28. November 2019

Dr. Murjahn-Förderpreis 2019 verliehen

Lackiererhandwerk (vorne von links): Juryvorsitzender Mathias Bucksteeg (Frankfurt), Martin Mansel (Malerblatt) und Betriebswirt Michael Brendel (Berlin). Hinten (von links): Malermeister Jörg Held (Groß-Bieberau), Malermeister Holger Jentz (Hamburg), Malermeister Dieter Hahn (Grünberg) und Peter Schmid (Der Maler). Foto: Kuratorium Dr. Murjahn-Förderpreis

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Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks in Berlin wurden fünf  Preisträger mit dem Dr. Murjahn-Förderpreis 2019 ausgezeichnet. Preise gingen unter anderem an Margarita Vulfert, die sich auf Steampunkt bezieht und Claus Schmidtke für seine individuelle Gestaltung von Oberflächen..

Die Preisträger sind Malermeisterin Margarita Vulfert, Malermeister Claus Schmidtke, die Maler- und Lackiererinnung Rhein-Main sowie der Verein zur Förderung des Deutschen Maler- und Lackierer-Museums in Hamburg. Ihre wegweisenden Projekte für das Maler- und Lackiererhandwerk wurden mit jeweils 10.000 Euro dotiert. Den mit 5000 Euro ausgelobten Sonderpreis für Jungmaler/innen nahm Ann-Christin Wehlage entgegen. Die Preisverleihung am 8. November im Meistersaal des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin war eingebunden in eine Veranstaltung des Bundesverbandes Farbe Gestaltung Bautenschutz, der Partner des Förderpreises ist.

„Industrial Wallart: The Steampunk“

Vor zahlreichen Honoratioren des Malerhandwerks, Repräsentanten der Landesinnungsverbände und des Bundesverbandes erhielt Margarita Vulfert den Förderpreis für ihr Projekt „Industrial Wallart: The Steampunk“. Steampunk ist ein Science-Fiction-Genre aus dem 19. Jahrhundert, das spätestens seit den 1980er Jahren an rasanter Popularität gewann und im viktorianischen Zeitalter spielt. Das zeigt sich zum Beispiel im Kleidungsstil der Steampunks und in deren Werken u. a. in der Filmbranche (Wild Wild West). Am signifikantesten zeichnet sich Steampunk durch dampfbetriebene Maschinen und die vielen Zahnräder aus.  Die Faszination für den Geist des viktorianischen Zeitalters inspirierte Margarita Vulfert, sich im Rahmen ihrer Meisterprüfung an der Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart intensiv diesem Thema zu widmen. Sie entdeckte, dass Steampunk nicht nur eine phantastische Verbindung aus Science-Fiction und Abenteuerromanen darstellt, sondern zugleich technische Entwicklungen und Designs hervorbrachte. Margarita Vulfert, die für die Farb- und Raumgestaltung Alexander Petruv in Hettingen tätig ist, übersetzte diese Ideen in die Neuzeit und erstellte eine Art Wegweiser durch den Steampunk. In einem Buch beschreibt sie zehn innovative, eigens für das Malerhandwerk entwickelte Werktechniken. Diese Oberflächentechniken und -strukturen stellen eine Innovation dar und eröffnen dem Malerhandwerk ein neues Gestaltungsgenre. „Mein schönstes Objekt bisher ist die  Werktechnik ‚Miss Lydia Split‘, der Name der Technik bezeichnet meine verstorbene Großmutter und ist aufgrund der sich wechselnden Farbigkeit, je nach Blickwinkel, ein Hingucker“, berichtet Margarita Vulfert. Die Kreativtechnik wurde unlängst auch im Büro ihres Arbeitgebers ausgeführt. Sie besteht aus einer mit einem Topierkamm strukturierten Oberfläche im Hoch-Tief-Format, die anschließend mit einer farbwechselnden Lasur beschichtet wurde. „Wir werden die Werktechniken aus meinem Buch in unser Betriebsportfolio aufnehmen und sie unserem Kundenstamm präsentieren und anbieten“, freut sich Margarita Vulfert über die positive Resonanz allenthalben: „Gestalten mit Steampunk ist eine Neuheit im Malerhandwerk“, so Landesinnungsmeister (LIM) Thomas Schiek (Baden-Württemberg) in seiner Laudatio: „Bisher ist dieser Begriff weitgehend unbekannt, geschweige denn, dass Oberflächentechniken diesem Genre Ausdruck verliehen.“ Margarita Vulfert entdeckte einen neuen Trend, der in sehr aufwendiger Weise in außergewöhnlichen Oberflächen umgesetzt wird. In ihrem Buch beschreibt sie detailliert, wie solche Gestaltungen mit unverwechselbarem Charakter gelingen. Alltägliche Gegenstände werden so zusammengefügt, dass eine futuristische, industrielle Optik entsteht. Margarita Vulfert leistete Pionierarbeit auf einem bisher unbekannten Terrain. Die damit verbundene Erweiterung gestalterischer Möglichkeiten bietet dem Malerhandwerk insgesamt neue Optionen, speziellen Kundenwünschen gerecht zu werden“, lautet das Urteil der Jury. Für Margarita Vulfert hat der Dr. Murjahn-Förderpreis denn auch eine sehr große Bedeutung: „Ich habe noch nie etwas gewonnen. Der Förderpreis zeigt mir nun, dass es Menschen gibt, die meine Arbeit für besonders halten, was eine Bestätigung für die Richtigkeit meiner Berufswahl ist.“

