07. Januar 2019

Mehr Durchblick beim gesunden Bauen

Fotos: Dolt/Grund-Ludwig

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Mit dem »Megatrend Gesundheit« befasste sich der Kongress 2018 von ausbau + fassade. Zentrales Thema waren Emissionen im Innenraum sowie der Umgang in der Sanierung mit Asbest und Schimmel. Vorgestellt wurde auch die Weiterbildung »Meister des Raumklimas«.

Durch den Kongress führte Trendforscher Dr. Gundolf Meyer-Henschel. Er bestätigte, dass »Gesundheit« ein Megatrend ist. Vor allem drei Zielgruppen haben besonders Interesse an der Wohngesundheit: Eltern mit kleinen Kindern, gutverdienende grünorientierte Mittelschicht und Senioren. Er zitierte die Definition der WHO – Weltgesundheitsorganisation: Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens.

Volles Haus: Über 100 Teilnehmer kamen am 16. November 2018 zum 3. Ausbau-Kongress nach Kornwestheim
Volles Haus: Über 100 Teilnehmer kamen am
16. November 2018 zum 3. Ausbau-Kongress nach
Kornwestheim

Daniel Tigges, Geschäftsführer des Eco-Instituts, führte in einem Parforce-Ritt durch den Dschungel bei Normen und Gütezeichen. Beim in Europa verbindlichen CE-Zeichen gibt es auf Seiten von Verbrauchern, teilweise aber auch bei Fachunternehmern noch immer Unsicherheiten. Die wichtigste Botschaft des Experten: Das CE-Zeichen ist kein Gütesiegel. Es deklariert lediglich die Eigenschaften eines Produkts, und zwar dann, wenn es eine Prüfgrundlage der EU dazu gibt. Nur wenn es diese Prüfgrundlage nicht gibt, darf das Ü-Zeichen verwendet werden.

GroІes Interesse: Das Publikum verfolgte die Vorträge der Experten mit großer Aufmerksamkeit GroІes Interesse: Das Publikum verfolgte die Vorträge der Experten mit großer Aufmerksamkeit
GroІes Interesse: Das Publikum verfolgte die Vorträge der Experten mit großer Aufmerksamkeit

Informationen zu den aus baubiologischer Sicht kritischen flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) beinhaltet das CE-Zeichen aber nicht, das sei »ein Fehler der EU-Kommission«, so Tigges. Dieser Fehler werde mit der Anpassung der CE-Prüfgrundlage durch die EU ausgemerzt, das dauere aber einige Zeit. Für Baustoffe, die unter eine europäische CE-Kennzeichnung fallen, dürfen seit dem EuGH Urteil 2014 keine zusätzlichen nationalen Kennzeichnungen oder Zulassungen gefordert werden. In Bezug auf die im CE-Zeichen abgedeckten wesentlichen Merkmale eines Bauprodukts wie Brandverhalten oder Emissionsverhalten darf es dadurch auch keine zusätzlichen nationalen Produktanforderungen geben.

CE-Kennzeichen ist bei vorhandener Prüfgrundlage verbindlich

Durch die seit 2017 vorliegende deutsche Musterverwaltungsvorschrift, die von den neuen Landesbauordnungen in Bezug genommen wird, werden aber Anforderungen an bauliche Anlagen bezüglich des Gesundheitsschutzes gestellt. Diese leiten sich wiederum aus den Emissions- und Schadstoffeigenschaften von Produkten ab. Diese Vorgehensweise stellt einen Umweg dar, um auf nationaler Ebene doch Kriterien für Produkte definieren zu können.

Produkthersteller haben die Möglichkeit, durch ihre technische Dokumentation Planern und Handwerkern, beispielsweise durch noch gültige DIBt-Zulassungen oder neue freiwillige DIBt-Gutachten, die den gesundheitlichen Aspekt beinhalten, die Konformität mit diesen Anforderungen darzustellen. Auch freiwillige Prüfzeichen wie Natureplus, der Blaue Engel oder das Eco-Institut-Label können durch die noch deutlich strengeren Prüfkriterien für die Umsetzung der gesundheitlichen Anforderungen in Gebäuden dienen.

