20. März 2020

Stuckateure spüren die Folgen der Corona-Krise

Noch wird auf den Baustellen gearbeitet. Foto: Lizarazo

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Viele Stuckateurbetriebe arbeiten derzeit noch relativ normal. Dennoch bekommen sie nach und nach die Folgen der Corona-Krise zu spüren. Sie müssen sowohl ihre Mitarbeiter und Kunden schützen als auch die Betriebe fit machen für die Herausforderungen der nächsten Monate. Ein Stimmungsbild aus der Branche.

Viele Betriebe nutzen in der Krise die Beratung durch die Innungen und Verbände. Der SAF in Baden-Württemberg informiert in einem Webinar die Mitglieder der Innungen über offene Fragen wie Kurzarbeitergeld und mögliche staatliche Unterstützung. Oliver Hartmann, Geschäftsführer Stuck-, Putz- und Trockenbau Westfalen hat sich einer Telefonrunde einen Überblick über die Lage verschafft. „Die Unternehmen sehen, was Verbände gerade leisten“, betont er. Die Beratung werde geschätzt.

Verbandstreffen können derzeit nicht stattfinden, auch das Treffen des Erfa-Kreises ausbau+fassade in Wien musste verschoben werden. Um so wichtiger ist es für viele derzeit, sich telefonisch auszutauschen und auf dem Laufenden zu halten.

Derzeit können die Betriebe noch arbeiten

Noch können die Betriebe ihrer Arbeit nachgehen, so der momentane Eindruck. Rainer König, Stuckateurmeister und Vorsitzender des baden-württembergischen SAF, arbeitet "mit voller Kraft weiter". Die Bauteile für seine schlüsselfertigen Häuser, hat er schon lange bestellt. Für die nächsten Wochen liegt ausreichend Material auf Lager. Sein Vorteil: "Wir arbeiten nur mit eigenen Mitarbeitern. Die habe ich sensibilisiert, auch für das Verhalten in der Freizeit. Keine Partys", erklärt König und ist sehr dankbar für die hohe Motivation und das Verständnis der Mitarbeiter. Ihm kommt zugute, dass sich sein Unternehmen auf den Ausbau spezialisiert hat und nicht in Baukolonnen eingebunden ist. Seine Auftragsbücher seien voll, berichtet König. Erst gestern hat er wieder zwei Aufträge für zwei Einfamilienhäuser erhalten. Aber ansonsten ist die Nachfrage im Moment sehr verhalten. Dafür dass die Menschen gerade andere Sorgen haben hat er Verständnis. Er will mutig bleiben und sich gedanklich schon mit der Zeit nach der Krise beschäftigen. Jürgen Hofele, Stuckateurmeister aus Donzdorf geht davon aus, dass alle Kollegen derzeit noch auf den Baustellen sind. Stornierungen von Aufträgen habe er noch keine erhalten.

"Bisher hat uns die Krise noch nicht so stark getroffen hat. Im Saarland betrifft es im Moment Firmen mit französischen Pendlern, die teilweise nicht mehr auf die Baustellen dürfen. In Luxemburg dürfen die deutschen Pendler nicht mehr arbeiten. Das trifft natürlich insbesondere die Betriebe die ausschließlich oder fast ausschließlich in Luxemburg arbeiten" berichtet Oliver Heib, Vorsitzender des Bundesverbands Ausbau und Fassade aus dem Saarland. Gerade die Stuckateure hätten ja durch die Vielfalt in der Ausbildung eine gute Basis zum improvisieren, sofern entsprechende Aufträge vorhanden sind. Sein Betrieb sei stark im Neubau im Wirtschaftsbau aktiv und er habe keine Grenzgänger. "Daher arbeiten wir momentan ohne eine einzige Krankmeldung und mit all unseren Subunternehmen mit voller Kraft weiter", betont Heib.

Nachfrageeinbruch beginnt sich zu zeigen

„Spürbar ist der beginnende Nachfrageeinbruch, der den Betrieben für die Zukunft Sorgen bereitet, da die Auftragsbestände nicht wachsen“ berichtet Wolfgang Germerott, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Ausbau und Fassade aus seinem Betrieb in Niedersachsen. Derzeit laufe die Produktion im Baugewerbe noch ohne merkbare Behinderungen weiter. „Die Unternehmen haben ein großes Bewusstsein für die notwendige Sensibilisierung von Mitarbeitern, für die Hygieneregeln und vor allem für die Abstandsregeln. Außerdem stellen die Betriebe älteren Mitarbeitern mit Risikoprofilen aus Vorerkrankungen frei, unbezahlten oder bezahlten Urlaub zu nehmen.“

