05. Februar 2019

Alte Schätze neu entdeckt

7_Esslingen_Ritterstr_1_Westfassade_Endzustand_1 Ausbau und Fassade - Alte Schätze neu entdeckt
Aus alten Gebäuden wieder echte Schmuckkästchen zu machen erfordert sowohl historisches Wissen, als auch technisches Können. Restaurator RüdigerWidmann verfügt über die nötige Expertise auf beiden Gebieten. In diesem Fall konnte er einem Gebäude in Esslingen zu altem Charme und neuem Glanz verhelfen

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Wenn marode Gebäude und ruinenähnliche Immobilien wieder funkeln und glänzen, dann hat das oft mit Rüdiger Widmann zu tun. So machte der Stuckateur und Restaurator von ­Architekturoberflächen seinen Traum zum Beruf ­– alte Schätze zu bewahren. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Widmann, es gibt Ausbildungsberufe, bei welchen sofort klar ist wo man später hinkommt. Beim Restaurator ist das nicht der Fall, es gibt mehrere Wege. Wann begann bei Ihnen der Wunsch, sich um den Erhalt historischer Bausubstanz zu bemühen?

Schon während meiner Lehre als Stuckateur. Wir haben in der Altstadt von Stuttgart Altbauhäuser ­saniert. Das hat bei mir Interesse geweckt.

Abitur, Ausbildung zum Stuckateur, Berufsziel Restaurator. Welcher Teil Ihres Lebens hat Sie mehr geprägt – die praktische Ausbildung oder Ihre »akademischen« Studien zu historischen Gebäuden?

Das Praktische hat mich immer mehr begeistert. Auch wenn man ohne gutes Hintergrundwissen nicht produktiv wirken kann. Das »akademische Wissen« braucht man auch. Wenn man die bauhistorischen und wissenschaftlichen Zusammenhänge nicht kennt, dann begreift man auch nicht, was man sieht. Man muss die Bausubstanz begriffen haben, um kompetent renovieren zu können.

Die Putzdecke im Schloss Bläsiberg bei Tübingen, eine neugotische Bemalung im Schloss Lichtenstein bei Reutlingen, die Marienkirche in Reutlingen und in Ihrem Wohnort Tübingen beispielsweise das Rathaus und das Schloss – als Restaurator sind Sie ein echter Alleskönner. Welche Techniken begeistern Sie besonders?

Ganz klar – der Lehmputz. Lehmputz macht Spaß und ist unkompliziert. Daher ist er gerade auch für Fachwerkhäuser, aber auch sonst für Innenräume bauphysikalisch perfekt geeignet.

Auch in einer altehrwürdigen Universitätsstadt setzten Witterungen und andere Prozesse historischer Gebäudesubstanz zu. Das Giebeldreieck der Tübinger Alten Aula war in einem schlechten Zustand. Das Bild zeigt den Vorzustand. Und so wurde aus Alt ... Auch in einer altehrwürdigen Universitätsstadt
setzten Witterungen und andere Prozesse
historischer Gebäudesubstanz zu.
Das Giebeldreieck der Tübinger Alten Aula war
in einem schlechten Zustand.
Das Bild zeigt den Vorzustand.
Und so wurde aus Alt ...

Wer Restaurator ist muss sich – gerade bei Gebäuden – in einer Vielzahl an Gwerken auskennen. Ein Restaurator sollte das Handwerk der Stuckateure, Zimmerleute und Steinmetze ebenso kennen, wie mit historischen Maltechniken und Baustilen bekannt sein.  Sehen Sie sich eher als Spezialist oder Universalist?

Als Universalist. Auch wenn ich nicht alle Handwerke persönlich ausüben kann, verfüge ich überall über einen Einblick. Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann – wenn ich etwas nicht kann, dann lasse ich das die anderen Spezialisten machen.

... Neu. Das Bild zeigt den Endzustand der Renovierung amGebäude. Das Wappen erstrahlt in neuem Glanze
... Neu. Das Bild zeigt den Endzustand der Renovierung am Gebäude.
Das Wappen erstrahlt in neuem Glanze

Als Restaurator haben Sie unglaublich viele historische Gebäude betrachten und bearbeiten können. Welches Projekt hat Sie am meisten fasziniert?

Eine historische Häuserzeile in Reutlingen hat mich ganz besonders fasziniert. Da sind die Gebäude schon über 700 Jahre alt. Die ganze Voruntersuchung, die Auswertung der Befunde, was man da alles entdecken kann über die Geschichte eines Hauses war genial.

Auch im Handwerk spielt die Digitalisierung eine stärkere Rolle. Wie weit trifft das auch auf einen »konservativen« Beruf wie den des Restaurators zu?

Bei der Dokumentation auf jeden Fall. Man muss Objekte vor dem Arbeitsauftrag untersuchen, damit man das Gebäude genau auf seine Oberflächen oder die Details – beispielsweise Malereien – prüfen kann. Auch die Raumausstattung, Fenster und weitere Elemente spielen bei einer modernen und gleichermaßen historischen Sanierung eine wichtige Rolle.

Auch in Schloss Lichtenstein wurde Widmann tätig. Eine neugotische Bemalung und beflockte Tapeten im gesamten Schloss standen ebenso auf dem Programm, wie Putz- und Stuckergänzungen
Auch in Schloss Lichtenstein wurde Widmann tätig.
Eine neugotische Bemalung und beflockte Tapeten im
gesamten Schloss standen ebenso auf dem Programm,
wie Putz- und Stuckergänzungen

Spricht man mit Menschen aus dem Handwerk fällt immer wieder der Begriff des »Fachkräftemangels«. Trifft das auch auf die Gebäuderestauratoren zu? Wie können Sie junge Menschen für ihren Beruf begeistern – und welche Ausbildungswege empfehlen Sie?

Es gibt ja mehrere Ausbildungswege. Den klassischen akademischen Ausbildungsweg übers Studium oder auch den Zugang übers Handwerk. Den Weg habe ich auch gewählt. Nach einer Ausbildung oder Lehre kann man auch den Titel eines Restaurators im Handwerk erwerben. Einen Fachkräftemangel gibt es bei uns bisher nicht. Dennoch weiß ich von Kollegen dass sie immer weniger Praktikanten ausbilden – weil es ihnen zu anstrengend ist und zu kompliziert auch aus finanziellen Gründen. Ich aber bin überzeugt davon, dass man Berufseinsteiger unterstützen sollte – damit sie die Chance auf eine Zukunft haben. Ich selbst habe eine Praktikantin. Ich wurde auch ausgebildet, also bilde ich auch aus.

Zum Abschluss verraten Sie uns doch bitte noch etwas über zukünftige Projekte. Was wird Ihr kommendes Projekt sein?

Fürs kommende Jahr haben wir einiges vor. Stuckarbeiten im Rektorat der Universität Tübingen, historische Fenster im Schloss von Biberach, Wandgemälde in den Pfullinger Hallen – und dann sehen wir mal was die Zukunft noch bringt.     

Und so erstrahlt die Bemalung des Erkers des Rittersaals nach erfolgter Rekonstruktion in neuem Licht Und so erstrahlt die Bemalung des Erkers des Rittersaals
nach erfolgter Rekonstruktion in neuem Licht

 

Interview: Wolfram Hülscher

 

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