01. Januar 2016

»Kein Tag gleicht dem anderen!«

Stuckdesign_Wuerth-2 Ausbau und Fassade - »Kein Tag gleicht dem anderen!«

Die Entscheidung, einen handwerklichen Beruf zu erlernen, hat Heidi Würth nie bereut. Die Stuckateurmeisterin aus Hechingen-Boll hat nicht nur Freude an ihrer Arbeit, sie hat auch mit ihrem Ehemann Ralf in den vergangenen zwölf Jahren einen renommierten und erfolgreichen Betrieb aufgebaut.

Laut aktuellen Statistiken sind über 75 Prozent aller Handwerksbetriebe ­Fami-lienunternehmen, die von einem Ehepaar geleitet werden. Dieser Trend ist nicht neu: Seit vielen Jahren ­nehmen Unternehmerfrauen vielfältige Führungsaufgaben wahr und sind sozusagen als »zweiter Chef« im Betrieb ­beteiligt. Um ein solches Unternehmen handelt es sich auch bei der Firma »Stuckdesign Würth« aus Hechingen-Boll (Regierungsbezirk ­Tübingen), die nur wenige Kilometer unterhalb der prächtigen Burg Hohenzollern angesiedelt ist und seit dem Gründungsjahr 2000 eine beeindruckende Erfolgs­geschichte ­geschrieben hat. Dort, am Rande der Schwäbischen Alb und da­rüber hinaus, genießt der Handwerks­betrieb von Heidi und Ralf Würth mittlerweile seit über einem dutzend Jahren ­einen sehr guten Ruf.
Die Stuckateurmeisterin Heidi Würth ist nicht nur im Geschäft ihres Gatten fest angestellt, sie arbeitet auch freiberuflich als Ausbilderin in der Meisterschule Rottweil, wo sie Stuckateur-Azubis im ersten Lehrjahr sowie angehende ­Stuckateurmeister fachspezifisch unterrichtet. Eine reife Leistung für eine Frau, die ­beruflich ­eigentlich etwas ganz ­anderes ­machen wollte.

Berufswunsch Tierarzthelferin
Von väterlicher Seite war Heidi Würth schon mit dem Stuckateurhandwerk vertraut, denn dieser führte die Firma Kurt Gessner in ­Hechingen. Doch die Tochter interessierte sich zunächst eher für Pferde und Reitsport, daher war ihr ­Wunsch »Tierarzthelferin« zu werden, nach dem Realschulabschluss im Jahre 1984 leicht nachzuvollziehen.
»Wegen dem damaligen ­Jugendarbeits-schutzgesetz und den ungünstigen ­Arbeitszeiten hat das damals nicht ­geklappt«, erinnert sie sich. »Mein Vater hat mir geraten, eine Ausbildung zur Stuckateurin zu machen. Er meinte, dass man alles lernen kann, wenn man nur will. Eine ­abgeschlossene ­Berufs­ausbildung sei schließlich immer von Vorteil.«
Gesagt — getan! Nach nur eineinhalb Jahren (Lehrzeitverkürzung) schloss sie die ­Gesellenprüfung 1986 mit der Note 1,9 ab. Doch die begeisterte Reiterin ließ sich von ihrem alten Traum nicht abbringen: Mit etwas Verspätung — von 1986 bis 1989 — absolvierte sie eine Aus­bildung zur Tierarzthelferin im ­benachbarten Rottenburg. Nebenbei ­arbeitete sie als »Büroassistentin im Handwerk« bei ihrem Vater und schloss die dazugehö­rige Fortbildung mit IHK-Zertifikat ab. Das niedrige Gehalt und die schlechten beruflichen Perspektiven als Tierarzthelferin waren nach Ausbildungsende Anlass genug, um ­ihre ­Berufswahl noch einmal zu überdenken.  Heidi Würth: »Ich bin dann wieder als Stuckateurin bei meinem Vater eingestiegen und ­habe mich 1990 bei der Meisterschule in Heilbronn ange­meldet.« Eine Entscheidung mit Folgen — sie lernte dort nicht nur die Stucka­teurin Marion Pawlak (siehe a+f 10/11, S. 48) kennen, mit der sie seither eng ­befreundet ist, sondern begegnete in dieser Meisterklasse auch ihrem zukünftigen Ehemann Ralf Würth.