Im Gegensatz zu den Normen, die sich auf die Gefahrenabwehr beschränken, geht es bei Labels um das Vorsorgeprinzip. Labels gehen an Produkte, die potentiellen Gesundheitsschäden vorbeugen. Die Anforderungen sind unterschiedlich. Bei Natureplus, Blauem Engel und Eco-Institut ist eine Deklaration der Rezeptur gefordert. Beim Blauem Engel gibt es längere Laufzeiten, bei Natureplus und Eco Institut gibt es Nachkontrolle in kürzeren Zyklen, außerdem ist eine unabhängige Probenahme gefordert. Umweltproduktdeklarationen, so genannte EPDs, zeigen die Belastung der Umwelt bei der Herstellung von Produkten. Sie sind häufig Basis für Nachhaltigkeitszertifikate. Sie listen Informationen auf, gewichten und bewerten diese aber nicht.

Daniel Tigges, Geschäftsführer des Eco-Instituts klärte über die Bedeutung von Baunormen und Labels auf BarbaraWiedemann, Produktmanagerin Putz und Mörtel bei Baumit, zeigte wie wohngesunde Putze und Farben funktionieren
Durch den Tag führte Trendforscher
Dr. Gundolf Meyer-Henschel
Daniel Tigges, Geschäftsführer des
Eco-Instituts klärte über die Bedeutung von
Baunormen und Labels auf
BarbaraWiedemann, Produktmanagerin
Putz und Mörtel bei Baumit, zeigte wie
wohngesunde Putze und Farben funktionieren

Wie sich Baumit zum Thema Wohngesundheit positioniert, vermittelte Barbara Wiedemann, die dort Produktmanagerin Putze und Mörtel ist. Der Mensch atmet an einem Tag bis zu 16000 Liter Luft ein. Deren Qualität ist unmittelbar entscheidend für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. »Luft ist unser wichtigstes Lebensmittel«, so Wiedemann. Baumit komme dem mit wohngesunden Kalkputze entgegen. Das Eco-Label garantiere die Einhaltung der VOC-Werte weit unter dem geforderten Maß.
Babara Wiedemann stellte auch den »Viva Forschungspark« vor, der auf dem Gelände der Firmenzentrale in Wopfing bei Wien entstand. Die zwölf Musterhäuser gleichen sich äußerlich. Sie unterscheiden sich aber in der Bauweise und in den eingebauten Materialien. Sensoren überwachen das Raumklima und sammeln große Datenmengen dazu an. Zu den Ergebnissen zählt, dass eine Dämmung deutlich zur Behaglichkeit beiträgt und damit das Schimmelrisiko vermieden werden kann. Außerdem kann der Innenputz je nach Material und Schichtdicke die Raumluftfeuchte regulieren.

Offenlegung der Baustoffe bringt mehr als Schlagworte

Der Bausachverständige Karl-Heinz Weinisch warnte in seinem Vortrag davor, Kunden im Bereich schadstoffarmes Bauen zu viel zu versprechen. Schon das Wort »gesund« ist aus seiner Sicht in werblichen Aussagen mit Vorsicht zu genießen, der Begriff sei Medizinern vorbehalten. Auch den Begriff »allergikergeeignet« sollten Handwerker nicht verwenden, da es sehr viele unterschiedliche Allergien gebe und man nicht sicher sein könne, was auf die Bewohner des jeweiligen Gebäudes zutreffe. Wenn man im Vertrag allergikergeeignet verspreche, sei man daran auch rechtlich gebunden.

Karl-Heinz Weinisch leitet das Institut für QualitКtsmanagement und Umfeldhygiene (IQUH). Er zeigte auf, dass nicht allein die Baustoffe, sondern auch die Einrichtung und sogar Putzmittel die Qualität der Raumluft bestimmen Dr. Roland Falk ist in die Projektarbeit am Kompetenzzentrum für Ausbau und Fassade wieder eingestiegen und stellte eine gewerkeübergreifende Fortbildung vor Harry Luik, Architekt und Stuckateurmeister, rät zu einer gesamtheitlichen Betrachtung. Das Beraten und Analysieren imprivaten Umfeld der Bewohner erfordert Fingerspitzengefühl, umdas Vertrauen der Kunden zu gewinnen
Karl-Heinz Weinisch leitet das Institut
für QualitКtsmanagement und
Umfeldhygiene (IQUH). Er zeigte auf,
dass nicht allein die Baustoffe, sondern
auch die Einrichtung und sogar Putzmittel
die Qualität der Raumluft bestimmen
Dr. Roland Falk ist in die Projektarbeit
am Kompetenzzentrum für Ausbau und
Fassade wieder eingestiegen und stellte
eine gewerkeübergreifende Fortbildung
vor
Harry Luik, Architekt und Stuckateurmeister,
rät zu einer gesamtheitlichen
Betrachtung. Das Beraten und Analysieren
imprivaten Umfeld der Bewohner
erfordert Fingerspitzengefühl, umdas
Vertrauen der Kunden zu gewinnen

