01. Januar 2016

Markante Putzfassade

Knauf_Kratzputz_2 Ausbau und Fassade - Markante Putzfassade

Ein weißes Band aus Putz setzt ein architektonisches Markenzeichen beim neuen Quartier am Stadtgarten in Neuenrade. Ein mineralisch dickschichtiger Kratzputz auf dem Wärmedämm-Verbundsystem ermöglichte die markante Fassadenarchitektur.

Weit mehr als ein Jahrhundert prägte das Vaterland Werk Friedrich Herfeld Söhne das Leben in Neuenrade (Märkischer Kreis). Vom Sauerland aus gingen einst Akkordeons und Blasinstrumente in alle Welt. Ab den 1930er-Jahren wurde die Produktion mitten im Herzen der heute rund 12000 Einwohner zählenden Kleinstadt mehr und mehr auf Fahrräder verlagert. 2007 bedeutete die Insolvenz das Ende für eine der ­ältesten Fahrradmanufakturen Deutschlands. Die ortsansässige Echterhage Holding erwarb das Gelände und entwickelte ein Konzept zur Umwidmung des ehemaligen Industriegeländes, das über das zur Holding gehörende Gene­ralbauunternehmen »Eco Plan« realisiert wurde. Nach dem Abriss der Produk­tionshallen entstand ein beispielgebender Wohn- und Geschäftskomplex mit seniorengerechten Miet- und Eigentumswohnungen sowie Gewerbe- und Büro- beziehungsweise Praxisflächen.

Appartements für Senioren
Das neue Quartier am Stadtgarten – ein Ensemble aus zwei Neubauten und zwei unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Verwaltungsgebäuden der ­Vaterland Werke – bietet eine optimale Versorgung mit Einkaufs-, Freizeit- und Kulturangeboten. Das speziell auf Senioren ausgerichtete Konzept umfasst ein breites Angebot an barrierefreien ­Eigentums- und Mietwohnungen. »In unserem Wohnprojekt Mühlendorf in Neuenrade betreuen wir seit 2009 ­unsere Mieter mit einem breitgefächerten Konzept. Für die Wohnungen im Quartier am Stadtgarten gab es schnell eine lange Warteliste«, berichtet Ruth Echterhage, Geschäftsführerin der ­Echterhage Holding.

Weißes Band aus Putz
Die neu gebauten Abschnitte zählen neben vier Ladengeschäften im Erd­geschoss über 30 barrierefreie, etwa 50 bis 140 m² große Wohnungen. Architektonisch auffällig ist der markante, zum Platz hin ausgerichtete Giebel des Neubaus. Ein breites, über die Fassade mäandrierendes weißes Band aus Putz gliedert die gesamte Neubaufassade in der Horizontalen und verleiht ihr damit trotz der Dimensionen des Baukörpers eine gewisse spielerische Leichtigkeit. Mit diesem gestalterischen Kniff ist es den Architekten gelungen, dem Neubau ein angemessenes Selbstbewusstsein zu geben, ohne ihn dominant in den Vordergrund zu spielen. Der weiße Mäander springt erhaben aus der Fassade hervor und bildet den belebenden Kontrast zu den zurückliegenden, mit Blechkassetten bekleideten Feldern, die Fenster und Loggien ebenfalls zu Abschnitten zusammenziehen. »Die harmonische Einbettung in das Umfeld war uns sehr wichtig. Hätten wir uns für ­offene Geländer entschieden, wären diese nach kurzer Zeit von den Bewohnern durch Verkleidungen nach eigenem Geschmack verändert worden. Wir haben uns deshalb von Anfang an auf eine Brüstung festgelegt. Da Putz im Sauerland Tradition hat, sollte er bei der Fassadengestaltung eine tragende Rolle spielen«, erläutert Ruth Echterhage.

Natürliche Alkalität
Welcher Putz in welcher Struktur zur Ausführung kommen sollte, war nicht von vornherein definiert. Den entscheidenden Impuls setzte Jörg Roland. Der Stuckateurmeister aus dem nahen Balve hatte mit seinem Unternehmen den Auftrag für die Dämmfassade und für sämtliche Innenputzarbeiten mit dem leichten und ergiebigen Maschinenputzgips MP75 L erhalten. »Ein dickschichtiger mineralischer Kratzputz ist auf Dauer die beste Lösung für jede Fassade«, lautet das Credo von Jörg ­Roland. Langlebig und robust, durch seine natürliche Alkalität gewappnet gegen Algen- und Pilzbewuchs und durch die »Abwitterung« der Körnung mit einer natürlichen Selbstreinigung versehen – als Jörg Roland in der Baubesprechung diese Argumente für den Kratzputz vorbrachte und entsprechende Putzmuster präsentierte, waren Bauherrin und Architekt schnell überzeugt. Für den Kratzputz sprach nicht nur die Optik mit Glimmereffekt, sondern insbesondere auch, dass die nach vorn ­gezogenen weißen Putzflächen sehr exponiert liegen und der Witterung relativ ungeschützt ausgesetzt sind.

