Marktchance Gesundes Bauen

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Foto: KHB-Creativ Wohnbau

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Nachhaltiges und wohngesundes Bauen sind die beiden zentralen Themen, die uns mit Sicherheit auch in den nächsten Jahren beschäftigen werden. Doch die beiden Begriffe sind schon sehr strapaziert. Fast jedes Unternehmen schreibt sich diese Worte auf die Fahnen. Wenn man die Unternehmen hierzu näher befragt, bekommt man als Bauunternehmen oder Handwerker oft wenige konkrete Fakten.

Meist wird mit dem Begriff der Nachhaltigkeit nur der energetische Standard eines Bauwerks definiert. Hierzu gibt uns die Energieeinsparverordnung und ab 2020 die EU-Gebäuderichtlinie klare Vorgaben. Ab 2020 dürfen nur noch Häuser im Null-Energiestandard gebaut werden. Doch unter dem Deckmantel der Energieeffizienz werden heute viele Bauwerke erstellt, die mit Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit nicht viel gemein haben und somit späteren Generationen unter anderem ein Müllproblem bereiten werden.

Aber das Recycling eines Gebäudes am Ende seiner Nutzungsphase ist nur eines der zukünftigen Probleme. Viel interessanter für den Nutzer ist die Frage: »Wie sieht es mit dem Thema Wohngesundheit aus?« Häufig spielt die Thematik überhaupt keine Rolle oder es wird oft der Einsatz von Naturprodukten in den Vordergrund gestellt. Doch stimmt es wirklich, dass ein natürliches Produkt auch gesund ist? Wir kennen von der Natur genügend Stoffe und Pflanzen, die uns das Gegenteil beweisen.
Vielen Akteuren am Bau ist nicht bekannt, dass es bis heute für die Innen­raumluftqualität keine Grenzwerte gibt. Die Luft in Wohnräumen kann somit um ein vielfaches höher belastet sein als an einer viel befahrenen Kreuzung einer Großstadt.

Dass es hier trotzdem kurzfristig einen Handlungsbedarf gibt und dies für uns Bauschaffende, sei es Handwerker, Architekt, Bauträger und andere, gewisse Risiken bringt, wird jedem klar, der sich näher mit dem Thema befasst. Denn immer mehr Kunden verlangen nach wohngesunden Lebensräumen und gleichzeitig gibt es immer mehr Regelungen und Normen, die zwar keinen Gesetzes- oder Verordnungs­charakter haben, für uns als Bauschaffende im Zweifelsfall aber ein Risiko darstellen.

Das Haus als »dritte Haut«

Wir Menschen verbringen 80 Prozent der Zeit in geschlossenen Räumen. Nicht zuletzt unser Wohnraum wird oft - nach der physischen und der textilen Haut - als unsere dritte Haut bezeichnet. Uns muss bewusst sein, dass dieser in seiner Erscheinung zum Beispiel durch die Farbwahl, durch die Architektur, seine Höhe, die Helligkeit, aber auch aufgrund des Zustands der Innenraumluft auf den Menschen wirkt. Dabei spielen auch Schadstoffe eine wichtige Rolle, die aus einer Vielzahl von Quellen stammen können.

Gerade die Emissionen aus Bauprodukten machen den Bewohnern heute immer mehr zu schaffen, da unsere Häuser in immer kürzerer Bauzeit und in einer immer dichteren Bauweise erstellt werden. Hierdurch haben sich Ablüftzeiten einzelner Baustoffe unterschiedlicher Gewerke reduziert und treten nun gemeinsam in Verbindung. Somit können nicht nur einzelne Stoffe zur Gefahr werden, sondern auch unterschiedliche Inhaltsstoffe können miteinander reagieren und ein sogenannter »Schadstoff-Cocktail« entstehen, der dann ähnlich wie bei der Verwendung unterschiedlicher Arzneimittel zu Wechsel­reaktionen führen kann.

Dies stellt heutzutage für die Baustoffindustrie, den Handwerker und für die Bauherren ein großes Risiko dar und zwingt uns als Bauschaffende dazu, uns mehr mit dem Thema Wohngesundheit und Innenraumhygiene zu beschäftigen. Denn kaum ein Anbieter oder Handwerker weiß, was genau er da seinen Kunden eigentlich verspricht. So bestimmt zum Beispiel die Musterbauordnung (MBO) der Bauministerkonferenz, an der sich die Landesbauordnungen in Deutschland orientieren: Bauliche Anlagen nach § 3 sind demnach so zu errichten und instand zu halten, dass ­»Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen nicht gefährdet werden«. § 16 der MBO regelt darüber hinaus, dass Bauprodukte diese Anforderungen so zu erfüllen haben, dass »durch chemische, physikalische oder biologische Einflüsse Gefahren oder unzumutbare Belästigungen nicht entstehen«.

