01. Januar 2016

Schimmel! Was tun?

Von Verbraucherschutzverbänden, dem öffentlichen Gesundheitsdienst aber auch von der allgemeinen Bevölkerung werden Feuchte- und Schimmelpilzprobleme als die relevantesten Innenraumschäden ange­sehen. Autor Dr. Thomas Gabrio führt in das Thema ein und gibt dem Fachhandwerker Hinweise, damit umzugehen.

Aufgrund der Änderungen in Bauweise und Nutzerverhalten werden Feuchte- und Schimmelpilzprobleme in Bauwerken heute häufiger wahrgenommen als noch vor Jahren. Was hat sich zum Beispiel im Bauwesen geändert? Der Preisdruck bei der Erstellung eines Bauwerks wird immer größer, die Baukonstruktionen werden immer schwieriger und kleine Fehler bei der Ausführung eines Bauwerks können relevante Feuchte-/ Schimmelpilzschäden nach sich ziehen.
Auch die Nutzungs- und Lebensbedingungen in Wohnungen haben sich in den vergangenen Jahren drastisch geändert. Vor 50 bis 60 Jahren war es noch allgemein üblich, dass beim Bad am Wochenende mehrere Personen hintereinander in demselben Wasser badeten. Heute ist es üblich, sich täglich zu duschen, häufig sogar abends und morgens. Die Wäsche wurde alle vier ­Wochen gewaschen und im Freien ­getrocknet. Heute wird die Wäsche teilweise täglich gewaschen und im Wäschetrockner oder in der Wohnung getrocknet. In der Regel war es üblich, dass die Mutter in einer Familie den Haushalt versorgte und nicht berufs­tätig war, während heute in vielen Familien häufig beide Partner zur Arbeit gehen. Früher standen Schränke auf Füßen, heute stehen große Schrankwände ohne Hinterlüftung an der Wand. Aufgrund der nicht dichtschließenden Fenster wurde permanent für einen ­hohen Luftaustausch gesorgt und die Fenster waren die kälteste Stelle der Außenwand. Sie stellten eine Art Kondensations­trockner dar – an ihnen kondensierte die Feuchtigkeit. Heute findet man in vielen Wohnungen gut wärmegedämmte Fenster und die Außen­wand der Wohnung wird zur ­kältesten Stelle, an der gegebenenfalls die Feuchte kondensiert. Die Oberflächen der Wände wurden früher oft gekalkt oder mit Papiertapeten tapeziert, heute wird vielen Baumaterialien aufgrund der Beschichtung mit diffusionsgeschlossenen ­Materialien, wie zum Beispiel Velour­tapeten, die Feuchtespeicherkapazität genommen. Zur Heizung wurden allgemein Einzelöfen genutzt, die nach dem Prinzip der Strahlungsheizung arbeiteten. Heute werden viele Wohnungen mit einer geregelten Zent­ralheizung ­erwärmt. Die Energiearmut, unter der heute viele Personen leiden, führt dazu, dass die Bauhülle nicht mehr ausreichend erwärmt wird und Feuchte an den Wänden kondensiert.

Messstrategie zur Ermittlung eines Schadens
Ein Sachverständiger für die Sanierung von Feuchte- und Schimmelpilzschäden sollte sich bei der Ursachensuche und Beurteilung eines solchen Schadens um eine Versachlichung bemühen und sein Urteil nicht nur auf ein Unter­suchungskriterium stützen. Bauphysi­kalische und mikrobiologische Mess­methoden besitzen in der Regel eine größere Messunsicherheit und die Parameter selbst unterliegen einer größeren Schwankungsbereite. Bei bauphysikalischen Berechnungen ist immer zu beachten, dass ein Objekt nicht so erstellt worden sein muss, wie es entsprechend den Bauunterlagen zu erwarten war.
In der Tabelle 1, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, werden Hinweise darauf gegeben, welche Unter­suchungsmethoden sinnvollerweise eingesetzt werden sollten.

