30. September 2019

Altbau wird zum Effizienzhaus Plus

Das Dach wurde mit insgesamt 29 cm Mineralwolle gedämmt. Foto: Knauf/Alexander Laljak

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Aus einem alten Gutswohnhaus im Beelitzer Ortsteil Zauchwitz wurde ein Effizienzhaus Plus, das heute mehr Endenergie produziert als es selbst verbraucht. Das Auffälligste am sanierten Gutshaus im brandenburgischen Zauchwitz ist vielleicht, dass abgesehen von der neuen und frischen Fassade rein äußerlich kaum etwas auffällt.

Die Hofseite zeigt mit mehreren Austritten, großzügigen Verglasungen und den PV-Modulen auf dem Dach moderne Funktionalität. Foto: Knauf/Stephan KlonkDoch tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Fassade ein Projekt der besonderen Art: Das Wohnhaus von 1881 wurde mit einer umfassenden energetischen Modernisierung „Auf den Weg zum Effizienzhaus Plus“ geschickt und ist als „Plusenergiehaus im Bestand“ Modellprojekt des BAKA Bundesverband Altbauerneuerung e.V. Die Modernisierung zeigt, dass weit über einhundert Jahre alte Gebäude auf ein energetisches Niveau gebracht werden können, bei dem sie rechnerisch keine Endenergie mehr verbrauchen oder sogar einen Überschuss produzieren. Vor allem aber hat der Berliner Architekt Ulrich Zink bewiesen, dass zukunftsorientierter Wohn- und Energiekomfort auch beim Bauen im Bestand ohne Verlust des speziellen Charmes und der Architektur der vorhandenen Bausubstanz funktioniert. Dreh- und Angelpunkt für ein Plusenergiehaus im Bestand ist natürlich die Wärmedämmung der Gebäudehülle, um den Heizenergiebedarf so zu senken, dass im Inneren moderne Niedertemperaturheizungen möglich werden. Auf den Außenwänden wurde das Wärmedämm-Verbundsystem Knauf Warm-Wand Plus aufgebracht. Zweilagig verarbeitete, nicht brennbare Mineralwolledämmplatten der WLG 035 mit insgesamt 24 cm Dicke stellen dabei einen U-Wert der Außenwände von 0,13 W/(m²K) sicher. Um trotz dieser Dämmstoffdicke keinen architektonischen „Schießscharteneffekt“ an den Fenstern zu bekommen, gab Ulrich Zink die alten Fensteranschläge auf und setzte die neuen Fenster weit nach außen an die Dämmstoffebene. Das Wärmedämm-Verbundsystem inklusive seines Putzes führte der Putz- und Fassadenbaubetrieb von Mike Ensminger aus dem brandenburgischen Nennhausen aus. 
Trotz der Fassadendämmung mit insgesamt 24 cm Mineralwolle entstehen an den Fenstern klassische Proportionen. Foto: Knauf/Bernd GallandiDer durchgefärbte mineralische 3 mm-Scheibenputz SP260 mit Egalisationsanstrich, aber auch die sorgfältig ausgeführten weißen Fensterfaschen greifen ländliche Bautraditionen auf. Sie geben ebenso wie das als Fertigteil auf die Dämmung geklebte und gedübelte Gesims dem Gebäude Struktur und Rhythmus. „Es sind diese scheinbaren Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck der Fassade bestimmen“, resümiert der Architekt. Was auch für die funktionalen Details gilt, die frühzeitig in der Planung berücksichtigt werden müssen. Zum Beispiel die in die Wärmedämmung integrierten thermisch getrennten Befestigungspunkte, an denen der Schlosser später das Geländer wärmebrückenfrei montieren konnte.Mit dem Rotkalk Grund wurden Unebenheiten im alten Mauerwerk kompensiert. Foto: Knauf/Bernd Gallandi
Die Modernisierung des Dachs begann mit einer ausführlichen Bestandsaufnahme des alten Dachstuhls, der sich in großen Teilen als zu stark geschädigt und zu schwach für den vorgesehenen Ausbau erwiesen. Trotzdem wurde im Sinne der größtmöglichen Bewahrung auf einen kompletten Dachneubau verzichtet. Stattdessen ist die Wohnatmosphäre im Dach heute vom sichtbaren Nebeneinander alter, ausgetauschter neuer und verstärkter Holzteile geprägt. Dieses Vorgehen bot eine elegante Lösungsmöglichkeit für die Dachdämmung. Weil die ursprünglichen Sparren infolge der jahrzehntelangen Nutzung ohnehin durchhingen, wurden sie seitlich mit neuen, 240 mm hohen Sparren verstärkt, sodass ausreichend Platz für eine Zwischensparrendämmung gewonnen wurde. Zusammen mit der ergänzenden Untersparrendämmung ergibt sich ein U-Wert des Dachs von 0,14 W/m²K. Mindestens ebenso wichtig wie der Wärmedämmstoff ist am Dach mit seinen vielen Durchdringungen die luftdichte Ausführung der Gebäudehülle, damit einströmende Kaltluft nicht zu Wärmebrücken und einem unnötig erhöhten Heizenergiebedarf führt. In Zauchwitz wurde deshalb das Knauf Insulation Luftdicht-Dämmsystem LDS eingesetzt, das aus Dampfbremsen wie der eingesetzten feuchtevariablen Dampfbremsbahn EtaPlus sowie Klebebändern und Dichtklebern für alle Überlappungen und Anschlüsse an Wände und Holzbauteile besteht. Der Bauherr und sein Architekt verwendeten viel Sorgfalt auf die wirklich vollständige Verklebung aller Stöße und Anschlüsse mit den jeweils darauf abgestimmten Klebematerialien. Ein erheblicher Zeitaufwand, der sich aber gelohnt hat: Die spätere Blower-Door-Messung ergab eine Leckrate von nur 0,42/h. Selbst die Passivhausvorgaben von 0,6/h konnten unterboten werden.

