11. Januar 2013

Handwerk: Berufserfolg statt Studienfrust bieten

Foto: Hwk Düsseldorf/Wilfried Meyer
Foto: Hwk Düsseldorf/Wilfried Meyer

Das Handwerk wirbt gezielt um Studenten, die an der Massenuniversität frühzeitig aufgeben. Im Interview mit der Saarbrücker Zeitung (2. Januar 2013) kritisiert Handwerkspräsident Otto Kentzler den „Trend zur Akademisierung“: „Im Handwerk bekommen enttäuschte junge Menschen eine klare Orientierung – nach oben.“

Herr Kentzler, alle Welt redet von der nahenden Wirtschaftkrise. Wie sind die Aussichten für das Handwerk?
Kentzler: Krise? Das Handwerk hat 2011 ein hohes Umsatzniveau erreicht, an dem auch kleine Verluste 2012 nicht wirklich kratzen konnten. Im neuen Jahr bleibt der florierende Binnenmarkt eine wichtige Stütze, denn die Arbeitslosigkeit ist niedrig und die Einkommen steigen. Ein Plus bei Bauinvestitionen und im Laufe des Jahres auch bei Ausrüstungsinvestitionen werden Wachstumsimpulse setzen. Ein echtes Sorgenkind wird auch 2013 allein das Kraftfahrzeuggewerbe sein.

Noch sucht ihre Zunft händeringend nach Azubis und Fachkräften. Wird sich das in den nächsten Monaten ändern?
Kentzler: Das wird sich auf lange Sicht nicht ändern. Unsere Betriebe müssen mit weiter sinkenden Schulabgängerzahlen fertig werden. Wir werden ihnen mit gezielten Aktionen für Jugendliche im Rahmen der Imagekampagne Hilfestellung geben. Motto wird sein: „Das Handwerk bringt dich überall hin.“

Hat sich die Ausbildungsreife der Schulabgänger verbessert?
Kentzler: Hier ist seit PISA nicht genug passiert. Viele Handwerksmeister nehmen das mittlerweile in ihrer Not selbst in die Hand und verpassen ihren Azubis Nachhilfestunden. Sonst könnten einige in der Berufsschule gar nicht mithalten. Mit externen Ausbildungsbetreuern versuchen wir, Jugendlichen bei ihren Schwierigkeiten beim Übergang in die Welt der Erwachsenen zu helfen und Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Im Ernstfall wird auch ein anderer Ausbildungsbetrieb vermittelt. So halten wir Jugendliche im Handwerk.

Offenbar drängen mehr junge Menschen an die Unis als in die Betriebe. Wie kann das Handwerk den Wettbewerb gewinnen?
Kentzler: Der Trend zur Akademisierung ist fatal. Schauen Sie sich doch an den Massenuniversitäten um: Rund ein Drittel der Studenten gibt frühzeitig auf, in naturwissenschaftlichen Fächern werden mit jeder Zwischenprüfung Leistungsschwächere in großer Zahl ausgesiebt. So kann man mit diesen jungen Leuten doch nicht umgehen! Angesichts der demografischen Entwicklung ist es nicht zu hoch gegriffen, sie als Garanten unserer Zukunft zu bezeichnen. Die Handwerkskammern haben begonnen, gezielt um diese enttäuschten Studenten zu werben. Im Handwerk bekommen sie eine klare Orientierung – nach oben. Gesellenbrief, Meisterbrief, Selbständigkeit – Berufserfolg statt Studienfrust.

Die Bundestagswahl wirft ihre Schatten voraus. Woran werden Sie Angela Merkel und Peer Steinbrück messen?
Kentzler: Für uns ist ausschlaggebend, dass auch die nächste Bundesregierung erkennt, wie wichtig für die Stabilität in Wirtschaft und Gesellschaft ein stabiles Handwerk ist. Unsere Betriebe bekennen sich zu einer Kultur der Verantwortung und Nachhaltigkeit. Nach einem solchen Arbeitgeber mit 5 Millionen Beschäftigten können Sie anderswo lange suchen.

Sind Sie enttäuscht von der schwarz-gelben Bundesregierung?
Kentzler: Ist Schelte gerade in, oder warum fragen Sie? Immerhin geht’s dem Handwerk gut. Und Deutschland bleibt in der Eurokrise bisher standhaft. Die Zukunft sieht wenn nicht rosig, so doch immerhin hell aus. Aus der vielfachen Kritik im Detail kann man einfach keine große Enttäuschung basteln.

Interview: Hagen Strauss