Die notwendigen Messgeräte
Zur Ursachenfindung des Schimmelpilzbefalls und zur Versachlichung der Schimmelpilzproblematik ist es erforderlich, dass der qualifizierte Fachhandwerker die notwendigen Messungen vornehmen kann und über folgende Messgeräte verfügen sollte:
• Messung der Raumlufttemperatur und der relativen Luftfeuchtigkeit mittels Thermohygrometer (Kurzzeitmessung) und möglichst mit einem Datenlogger (Langzeitmessung)
• Messung der Materialfeuchte mittels Widerstands- oder dielektrischem Feuchtemessgerät
• Messung der Ausgleichsfeuchte mittels Thermohygrometer mit entsprechender Messsonde (Durchmesser zirka 5 mm)
• Messung der Oberflächentemperatur mittels Infrarotthermometer, gegebenenfalls kann dazu auch eine Infrarotkamera genutzt werden
• Müssen Luftdichtigkeitsprüfungen durchgeführt werden, ist dazu ein Blower-Door-Gerät erforderlich.

Die Maßnahmen Schritt für Schritt
Aus hygienischer Sicht sollte sich der Fachunternehmer bei der Behebung von Schimmelpilzschäden an das folgende Ablaufschema orientieren, wobei die Rangfolge der einzelnen Maßnahmen von dem konkret vorliegenden Schaden abhängig ist.

Sofortmaßnahmen
• Gegebenenfalls Festlegung von Übergangsmaßnahmen zur Überbrückung unvermeidbarer zeitlicher Verzögerungen
• Ermittlung der Ursache für die Feuchtigkeit als Grundlage für den Schimmelpilzbefall sowie dessen Ausdehnung
• Gefährdungsbeurteilung und Fest­legung der Schutzmaßnahmen, die bei der Sanierung einzuhalten sind
• Erstellung eines Sanierungskonzeptes

Praktische Durchführung der Sanierung
• Baustelleneinrichtung
• Entfernung des mit Schimmelpilzen befallenen Materials (in Ausnahmefällen kann der Verbleib getrockneter Altschäden in einem Objekt akzeptabel sein, wenn zum Beispiel bei Trittschalldämmungen sichergestellt werden kann, dass keine Sporen und Geruchskomponenten in die Raumluft gelangen. Entsprechende Altschäden sind zu kennzeichnen).
• Beseitigung der Ursache (Feuchtigkeitsursache) des Befalls
• im Bedarfsfall desinfizierende Reinigung der Bauteile, die von Schimmelpilzen befreit wurden (eine Desinfektion für sich alleine stellt keine Schimmelpilzsanierung dar)
• gegebenenfalls Trocknung feuchter Bausubstanz (bei der Trocknung einer durchfeuchteten Trittschalldämmung sollte in der Regel nach dem saugenden Verfahren gearbeitet werden). Vor Beginn der Trocknung ist zu prüfen, ob die Art der Nutzung des Raumes, in dem die Trocknung durchgeführt werden soll (beispielsweise Krankenhaus oder selten genutzter Lagerraum), die Fußbodenkonstruktion einschließlich der verwendeten Baumaterialien, das Alter und die Größe des Schadens, die Schadensur­sache (zum Beispiel fäkales Abwasser oder Leitungswasser) eine Trocknung sinnvoll erscheinen lassen oder ob ein Ausbau der Trittschalldämmung angeraten ist.
• Wiederaufbau
• Feinreinigung des Objektes (in der Regel sollte vor Beginn der Sanierung eine erste Reinigung des Objektes durchgeführt werden, um den Schimmelpilzsporenflug zu minimieren)
Abschließend erfolgt die Abnahme des Bauwerks.

Hygienische Beurteilung der Schäden
Sichtbare Feuchte- und Schimmelpilzschäden sind gemäß Umweltbundesamt dem »Leitfaden zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen« 2002, beziehungsweise dem
»Leitfaden zur Ursachensuche und ­Sanierung bei Schimmelpilzwachstum in Innenräumen (»Schimmelpilzsanierungs-Leitfaden«)« 2005, wie folgt zu beurteilen:

Kategorie 1: Normalzustand oder geringfügiger Schaden. In der Regel keine Maßnahmen erforderlich.