Wir müssen daher lernen, unsere Produkte nicht nur nach den bautechnischen Qualitäten und ihrem Preis, sondern auch nach deren Emissionen auszuwählen und zu verarbeiten. Doch hierzu gibt es noch viel Unsicherheit und Wissenslücken bei allen am Bau Beteiligten. Man muss jedoch in aller Deutlichkeit darauf hinweisen, dass jeder der mit der Wohnraumerstellung beschäftigt ist, dafür verantwortlich ist, welche Stoffe auf den zukünftigen Bewohner einwirken. Und findige Rechtsanwälte und Gutachter warten nur ­darauf, daraus für sich ein Geschäft zu machen.

Unabdingbarer Bestandteil des Sentinel- Konzepts sind Raumluftkontrollen durch einen qualifizierten Experten
Unabdingbarer Bestandteil des Sentinel-Konzepts
sind Raumluftkontrollen durch einen qualifizierten
Experten

Wie unsere Nahrung, so können auch Ausdünstungen aus Bau- und Bauhilfsstoffen bewusst oder unbewusst über Haut, Nase und Mund in unseren Körper aufgenommen werden. Teilweise werden diese wieder ausgeschieden ohne dass wir davon Schaden nehmen. Es gibt jedoch auch viele Stoffe, auf den ein geschwächter Körper oder bei Menschen, deren Abwehrsystem noch nicht komplett ausgebildet ist, wie dies zum Beispiel bei Säuglingen der Fall ist, oder bei kranken und älteren Menschen, deren Immunsystem angegriffen ist, zu teils schwerwiegenden Krankheiten führen kann.  

Chancen und Risiken

Für den einzelnen Handwerker kann dies schnell zu einer existenziellen Gefahr werden, wenn sich das Wohlbefinden eines Kunden in seinen neuen oder renovierten Wohnräumen verschlechtert oder er gar allergisch reagiert. Nacherfüllungspflichten, Schadensersatzanforderungen, nicht oder nur teilweise bezahlte Rechnungen können die Folge sein. Von der zeitlichen Belastung für den Firmeninhaber und dem Image­schaden des Betriebs bei Endkunden und Generalübernehmern ist da noch gar nicht die Rede.

Im Gegenzug dazu stehen Bauunternehmen und Handwerksbetriebe, die die Notwendigkeit des Handels in wohngesundheitlichen Belangen erkannt haben, heute schon praktikable Lösungen und Hilfestellungen von Baustoffherstellern und Institutionen zur Verfügung, mit denen es möglich ist, das Risiko zu ­minimieren oder gar auszuschließen. ­Damit ist es heute leichter denn je, sich mit diesem Wissen auf dem Feld der Wohngesundheit nicht nur von seinen Mitbewerbern abzugrenzen, sondern auch neue Märkte zu erschließen.

Doch wie sehen solche Lösungen aus? Einige große Baustoffhersteller haben in den letzten Jahren in vorbildlicher Weise hierzu Vorarbeit geleistet. Allen voran hat die Deutsche Poroton, in Zusammenarbeit mit dem Sentinel-Haus Institut aus Freiburg und der KHB-Creativ Wohnbau aus Heilbronn im Jahr 2008 ein europaweites Modellprojekt für schadstoff- und emissionsarmes Bauen realisiert. Der Schwerpunkt des Projektes lag in der Minimierung der Emissionen von Schadstoffen, aber auch von natürlichen sensibilisierenden Stoffen, beziehungsweise Allergenen. Neben dem konkreten Ergebnis für dieses Projekt, wurde das Ziel angestrebt, Handlungsanweisungen für die Produktauswahl zu erstellen. Die so erfolgreich gewonnenen Erkenntnisse aus diesem Projekt wurden in der Zwischenzeit an tausende von Bauschaffenden in Deutschland und dem europäischen Ausland weitergegeben. Des Weiteren wurden Wohngesundheits-Symposien und -Kongresse veranstaltet. Mit dem Sentinel-Haus Konzept ist es heute möglich, Bauvorhaben mit vertraglich garantierten Raumluftwerten bei der Übergabe zu gewährleisten. Hierzu wurden in der Zwischenzeit schon zahl­reiche mustergültige Projekte im In- und Ausland realisiert.

