30. Januar 2019

Baden-Württemberg: Scheinselbstständigkeit auf dem Bau nimmt drastisch zu

Nicht nur Fliesenleger kämpfen mit Scheinselbstständigkeit. Foto: Petra Bork/pixelio.de

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Die Baubranche im Land startet optimistisch ins neue Jahr. Während sich der Konjunkturhimmel in anderen Wirtschaftszweigen eintrübt, vermeldet die Landesvereinigung Bauwirtschaft in sämtlichen Bausparten erneut gestiegene Umsatzzahlen und gut gefüllte Auftragsbücher. Sorgen bereiten der Fachkräftemangel und die steigende Menge der Solo-Selbstständigen.

Laut vorläufiger Bilanz für 2018 erwirtschafteten die größeren Bauunternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten in den ersten elf Monaten ein Umsatzplus von 12 %. Der Auftragseingang legte um 6,6 % zu. Für das Gesamtjahr 2018 und bezogen auf sämtliche Betriebe im Bauhauptgewerbe rechnet die Landesvereinigung mit einer Umsatzsteigerung um 10 % auf rund 17,3 Mrd. Euro. Die Zahl der Beschäftigten ist um 4 % auf 104.000 geklettert. Auch für 2019 erwartet Verbandspräsident Bernhard Sänger gute Geschäfte, allerdings mit etwas moderaterem Wachstum: „Bis Jahresende könnte nochmals ein Plus von 6 % hinzukommen.“

Selbstständig nur zum Schein?

Problematisch ist darüber hinaus die zunehmende Zahl der Solo-Selbstständigen auf dem Bau, die seit dem Wegfall der Meisterpflicht 2004 vor allem im Ausbaugewerbe explosionsartig nach oben gegangen ist. Laut BG BAU sind gut die Hälfte der gemeldeten Baubetriebe als Ein-Mann-Firma ohne eigene Angestellte unterwegs. Rainer König, Vizepräsident der Landesvereinigung Bauwirtschaft und zugleich Vorsitzender des Fachverbandes der Stuckateure in Baden-Württemberg, vermutet hinter vielen dieser Firmen in Wahrheit eine verdeckte Scheinselbstständigkeit: „Diese illegale Billigkonkurrenz ist für unsere ehrlich arbeitenden Betriebe zur echten Existenzbedrohung geworden. Meist kommen dabei moderne Arbeitssklaven aus Osteuropa zum Einsatz, die unter dem Deckmantel der Solo-Selbstständigkeit in Kolonnen für Nachunternehmen arbeiten und deshalb weder Steuern noch Sozialabgaben, oftmals auch keine Mehrwertsteuer zahlen. Dafür bieten sie ihre Leistungen zu Dumpingpreisen an, bei denen legal arbeitende Firmen nicht mithalten können.“

Aber auch für Bauherren erweist sich der vermeintliche Preisvorteil schnell als Nachteil, denn mit dem gnadenlos niedrigen Preisniveau sinkt meist auch die Qualität. So hat sich laut aktueller Studie des Bauherren-Schutzbundes die Zahl der gemeldeten Schadensfälle bei neuen Wohngebäuden zwischen 2009 und 2016 nahezu verdoppelt. Die häufigsten Mängel gibt es an Dächern, Decken, Fußböden und Wänden. In der Regel treten diese Schäden erst Monate nach der Fertigstellung auf. „Natürlich steigt mit zunehmender Bautätigkeit generell auch die Mängelquote. In erster Linie liegt das aber am fehlenden Fachwissen, da die meisten Billiganbieter nicht über die notwendigen Qualifikationen verfügen“, warnt Rainer König und verweist stattdessen auf Betriebe mit Meisterbrief.

Qualifizierten Fachkräfte gesucht

Probleme bei der Auftragsabwicklung bereitet derzeit der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Oft braucht es mehrere Monate Vorlaufzeit, bis ein Bauprojekt starten kann. An dieser Situation, so Sänger, sei die öffentliche Hand nicht ganz unschuldig, da sie über Jahre hinweg ihre Aufträge massiv zurückgefahren hat. „Um jetzt wieder Personalkapazitäten aufzubauen, brauchen unsere Betriebe deutlich mehr Planungssicherheit als bisher. Wir fordern deshalb eine Verstetigung der öffentlichen Auftragsvergabe und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg.“ Häufig bleiben Auftragsvergaben ab November bis April komplett aus, so dass die Firmen nicht wissen, was im Folgejahr auf sie zukommt. Dies gilt aktuell auch für den Breitbandausbau.