17. Juli 2010

Nachwuchsmangel wird zum Problem fürs Handwerk

Die aktuelle Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT) hat den konjunkturellen Aufwärtstrend bestätigt. Große Sorgen bereitet Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle dagegen der fehlende Nachwuchs. In der Jahrespressekonferenz des Dachverbandes warnte er vor einer dramatische Entwicklung: „Uns gehen nicht nur die Fachkräfte, sondern auch die Meister und Betriebsübernehmer aus.“

Obwohl sich die Handwerksbetriebe im 2. Halbjahr des vergangenen Jahres schon wieder auf Erholungskurs befunden hatten, blieb trotzdem am Ende ein deutlicheres Minus bei den Umsätzen als erwartet. „Im vergangen Jahr haben die baden-württembergischen Handwerker 63,7 Milliarden Euro und damit drastische 7,8 Prozent weniger als im Jahr zuvor umgesetzt“, sagte Möhrle anlässlich der Vorlage des BWHT-Geschäftsberichtes. Trotzdem haben die Betriebe an ihren Mitarbeitern festgehalten. Die Beschäftigung im Handwerk nahm nur um moderate 1,7 Prozent auf 734.000 Mitarbeiter ab.

Die auf den privaten Konsum ausgerichteten Handwerke konnten sich recht stabil behaupten. Andere Handwerksgruppen im investiven Bereich (Bau, Kfz) profitierten im Zuge des Konjunkturprogramms II zwar von staatlichen Hilfen, dagegen traf es das Handwerk für den gewerblichen Bedarf mit großer Wucht. Dies galt und gilt vor allen Dingen für das Metallhandwerk, weil Aufträge der teilweise kurzarbeitenden Industriekunden ausblieben. Entsprechend beeinflusste diese Geschäftslage der metallverarbeitenden Betriebe, auf die ein Umsatzanteil von rund einem Viertel entfällt, das Gesamtergebnis im Handwerk gravierend. Ohne diese Betriebe wäre das Umsatzminus mit knapp drei Prozent deutlich geringer ausgefallen.

Konjunkturumfrage 2.Quartal
Nach der aktuellen Konjunkturumfrage für das 2. Quartal spürten die Handwerksunternehmen nach einer witterungsbedingten Durststrecke einen kräftigen Frühjahrsschub. Rund 44 Prozent der 1.200 befragten Betriebe waren mit ihren Geschäften ausdrücklich zufrieden. Nur 15 Prozent waren unzufrieden. Dies sind Werte, wie sie im guten Jahr 2007 zum letzten Mal genannt wurden. Noch vor einem Jahr stand einem Drittel zufriedener ein gutes Viertel unzufriedener Betriebe gegenüber. Der BWHT-Konjunkturindikator, der Lage und Erwartungen in einer Indexzahl zusammenfasst, liegt aktuell bei 34,5 Punkten und damit nur knapp unterhalb des Wertes aus dem zweiten Quartal 2007.

Ausblick
Für das Jahr 2010 erwartet das Handwerk bundesweit einen erneuten Umsatzrückgang um etwa ein Prozent. Vor dem Hintergrund einer allmählich freundlicheren Entwicklung im Zulieferhandwerk geht der Handwerkstag für das baden-württembergische Handwerk dagegen von einem deutlich besseren Ergebnis aus. Möhrle rechnet damit, dass die Betriebe sowohl bei Umsätzen als auch bei den Beschäftigten das Niveau halten können. Positive Impulse erwartet er besonders vom öffentlichen Bau und der energetischen Sanierung.