Besser als solche Schlagworte sei eine Offenlegung der verwendeten Baustoffe. Vor allem in öffentlichen Gebäuden sei zudem eine korrekte Lüftungsplanung notwendig. »In Schulen muss die Messung des CO2-Wertes am besten an einzelnen Schülerarbeitsplätzen erfolgen«, forderte Weinisch. Neben Lüftung sei Verschattung zentral, vor allem, um VOC zu reduzieren, die bei Hitze vermehrt freiwerden. Und man dürfe nicht vergessen, neben den Baustoffen auch die Möbel beim Innenraumklima zu beachten. Die meisten Beanstandungen, die das Wohnklima betreffen, werden mit einer Geruchsentwicklung begründet und landen dann auch öfters vor Gericht. »Gutes Raumklima gehört geplant«, forderte Weinisch, dazu gehöre die ganzheitliche Betrachtung von Baumaßnahmen, Einrichtung und sogar der verwendeten Reinigungsmittel.

Weiterbildung »Meister des Raumklimas«

Der Kunde kauft ein Gefühl und will sich nicht mit Produkten auseinandersetzen. Der Bedarf an Beratung durch kompetente Fachleute ist damit gegeben. Diese sollten auch über breite Kenntnisse verfügen, da das Raumklima von verschiedenen Faktoren, durch Konstruktionen und Materialwahl der unterschiedlichen beteiligten Gewerke beeinflusst werden. Hier setzt ein neues gewerkeübergreifendes Weiterbildungsangebot an, das Roland Falk vom Kompetenzzentrum für Ausbau und Fassade vorstellte. Der Abschluss zum »Meister des Raumklimas« markiert den ersten Schritt. Darauf aufbauend führt der Weg zum Sachverständigen für Raumklima mit entsprechender Akkreditierung und Qualifizierung. Start ist im Mai 2019 im Kompetenzzentrum Rutesheim. Infos unter: www.stuck-komzet.de

Es sei viel Halbwissen unterwegs, stellte Harry Luik, Stuckateurmeister und Sachverständiger, fest. Wenn es um die Gesundheit geht, überlagern sich Ängste und Wünsche und führe zur Verunsicherung. Auch wird versucht, mit Angstmacherei, Skandalisierung und groben Verallgemeinerungen Markt zu machen. Der Ansatz von Luik ist dagegen ein anderer. Er sieht den Kunden als Klient, der als Individuum betrachtet werden muss. Dies gilt im Besonderen bei Sanierungs- oder Umbaumaßnahmen. Dabei kommt es nicht nur auf die Analyse der Bausubstanz an.

In den Pausen gab es Gelegenheit für Gespräche und NetzwerkenIn den Pausen gab es Gelegenheit für Gespräche und Netzwerken In den Pausen gab es Gelegenheit für Gespräche und Netzwerken
In den Pausen gab es Gelegenheit für Gespräche und Netzwerken

Er als Fachunternehmer will die Bedürfnisse des Bauherren und der Bewohner erfahren und was sie bewegt. Um dies herauszufinden, sind manchmal lange Gespräche und gutes Zuhören wichtig. Um zu einer akzeptierten Lösung zu kommen, muss er Probleme und Tabuthemen erkennen. Denn es gilt einen gemeinsamen Weg zu finden, den der Kunde bereit ist, mitzugehen. »Es gibt nicht die Universallösung«, so Luik. Nach diesen Überlegungen, die zum Nachdenken anregten, zeigte er imposante Praxisbeispiele.