Die Arbeit läuft noch, aber es ist Vorsicht angesagt. Ein Obermeister aus Düsseldorf erzählt, dass  ein Bauherr in Quarantäne sei, aber die Arbeiten außen am Haus laufen. Vertragsverhandlungen und Baustellenbesichtigungen sind verschoben, Kolonnen sind separiert, Stundenzettel kommen als Foto, es finden keine Treffen am Lager, auf den Baustellen sind zeitversetzte Pausen verordnet. Arbeiten im Ausnahmezustand. Bundesvorstandsmitglied Jörg Ottemeier berichtet, dass Mitarbeiter auf größeren Baustellen mit Mundschutz arbeiten, keine großen Gruppen in den Fahrzeugen fahren und die Verwaltung im Home Office erfolgt. Der Vorstand der Stuckateure Nordrhein sieht das derzeitige Auftragspolster von zwei bis drei Monaten nicht in Gefahr, aber viele kleine Auftraggeber könnten durch eigenen Jobverlust die Aufträge zurückziehen.

"Einige Betriebe werden auf der Strecke bleiben"

Oliver Heib rechnet damit, dass trotz der Maßnahmen der Bundesregierung, die die finanzielle Belastung der Betriebe etwas abfedern, einige Betriebe auf der Strecke bleiben. "Ich hoffe für unsere Betriebe, dass alle rechtzeitig mit ihren Mitarbeitern gesprochen und Regelungen für den Ernstfall besprochen haben. So werden wir im Fall der Fälle zuerst alle Überstunden abfeiern, den Resturlaub aufbrauchen und gegebenenfalls noch zwei Wochen Betriebsferien machen. Damit schaffen wir es, ohne Kurzarbeitergeld bis nach Ostern. Damit haben dann unsere Mitarbeiter kaum bis gar keine Lohneinbußen bis Ende April. Danach müssen unsere Mitarbeiter mit den geringeren Bezügen aus dem Kurzarbeitergeld leben, falls es so kommt", beschreibt er die Lage vor Ort.

Auch Michael Christmann, Stuckateurmeister aus Bonn, ist trotz noch voller Auftragsbücher vorbereitet auf den Fall, dass es zu Kurzarbeit kommen kann und hat die notwendigen Unterlagen zusammengestellt, um schnell reagieren zu können. Überwiegender Wunsch der Betriebe sei es bei telefonischen Kontakten gewesen, das Saison-Kurzabeitergeld einfach weiterführen zu können bis April oder auch Ma, berichtet Oliver Hartmann.  Der Umgang damit sei geübte Praxis für die Betriebe und dadurch verminderter Stress für die Antragsteller.

Manche Betriebe nutzen Schließungen für Sanierungsprojekte

In der Krise gibt es auch Lichtblicke. So berichtet etwa Michael Christmann, dass an einem Tag zwei Anfragen eingegangen seien von einem Hotel und einem Flitness-Studio, die die staatlich verordnete Zwangspause nutzen wollen, um die Gebäude zu sanieren. Dem Betrieb von Wolfgang Germerott kommt die Strategie zugute, die seine Geschäftsführer Frank Fenselau und Mark Wichert in einer neunmonatigen Digitalisierungsoffensive vor der Krise entwickelt haben. Man fahren nun die Ernte ein, sagt Germerott: „Jeder Mitarbeiter hat ein digitales Endgerät und ist in die EDV-Struktur des Unternehmens durch einen VPN-Tunnel und durch besondere, leistungsfähige Terminalserver eingebunden. Unsere Baustellen laufen weiter und die Kommunikation ist durch die Einführung von digitalen Bauakten und Videochatprogrammen ungetrübt.“

Noch gibt es keine Materialengpässe, Felix Pakleppa vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes berichtet aber von ersten Meldungen über eine Unterbrechung der Lieferketten. „Zudem können rund 100.000 Entsendearbeitnehmer, die wir dringend benötigen würden, nicht einreisen“, ergänzt Pakleppa. Was die Betriebe am dringendsten brauchen, sei Liquidität zur Absicherung der Produktionsprozesse und Lohnzahlungen. „Umso wichtiger ist es, dass die öffentliche Hand ihre Budgets wie geplant an den Markt bringt und auch die Zahlungen für erbrachte Bauleistungen zügig leistet“, sagt Pakleppa. Am Ende bleibe die Hoffnung, dass die in 2019 genehmigten Bauten nach der überstandenen Pandemie realisiert werden. von Pia Grund-Ludwig und Wolfram Hülscher