11. November 2016

Johannes hat Besseres vor

Stuckateur_Behrens_2 Ausbau und Fassade - Ausbau und Fassade
Foto: Bastian Beuttel
Foto: Bastian Beuttel

Johannes Schroeter-Behrens ist Stuckateur, Diplom-Prähistoriker und das neue Gesicht der Handwerks-Kampagne »Ich habe Besseres vor!«. Wie es dazu kam, erzählt er in unserem Interview.

Johannes Schroeter-Behrens hat recht schnell nach seinem Studium der Ur- und Frühgeschichte festgestellt, dass er nicht für die Büroarbeit geschaffen ist. Er beschloss, ein Handwerk zu erlernen. Nach nur anderthalb Jahren Ausbildung arbeitet der 32-Jährige heute als Stuckateur in Berlin.

Hallo Johannes, Du bist das neue ­Gesicht der Kampagne »Ich habe Besseres vor!« Wie kam es dazu?

Ich bekam einen Anruf aus unserem Büro: »Hast du Lust bei einer Kampagne mitzumachen?« Da habe ich sogleich eine Bewerbung abgeschickt und wurde genommen. Wie die Anfrage in unserer Firma gelandet ist, weiß ich selbst gar nicht.

Wo hast Du Deine Ausbildung absolviert und bei welchem Betrieb bist Du heute angestellt?
Ich arbeite noch im selben Betrieb, bei dem ich meine Ausbildung gemacht habe: Sebastian Rost, Meister und Restaurator im Stuckateurhandwerk GmbH in Berlin.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt in  den traditionellen Arbeiten des Stuckateurs: Das Herstellen und Ansetzen von Stuck, Rabitzarbeiten und das Verarbeiten unterschiedlichster Putze. Zurzeit ­arbeite ich an einer Schöneberger Fassade.

»Ich habe was Besseres vor« – inwiefern passt das Motto zu dir?
Das Motto passt tatsächlich sehr gut zu mir. Als ­Diplom-Prähistoriker saß ich einen Großteil der Arbeitszeit am Schreibtisch und am Computer. Ich wollte jedoch lieber doch etwas Handwerkliches machen, das liegt mir besser. Mit den Händen zu arbeiten, ist wichtig für Körper und Geist. Wenn ich nur im Büro sitze, denkt der Körper abends, er habe nichts geschafft.

Du hast also während des Studiums ­gemerkt, dass Du lieber etwas Kreatives machen willst. Vorher war Dir das noch nicht klar?
Nein, mir wurde erst nach dem Studium bewusst, dass ich auch etwas Handwerkliches machen muss – das hat mir sehr gefehlt. Davon abgesehen, hatte ich ein großartiges Studium. Es wird erst danach schwierig mit dem Berufseinstieg und einer wissenschaftlichen Laufbahn.

Wie bist Du auf den Beruf des Stuckateurs gekommen?
Geschichte und historische Gebäude liegen mir am Herzen. Mich interessierte der Bereich Restaurierung, daher überlegte ich nach meinem Studium, welche Handwerksberufe dazu passen. Und nach einem Praktikum entschied ich mich für den Beruf des Stuckateurs.

Woher kommt eigentlich Dein Interesse an ­Geschichte und historischen ­Gebäuden?
Mein Interesse kommt vermutlich daher, dass mich als Kind Abenteuergeschichten sehr interessiert haben. Da diese oft in anderen Epochen spielen oder aus diesen stammen, war es nur eine Frage der Zeit, bis für mich die Zeitabschnitte in denen die Autoren der Bücher oder die Entdecker selbst lebten, interessant wurden. Und damit auch die Prähistorie mit den Kernfragen nach Formen mensch­licher Gesellschaften und ihrer Entwicklung. Historische Gebäude waren für mich schon immer interessant. Wir haben zu DDR-Zeiten in einem alten Pfarr- beziehungsweise Bauernhaus ­gewohnt, da war noch sehr viel ursprüngliche Bausubstanz erhalten. Es muss ja nicht immer gleich ein Schloss sein. Ich bin sozusagen hineingewachsen. Auch hat mein Großvater immer versucht, alte Dinge, dazu gehören auch Häuser, zu reparieren und zu erhalten. Diese Wertschätzung habe ich übernommen. Zusammen mit dem Interesse an Geschichte, welche sich ja in den alten ­Gebäuden als Zeitzeugen wiederfinden lässt, scheint sich da ein Schema abzubilden.