„Initiative Faires Handwerk“

Lohn- und Preisdumping sind auf Baustellen immer wieder ein Problem. Gerade die Beauftragung von Subunternehmen zur Abdeckung von Leistungsspitzen und fremden Arbeitsfeldern ist in der Baubranche üblich. Allerdings nutzen skrupellose Marktteilnehmer oftmals unter Umgehung der Meisterpflicht Alleinunternehmer als Scheinselbstständige aus und vermeiden so Mindestlöhne, Sozialabgaben und Steuern. Dadurch können Sub-Sub-Dschungel entstehen. Unter dem Motto „100% Faires Handwerk“ hat die Innung Rhein-Main daher eine Initiative ins Leben gerufen, die diesem Missstand entgegenwirkt. „41 Mitgliedsfirmen der Innung nehmen an dieser Initiative bereits teil und haben eine freiwillige Selbstverpflichtungserklärung abgegeben, die Endverbraucher vor unseriösen Angeboten schützt und ihnen eine doppelte Gewährleistungssicherheit garantiert“, berichtete Laudator Klaus Leithäuser (LIM Hessen). „Das ist keine Initiative, die am Schreibtisch kreiert wurde, sondern die Nöte der Betriebe haben dazu geführt, dass sich zahlreiche Firmen zusammengesetzt und über viele Jahre zu diesem Handeln entschlossen haben“, so Felix Diemerling, Geschäftsführer der Maler- und Lackiererinnung Rhein-Main. Nach Ansicht der Jury verdeutlicht „die einzigartige Initiative ein Problem, unter dem das Handwerk insgesamt leidet. Die Innung hat nicht nur Maßnahmen entwickelt, die geeignet sind, Verfehlungen am Bau entgegenzuwirken. Sie hat darüber hinaus ein öffentliches Bewusstsein und damit die Voraussetzungen geschaffen, diese Missstände konsequent weiterzuverfolgen und einzudämmen.“ Der Vorbildcharakter spiegelt sich auch darin wider, dass bereits weitere Innungen wie die Malerinnungen Düsseldorf und Lahn-Dill an der Initiative teilnehmen. Viele weitere Innungen haben ihr Interesse bekundet. „Die Missstände zu thematisieren, Lösungswege aufzuzeigen und auch den ehrlichen Unternehmern Mut zu machen, fördert das Image der Branche insgesamt und dient zugleich der Attraktivität des Malerhandwerks“, so die Jury.