Die genaue Kontrolle der gelieferten Baustoffe gehört zum Qualitätsmanagement dazu
Die genaue Kontrolle der gelieferten Baustoffe
gehört zum Qualitätsmanagement dazu

Auch durch solche »Leuchtturmprojekte« ist in der Zwischenzeit ein »Wohngesundheits-Markt« entstanden. Denn seit dem Jahr 2008 hat sich sehr viel in Richtung Wohngesundheit bewegt. ­Viele Baustoffhersteller haben zeit- und kostenaufwändige Produktzertifizierungen auf sich genommen und können nunmehr Handwerkern und Endkunden nicht nur qualitativ hochwertige Produkte sondern auch die Sicherheit der geprüften Wohngesundheit mit anbieten. Als positives Beispiel sollte hierzu auch der Putzhersteller Baumit erwähnt werden. Sicherlich ist für viele verständlich, dass es gerade im Maler- und Stuckateurgewerbe wichtig ist, emissionsarme Produkte einzusetzen, da deren Verarbeitung oftmals erst kurz vor Einzug der Bauherren stattfindet und daher die Ablüftzeit eingeschränkt ist.

Baumit hat mittlerweile 50 seiner Produkte wohngesundheitlich zertifizieren lassen und in einer Produktliste mit dem Wohngesundheitszeichen des Eco-Instituts kenntlich gemacht. So einfach und ­sicher war es für die Fachunternehmer noch nie, zum jeweiligen Einsatzzweck ein wohngesundes Produkt für seine Kunden auszuwählen und anzubieten. Warum gehen Unternehmen in eine solche Vorleistung? Sie nutzen neben der Risikominimierung die Chance, sich mit dem Thema Wohngesundheit ihre zukunftsweisende Vorreiterschaft zu ­sichern, ein Alleinstellungsmerkmal am Markt zu schaffen und sich neue Kundenmärkte zu erschließen. Sie unterstreichen hiermit, dass man nicht nur am Alltagsgeschäft interessiert ist, sondern über den Tellerrand schaut und zum Problemlöser für die Kunden wird. Qualitätsbewusste Handwerksbetriebe sollten diese Möglichkeit ebenfalls nutzen und sich zum Ziel setzen, Wohngesundheit zu einem bezahlbaren Standard werden zu lassen.   

 

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Die Nachfrage steigt

Im Baubereich wird in den nächsten Jahren dieselbe Marktveränderung stattfinden wie im Lebensmittelhandel mit den Bio-Produkten. Bio-Artikel gibt es schon lange. Am Anfang gab es die Produkte nur in dafür spezialisierten ­Läden. Teilweise wurden die »Ökos« belächelt. Aufgrund zahlreicher Skan­dale wie zum Beispiel BSE, Spritzmittelrückstände in Obst und Gemüse sind große Handelsketten und Discounter, zur Vermeidung von Negativschlagzeilen, auf Bio-Ware aufmerksam geworden und haben dadurch den Markt innerhalb kurzer Zeit total verändert. Eine ähnliche Entwicklung steht jetzt im Baubereich an. Große Baumarktketten wie zum Beispiel BayWa oder Hornbach setzen sich schon intensiv mit wohngesunden Artikeln auseinander.

Zertifikatsübergabe an die Bauherren-Familie. Der Sentinel-Gesundheitspass bietet Sicherheit für alle Beteiligten und ist eine Marktchance für Bauunternehmen und Handwerker
Zertifikatsübergabe an die Bauherren-Familie.
Der Sentinel-Gesundheitspass bietet Sicherheit für alle Beteiligten
und ist eine Marktchance für Bauunternehmen und Handwerker

Die Nachfrage nach »wohngesunden Produkten« wird sich schon allein dadurch weiter verstärken, da sie in der Zukunft leichter zu bekommen sind. Die regelmäßig an die Öffentlichkeit kommenden Probleme und Skandale um belastete, nicht benutzbare (öffentliche) Gebäude, die gerade fertiggestellt oder frisch saniert, wieder geschlossen und mit hohem Aufwand erneut saniert werden müssen, tun ein Übriges um die Allgemeinheit für das Thema zu sensibilisieren. Hinzu kommt ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend. Viele unserer Kunden sind wohngesundheitlichen Themen aufgeschlossener denn je. Das passt zu ihrem gesundheitsbewussten und um Nachhaltigkeit bemühten Lebensstil, der sich in vielen Bereichen bereits etabliert hat. Die Marktforschung nennt ihn ­»Lifestyle of Health and Sustainability«. Er verbindet somit Gesundheitsbewusstsein und Ansprüche an die Nachhaltigkeit. Menschen die diesem Lifestyle anhängen nennt man »Lohas«. Es handelt sich um Konsumenten mit überdurchschnittlichem Einkommen. Weg von der »Geiz ist Geil-Gesellschaft«. In Deutschland sollen bereits 15 Prozent der ­Erwachsenen diesem Trend angehören, mit stark steigenden Zuwächsen.

