31. Oktober 2016

Den richtigen Riecher – Sachverständige für Gerüche

16-10-31_Stroewer Ausbau und Fassade - Den richtigen Riecher – Sachverständige für Gerüche
Dipl -Ing Martina Clemens-Ströwer beim Geruchstest. Foto: BVS

Es klingt zugegebener Maßen ein bisschen kurios, doch Sachverständige für Gerüche sind gefragt. Sie erriechen Schimmel in Objekten, den Austritt von Ozon in Großküchen, Chloranisole in Fertighäusern und viele Substanzen mehr. Riecht es komisch, werden sie zur Ermittlung und Beseitigung hinzugezogen – von Kommunen, Unternehmen und Einzelpersonen. Denn Gerüche stellen auch immer ein Gefahrenpotential da. Wir stellen die öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige Martina Clemens- Ströwer vor.

Es riecht komisch. Muffig, ein bisschen modrig und man kann den unangenehmen Geruch eigentlich nicht zuordnen, geschweige denn sagen, ob es sich um schädliche Substanzen handelt, die diese intensiven Ausdünstungen verursachen. Nur ein Beispiel, bei dem Dipl.-Ing. Martina Clemens-Ströwer zu Rate gezogen wird. Seit 1995 ist die Agrar-Ingenieurin als Sachverständige selbstständig und öffentlich bestellt und vereidigt für Schimmelpilze, Gerüche und andere Innenraumschadstoffe. „Ganz unterschiedliche Substanzen können Gerüche in Innenräumen auslösen. Hierzu zählen Schimmel, Nikotin, verdorbene Lebensmittel und tote Tiere und deren Ausscheidungen, aber auch Chloranisole, die insbesondere Fertighäuser nach einiger Zeit unangenehm riechen lassen und sich innerhalb von wenigen Stunden in der Kleidung festsetzen“, erklärt Martina Clemens-Ströwer, Mitglied im Bundesfachbereich Innenraumhygiene des BVS (Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger sowie qualifizierter Sachverständiger e.V.)

Geruch – wo kommt er her? Was ist die Ursache?

Die Nase bzw. der Riechsinn sind da ganz entscheidend. Zwar gewöhnt man sich oft nach einiger Zeit an einen Geruch, so dass dieser nicht mehr wahrgenommen wird. Dennoch können Gerüche als unangenehm oder penetrant und auch dauerhaft als störend empfunden werden. Zudem können die Geruchsursachen auch von gesundheitsbeeinträchtigenden Substanzen ausgehen.

Klarheit über die Ursache von Gerüchen ist also der erste Schritt zur Geruchsbekämpfung. Dabei geht es bei dem Vorkommen von Gerüchen in Gebäuden immer um drei grundlegende Fragen: Was ist das für ein Geruch? Was ist die Ursache des Geruches? Ist dies gesundheitsschädlich?

Ursachenfindung und -bekämpfung. Gerüche sind Indikatoren für einen Mangel

„Die Ursache von Gerüchen kann ganz unterschiedlich sein“, erklärt die Sachverständige. „Kürzlich hat mich ein öffentlicher Träger beauftragt, eine Turnhalle in Augenschein zu nehmen. Die Nutzer beklagten sich über einen Geruch, konnten ihn aber nicht zuordnen. Der Geruch lag an der Schimmelbildung in den Hohlräumen unter dem Hallenboden. Hintergrund für die Schimmelbildung war wohl ein zurückliegender Feuchteschaden. In der Regel bemerken Laien den Geruch, können ihn aber nicht lokalisieren oder zuordnen“, erklärt Clemens-Ströwer. Besteht ein Verdacht, so nimmt die Sachverständige weitere Raumluftmessungen und ggf. Materialproben vor. Unter Umständen müssen sogar Bauteilöffnungen vorgenommen werden. Oder es kommen weitere Hilfsmittel zum Einsatz.

„Besonders wenn Gerüche nur situativ auftreten, ist es herausfordernd, die Ursache zu finden. Abwassergerüche sind ein Beispiel hierfür. Werden die Rohre miteinander verbunden, verschieben sich manchmal die innenliegenden Dichtungsgummis. Sitzt der Gummi nicht korrekt, so tritt zwar nicht immer Wasser aus, aber Gerüche können entweichen. Hier setzen wir beispielsweise Theaternebelmaschinen in dem Abwassersystem ein und versetzten gleichzeitig die Räume in einen Unterdruck. An der Stelle, wo dann der Nebel austritt, ist die undichte Stelle erkennbar“, erläutert die Diplom-Ingenieurin.

Eine weitere, typische Vorgehensweise ist es, Gerüche aus Hohlräumen bewusst in den Raum zu ziehen. Auch dabei kann der Unterdruck helfen, um die Geruchsquelle zu eruieren. Insbesondere, wenn Menschen auch über gesundheitliche Beeinträchtigungen auf Grund von Gerüchen wie Kopfschmerzen oder Schwindel klagen, ist Vorsicht geboten. „Es gibt auch Substanzen wie Lösungsmittel, die gesundheitsgefährdend und gleichzeitig geruchsneutral sind. Zudem treten, wie erwähnt, einige Gerüche nur situativ auf.