Ausgezeichnete Gravurtechnik

Claus Schmidtke vom Malerfachbetrieb Albert Schramm in Schwarzenberg entspricht dem Anliegen nach individuellen Wandoberflächen durch moderne Lasertechnik. Handelsübliche Vliesrohtapeten erhalten durch eine zum Patent angemeldete Gravurtechnik eine individuelle Note, das Zusammenspiel von Gravur und Licht spiegelt die Philosophie der Kunden wider – gerade auch im Hinblick auf „Corporate Identity“. Vom klassischen Motiv bis zur Umsetzung eigener Ideen erhalten sie Oberflächen mit eigenem Bild, Logo oder anderen Motiven. Claus Schmidtke lässt mittels Lasertechnik „außergewöhnliche Designideen an Wandflächen Wirklichkeit werden. Vom Kunden freiwählbare Motive werden in Vliestapeten graviert, wobei auch kleinste Einheiten realisierbar sind. Somit ist eine völlige Freiheit bei der Umsetzung von Gestaltungsideen gegeben“, sagte Laudator Uwe Runge (LIM Sachsen-Anhalt): „Auch feinste Geometrien gelingen mit höchster Präzision, individuellen Farbgebungen sind keine Grenzen gesetzt.“ Zudem können interne Beleuchtungselemente weitere Highlights bilden“, so die Jury. Die von Claus Schmidtke im Rahmen des Projekts „m’sCepp Wallart“ entwickelte Oberflächentechnik offenbart „ein Gespür für neue Gestaltungsideen. Sie ist in ihrer Präzision und Vielgestaltigkeit einzigartig. Der Malerbranche bieten sich hervorragende Optionen bei der Umsetzung individueller Kundenwünsche“, urteilte die Jury. Claus Schmidtke blickt denn auch optimistisch in die Zukunft: „Wir sind noch am Anfang, der Start ist vielversprechend, die Resonanz bei Kundengesprächen überaus positiv. Mit unserer Gravurtechnik haben wir weltweit eine Alleinstellung.“ Auch für Schmidtke besitzt die Auszeichnung als „Bestätigung meiner Arbeit in den letzten vier Jahren“ höchste Bedeutung: „Von der ersten Idee bis zum Endprodukt war so manche Hürde zu überwinden“, erzählt er. Dass er sich dabei von der einen oder anderen skeptischen Stimme nicht entmutigen ließ, wurde jetzt mit dem Dr. Murjahn-Förderpreis gewürdigt.

„Das Museum – Tradition trifft Zukunft“

Das seit über 30 Jahren bestehende Deutsche Maler- und Lackierer-Museum in Hamburg dokumentiert eine mehr als 800-jährige Historie. Zeitgeschichtliche Dokumente, Gesellen- und Meisterbriefe, Zunftgegenstände und Prüfungsarbeiten verdeutlichen dem Betrachter eindrucksvoll die Arbeitstechniken und Lebensweisen der verschiedenen Malergenerationen. „Als Hort des gesammelten Erfahrungswissens des Maler- und Lackierergewerkes“ komme dem Museum herausragende Bedeutung zu, so Matthias Uderstadt (LIM Hamburg) in seiner Laudatio: Ehrenamtliche Mitarbeiter vermitteln ihre Kenntnisse regelmäßig nachfolgenden Generationen. In Gewerke übergreifenden Projekten schaffen Auszubildende mit alten Werkzeugen sowie modernen Werkstoffen und Gestaltungsideen neue Exponate für „‚ihr“ Museum. „Wir sind zum Beispiel in Projekte der Berufsschulausbildung und Meisterkurse involviert. Das Können und die Zusammenarbeit mit den Altvorderen regen zum Nacheifern und zur Identifikation mit dem Beruf an. Unser Museum fördert Motivation, Image und die Kreativität“, beschreibt der Vorsitzende des Fördervereins Michael Sommersell verschiedenste Funktionen: „Je mehr der heutige Maler auch von historischen Materialien und Techniken erfährt, desto eher wird er in Kombination zwischen diesen und der heutigen Werkstoff- und Technikwelt kreative Lösungen für seine Beschichtungsprobleme finden und sich so den Veränderungen des Marktgeschehens anpassen können.“ Durch das Wissen um die Wurzeln des Malerberufes und die Zusammenarbeit mit erfahrenen Profis werden Selbstwertgefühl und Fertigkeiten der Auszubildenden gefördert und deren Identifikation mit dem Beruf gestärkt. „Insoweit besitzt das Museum Strahlwirkung für künftige Generationen. Zudem lernen fachfremde Besucher das facettenreiche Gewerk mit seinen unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten und Schutzfunktionen kennen. Der durch das Museum ausgelöste Perspektivwechsel fördert auch das Image des Malerberufes in einer breiten Öffentlichkeit“, so die Jury. Um dem Anspruch auf Vollständigkeit gerecht zu werden, hat sich der Förderverein des Museums dazu entschlossen, die Darstellung nicht mit den 1970er Jahren enden zu lassen, sondern auch moderne Entwicklungen der Werkstofftechnik zu zeigen. Laut Michael Sommersell soll die zukünftige Ausstellungserweiterung im Zuge der Digitalisierung als virtuelles Projekt durchgeführt werden, bei dem Inhalte aus dem Internet mit modernen Medien im Museum erschlossen werden können.