Meisterliche Restauratorin
Die Klasse vertrug sich gut, private ­Bande wurden aber (noch) nicht ­geknüpft. 1991 hatte Heidi Würth ihren Meisterbrief in der Tasche. Ihr »Klassenkamerad« Ralf schloss sogar als Jahrgangsbester ab. Die junge Meisterin war jetzt richtig im »Lernmodus« ange­kommen: Einem Praktikum bei Andreas Scheideck in Konstanz ließ sie eine ­Restauratoren-Ausbildung in der ­Propstei Johannesburg/Fulda folgen.
Zum schicksalhaften Wiedersehen mit Ralf Würth kam es 1992, als die Handwerkerin den Auftrag ­bekam, das Pfarrhaus in Weilheim-­Hechingen ­instand zu setzen. »Vor Ort musste Stuck gezogen werden«, erinnert sie sich. »Ich habe Ralf um Unterstützung gebeten, da er dies in der Meister­schule so gut ­beherrscht hat. Und er versprach sich von mir Tipps für seine Restauratoren-Ausbildung. So ­haben wir uns ein zweites Mal kennengelernt«, erzählt Heidi Würth. Das Paar heiratete 1994, nur ein Jahr später kam Sohn Timo auf die Welt. Adina (1996) und Kim Elias (2000) komplettieren die Familie.

Betriebsinhaber und Ausbilder
»Meisterschule Rottweil sucht Ausbildungsmeister« hieß es in der ­Stellen-anzeige, die Heidi Würth 1993 in der Tageszeitung entdeckte. Sie bewarb sich spontan und bekam den Job. Zehn Jahre lang war sie dort fest angestellt, seit 2003 füllt sie wegen der familiären ­Umstände und der knapper ­gewordenen Zeit das Lehramt — so wie ihr Ehemann (seit 1996) — freiberuflich aus.
Als Heidis Vater im Jahr 2000 in Rente ging, startete die junge Familie in ­Sachen Selbstständigkeit richtig durch: Seine Werkhalle und das Werkzeug wurden gepachtet, die Firma »Stuck­design Würth« aus der Taufe gehoben. »Seither gleicht kein Tag dem anderen«, erläutert Heidi. Sie kümmert sich morgens und nachmittags um die Kinder, ­zwischenzeitlich erledigt sie die Mate­rialbestellungen, abends kümmert sie sich um die Buchhaltung und schreibt Angebote und Rechnungen. »Privat­leben und ­Arbeit sind bei uns eins, ­beides geht ­ineinander über.«
Aktuell bildet das Ehepaar mit den ­angestellten Stuckateuren ­Andreas ­Fuderer und ­Gerald Mago ein schlagkräftiges Team. Ab September wird es noch besser, dann steigt Sohn Timo als Lehrling in den elterlichen Betrieb ein. Er kann sich auf eine sehr gute Ausbildung freuen, schließlich wurde Matthias Kästle, der aktuelle Sieger im Bundes­leistungswettbewerb der Stuckateure, von seinem Vater ausgebildet.

Positive Entwicklung
Die vielseitige Arbeit kam Kästle gewiss zugute, denn das Leistungsspektrum des schwäbischen Betriebs reicht von der Altbausanierung, Innen- und Außenputzen, Fließestrich bis hin zu ausgefallenen Arbeiten wie Stuckmarmor. »Daher kommt auch der Begriff Stuckdesign in unserem Firmennamen«, ergänzt Heidi Würth. Die Auftragsbücher für das Frühjahr sind schon gut gefüllt, so wie es auch in den vergangenen Jahren der Fall war. Die Geschäftsfelder »ener­geti­sche ­Sanierung« und »Renovierung« werden auch für das Hechinger Stuckateur-Ehepaar immer größer und wichtiger. Mit ihrer Berufswahl ist Heidi Würth jedenfalls sehr zufrieden: »Es hat sich alles positiv entwickelt. Als Frau muss man schon ein paar Kämpfe durchstehen, aber der Wille ist entscheidend. Wie man sieht, bietet der Stuckateurberuf viele Möglichkeiten.«

dm

Abbildungen: Mioc/Würth                                                                                                   Ausgabe: 5/2012

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