Möchtest Du Dich weiterbilden, also den Meisterbrief erwerben oder Dich im Bereich Restaurierung engagieren?
Ich würde mich über eine Spezialisierung zum Restaurator sehr freuen, da mir das Erhalten historischer Bausubstanz sehr wichtig ist.

Was sagen Deine Freunde und die ­Familie zu deiner Entscheidung »pro Handwerk«?
In der Regel war die Resonanz sehr positiv. Die wenigen Zweifler ließen sich aber nach einer Weile umstimmen. Da kommt einem heutzutage zugute, dass man den Beruf frei wählen darf und eine breitere Akzeptanz für das, was man ­machen will, vorhanden ist. Niemandem nützt es, wenn ich einem Beruf nachgehe, den ich nicht selbst gewählt habe oder schlussendlich nicht gerne ausübe. Kein Spaß an der Arbeit bedeutet gleich keine Leistung oder keinen Erfolg im Job.

Welche Aspekte machen Deiner ­Meinung nach den Beruf des Stuckateurs für junge Menschen interessant?
Da gibt es einiges: Die verschiedenen Möglichkeiten einer Spezialisierung innerhalb des Berufes, zum Beispiel:
• die Arbeit in der Gipsformerei oder eben an der Fassade,
• die Abwechslung anhand unterschiedlicher Baustellen/Arbeitsaufgaben,
• im Idealfall das Erhalten von wichtiger Bausubtanz und alter handwerklicher Techniken,
• Innen- und Außenarbeiten,
• fachlicher Austausch mit Kollegen,
• anspruchsvolle Aufgaben, die qualitativ hochwertig umzusetzen sind und
• dass man so viel lernen kann.

Was ist Deiner Einschätzung nach der Grund, warum viele Jugendliche den Stuckateurberuf gar nicht kennen?
Zum einen ist das Berufsbild in der Bundesrepublik nicht einheitlich definiert. In Berlin entspricht die Ausbildung und das Berufsbild noch weitestgehend dem des klassischen Stuckateurs. In anderen Bundesländern ist der Schwerpunkt auf Weißputzarbeiten und WDVS gelegt. Ein Stuckateur ist daher auch nicht überall gleich ausgebildet. Ich kann mir vorstellen, dass den Jugendlichen nicht ganz oder nur teilweise klar ist, was ein Stuckateur so macht. Zum anderen ist es der Preis, den unsere hochtechnisierte industrielle Baukultur kostet. Ursprüngliches Handwerk und ihre Techniken sind nicht mehr so gefragt. Es wird immer mehr nach einer DIN-konformen Fertiglösung verlangt, die billig und leicht anzuwenden ist. Da ist kaum Platz für traditionelles Handwerk und damit auch einer ­geeigneten öffentlichen Wahrnehmung. Noch ein möglicher Grund ist, dass unsere Jugendlichen angehalten werden, unbedingt ihr Abitur zu machen und zu studieren, um gesellschaftlich etwas darzustellen. Da wird dann erst gar nicht nach Handwerksberufen geschaut oder daran gedacht: »Ich könnte das ja auch, wie interessant...«

Neben der Kampagne – was kann man noch tun, um das zu ändern?
Zum einen sollten Architekten und Bauherren sich über Vorteile von jahrhundertealten Bautraditionen und ihren verwendeten Materialien bewusster werden. Ich denke, durch entsprechende Architektur und Gestaltung im öffent­lichen sowie im privaten Raum kann wieder ein größeres Bewusstsein für die  alten Handwerksberufe, besonders für den des Stuckateurs, geschaffen werden. Zum zweiten muss durch bessere Verdienstmöglichkeiten und Anerkennung der handwerklichen Arbeit und ihrer Tradition, ein Anreiz für junge Menschen ­geschaffen werden, sich mit dem Beruf des Stuckateurs auseinanderzusetzen. Auch sollte an den Schulen mehr für das Handwerk getan werden. Da fallen mir spontan Projekte und Praktika ein. Oder vielleicht doch gleich eine spezialisierte Handwerkerschule nach Vorbildern wie Sportschulen – warum nicht?

Das Interview führte Damir Mioc

Ausgabe 11/2016

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