Erstmals mehr als 130.000 Betriebe
Erstmals hat die Zahl der Handwerksbetriebe im Land die Grenze von 130.000 übersprungen. 83.800 zulassungspflichtige Handwerksbetriebe sind in den Handwerksrollen eingetragen. Aus dem zulassungsfreien Handwerk sind 22.043 Betriebe gemeldet. Das entspricht einem Zuwachs von 5,5 Prozent. Nach wie vor finden die Zugänge hauptsächlich in denjenigen Berufen statt, in denen ohne größere Investitionen schnell und ohne Aufwand Betriebe gegründet werden können, wie beispielsweise bei den Fliesenlegern oder den Gebäudereinigern. Allerdings ist hier auch die Fluktuation konkurrenzlos groß: Nahezu 30 Prozent des Bestandes kommen jährlich neu hinzu, während sich gleichzeitig jedes Jahr rund 20 Prozent der vielen Kleinstgründungen rasch wieder vom Markt verabschieden. Im handwerksähnlichen Gewerbe ist mit 24.170 Betrieben der Betriebsbestand weiter rückläufig.

Insolvenzen
Das Statistische Landesamt ermittelte 361 Insolvenzverfahren bei Handwerksbetrieben. Dies waren 128 Betriebe oder rund 55 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor allem bei den Handwerksbetrieben aus dem verarbeitenden Gewerbe, zu dem die Zulieferbetriebe für die Industrie gehören, sind die Insolvenzen deutlich angestiegen. Dennoch liegt die Insolvenzquote im baden-württembergischen Handwerk bei 2,8 auf 1.000 Handwerksbetriebe und damit auf dem Niveau von 2006. Hinter dieser verhältnismäßig niedrigen Zahl stehe aber auch die Mentalität des Handwerkers, meinte Möhrle: „Bevor er in die Insolvenz geht, schließt er seinen Betrieb eher still und leise.“

Ausbildung
Im Jahr 2009 bildete das Handwerk im Land 58.248 junge Menschen aus und damit 2,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen war das Minus mit 5,5 Prozent etwas größer. „In diesem Jahr scheinen sich die Handwerksbetriebe ihren Fachkräftenachwuchs schon frühzeitig zu sichern“, betonte Möhrle. Zum Stichtag 30. Juni dieses Jahres wurden 7.790 neue Ausbildungsverträge unter Dach und Fach gebracht. Das sind fünf Prozent mehr als vor einem Jahr.

Hier spiele sicher der beginnende Aufschwung eine Rolle, sagte der Präsident. Der Hauptgrund aber sei ein anderer: „Ausreichend qualifizierten Nachwuchses für die Handwerkswirtschaft zu finden, wird mit jedem Jahr schwieriger.“ Dies sei ein ernst zu nehmendes Problem für die Wirtschaftskraft in Baden-Württemberg. Das Handwerk im Land befinde sich ganz eindeutig in der Zwickmühle zwischen zwei Trends, die es für die Betriebe immer schwieriger machten, im Wettstreit um die Guten erste Wahl für die Bewerber zu sein. Ein großer Teil des Rückgangs bei den Ausbildungsplätzen sei demografisch bedingt. Schon jetzt aber blieben tausende von Lehrstellen unbesetzt, weil gleichzeitig ein anderer Trend das Handwerk überrolle: „Das Berufswahlverhalten junger Menschen hat sich zu Lasten der dualen Ausbildung geändert.“ 13 Prozent der befragten Betriebe meldeten offene Lehrstellen, etwa im Nahrungsmittelhandwerk, in dem rund jeder fünfte befragte Betrieb einen freien Ausbildungsplatz hatte. Aber auch bei Mechatronikern, Elektrikern oder Heizungstechnikern sieht es schlecht aus, hier vor allen Dingen weil es an qualifizierten Bewerbern fehlt. Jeder dritte Handwerksbetrieb im Land hätte bei guten zusätzlichen Bewerbern auch über den eigenen Bedarf ausgebildet.

Die Waage neige sich immer mehr zugunsten des mittleren Bildungsabschlusses, stellte Möhrle fest. Dies gelte vor allen Dingen für das Elektro- und Metallhandwerk, einige kaufmännische Berufe und die Gesundheitsberufe.

Betriebsübernehmer fehlen
Bei über 100.000 Betrieben des Vollhandwerks werden mindestens 4.000 neue Unternehmer mit Meisterprüfung benötigt. Dem stehen aber jährlich nur noch 1.800 Meister als Unternehmensübernehmer oder Existenzgründer gegenüber, weil nur ein Teil der Gesellen die Meisterprüfung absolviert und seine berufliche Zukunft in erster Linie in der unternehmerischen Selbstständigkeit sieht.