Kategorie 2: Geringer bis mittlerer baulicher oder nutzungsbedingter Schaden. Die Freisetzung von Pilzbestandteilen sollte unmittelbar unterbunden werden und die Ursache sollte mittelfristig ermittelt und saniert werden.

Kategorie 3: Großer baulicher oder nutzungsbedingter Schaden. Die Freisetzung von Pilzbestandteilen sollte unmittelbar unterbunden werden und die Ursache des Schadens ist kurzfristig zu ermitteln und zu beseitigen. Die Betroffenen sind auf geeignete Art und Weise über den Sachverhalt zu informieren, eine umweltmedizinische Betreuung sollte erfolgen. Nach abgeschlossener Sanierung sollte der Sanierungserfolg durch geeignete mikrobiologische Nachweisverfahren überprüft werden (»Freimessung«). Zum Nachweis, dass keine erhöhten Schimmelpilzkonzentrationen vorliegen.
Für die Beurteilung von Feuchteschäden in Fußböden und von Schimmelpilzen in der Luft müssen umfangreich Betrachtungen angestellt werden. Mehr dazu als Zusatzinformation in InfoPlus (Seite 10).

Medizinische und rechtliche Betrachtung
Die individualmedizinische Beurteilung von Feuchte-/Schimmelpilzschäden ist nur einem Arzt möglich. Ein Sachverständiger für Schimmelpilzschäden ­sollte sich bei seiner Beurteilung nach dem vorliegenden Rechtsgebiet wie zum Beispiel Mietrecht, Werkvertragsrecht, Arbeitsrecht, öffentliches Recht an den Fragestellungen des jeweiligen Rechtgebietes orientieren. Hilfreich ist es, sich an der Formulierung im Leitfaden des Umweltbundesamtes zu orientieren (siehe Kategorien 2 und 3 im Text oben).
Allgemeine Angaben zu möglichen ­Gesundheitsgefahren, die von einzelnen Schimmelpilzarten oder -gattungen ausgehen können, sind nicht zielführend, da die gesundheitliche Wirkung von Schimmelpilzen vor allem von der Disposition der betroffenen Person abhängig ist und nur von einem Arzt beurteilt werden kann. Solche allgemeinen Angaben führen in der Regel zur Verunsicherung der betroffenen Personen.

Arbeitsmedizinische Beurteilung
Der Arbeitgeber muss bei der Sanierung eines mikrobiellen Befalls eine Gefährdungsbeurteilung entsprechend § 3 des Arbeitsschutzgesetzes für seine Arbeitnehmer sowie für die Raumnutzer während und nach der Sanierung erstellen. Diese Gefährdungsbeurteilung muss baustellenbezogen erfolgen und ist vom Sanierungsunternehmer eigenverantwortlich durchzuführen. Ebenfalls ist eine Betriebsanweisung zu erstellen und es sind Unterweisungen über die einzuhaltenden Schutzmaßnahmen durchzuführen. In der Handlungsanleitung BGI 858 der BG BAU erhält der Sanierer wichtige Hinweise darauf, welche Schutzmaßnahmen bei einer Schimmelpilzsanierung zu beachten sind. Die »Dauer der Tätigkeit« und die »zu erwartende Expositionshöhe« dienen dazu, die Gefährdungsklasse festzulegen. Da sich mit steigender Gefährdungsklasse auch die geforderten Schutzmaßnahmen erhöhen, sind die Sanierungsverfahren so zu wählen, dass eine möglichst niedrige Gefährdungsklasse eingehalten wird.
Die typischen Tätigkeiten, die bei einer Schimmelpilzsanierung anfallen, sind in Tabelle 3 auf der Grundlage der zu erwartenden Staub- beziehungsweise Sporenkonzentration in der Raumluft in »schwach«, »mittel« oder »stark« eingeteilt worden.
Entsprechend der Sporenbelastung und der Dauer der Tätigkeit wird die Gefährdung bei einer Schimmelpilzsanierung in Gefährdungsklassen 0 (ohne besondere Gefährdung) sowie 1 – 3 unterschieden. In der BGI 858 der BG-BAU sind die technischen (zum Beispiel Lüftung, Aufbau von Staubwänden) und organisatorischen (zum Beispiel Waschgelegenheiten, Pausenraum) Schutzmaßnahmen sowie die Vorgaben für die persönliche Schutzausrüstung für die einzelnen Gefährdungsklassen ange­geben.
Die schriftliche Gefährdungsbeurteilung lässt sich mithilfe der Mustervorlage der BG-Bau unkompliziert erstellen.