 „Wehlage-Life“

Der Sonderpreis für Jungmaler/innen geht an Ann-Christin Wehlage. Auf ihre Initiative hat die Firmengruppe Wehlage in Lengerich im Dezember 2018 ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen: „Wehlage-Life“ zielt auf die Etablierung eines betrieblichen Gesundheits- und Schulungsmanagements. Dafür schafft das Unternehmen die Voraussetzung, indem es auf dem Betriebsgelände umfangreich unter anderem in ein Gebäude für die Mitarbeiter investiert. Hinter dem Projekt steht die tiefe Überzeugung von Ann-Christin Wehlage, „dass Firmen für die langfristige Bindung und Akquise von Mitarbeitern etwas bieten müssen, um ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen“. Diesem Thema widmete sich die junge Malermeisterin, die sich auf die zukünftige Leitung des Unternehmens vorbereitet, bereits im Zusammenhang mit ihrer Facharbeit an der Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart. Das Projekt „Wehlage-Life“ besitzt „Vorbildcharakter in punkto Betriebsführung“, freute sich Thomas Heinelt (LIM Niedersachsen): „Es zielt darauf ab, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, in dem die Mitarbeiter Wertschätzung erfahren und Anerkennung spüren. Das soziale Engagement und die Ernsthaftigkeit bei der Umsetzung des Projektes spiegeln sich in einer nicht unbeträchtlichen Investition in den Bau eines Gesundheits- und Schulungszentrums wider. Bereits in jungen Jahren zeigt Ann-Christin Wehlage Empathie, Zuwendung und Aufmerksamkeit für ihre Mitarbeiter im Wissen, dass in weiten Bereichen ein Umdenken stattfinden muss. Nur so können Unternehmen auf Dauer qualifizierte Mitarbeiter halten oder für sich gewinnen, die letztlich auch eine Qualität sichern, mit der Kunden zufrieden sind. Der Mensch steht im Mittelpunkt dieses Konzeptes. So schafft Ann-Christin Wehlage einen Ort, an dem man sich gerne trifft, etwas lernt und für sich ganz persönlich etwas tun kann.“

Leuchttürme im Malerhandwerk

Bei der Preisverleihung würdigte Dr. Ralf Murjahn die enorme Schaffenskraft des Handwerks, die zum Beispiel in „faszinierenden Oberflächen“ zum Ausdruck kommt. Er bekräftigte die Nähe zum Handwerk und führt die mit dem Förderpreis verbundene Familientradition aus Überzeugung fort. Sein Vater Dr. Klaus Murjahn hatte den Preis 2011 anlässlich seines 75. Geburtstags als Dank an das Malerhandwerk ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Kuratoriumsvorsitzenden Ursula Blank dankte Ralf Murjahn an diesem Abend dem Ehrenpräsidenten des Bundesverbandes Karl-August Siepelmeyer nicht nur für die langjährige ehrenamtliche Arbeit im Kuratorium des Förderpreises: „Die Liebe zum Handwerk habe ich bei Ihnen immer gespürt und von Ihnen übernommen. Die Zusammenarbeit war mir eine Ehre.“ Der Präsident des Bundesverbandes Farbe Gestaltung Bautenschutz Jan Bauer richtete den Blick in die Zukunft: „Wenn wir Dinge mit Leidenschaft tun, dann kommen wir auch voran.“ Die Preisträger seien Hoffnungsträger auf diesem Weg und inspirierende Vorbilder. ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke betonte die Wertschätzung für das Malerhandwerk, die sich im Förderpreis spiegelt. Der Preis sei ein Aushängeschild über die Branche hinaus. Ursula Blank dankte sämtlichen Teilnehmern für das große Engagement bei den Bewerbungen. „Machen Sie diesen Preis auch weiterhin zu Ihrem Preis“, rief sie zur Teilnahme auf. Mehr im Internet unter „www.Dr-Murjahn-Foerderpreis.de“.

Quelle: DAW/wh