Der Trockenbau bot die Möglichkeit Nischen in die Wand zu integrieren. Foto: Knauf/Stephan Klonk Der Kalkputz erfüllt hohe Ansprüche an Raumluft und Wohnqualität. Foto: Knauf/Stephan Klonk

 Erneuerbare Energien aus Erde und Sonne
Mit Trockenbausystemen für Wände und Decken konnten in Zauchwitz selbst dicke Rohrbündel einfach verlegt werden. Foto: Knauf/Alexander LaljakDas Gebäude bezieht seine Energie aus drei jeweils 60 m tiefen Bohrungen, aus denen Sole hochgepumpt und in einer 8 kW-Wärmepumpe mit einer Leistungszahl von  = 4,7 in Heizwärme umgewandelt wird. Die Wärmepumpe ist reversibel. Den Prozessstrom der Wärmepumpe gewinnen zum großen Teil PV-Module auf dem Dach, deren Abwärme zusätzlich über einen Wärmetauscher in den Heizspeicher im Keller eingespeist wird. Für die Heizung der einzelnen Räume dienen Fußbodenheizungen, für die angesichts der im Bestandsbau vorgegebenen Raumhöhen Systeme mit besonders niedriger Aufbauhöhe verwendet wurden. „Dazu hat uns aber nicht allein der geringe Höhenverlust bewogen“, erklärt Ulrich Zink ein weiteres wichtiges Detail seiner Planungen. „Fußbodenheizungen mit kleiner Bauhöhe bedeuten auch wenig Masse und damit eine schnelle Reaktionszeit.“ Eine Lüftungsanlage stellt bei der hochwertigen energetischen Modernisierung von Bestandsbauten oft ein unüberwindliches Hindernis dar, weil nur schwer Platz für die Lüftungsrohre und Luftauslässe zu finden ist. Auch hier gab es eine pragmatische Lösung: Alle neu zu errichtenden Innenwände wurden mit Knauf Montagewänden ausgeführt. Die Trockenbausysteme reduzierten nicht nur die in den Altbau eingebrachte Baufeuchte, sie boten vor allem ausreichend Raum für die Installation der Lüftungsanlage. Die tragenden Wände des Bestandsbaus blieben erhalten und leisten mit ihrem neuen Putzaufbau heute einen Beitrag für ein feuchtigkeitsreguliertes Innenraumklima. Knauf Rotkalk wurde aus Respekt vor der ursprünglichen Bauweise gewählt, aber auch weil er speziell für hohe bauphysikalische Ansprüche an Raumhygiene, Raumluft und Wohnqualität geeignet ist. Gleichzeitig konnte der Putzbetrieb von Mike Ensminger, der nach der Fassade auch die Innenarbeiten ausführte, mit der Kombination aus Rotkalk Grund und Fein variable Putzdicken von bis zu mehreren Zentimetern ausführen und so die Unebenheiten und Lotabweichungen der historischen Wände kompensieren. Während im Erdgeschoss auf diese Weise ebene und glatte Raumoberflächen nach heutigen Vorstellungen entstanden, wurde der Putz im Dachgeschoss auf Wunsch der Bauherren in einer Pinseltechnik aufgetragen, die das Alter und die grobe Struktur des Mauerwerks zeigt. Michael Burk, Marktmanager Putz- und Fassadensysteme Knauf Gips

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