02. Dezember 2020

Herbstforum Altbau beleuchtete neue Entwicklungen in der energetischen Gebäudesanierung

Das Herbstforum Altbau fand in diesem Jahr digital statt. Foto: Zukunft Altbau

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Welche Maßnahmen nötig sind, damit der Gebäudebestand klimaneutral wird, dieser Frage widmete sich Herbstforum Altbau in Stuttgart. Expertinnen und Experten aus Baubranche, Wissenschaft und Politik stellten Sanierungsstrategien, Technologien und neue Denkansätze vor. Das Ziel wäre die zu geringe Sanierungsrate steigern und die -qualität verbessern. Digital zugeschaltet waren rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Handwerk, Architektur, Ingenieurwesen, Politik, Verwaltung, Kammern und Verbänden.

Themen des Herbstforums Altbau waren die neuesten energiepolitischen Entwicklungen, gesetzlichen Neuerungen und bestehenden Herausforderungen auf dem Weg zu einem klimaneutralen Gebäudebestand. Zum Auftakt sprach die Rechtsanwältin Dr. Roda Verheyen. Sie ist eine der renommiertesten Anwältinnen für Umwelt- und Völkerrecht und zeigte Wege auf, wie das juristische Einfordern von Klimaschutz möglich ist. Einen aktuellen Fall beleuchtete sie näher: Als Rechtsanwältin vertritt sie einen Kleinbauern aus Peru mit seiner Klage gegen einen großen deutschen Energiekonzern. Er sei mitverantwortlich für den Klimawandel und müsse sich daher anteilig an der Finanzierung von Schutzmaßnahmen beteiligen. Der noch nicht abgeschlossene Prozess soll dafür sorgen, dass sich Verursacher solcher Probleme an Maßnahmen zum Schutz vor Schäden oder zum Klimaschutz beteiligen müssen.

Aktuelle Informationen

Welche Entwicklungen und Neuerungen es in der Europa- und Bundespolitik gibt, beschrieb Dr. Alexander Renner. Er ist Leiter des Referates Energiepolitische Grundsatzfragen im Gebäudebereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und hat einen Einblick in die Materie wie nur wenige Fachleute in Deutschland. Im Fokus seines Vortrags standen die aktuellen Bestrebungen des Bundes vor dem Hintergrund der geforderten Klimaneutralität des Gebäudesektors bis 2050. 2021 sollen die EU-Gebäuderichtlinie und die Erneuerbare-Energien-Richtlinie novelliert werden. Die EU-Kommission plant die energetische Sanierung von Gebäuden in den nächsten vier Jahren noch stärker als bisher mit finanziellen Anreizen voranzutreiben. Darüber hinaus stellte Renner die Neuerungen des am 1. November 2020 in Kraft getretenen Gebäudeenergiegesetzes (GEG) vor, etwa das Verbot, ab 2026 neue Ölheizungen ohne einen Anteil erneuerbarer Energien einzubauen. Besonders aufmerksam verfolgten die Zuschauer die Grundzüge der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG), die in den nächsten Tagen bekannt gegeben werden soll. Die BEG soll die BAFA- und KfW-Förderungen zusammenlegen und die finanzielle Förderung weiter verbessern.

Dr. Martin Pehnt, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Vorstand des ifeu-Institutes für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, sprach über Graue Energie – also die Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Verarbeitung und Entsorgung von Baustoffen anfällt. Der Experte stellte die Ergebnisse einer Studie vor, die die Ökobilanz von Dämmstoffen untersucht hat. Sie zeigen, dass alle Dämmstoffe über die Lebensdauer betrachtet erheblich mehr Energie und Treibhausgase vermeiden, als ihre Herstellung erfordert. Sein Fazit: auf Dämmung aufgrund grauer Energie verzichten, ist falsch. Dabei sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Dämmstoffen meist nicht sehr groß. Außerdem lautet seine Empfehlung: um die Werte noch weiter zu verbessern und Ressourcen zu schonen, sei ein Ausbau des Baustoffrecyclings unbedingt nötig.

Klimaschutz im Gebäudebestand rückt in den Fokus

Franz Untersteller zog in seiner letzten Rede auf dem Herbstforum als baden-württembergischer Umweltminister ein Resümee seiner Amtszeit und gab einen Ausblick darauf, was noch erreicht werden muss. Er betonte, der Gebäudebestand werde künftig in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Mit dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWärmeG) und dem novellierten Klimaschutzgesetz habe die Landesregierung wichtige Impulse gesetzt. 2022 werden die Photovoltaik-Pflicht für neue Nichtwohngebäude und Parkplätze in Kraft treten sowie bis 2023 die verpflichtenden kommunalen Wärmepläne für größere Städte aufgestellt. Hinzu komme die im Herbst 2020 erfolgte Verbesserung der Bundesförderung durch die landeseigene L-Bank. An der Bundespolitik kritisierte Untersteller unter anderem das GEG als zu wenig ambitioniert. Bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) bemängelte er vor allem die Herabsetzung der Ausschreibungspflicht für Dachanlagen auf 500 Kilowatt installierter Leistung. Die Crux bei den Ausschreibungen: Gewinnt etwa ein Unternehmen eine solche Ausschreibung, darf es den günstigen Solarstrom nicht selbst verbrauchen. Dadurch werden Photovoltaik-Anlagen in dieser Größenordnung für Unternehmen unattraktiv.

Prof. Dr. Nico Paech, prominenter Vertreter der Postwachstumsökonomie, präsentierte in seinem Vortrag ein Konzept, wie ein klimafreundliches Leben und nachhaltiger Konsum gelingt. Das Motto des zu Klimaschutz und Innovation forschenden Wissenschaftlers: „weniger ist mehr“. Um global gerechte Lebensstile zu erreichen, kann Technik ein Mittel sein, dies reiche aber nicht aus. Technologie werde das Problem allein nicht lösen. Hinzukommen müsse neben der Anpassung des Nutzerverhaltens auch eine Selbstbegrenzung oder Genügsamkeit, damit ein klimaneutrales Leben möglich wird. So könne der dringend erforderliche Wandel auch beginnen, wenn politische Maßnahmen auf sich warten lassen.

Serielles Sanieren als Chance

Der letzte Redner des Tages war Dipl. Ing. (FH) Architekt Roland Matzig, einer der Pioniere für serielle Sanierung. Er beleuchtete die Entwicklung von vorgefertigten Bauteilen zur energetischen Sanierung. In Deutschland sind industrielle Ansätze bei der Gebäudesanierung noch weitgehend unbekannt. Sie bieten eine große Chance, die Sanierung des Gebäudebestandes zu beschleunigen und einfacher zu machen. Das neuartige Konzept setzt auf Digitalisierung, standardisierte Prozesse und vorgefertigte Bauelemente. Am Beispiel von dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern zeigte der Passivhausexperte Matzig, dass nach der Planungsphase die Dämmung der Fassade in nur wenigen Tagen realisiert werden kann und das ohne Gerüst. Verbreite sich dieses Vorgehen zusätzlich zu den etablierten Methoden der energetischen Sanierung, könnte der klimaneutrale Gebäudebestand 2050 tatsächlich Wirklichkeit werden.  Im kommenden Jahr findet das Herbstforum Altbau am 24. November 2021 statt. Idee zum Austausch.

Quelle: Zukunft Altbau / Wolfram Hülscher