Was bedeutet das für den Bauunternehmer und Handwerker? Viele Bauherren legen heute Wert darauf, dass man sich über »gesunde« Baustoffe auskennt. Sie setzen es sogar voraus. Sicherlich gehen heute viele Verbraucher davon aus, dass alle Bauprodukte in Deutschland einen sehr guten Emissions-Standard haben. Dies ist jedoch leider nicht so. Nach wie vor gibt es zum Beispiel Fensterlacke, die nur für eine Außenanwendung freigegeben sind oder Estrichzusatzmittel, die beim Trocknungsprozess Formaldehyd abspalten. Doch gerade hier die Unterschiede deutlich zu machen, auf die eigenen Kenntnisse hinzuweisen und sie mit gesundheitlichem Qualitätsmanagement zu hinterlegen, bietet die Möglichkeit sich als Fachmann zu präsentieren.

Wie in anderen Bereichen auch, sollte man sich stets informiert halten, nicht nur zum Schutz der Bauherren, sondern auch um der teilweise immer besser informierten Kundschaft kompetent gegenüber treten zu können. Man muss nicht gleich ein Spezialist hierzu sein, doch zumindest wissen, auf welches Produkt und auf welchen Hersteller man zurückgreifen kann. Versuchen Sie bei allen Produkten ein emissionsarmes Produkt auszuwählen. Die Zeit, in der es hieß »was nicht stinkt taugt nichts« ist vorbei. Heute haben wir Produkte am Markt, die gut und emissionsarm sind. Gegebenenfalls sollte ein erfahrener Baubiologe oder ein Institut, zum Beispiel das Sentinel-Haus Institut, hinzugezogen werden.

Mit einem konsequenten Engagement kann das Thema Wohngesundheit zu ­einem zentralen Thema der Kundenberatung werden. Wer dabei auf wohngesundheitlich zertifizierte Produkte in seinem Angebot hinweist und diese als solche deutlich deklariert, kann sich von anderen Produkten deutlich abgrenzen und signalisiert seinem Kunden eine ­hohe Fachkompetenz, was wiederum auf eine hochwertige Gesamtleistung schließen lässt. Die Zufriedenheit der Interessenten/Kunden wird in diesem Bereich wesentlich erhöht und es werden zwangsläufig Weiterempfehlungen auch aufgrund von dem Alleinstellungsmerkmal Wohngesundheit stattfinden.

Das gilt nicht nur gegenüber Endkunden. Auch wir als mittelständischer Generalübernehmer mit ausgewiesenem Profil in Sachen Wohngesundheit setzen natürlich bevorzugt auf entsprechend qualifizierte Unternehmen, nicht zuletzt im Maler- und Stuckateurhandwerk. Deren gute Arbeit zahlt sich auch für uns aus. Denn nur mit guten und verantwortungsvoll arbeitenden Partnern kann ein Gebäude wirklich wohngesund werden. Wer hier gut gearbeitet hat, kann mit Anschluss­aufträgen rechnen. Je mehr die Kunden auf Gesundes Bauen setzen um so mehr lohnt sich qualitätsvolles Arbeiten.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Wer sich mit dem Thema Wohngesundheit beschäftigt und sich und seine Mitarbeiter qualifiziert, kann die anfangs erwähnten Risiken weitgehend minimieren und im Gegenzug sogar die Chance nutzen, seine Arbeit und deren Ergebnisse nachhaltig und dauerhaft zu verbessern, neue Märkte zu erschließen und die Interessenten/Kundenzufriedenheit zu erhöhen, indem man nicht nur Wohnräume, sondern wohngesunde ­Lebensräume erstellen kann.   

 

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Autor:
Rainer Körner
Fachwirt in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft, ist seit 20 Jahren geschäftsführender Gesellschafter der KHBCreativ Wohnbau GmbH in Heilbronn, die unter anderem Sonnenhäuser und Häuser mit vertraglich garantierten Raumluftwerten erstellt.
www.khb-wohnbau.de