28. Juli 2014

Handwerk: Imagekampagne wird jugendlicher

"Die Imagekampagne wirkt. Das Handwerk hat seinen Stellenwert gesteigert, vor allem bei den jungen Leuten", so das Resümee von Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), im Interview mit der Südwestpresse (Ulm). Das ist auch wichtig, denn das Handwerk hat massive Personalprobleme.

Herr Wollseifer, Deutschland jubelt über den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft. Profitiert davon die Wirtschaft?

Hans Peter Wollseifer: Wir werden das sicher spüren. So ein Erfolg verbreitet positive Stimmung im Land. Das wird abfärben. Aber messbar wird es nicht sein.

Seit dem 1. Juli gibt es die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Versicherungsjahren. Laufen dem Handwerk jetzt die älteren Mitarbeiter davon?

Wollseifer: 400.000 unserer Mitarbeiter sind älter als 60 Jahre. Das sind acht Prozent der Belegschaften. Wenn nur ein kleiner Teil von ihnen das Angebot der Rente mit 63 in Anspruch nimmt, beschert das unseren Betrieben massive Personalprobleme.

Bekommen Sie schon Meldungen von den Handwerksbetrieben?

Wollseifer: Ja, aber wir können das noch nicht quantifizieren. Bei den Rentenversicherern liegen bereits 50.000 Anträge aus der ganzen Wirtschaft vor. Wenn sich das ungebremst fortsetzt, sehe ich Schwierigkeiten auf uns zukommen.

Was tun die Handwerksbetriebe, um ältere Mitarbeiter zu halten?

Wollseifer: Das Handwerk ist nie auf den Frühverrentungszug aufgesprungen, im Gegenteil: Wir haben uns stets dafür eingesetzt, dass ältere Mitarbeiter länger in den Betrieben bleiben und gesund arbeiten können. Wir haben sie qualifiziert und uns um Gesundheitsprävention bemüht, um ihre Erfahrung und Kompetenz im Betrieb zu halten. Denn wir wissen, was die Mitarbeiter in unseren Betrieben wert sind. Jetzt macht die Regierung die große Rolle rückwärts. Die Arbeitnehmer bekommen ein Angebot, das sie kaum ablehnen können. Doch nur 12 Jahrgänge profitieren – alle anderen zahlen dafür.

Die Union will einen flexibleren Übergang in die Rente ermöglichen. Wie sehen da die Vorstellungen des Handwerks aus?

Wollseifer: Wir werden unsere Vorstellungen aktiv in die Beratungen einbringen. Ich halte es für dringend erforderlich, dass wir uns über eine Flexibilisierung insbesondere der Teilrente unterhalten mit dem Ziel, dass unsere Arbeitnehmer länger arbeiten können.

Es geht Ihnen darum, dass sie nicht früher ausscheiden?

Wollseifer: Ja. Und wir müssen unser Sozialsystem stärker an den demographischen Herausforderungen ausrichten. Das können wir nur, wenn wir es entsprechend den Realitäten weiterentwickeln. Bei der Rente muss die steigende Lebenserwartung bedeuten, dass auch die Lebensarbeitszeit zunimmt, sonst lässt sich das System irgendwann nicht mehr finanzieren. Die Leidtragenden wäre die junge Generation. Also brauchen wir Instrumente, damit unsere Mitarbeiter einen gleitenden Übergang von der Arbeit in den Ruhestand bekommen. Dazu gehören eine flexible Teilrente wie auch die Möglichkeit, länger zu arbeiten.

Welche Rolle spielt da der Fachkräftemangel?

Wollseifer: Eine große Rolle. Wir haben viele Mitarbeiter über 60, und sie haben einen großen Erfahrungsschatz. Für unsere Betriebe wäre es sehr wertvoll, wenn wir über eine Teilrente die Möglichkeit bekämen, dass unsere Mitarbeiter nicht von 40 Arbeitsstunden auf Null in den Ruhestand gehen, sondern dass das gleitend erfolgt und beispielsweise noch 30, 20 oder zehn Stunden gearbeitet wird. Das ist für den Betreffenden gut, für seine Familie und für den Betrieb. So können wir auch Nachfolger aus der zweiten Reihe gleitend in die Verantwortung bringen.

Das Schuljahr geht zu Ende. Da sollten die Schulabgänger längst eine Lehrstelle haben. Wie sieht die aktuelle Bilanz beim Handwerk aus?

Wollseifer: Ende Juni hatten wir in etwa den Stand des Vorjahres. Das Handwerk hat bundesweit 58.311 neue Lehrverträge abgeschlossen. Trotzdem ist die Situation sehr bedenklich. Denn wir haben noch 30.000 unbesetzte Ausbildungsplätze.

Mehr als früher?

Wollseifer: Ja, es sind rund 3000 mehr im Angebot als im vergangenen Jahr. Wir konnten schon 2013 letztlich 15.000 Ausbildungsplätze nicht besetzen, und wir befürchten, dass uns das auch in diesem Jahr nicht gelingen wird. Das ist  eine Gefahr für unsere Handwerker, die gerne ausbilden würden. Vor allem die kleinen Betriebe finden keine Auszubildenden.

Ist das hauptsächlich ein regionales Problem?

Wollseifer: In wirtschaftlich starken Regionen wie Baden-Württemberg sind Großunternehmen und starke Mittelständler natürlich Ausbildungskonkurrenz. Aber vor allem gibt es bundesweit weniger Schulabgänger. Und wir haben das gesellschaftliche Phänomen: Immer mehr junge Leute gehen aufs Gymnasium. Der Druck von Eltern und Gesellschaft verstärkt sich, dass sie studieren. Dann fehlen sie bei uns im beruflichen Bereich. Es gibt nur noch 550.000 junge Leute, die nicht studienberechtigt sind. Das sind 150.000 weniger als vor 10 Jahren. Dafür gibt es 90.000 Abiturienten mehr. Diese Entwicklung ist eine Herausforderung für die berufliche Bildung und die Wirtschaft.

Hat die große Imagekampagne, die das Handwerk vor fünf Jahren gestartet hat, so wenig bewirkt?

Wollseifer: Die Imagekampagne wirkt. Das zeigen unsere Umfragen. Das Handwerk hat seinen Stellenwert gesteigert, vor allem bei den jungen Leuten. Sie kennen jetzt viele unserer 130 Ausbildungsberufe. Vor der Kampagne wurden immer nur einige wenige Berufe genannt. Da setzen wir an. Wir haben beschlossen, die Imagekampagne fünf Jahre fortzuführen und sie mit einer neuen Agentur noch stärker auf die Jugendlichen zu fokussieren.

Interview: Dr. Dieter Keller

Im Interview äußert sich Wollseifer weiter zum Mindestlohn, zur Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung sowie EU und Meisterzwang in Deutschland. Zum vollständigen Interview hier …