Projekt Werkrealschule
„Nur aus guten Gesellen werden auch gute Handwerksmeister“, betonte Möhrle. Deshalb komme es ganz entscheidend auf die Qualität der Berufsanfänger im Handwerk an. Arbeitsplätze für Niedrigqualifizierte gebe es im Handwerk praktisch nicht mehr. Nach wie vor sei das Handwerk der wichtigste Ausbilder für Hauptschüler. Deshalb sei das Projekt Werkrealschule für die Branche von zentraler Bedeutung. Die neue Schulart soll der Berufsorientierung dienen. Das Handwerk, so Möhrle, stehe hinter diesem Modell, wenn auch mit Vorbehalten. Unter anderem kritisierte er die Notenhürde zur 10.Klasse, auch die Lehrer seien nicht ausreichend vorbereitet für die neue Schulart. Möhrle: „An der Übergangsquote der Werkrealschüler in eine handwerkliche Ausbildung wird sich aus Sicht des Handwerkstages der Erfolg des Modells der Werkrealschule entscheiden.“ Hier gehe es um ein gewaltiges Stück Struktur- und Mittelstandspolitik im Lande. Ein Handwerk, das mangels qualifizierten Nachwuchses austrockne, werde mittelfristig die Stabilität und der Wirtschaftskraft Baden-Württembergs schwächen.

Die Aufwertung der dualen Ausbildung sei überfällig. Auch über sie müsse flächendeckend die Fachhochschulreife erreicht werden können, forderte Möhrle. Der ständige Ausbau der schulischen Angebote müsse gestoppt und die Kapazitäten der demografischen Entwicklung angepasst werden. In allen Schularten müsse die Berufsorientierung viel stärker als bisher in den Vordergrund gestellt werden. Möhrle: „An den Hochschulen brauchen wir Studienfächer, die die handwerkliche Ausbildung mit ihren Stufen des Gesellen und des Meisters sinnvoll ergänzen und die Handwerkswirtschaft weiter voranbringen können.“

Mittelstandspolitik auf dem Prüfstand
Die Mittelstandspolitik des Landes müsse auf den Prüfstand, kündigte Möhrle an. Kritisch sieht das Handwerk die Vergabepolitik des Landes. Vor allem im Zuge von PPP-Vorhaben werde die Ausschreibung in mittelstandsgerechten Teillosen immer mehr umgangen und damit das Handwerk von interessanten Aufträgen ausgeschlossen. Ebenso zählen mittelstandsfreundliche Vergabewertgrenzen für öffentliche Ausschreibungen im Baubereich zu den für das Handwerk wichtigen Themen. Ende des Jahres laufen die während der Konjunkturprogramme geltenden höheren Grenzen aus. Die Landesregierung habe sich voreilig auf nun wieder niedrigere Wertgrenzen ab 2011 festgelegt, anstatt erst einmal die Auswertung der vergangenen zwei Jahre abzuwarten.

Hinzu komme eine Reihe von Marktveränderungen, sagte Möhrle, deren Konsequenzen für das Handwerk die Politik nicht kalt lassen sollten. Dies gelte vor allen Dingen für den Energiemarkt: „Wesentlich stärker und intensiver als früher denken Energieversorgungsunternehmen darüber nach, ihre Leistungen über die reine Energielieferung hinaus auszudehnen.“ Sie drängten in klassische Märkte des Handwerks. Hier gehe es um die Absicherung der mittelständischen handwerklichen Strukturen und um die Vielfalt, „die schon immer der wichtigste Motor für die technologische Entwicklung war“. Bei dieser Diskussion werde die Politik auf Dauer nicht abseits stehen können.

Möhrle forderte die Parteien im Land auf, gemeinsam zu gestalten. Bevorstehende Wahlen dürften nicht dazu führen, dass nichts mehr geht.