So verhalten Sie sich richtig
Wie sollte ein qualifizierter Fachhandwerker für die Sanierung eines Feuchte- und Schimmelpilzschadens auftreten, wenn er zur Beurteilung gerufen wird?
Er sollte eine große Sachlichkeit ausstrahlen. Er sollte die Sorgen und ­Ängste seiner Kunden ernst nehmen, aber sich auch darum bemühen, ­unbegründete Ängste abzubauen. Dazu ist es notwendig, dass er seine Aus­sagen auf objektivierbare Daten stützt.
Er sollte aber nur Aussagen zu seinem Fachgebiet machen und seine Kunden bei rechtlichen oder gesundheitlichen Fragen an einen Juristen oder Arzt verweisen. Wird ein Fachhandwerker zu ­einer Begutachtung eines Schadens ­gerufen, kann es ratsam sein, alle Be­teiligten zu bitten, an dem Ortstermin teilzunehmen. Er sollte sich davor ­hüten, pauschale, verletzende Schuldaussagen an den Betroffenen zu machen, wie zum Beispiel: »Sie lüften nicht richtig« oder »Das sieht man doch gleich, die Bausubstanz ist marode«.
Es ist wichtig, dass der Sachverständige von allen Seiten als unparteiisch gesehen und akzeptiert wird. Er sollte auf die Probleme der Betroffenen in einer für sie verständlichen Form eingehen. Der Fachhandwerker sollte eine nachhaltige und ökonomisch sinnvolle Form der ­Sanierung anbieten. Dabei ist es durchaus möglich, dass in dem Sanierungskonzept mehrere Varianten angeboten werden. Aber alle angebotenen Varianten sollten mit den vom Umweltbundesamt in den Leitfäden vorgegebenen Sanierungskriterien konform sein.

Im Netzwerk zusammenarbeiten
Bei der Sanierung von Feuchte-/Schimmelpilzschäden sind oft Fragestellungen aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen zu beantworten, wie zum Beispiel bauphysikalische, bautechnische, ökonomische, rechtliche, versicherungsrechtliche, medizinische, hygienische und mikrobiologische Fragen, die nicht von einer Person beantwortet werden können. Daher ist es hilfreich, wenn ein Schimmelpilzsanierer in seiner Region mit entsprechenden Spezialisten in Form eines Netzwerkes zusammen­arbeitet. Solche Netzwerkstrukturen ­erweitern den Blick über das eigene Fachgebiet hinaus. Außerdem belegt ­eine solche Zusammenarbeit gegenüber dem Kunden die eigene Kompetenz.

Dr. Thomas Gabrio
Vormals im Landesgesundheitsamt
Baden-Württemberg tätig


Literaturempfehlung
Grundlegend sind die Publikationen des
Umweltbundesamtes:
•  Leitfaden zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen, 2002
• Leitfaden zur Ursachensuche und Sanierung bei Schimmelpilzwachstum in Innenräumen (»Schimmelpilzsanierungs-Leitfaden«), 2005 http://www.umweltbundesamt.org/fpdf-l/2951.pdf
• Presseinformation Nr.26/2009 - Das Umweltbundesamt empfiehlt: fachgerecht sanieren ­ohne Desinfektionsmittel!
• Szewzyk, R.; Baschien, Ch., Umweltbundesamt Berlin - Handlungsempfehlung des UBA zur Beurteilung von Feuchteschäden in Fußböden, Tagungsband der 17. Pilztagung, 2. bis 3. Juli 2013 im Gustav-Stresemann-Institut e.V., Bonn (2013) 123 -130

Abbildungen: 1: RioPatuca Images/Fotolia 2-4: Gabrio                                                                   Ausgabe: Sonderheft/2013