01. Januar 2016

Von Tempo Hundert auf Null

Helfensteiner Ausbau und Fassade - Von Tempo Hundert auf Null

Einen Betrieb an den Nachfolger zu übertragen ist nicht so einfach. Das Los­lassen fällt vielen schwer. Die Gefahr, ins Leere zu fallen, ist groß. Die Meisten jedoch freuen sich schon Jahre vorher auf die Zeit nach dem Betriebsübergang.

Wie viele vor ihm schlitterte der gerade erst 62-jährige Herr Altmeister mehr oder minder von heute auf morgen in den Ruhestand. Der Betrieb wurde auf dem Papier formal übergeben. Sein Nachfolger trägt seither die Verantwortung. Herr Altmeister ist jetzt Seniorchef. Was ihm vorher in dieser Konsequenz so nicht klar war: Von Hundert auf Null ist mindestens so schwierig wie von Null auf Hundert. Sein Alltag und der gewohnte Lebensrhythmus ­änderten sich augenfällig. Unternehmerische Erfolgserlebnisse und Aufgabenbereiche fielen weg. Genauso wie die tägliche Verantwortung und Beschäftigung. Einen Großteil der Woche sitzt er jetzt zu Hause.
An eine solche Veränderung muss man sich erst einmal gewöhnen. Schließlich war der Betrieb Dreh- und Angelpunkt im Tagesablauf. Wer mit seiner Arbeit zufrieden war und sich ausschließlich über das Unternehmen definiert hat, für den stellt sich in der Folge die Frage, welchen neuen Sinn er dem Leben ­geben soll. Wer hart gearbeitet hat, dem fällt der Betriebsübergang, und in der Folge der Ruhestand, besonders schwer.

Rechtzeitig Pläne schmieden
Herr Altmeister ist kein Einzelfall. Schließlich war die komplette Arbeitswoche von Montag bis Samstag vom Alltag der Firma geprägt. Strukturen, an die man so lange gewohnt war, funktionieren jetzt nicht mehr und müssen erst durch neue ersetzt werden. Kontakte zu Kollegen, Kunden, Lieferanten oder ­anderen Handwerkern reduzieren sich. Ein neuer Alltag hält Einzug. Möglicherweise entsteht sogar eine empfundene Unstimmigkeit, wenn der Ehepartner noch arbeitet, während man selbst schon in Ruhestand ist. Kritisch wird es, wenn der Exchef zu kochen beginnt und seine Frau mehr oder weniger verrückt macht, weil er sich im Haushalt einmischt. Schließlich war die Ehefrau zu Hause immer die Chefin. Nicht selten werden Senioren, die ihren Betrieb übertragen haben, kurz darauf krank. Der eine oder andere beschäftigt sich mit sich selbst und wird Dauergast beim Arzt. Bildlich gesprochen reißt die Feder, weil die Spannung weg ist.
Ohne vernünftige Vorbereitung kann der neue Lebensabschnitt zu einer Belas­tung werden. Das muss nicht sein - ganz im Gegenteil. Mit guter Vorbereitung kann die Betriebsübergabe zu einer echten Bereicherung mit einem Mehr an Lebensqualität führen. Deshalb sollten sich Unternehmer frühzeitig ­Gedanken über die Zeit nach dem ­Betriebsübergang machen. Ein Plan für die Zeit danach ist nützlich. Es ist gut zu wissen, was man später einmal ­machen möchte. Ein Hobby kann ­helfen. Oder so etwas wie eine zweite Karriere. Zum Beispiel im Verein oder im Ehrenamt. Sinnvoll ist es auch, stunden­weise im Alter weiter zu arbeiten. Viele ehemalige Familienunternehmer arbeiten nach dem Übergang nach wie vor auf Sparflamme in der ­Firma. Das bietet echte Chancen für den Nachfolger und den Seniorchef.  

Neuen Lebensinhalt finden
Der heute 64-jährige Herr Altmeister hat sich mittlerweile mit seinem neuen Lebensabschnitt arrangiert. Zwei Jahre hat es gedauert. Hätte er sich im Voraus entsprechende Gedanken darüber ­gemacht, wie der Alltag in Zukunft ­ohne den Betrieb aussehen würde, wäre ihm der neue Lebensabschnitt leichter ­gefallen. Schließlich gibt es auch außerhalb des Arbeitslebens viele Möglichkeiten, sich sinnvoll zu betätigen. Soziale Kontakte sind so wichtig, dass man ihnen hohe Priorität einräumen sollte. Speziell in dem neuen Lebens­abschnitt sollte man Kontakte zu neuen Menschen in unterschiedlichem Alter knüpfen. Beziehungen und Freundschaften können sich auch verändern. Empfehlenswert ist es, sich mit Kollegen zu solidarisieren, die in der gleichen Situation sind. Sie erleben das Gleiche. Mit ihnen kann man reden. Manche Freundschaft ist auf diese Weise entstanden. Es geht um nichts weniger als um einen neuen Lebensinhalt.
Das alles ist bekannt und nichts Neues. Neu ist allerdings, dass es immer mehr Ältere gibt und wir eine längere Lebens­erwartung haben. Ein Großteil der Senioren verbringt diesen Lebens­abschnitt in gesundem Zustand.

Öfters Pausen einlegen
Spätestens im Alter von 55 Jahren, ­besser früher, sollte man sich Gedanken über die Zeit nach dem Betriebsübergang machen. Das fängt mit der klassischen Altersvorsorge an, verbunden mit der Frage, wie viel Geld für das Alter zur Verfügung steht? Welchen Lebensstil kann ich mir dann noch leis­ten und wie viel Krankenkassenbeitrag muss gezahlt werden? Was bedeutet es für die Familie, wenn ich einen Großteil der Woche zu Hause bin?
Grundsätzlich ist es sinnvoll, bereits in jüngeren Jahren des Öfteren die eine oder andere Pause einzulegen. Eines sollte man sich stets bewusst machen:  Der Betriebsübergang und die höhere Lebenserwartung bieten  Zeit für neue Wege. Zeit für sich und die Familie.
Zeit zum Leben.
     
F. Helfensteiner

Abbildungen: Fotolia                                                                                                    Ausgabe: 7-8/2013

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