12. Mai 2022

Energiepreise bedrohen Betriebe

Strompreise bedrohen Existenzen. Foto: vchalup/stock.adobe.com
Strompreise bedrohen Existenzen. Foto: vchalup/stock.adobe.com

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In einer Diskussionsrunde der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main mit den IHKs in Frankfurt, Darmstadt und Offenbach, wurde über die steigenden Energiepreise debattiert und welche Auswirkungen auf die Betriebe noch zukommen werden.

Die Strom- und Gasrechnungen haben in den vergangenen Wochen und Monaten ungekannte Höhen erreicht. Der Krieg in der Ukraine, die Diskussionen um ein Embargo für Öl und Gas aus Russland sowie ein möglicher Lieferstopp setzen die Märkte extrem unter Druck. Schon jetzt können viele Betriebe die Mehrbelastungen kaum noch schultern. Das haben Susanne Haus, Präsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, und Ulrich Caspar, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt, in einer Podiumsdiskussion am Donnerstagabend in den Räumen der Frankfurt University of Applied Sciences verdeutlicht.

Im Handwerk sind energieintensive Betriebe wie Bäcker oder Metzger besonders betroffen. „Die Lage ist zum Teil dramatisch“, sagte Haus. Ein großer Frankfurter Bäcker zahlte schon im Januar fünfmal so viel fürs Gas wie vor einem Jahr und mehr als doppelt so viel für Strom. Dazu kämen bei den Betrieben höhere Preise und Lieferprobleme bei Rohstoffen. Gleichzeitig litten viele noch unter Corona-Nachwirkungen. Erste Handwerksbetriebe seien bereits in Existenznot.

Auch für die Industriebetriebe sei die Lage problematisch, es gebe keinerlei Planungssicherheit und generell große Unsicherheit, so IHK-Präsident Ulrich Caspar. „Jedes fünfte unserer Unternehmen ist direkt von den Auswirkungen der steigenden Energiekosten erheblich betroffen. Energieerzeugung aus Kernspaltung und Kohle abzuschalten, setzt vorherige Alternativen voraus, sonst kommt es zu unkalkulierbaren Preiserhöhungen. Das Konzept Energie aus Windkraft und Sonne und – für Zeiten ohne Sonnenschein und Wind – auf russisches Gas zu setzen, ist nunmehr auch künftig nicht realisierbar. Durch Beschleunigung von Planungsrecht und Entbürokratisierung muss CO2-freie Energieerzeugung technologieoffen ermöglicht werden. Die Industrie- und Handelskammern stehen aber auch ihren Betrieben für konkrete Beratungsgespräche in akuten Problemsituationen zur Verfügung.“

Preise im Einkauf drastisch erhöht

Die Energiepreise seien schon seit September stark gestiegen, sagte Dr. Marie-Luise Wolff, die Präsidentin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Vorstandsvorsitzende der Entega AG und Vizepräsidentin der IHK Darmstadt ist. Gründe seien zum einen Nachholeffekte in Form von höherer Produktion in der Industrie, zum anderen leere Gasspeicher. Deutschlands größter Gasspeicher in Rehden (im Besitz von Gazprom) sei kaum gefüllt gewesen. 2022 seien die Preise im Einkauf jetzt dreimal so hoch wie vor einem Jahr. Wenn von heute auf morgen kein Gas mehr geliefert würde, wären die Auswirkungen dramatisch, sagte Dr. Constantin Alsheimer, Vorstandsvorsitzender der Mainova AG in Frankfurt. Die Bundesnetzagentur entscheide dann, welche Industrien die verbleibenden Mengen bekämen. Die Frage zu beantworten, welche Unternehmen wann abgeschaltet würden, sei kompliziert. Ein Betrieb, der beispielsweise Trinkgläser produziere, stelle womöglich auch Ampullen für die Pharmaindustrie her. Oder eine Papierfabrik möglicherweise auch Verpackungen für Medikamente.

Selbst wenn das Notfallszenario nicht einträte, habe man zwei herausfordernde Jahre vor sich, bis eine Infrastruktur für LNG aufgebaut sei. „Danach könnte sich der Markt wieder etwas entspannen“, sagt Alsheimer. Das Niveau von 2020 werde man wohl nicht mehr erreichen, da die Nutzung von LNG grundsätzlich teurer sei als Pipeline-Gas.

Massive Investitionen in erneuerbare Energien sind notwendig

In der Preisgestaltung bleibe den Versorgern wenig Spielraum. Auf die Frage von Moderatorin und FAZ-Redakteurin Inga Janovic, ob man nicht den Gewinn der Vorjahre nutzen könnte, gab es ein klares Nein. Dafür seien die Margen zu gering. Die Energiewende verlangsamen, wie von Wirtschaftsverbänden vorgeschlagen, wollen die Versorger nicht. Stattdessen fordern sie massive Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien, in Forschung und Entwicklung bei Wasserstoff und in Infrastruktur – allen voran bei den Netzen. „Nur erneuerbare Energien dämpfen dauerhaft die Energiepreise“, betonte Wolff. „Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit müssen in Balance bleiben. Dafür benötigen wir insbesondere Technologieoffenheit“, sagte Alsheimer.

Für Entlastung bei den Firmen solle vor allem der Bund sorgen, der durch Steuern von den höheren Preisen profitiere. Der BDEW habe bereits eine Absenkung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent gefordert, sei damit aber bislang nicht durchgedrungen, sagte Verbandspräsidentin Wolff. Die Wirtschaftsvertreter fordern weitere kurzfristige Lösungen. „Das Entlastungspaket der Bundesregierung geht in die richtige Richtung. Niemand weiß aktuell, wie tief die Krise unsere Wirtschaft noch treffen wird – Unternehmen brauchen jetzt steuerliche Reduzierungen auf Energiekosten“, sagte Caspar.

Handwerk fordert Senkung der Verbrauchssteuerung zur Entlastung

Für Handwerksbetriebe bringe das Paket außer reduzierten Spritkosten wenig, sagte die Kammerpräsidentin. Das Handwerk fordert eine Senkung der Verbrauchssteuern auf die in Europa geltenden Mindeststeuersätze und eine zeitweise Aussetzung der CO2-Abgabe. Die Arbeitgeber sollten außerdem die 300 Euro Energiepauschale nicht in Vorleistung auszahlen müssen. Das würde den Betrieben zusätzlich auf die Liquidität drücken. Für die Umsetzung der Energiewende werde auch das Handwerk gebraucht. Die Handwerkskammer tue alles, um Fachkräfte zu gewinnen, die Wärmepumpen einbauen und Solaranlagen auf die Dächer bringen, so Haus. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer, dass man in den kommenden Jahren eine Kraftanstrengung vor sich hat, die nur gemeinsam gelingen kann.

Quelle: Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main / Delia Roscher