Kratzputz-Nagelbrett
Den von Jörg Roland vorgeschlagenen Edelkratzputz »Mak3« mit 2 mm Korn und Glimmeranteil trugen die Stuckateure zirka 15 mm dick auf. Nach ausreichender Erhärtung kratzten sie ihn mit einem Kratzputz-Nagelbrett auf seine endgültige Dicke von zirka 10 mm und entfernten damit die bindemittel- und spannungsreiche Oberfläche. Das herausspringende Korn lässt die charakteristische, gleichmäßige Kratzputzstruktur mit seinem Glimmereffekt entstehen, die keinen zusätzlichen Farb­anstrich benötigt. Der mineralisch dickschichtige Edelkratzputz bietet sehr guten Witterungsschutz – auch deshalb, weil er aufgrund der hohen thermischen Masse eine höhere Speicherung von Restwärme erreicht. Der Putz trocknet dadurch schneller ab und die Zeiten für eine Tauwasserbildung verkürzen sich drastisch. Das erschwert ­Algen – ganz ohne biozide Zusätze – das Überleben an der Fassade.

Kratzputz erfordert Erfahrung
Die Fassadengestaltung mit Kratzputz erfordert Erfahrung und richtiges ­Timing, weil Temperaturen und Witterungsverhältnisse das Abbinde­verhalten des Putzes unterschiedlich beeinflussen. Der optimale Zeitpunkt des Kratzens ist entscheidend dafür, dass der Putz ­später sein charakteris­tisches Erscheinungsbild erreicht. »Beim Kratzen muss das Korn springen. Das verrät dem Fachmann, dass der Oberputz die optimale Festigkeit erreicht hat. Ein gleichmäßig schönes Strukturbild ohne Schlieren ist das Ergebnis. Entscheidend ist, dass zusammenhängende Flächen ohne Unterbrechung in einem Zug ­gekratzt werden«, erläutert Knauf Fachberater Jens Gerlitz. Zusammen mit ­seinem Kollegen Andreas ­Szczesny hat er die Putz- und Dämm­arbeiten beim Quartier beratend begleitet.

Filigrane Dämmung
Die Kratzputzfassade ist mit dem ­Wärmedämm-Verbundsystem Knauf »Warm-Wand Basis« mit 140 mm EPS gedämmt. Um die Putzebene nach außen vorzuziehen, wurden diese Teilbereiche mit zusätzlich 200 mm EPS aufgedoppelt. Damit Regenwasser nicht unkontrolliert über die Fassade abläuft, entwickelten Fassadenbauer, Stuckateur, Architekt und Bauherrin für die Brüstung eine geteilte Fensterbank, die das Wasser optimal nach innen abführt. Im Kollektiv entstand daraufhin auch die Putzeinfassung mit einer horizontalen wie vertikalen Blechverkleidung, die den Putzmäander markant einrahmt. »Die Mäander gaben eine klare Linie vor. Unser Orientierungsmaß für das Anarbeiten des Putzes waren die Winkelprofile, die der Metallbauer vorab für die Blechabdeckungen gesetzt hatte«, berichtet Jörg Roland. Die Vielzahl der daraus resultierenden Anschlusspunkte stellte eine große Herausforderung für die Stuckateure dar. »Die Forderung nach absoluter Wärmebrückenfreiheit war nicht immer einfach umzusetzen. In weiten Teilen ­musste filigran unter der Konstruktion für die Blechabdeckung gedämmt ­werden«, ergänzen die Fachberater Jens Gerlitz und Andreas Szczesny. Entscheidend war deshalb der permanente und intensive Austausch aller Beteiligten.

Nicht brennbares System
Erschlossen werden die Wohnungen über Laubengänge im Innenhof, den ein Glasdach komplett überspannt. Da die Laubengänge zugleich als Flucht- und Rettungswege dienen, war in diesem Bereich ein nicht brennbares System gefordert. Gedämmt wurde deshalb mit dem System Knauf »Warm-Wand plus« mit einer Dämmung aus 140 mm dicker Mineralwolle der Wärmeleitfähigkeitsgruppe 035. Weil in diesen Bereichen durch die alltägliche Nutzung mit höheren mechanischen Beanspruchungen zu rechnen ist, empfahl Stuckateur Jörg Roland für diesen Bereich den Scheibenputz »SP 260 weiß« in 2 mm Körnung, der mit einem Egalisierungsanstrich versehen wurde. Die Deckenuntersichten der Laubengänge wurden mit »SM 700 Pro« in edler Feinputzstruktur gefilzt. Trotz des langen ­Winters konnte das Quartier am Stadtgarten im Sommer 2013 fristgerecht fertiggestellt und eingeweiht werden.

Abbildungen: Knauf/Lehmann                                                                                                                    Ausgabe: 10/2013

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