Der satte Rotton setzt sich spielend über die Struktur des Fachwerk­baues hinweg. Hier passend, da das Gebäude ursprünglich nicht fachwerksichtig gedacht war. Foto: Joachim Propfe

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Stark farbige Fassaden sind hierzulande selten – für Diplom-Farbdesigner Joachim Propfe Grund genug, das Phänomen einmal näher zu untersuchen. Denn Fassadengestaltung und ihre verschiedenfarbigen Facetten bieten regelmäßig Stoff für Diskussionen.
 
Man ist in der Heimat unterwegs und plötzlich wird der Blick magisch angezogen und kann sich nicht mehr lösen: Ein leuchtend gelbes Haus! Ein Blickfang, da muss man einfach hingucken. „Wer hat das denn ausgesucht?“, „War da jemand Farbenblind“ oder „Wie geschmacklos“ sind Phrasen, die einem sofort in den Sinn kommen. In den seltensten Fällen löst der Anblick von intensivfarbigen Fassaden hierzulande eine positive Resonanz aus. Im Urlaub im Ausland ist die Begeisterung für eine Folge von bunten Fassaden deutlich größer – da wird das Handy gezückt und die als unbeschwerte Lebensfreude interpretierte Farbigkeit erst einmal festgehalten. Ob Murano, Mexico oder Miami, da geht das – aber bitte nicht in Neustadt. Dabei würde den meisten Orten hierzulande etwas mehr Farbe wirklich gut tun. Als Farbgestalter drängen sich mir zwei Fragen auf: „Warum reagiert die Mehrheit der Zeitgenossen spontan ablehnend auf intensivere Farbtöne?“ Und: „Was sagt die Ästhetik zu farbintensiven Fassaden?“
 

Gewöhnung oder Veränderung 

Warum reagiert die Mehrheit der Zeitgenossen spontan ablehnend auf intensivere Farbtöne? Die Antwort ist, wie meist bei Farben, komplex: Der Mensch schätzt das Gewohnte und stellt sich nur ungern auf Veränderungen ein, auch bei Farbe ist das so. Überwiegend werden Fassaden hierzulande noch immer gerne in stark verhüllten Farbtönen gestaltet: Hoher Weißanteil mit ein wenig Schwarz und einem geringen Buntanteil. Dazu kommen noch Fassaden, die ihre Farbigkeit aus dem Baumaterial beziehen wie Ziegel-, Sichtbeton- oder Natursteinfassaden. Diese Materialien erreichen selten eine wirklich hochprozentige Buntheit. 40% oder 50% Buntanteil werden so gut wie nie erreicht. In diesem farblichen Umfeld fällt jede Fassade auf, die über einen deutlich höheren Buntanteil verfügt und befindet sich so außerhalb des Gewohnten – das fordert Widerspruch heraus. Außerdem sind die wenigsten Betrachter in der Lage eine Farbe neutral und objektiv zu betrachten. Hinter jeder Farbwahrnehmung steckt eine häufig auch sehr individuelle Erfahrung oder eine gewohnte Art der Farbanwendung. So werden intensiv bunte Farben im gebauten Umfeld häufig mit Werbung oder der CI in Verbindung gebracht. Intensive Farbtöne oder auch Farbkombinationen wecken daher mitunter die Erinnerung an bestimmte Marken und Unternehmen, sind so mit einer Botschaft besetzt.
 

Um nun zu einem mit Argumenten untermauerten Für und Wider farbintensiver Fassadengestaltungen zu gelangen, ist es wichtig, den oben erwähnten Widerspruch zu hinterfragen. 
 
Es kommt auf den Zusammenhang an: Dieses synthetische Apfelgrün lässt den Garten blass aussehen. Foto: Joachim Propfe Das Beige potenziert die Langeweile. Zwei oder drei Fassaden in intensiver Farbigkeit würden den Straßenzug bereichern und aufwerten. Foto: Joachim Propfe
Hier kann die zweite Frage zur Ästhetik farbintensiver Fassaden weiterhelfen: Ästhetisch betrachtet gibt es allgemein keine Rang- oder Reihenfolge von Farbtönen, ein Schön oder Hässlich, jeder Farbton hat seine Berechtigung, auch an einer Fassade. Um hier zu einer tragfähigen Einschätzung zu gelangen, was ästhetisch vertretbar ist und was nicht, hilft es, das Umfeld näher zu betrachten. Die Größe und die Struktur der zu gestaltenden Fassade spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die nähere Umgebung wie Gärten, Grünflächen sowie der Straßen- und Stadtraum mit seinen Gebäuden. 
 