Nationaler Asbest-Dialog arbeitet an Empfehlungen

Auf das Thema Asbest ging Thomas Wagner ein. Seit 1995 ist die Verwendung von Asbest endgültig im Bauwesen in Deutschland verboten. Bei immer neuen Produktgruppen tauche Asbest auf, »Leibungsputz und Fliesenkleber hatte man lange nicht auf dem Schirm«, nennt Wagner ein Beispiel. Insgesamt wurden 3500 Produkte mit der einstigen »Wunderfaser« ausgestattet. Im Mai 2017 wurde ein nationaler Asbest-Dialog gestartet, Wagner ist einer der knapp 50 Teilnehmer. Darin werden in den nächsten Monaten praxisnahe Hilfestellungen für den Umgang mit Asbestlasten im Baubestand erarbeitet.

Asbest ist schon seitmehr als zwei Jahrzehnte im Bauwesen nichtmehr erlaubt. Dennoch sieht Thomas Wagner weiterhin Aufklärungsbedarf im Umgang damit. Damit beschäftigt er sich auch im nationalen Asbest-Dialog, der praxisnahe Handlungsanleitungen entwirft In der Verbindung von umweltfreundlichen Materialien und Gestaltung sieht Stuckateurmeister Heinrich Walther eine Marktchance. Zur Vermarktung nutzt er verstärkt die sozialen Medien Sachverständiger Robert Kussauer gab praxisnahe Tipps zur Schimmelsanierung: von der Planung und Vorbereitung bis zur schrittweisen Durchführung einschließlich der Schutzmaßnahmen
Asbest ist schon seitmehr als zwei
Jahrzehnte im Bauwesen nichtmehr erlaubt.
Dennoch sieht Thomas Wagner weiterhin
Aufklärungsbedarf im Umgang damit.
Damit beschäftigt er sich auch im
nationalen Asbest-Dialog, der praxisnahe
Handlungsanleitungen entwirft
In der Verbindung von umweltfreundlichen
Materialien und Gestaltung sieht
Stuckateurmeister Heinrich Walther
eine Marktchance. Zur Vermarktung nutzt
er verstärkt die sozialen Medien
Sachverständiger Robert Kussauer gab
praxisnahe Tipps zur Schimmelsanierung:
von der Planung und Vorbereitung bis zur
schrittweisen Durchführung einschließlich
der Schutzmaßnahmen

Ebenso wenig wie ein Bau als allergikergeeignet vermarktet werden sollte, solle man nach einer Schimmelsanierung Sporenfreiheit versprechen, erklärte Schimmelfachmann Robert Kussauer. Stattdessen solle man sich auf einen Referenzwert aus nicht befallenen angrenzenden Räumen beziehen. Klare Worte gab es zum Thema Foggen, bei dem Wirkstoffe nach der Sanierung vernebelt werden. »Das bringt nur etwas für den Geldbeutel – und zwar nur für den Ausführenden«, so der Sachverständige aus Leutkirch, der sich im Netzwerk Schimmelpilzsanierung engagiert.

Einen neuen Blick auf das gesunde Bauen vermittelte Heinrich Walther. Der Stuckateur aus Kaarst verbindet das ökologische Bauen mit gestalterischen Aspekten. Nach seiner Analyse gibt es nicht nur interessierte, sondern auch zahlungskräftige Zielgruppen. Walther bestätigte damit die Einschätzung von Moderator Dr. Meyer-Henschel in seiner Einleitung. Das Marketing zählt zu diesen Gruppen von Verbrauchern die LOHAS (Personen mit gesundem und nachhaltigem Lebensstil), Generation Y oder 50+. Der Fachunternehmer kann sich so neue Absatz- und Verdienstmöglichkeiten erschließen. Mit Beispielen aus seiner Praxis als »Wand(kunst)gestalter« zeigte Walther anschaulich, mit welcher Kreativität er diesen Nischenmarkt angeht. Er verriet auch, wie er das Zielpublikum auf sich Aufmerksam macht: Die sozialen Medien spielen dabei eine wichtige Rolle.

Schon jetzt vormerken: Der 4. Ausbau-Kongress findet am 7. November 2019 im Kompetenzzentrum Rutesheim statt.

 

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