01. Januar 2016

Vielseitigkeit als Trumpfkarte

Stuckateurin_Haisch_1 Ausbau und Fassade - Vielseitigkeit als Trumpfkarte

Der Stuckateurberuf ist auch für Frauen empfehlenswert, behauptet Heike ­Haisch. Die 33-Jährige hat sich mit einem akademischen Abschluss für das
Handwerk sowie den Betrieb ihrer Eltern entschieden und es nicht bereut. 

Über die Frage, ob Sie als junge Stuckateurmeisterin bei Hausbesitzern gelegentlich auf Verwunderung oder ungläubiges Staunen getroffen ist, kann Heike Haisch nur herzlich lachen. Denn die 33-jährige Handwerkerin aus Gschwend (Ostalbkreis, nördlich von Schwäbisch Gmünd) hat in ­ihrer Laufbahn durchweg positive Erfahrungen gemacht. »Sicher, Handwerkerinnen ­findet man in der Bau­branche noch eher selten, aber meine Kunden haben ausnahmslos positiv reagiert und waren eher neugierig auf mich und meine Arbeitstechnik.« Bereits seit dem Jahr 2008 ist Heike bei ihrem Vater Manfred, Geschäftsführer der Munz + Kurz OHG, angestellt und eine feste Größe im zehnköpfigen Team des Traditionsunternehmens. Eigentlich hatte sie eine ­Karriere im handwerklichen Bereich gar nicht geplant.

Kurswechsel und Studium
»1998 habe ich das Abitur ­gemacht. Schon während meiner Schulzeit am Gaildorfer Gymnasium habe ich ­regelmäßig nebenher im Gastronomiebereich ­gejobbt, so dass ich mich zunächst für eine Ausbildung zur ­Restaurantfachfrau entschieden habe«, erzählt sie. Die Lehre war nach zwei Jahren erfolgreich abgeschlossen, zwei Schicksalsschläge veränderten aber ihre beruf­lichen Pläne für immer.
»Im Jahr 2000 starben mein Uropa und meine Uroma, zu denen ich eine sehr enge Verbindung hatte. Mir fiel auf, dass ­unser Betrieb, den es schon seit 1933 gibt, nach dem Renteneintritt meines Vaters nicht mehr existieren würde. Das wollte ich auf jeden Fall verhindern.« Mit der ihr eigenen Gründlichkeit und Entschlossenheit ging sie die Sache planmäßig an: 2001 begann Heike ein Studium der Betriebswirtschaft für kleine und mittelgroße Unternehmen in Aalen, welches sie 2006 mit der ­Diplomarbeit »Unternehmensübergabe im Handwerk« erfolgreich abschloss. ­Direkt im Anschluss, von 2006 bis 2008, folgte eine Stuckateuraus­bildung bei Christine Ade in Backnang (siehe ausbau + fassade 4/12, S. 44). Heike: »Ich wollte ganz bewusst nicht im elterlichen Betrieb ausgebildet ­werden, wo mich alle von klein auf her kennen, ­sondern wollte ein neues Umfeld, neue Gesichter und neuen Input.«
Dass sie in ihrer Berufsschulklasse das einzige Mädchen war, stellte kein Prob­lem dar. Der Umgang mit Jungs und ­deren Sprüche sind der Unternehmertochter vertraut - mit ihrer fröhlichen, unkomplizierten Art, aber auch mit ihren fundierten Branchenkenntnissen ­gewann sie schnell die Sympathien und den ­Respekt von Mitschülern und ­Kollegen.

Heimkehr und Meisterbrief
Nach der Lehre kehrte sie als frisch­gebackene Gesellin in das Familien­unternehmen Munz + Kurz zurück. Schon ein Jahr später (2009) hatte ­Heike den Meis­terbrief in der Tasche. Seither ­unterstützt sie ihre Eltern mit Rat und Tat im Büro sowie auf der Bau­stelle. ­Soviel steht fest: Wenn Manfred Haisch in zwei, spätestens drei Jahren in den Ruhestand geht, ist sein Betrieb weiterhin in guten Händen.
»Ich bin gerne auf der Baustelle, aber leider muss ich meistens sehr viel Verwaltungs- und Organisationsarbeit er­ledigen«, bedauert Heike. Ihre bevorzugten handwerklichen Fertigkeiten in den Bereichen Stuck, Stuckmarmor und Oberflächengestaltung würde sie gerne öfter einsetzen. Die körperliche Unter­legenheit als Frau im Vergleich zu den männlichen Kollegen sei zwar nicht wegzudiskutieren, gesteht sie. Das handwerkliche Können bei der Fein­arbeit, die betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten und das Einfühlungs­vermögen für die Wünsche der Kunden seien aber ebenso wichtige Eigenschaften, die diesen Umstand mehr als nur ausgleichen würden.

Flexibilität als großer Vorteil
»Wir sind ein klassischer mittelstän­discher Stuckateurbetrieb mit einem sehr breiten Leistungsangebot − verstehen uns also als Allrounder«, sagt Heike. »In unserem ländlichen Kerngebiet um Schwäbisch Gmünd, Aalen und Schwäbisch Hall muss man vielseitig bleiben und sich nicht nur auf wenige Schwerpunkte reduzieren. Wir sind für ­unsere ­Kunden auf der Baustelle gewerke­übergreifend der erste Anprechpartner. Ganz nach dem Motto der Stuckateurbranche: Können wir, machen wir!«
Da ihr der Beruf großen Spaß macht, sind die langen Arbeitszeiten auch zu schaffen. Heike: »Ein Arbeitstag fängt bei mir morgens um halb sieben an und hört ­gegen 18.30 Uhr auf. Zwei, drei abendliche Kundengespräche in der Woche kommen noch hinzu.« Die Zeit, die sie für die Innungsarbeit und den Meis­terprüfungsausschuss Stuttgart (seit 2010) aufwenden muss, ist da noch gar nicht miteinberechnet.
Erst im Winter ist der nächste Urlaub geplant. Heike wird dann ihr Patenkind in Indien besuchen. Bis dahin müssen aber noch zahlreiche Aufträge abge­arbeitet werden. Heike: »Für mich persönlich ist es sehr wertvoll, dass ich vom Erfahrungsschatz meiner Eltern profitieren kann. Anderen jungen Frauen kann ich den Stuckateurberuf ebenfalls empfehlen, allerdings sollten sie ernsthaftes ­Interesse mitbringen, rechnen und den Baustellenalltag aushalten können. Die körperliche Arbeit ist ein Teil dieses ­Berufs.«

dm

Abbildungen: Mioc/Haisch                                                                                        Ausgabe: 9/2012

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