Größenverhältnisse und Strukturen 

Die Flächengröße ist von Bedeutung, da sie Einfluss auf die Farbwirkung hat. Je größer, desto intensiver die Farbwirkung gilt auch an der Fassade. Daher kann die Farbe, die auf einer kleinen Fassadenfläche funktioniert, bei einer großen zu heftig sein. Auch die Struktur spielt eine Rolle: Glatte Flächen, wie z.B. fein gefilzter Putz oder auch Metall, besitzen keine auf normale Blickdistanz zur Fassade sichtbare Struktur. Die Farbe wirkt in diesem Fall für sich alleine, mit der höchstmöglichen Intensität. Glatte Flächen – auch matte – wirken also am brillantesten. Kommt zur Farbe jedoch noch eine Struktur, gleich welcher Art, hinzu, verändert sich die Wirkung. Sehr körnige Putze oder auch Holzverkleidungen besitzen Licht- und Schattenflächen. Dadurch entsteht eine Tiefenwirkung, welche die Farbe in ihrer Intensität zurückhaltender ­erscheinen lässt.  Strukturierte Fassadenflächen eignen sich daher für intensive Farbtöne sehr gut, da sie durch den Licht-Schatten-Effekt leichter wirken. 
Das torfige Braun lässt die Fassade weich und natürlich erscheinen. Durch die sehr dunklen Fenster wirkt sie jedoch eher müde. Ein etwas größerer Helligkeitskontrast an dieser Stelle hätte der Fassade mehr Leben eingehaucht. Foto: Joachim Propfe
Kräftige Farben verleihen kleinen Siedlungshäusern Charakter. Da die Fassadenflächen gerade bei eingeschossigen Häusern eher klein sind, ist die Anwendung einer satten Farbe auf der gesamten Fassade gut möglich. Foto: Joachim Propfe
Links: Bei einer Fassadengestaltung in einer intensiven Farbe sollte auch die Farbe des Daches berücksichtigt werden. Das Rot am Einfamilienhaus wirkt in Verbindung mit dem dunkelgrauen Dach besonders wertig. Rechts: Das dominante Rot des Altbaus konkuriert dagegen mit dem Rotbraun des Daches. Foto: Joachim Propfe
 

Wirkung auf das Umfeld 

In Bezug auf das Umfeld gibt es neben dem Zusammenspiel mit den Nachbarfassaden oder Grünflächen noch einen wichtigen, bedenkenswerten Aspekt: Farbflächen mit hohem Buntanteil wirken wie ein Lichtfilter, da sie nur wenige Wellenlängen des sichtbaren Lichtes reflektieren. Im Außenbereich kann man das eigentlich vernachlässigen. Aber, je nach Dichte der Bebauung, kann das reflektierte Licht durch ein Fenster in einen der Fassade gegenüberliegenden Wohn- oder Innenraum fallen und diesen dauerhaft in ein farbig gefiltertes Licht tauchen, was auch als störend empfunden werden kann, da das Licht nicht mehr neutral ist.
Foto: Joachim Propfe
Die Menge macht’s: Intensive Farben, großflächig angewandt, dominieren visuell. Kleine Flächen in hochprozentigen Farben sorgen dagegen für Würze im Farbklang und werden als wohltuende Abwechslung empfunden. Foto: Joachim Propfe Wo würde man lieber eine Wohnung kaufen? In der rechten oder in der linken Haushälfte? Eine kräftige, aber nicht zu intensive Farbe lässt eine Fassade hochwertig aussehen. Die heller abgesetzten Faschen und Loggien verstärken diesen Eindruck noch. Foto: Joachim Propfe

Technische Kriterien 

Ein Grund für die sparsame Verwendung intensiver Farben war bisher technischer Natur: Je nach Rezeptur, UV- und Witterungsbeständigkeit, Anwendungsbereich (z. B. WDVS) waren der Farbintensität im Außenbereich Grenzen gesetzt. Das galt über einen langen Zeitraum und hat so natürlich das Erscheinungsbild der Architektur und damit die Sehgewohnheiten geprägt. Neuere Entwicklungen in der Pigment- und Anstrichfarbenherstellung bereichern jedoch die Farbpalette für die Fassade (siehe Mappe 12/2019 S. 38). Aus gestalterischer Sicht spricht nichts dagegen, diese Möglichkeiten zur Erweiterung qualitativ hochwertiger Gestaltungen von Fassaden zu nutzen. 
 

Mein persönliches Fazit

Unsere Städte und Gemeinden dürfen gerne durch intensive Farben etwas mehr Lebensfreude ausstrahlen.
Joachim Propfe
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