Beispielweise habe ich einmal eine Catering-Küche begutachtet, in der die Mitarbeiter über Kopfschmerzen und starke Geruchsbelästigung geklagt hatten. Es stellt sich heraus, dass der Plasmafilter der Dunstabzugshaube Ozon freisetzte. Durch das Ozon wurden bestimmte Verbindungen in der Raumluft oxidiert und es roch dumpf muffig. Da der Filter unbeabsichtigt im Dauereinsatz war, auch, wenn die Abzugshaube eigentlich auf Aus stand, strömte unkontrolliert Ozon in die Küche. Die Folge war neben der Geruchsentwicklung auch ein extremer und gefährlicher Anstieg der Ozonwerte. Daher braucht es auch immer ergänzende Messungen. Hier zum Beispiel mit einem Ozon-Messgerät.“, schildert Clemens-Ströwer.

Als weitere Beispiele nennt die Sachverständige für Gerüche auch Geruch nach Heizöl durch unsachgemäßen Austritt, wie er zum Beispiel entsteht, wenn beim Befüllen der Schlauch abspringt und mehrere hundert Liter ins Wohnhaus gelangen. Solch ein Fall kann zum Totalschaden führen, da das Heizöl selbst tief in Beton und massive Wände eindringt und diese sogar komplett durchdringt. Der Heizölgeruch ist kaum mehr zu beseitigen. Ebenso komme es häufig durch Nagelstudios zur Geruchsbelästigung, die hochkonzentrierte Lösemittel verwenden. Durch Schächte und Rohrdurchdringungen etc. kann der extrem starke Geruch in angrenzende Wohnungen gelangen und dort zur Geruchsbelästigung und starken Lösemittelkonzentrationen führen, die gesundheitsschädlich sind.

Kommunen und Unternehmen beauftragen ebenso wie Privatpersonen

Neben Kommunen und weiteren öffentlichen Trägern wird die Sachverständige auch von Unternehmen und Privatleuten beauftragt. Ob Schwimmbad, Geschäftsräume, die Großküche oder das Eigenheim – in allen Innenräumen können belästigende und unangenehme Gerüche auftauchen, deren Ursache dann ermittelt werden will.

Die Kosten für ein Gutachten sind, je nach Umfang und Aufwand, unterschiedlich hoch und beginnen bei ca. 1.000,00 Euro.

Fachkunde, Qualifikation und Fortbildung müssen nachgewiesen werden

„Grundsätzlich muss man die Physiologie des Riechens verstehen“, erklärt die BVS-Sachverständige. „Des Weiteren braucht man einen hervorragenden Geruchssinn und sehr viel Erfahrung. Man kann nur Gerüche erriechen, wenn man diese auch kennt.“ Alle zwei Jahre unterzieht sich ein Geruchssachverständiger i.d.R. einem Test, den die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute e.V. (AGÖF) durchführt. In der einstündigen Prüfung müssen die individuellen Geruchsschwellen ermittelt werden, unterschiedliche Gerüche erkannt und voneinander unterschieden werden.

Das Testverfahren wurde für den medizinischen Bereich entwickelt. Um die individuelle Geruchsschwelle zu prüfen, wird Butanol in absteigenden Konzentrationen dargeboten. 1-Butanol ist eine farblose Flüssigkeit mit charakteristischem Geruch, der als „weinartig“ beschrieben wird, aber auch als „herb fuselähnlich mit Bananenaroma“ sowie als „süßlich ranzig“. Man kann 1-Butanol mit allen gebräuchlichen Lösungsmitteln, wie zum Beispiel Ether, Glycol, Alkoholen, Ketonen und Aldehyden beliebig mischen. Mindestens 20 Gerüche in unterschiedlichen Konzentrationen müssen erkannt und auch voneinander unterschieden werden.

 Das Ganze wird mit sogenannten Sniffin-Sticks durchgeführt. Die Sticks enthalten Stiftkörper, ähnlich einem Stift, welche aber mit Duftstoffen statt mit Tinte befüllt sind.

Der Prüfer öffnet die Kappe und der Geruchssachverständige kann einen Atemzug nehmen. Dabei werden drei Sticks hintereinander errochen, um den Zufall der richtigen Antwort zu minimieren. „Neben diesen Tests braucht es natürlich die entsprechende Qualifikation und die Fachkompetenz sowie die langjährige Berufserfahrung und den Austausch in Fachkreisen“, betont die Diplom-Ingenieurin. „Darüber hinaus geht es immer darum, neue Gerüche kennen zu lernen, damit man sie dann wiedererkennen kann.“

Der Bundesverband der Sachverständige

Darauf legt auch der BVS besonderen Wert: Die öffentliche Bestellung und Vereidigung ist die höchste Qualifikation, die ein Sachverständiger erlangen kann. Entsprechend sind die Prüfungskriterien überaus streng. Insbesondere Gerichte betrauen vornehmlich öbuv. Sachverständige mit der gutachterlichen Tätigkeit. Was die 55jährige Sachverständige an ihrem Beruf fasziniert? „Gerüche kennen zu lernen und sie dann wieder zuordnen zu können – das ist schon eine Faszination.“ Im BVS ist die Geruchs-Expertin, weil sie den Austausch und das Voranbringen von Standpunkten und Regelwerken schätzt.