregungspotentiale visueller, akustischer, somatosensorischer, haptischer, olfaktorischer und gustometrischer Art sind verantwortlich für eine erfahrungsreiche Entwicklung, besonders der Säuglinge und Kleinkinder. Es ist bekannt, um wie viel sorgfältiger und intensiver die Betreuung sein muss, wenn allein eine einzige Sinneswahrnehmung beeinträchtigt ist und redundante Wahrnehmungsfähigkeiten das eine Defizit durch Verstärkung anderer Wahrnehmungs­potenziale ersetzen müssen.
Wir halten es für richtig, Kinder täglich mit ›allen‹ Farben in Berührung zu bringen. Bilder, Bücher, Spielsachen, manche Wände und teilweise Möbel und Stoffe im Raum. Jedoch sollten mindestens ein Drittel bis die Hälfte eines Kinder- oder Spielraumes farbberuhigter gestaltet sein. Dies gelingt, wenn mit leichten, sanften Off-White Tönen oder hellen ockrigen Sand- oder Himmels- und Wolkentönen Platz für Ruhe, Besinnlichkeit und somit Raum für die Kreierung eigener Fantasien und Experimente gegeben ist.

Raumpsychologie für die Kranken, Genesenden und Betagten
Das ist unserer Überzeugung nach ebenfalls das richtige Rezept für den überwiegenden Teil der kranken Menschen:  Fünfzig Prozent Anregungs­potenziale und fünfzig Prozent Beruhigungsmerkmale machen unsere Umgebung wohltuend relaxed oder freundlich und anregend. Der Blick vom Krankenbett sollte zumindest beide Optionen jederzeit möglich machen.
Farbe als begleitendes Therapie-Produkt zu verstehen und als solches anzuwenden, ist im Grundsatz richtig und wirksam. Die Aufgabe des Buches besteht nicht darin, medizinische Indikationen zu vermitteln, dafür ist der Arzt zuständig. Wir zeigen auf, was den Menschen Farbe bedeutet: ihre synästhetischen Wirkungen einerseits und assoziativen Merkmale andererseits. Unter Synästhesien verstehen wir ›Miterregung‹ anderer Sinne durch nicht spezifische Reize, so zum Beispiel: Rot hören oder Grün schmecken, andererseits sprechen wir von Reizverschmelzung, die wir aus der Literatur kennen, so aus dem Symbolismus oder der Romantik.
Wenn es um Farbgestaltung geht, handelt es sich in den meisten Fällen um das gemeinsame Spiel von Ästhetik, Anmutung, Funktionalität, Stil, Emotionalität, Wirkung und Widerspruch.«

Das Naherholungsgebiet Nummer Eins ist das Zuhause
Badlandschaften dienen mehr der Seelenpflege als der Körperpflege. Neben Küchen und Kaminen, Wintergärten und Balkonen gehören sie zu den wichtigsten Investitionsfeldern der privaten Nutzer. Wellness, Wohlfühlen und Fit­ness bleiben die bevorzugten Aktionsprogramme der Wohnenthusiasten.
Bäder wachsen in die Breite und Länge, sie erhalten riesige Fenster von der Decke bis zum Boden. Zu den Mindestanforderungen an die Ausstattungen gehören Getränkekühler, Eisspender, Soundanlage, Kamin und Massagebank. Daneben verbinden Wintergärten drinnen und draußen.

Indoor – Outdoor, Räume und Freiräume
Nicht Mauern, Türen und Fenster verschließen das Innere vom Äußeren. Nur unsere historischen, gewohnheitsorientierten Vorstellungen vom Behausen verlangen dies. Im Zeichen von Klimawandel und dem in südlichen Ländern gelernten Leben vor der Haustür beschert dies den Menschen in Mitteleuropa eine weitere Seite der Wohnempfindungen und Lebenshaltungen.
Zwischen Haus und Garten werden wir mit überdachten Glasanbauten, Terrassen, Loggien und Balkonen eine Riesen-Renaissance erleben.
Je nach Wetterlage, bei Schneetreiben, Nieselregen oder nächtlichem Mondlicht sitzen wir mitten in der ruhigen Natur oder im städtischen Gewusel und lassen es uns gut gehen oder arbeiten, palavern, freizeiten und faulenzen dort.
Die Rezepte für das schöne Ambiente werden immer umfangreicher: Farben, Formen, Silhouetten, Materialien, Licht, Wärme, Komfort, Sicherheit, Eleganz, Beruhigung, Spannung und viele weitere Ingredienzien sind Teile einer kombinatorischen Vielfalt, die das Zuhause zur eigentlichen Bühne unseres Lebens machen. Das Wohnen bleibt Lebenselixier, als Ermüdungsbarbiturat ist es nicht geeignet.
Der Rollgriff in die Kiste vorgestanzter Wohnmodelle bedeutet einen grobfahrlässigen Verzicht auf Identität, Würde und Spiritualität.
Gestalten, Kreieren, Zaubern, Entwickeln und Designen gehören zu den angenehmen, uralten und immer jungen Leidenschaften der Menschen. Wohnen ist nie Stillstand, bleibt immer Prozess, ist bestimmt von den wachsenden Vorlieben, Launen und einem ewigen latenten Frische- und Zukunftsstreben, gelegentlich unterbrochen von Nostalgie-Schüben der Wohnenthusiasten.

Ausgabe: 6/2013

  1. Datenbank-SHI-Anmeldung Ausbau und Fassade - Experimentierfeld privater Raum
  2. Farbvergnuegen Ausbau und Fassade - Experimentierfeld privater Raum
  3. Farbvergnuegen2 Ausbau und Fassade - Experimentierfeld privater Raum

 

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