01. Januar 2016

Scheinbar schwebend

OWA_1 Ausbau und Fassade - Scheinbar schwebend

Eine Akustikdecke mit ungewöhnlicher Gestaltung sorgt im Gymnasium Alt­lünen (Münsterland) für eine Reduzierung der Nachhallzeiten. Neben der variab­len Formgebung war auch der Brandschutz des nicht brennbaren Deckenaufbaus ein wichtiges Entscheidungskriterium.

Es ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein »harter« Bau, den der Architekt Harald Deilmann (1920–2008) im Jahr 1967 für das Gymnasium Altlünen errichtet hat: Kantig in seiner Optik durch den zeittypischen Sichtbeton und die betont rechtwinkligen Baustrukturen. Unnachgiebig aber auch im wortwörtlichen Sinne durch die Betonoberflächen und das Sichtmauerwerk aus Kalksandstein. Den Nachteil dieser schallharten Gestaltung für eine ausgewogene Raumakustik hatte Deilmann damals mit einem intensiv-grünen Teppich in den Fluren abgemildert und so unerwünschten Nachhall vermieden.

Schallweiche Flächen vom Boden an die Decke verlegt
Genau dieser textile Bodenbelag musste im Rahmen einer umfangreichen Modernisierung des Schulgebäudes 2010/11 entfernt werden. Er war schon immer sehr pflegeintensiv und nach vielen Jahren auch abgenutzt. Vor allem aber entsprach er nicht mehr heutigen Brandschutzanforderungen an ein Schulgebäude. Alexander Benthaus, Architekt des jetzigen Umbaus, fand
einen eleganten Weg, um Brandschutz und raumakustischen Komfort auch
ohne Teppich miteinander zu versöhnen: Er verlegte die schallweichen Flächen einfach vom Boden an die Decke. Eine fugenlose, nicht brennbare Akustikdecke sorgt heute in der Aula und in den Fluren für eine erhöhte Schallabsorption und damit für eine
gedämpfte Geräuschkulisse. »Auch architektonisch passte die Decke gut in unser Konzept«, beschreibt Alexander Benthaus von Benthaus Architekten, Lünen, die Idee. »Die geschwungenen Formen und der Rückversprung über der Decke verleihen den Einbauten eine optische Leichtigkeit und lassen sie fast wie Segel wirken. Die weichen Schwünge und die großen fugenlosen Flächen stehen einerseits im Kontrast zur stringenten Gebäudekonstruktion, heben sie andererseits aber auch gerade hervor und drücken damit unseren Respekt vor der ursprünglichen Gestaltung aus.«

Formteile für den besonderen Schwung
Was heute an den Decken des Schul­gebäudes fast wie ein individuelles Desig­nerstück wirkt, ist in Wirklichkeit die bewährte Systemlösung »OWAplan S 7« des Akustikdecken-Spezialisten OWA. Mineralische Akustikplatten sind dabei auf einer systemzugehörigen Unterkonstruktion aus CD-Profilen fugenlos montiert und verdeckt befestigt. Die Unterseite wird mit einem Glasvlies und abschließend mit dem weißen Akustik­putz »Kraft Allegro M« veredelt. Es entstehen homogene Sichtflächen ohne Gitterstruktur oder Rasterung, die mit einer mittleren Schallabsorption αaw = 0,60 (NRC = 0,65) für deutlich reduzierte Nachhallzeiten und damit eine verbesserte Raumakustik sorgen. Der nicht brennbare Gesamtaufbau (Baustoffklasse A2-s1,d0 nach DIN EN 13501-1) erlaubt die Verwendung auch in Versammlungsräumen, Fluren oder wie hier in Schulen. Unter Stahlbetondecken lassen sich Feuerwiderstände bis zu 120 Minuten verwirklichen (F 120 nach DIN 4102 beziehungsweise REI 120 nach DIN EN 13501-2).
Seinen besonderen Schwung erhielt das Deckensystem in Altlünen während der Montage durch die Jaeger Ausbau GmbH, Dortmund. »Die runden Formen der seitlichen Aufkantung, aber auch der an den Stirnseiten zu erkennende Rückversprung der Decke waren natürlich spannende Herausforderungen für uns«, erinnert sich Geschäftsführer Wolfgang Lenz. »Für die Aufkantungen haben wir gebogene Formteile aus Gipskarton an der Unterkonstruktion befestigt und danach die Akustikplatten passend zugeschnitten. Die waagerechten Sichtflächen und die senkrechten Aufkantungen sind dann zusammen verputzt worden, so dass heute kein Unterschied mehr zu erkennen ist.«
Auch der Rückversprung zwischen Akus­tikdecke und Stahlbeton wurde mit vorkonfektionierten gebogenen Gipsplatten ausgeführt, die hier allerdings grau gestrichen sind. Diese Teilflächen treten dadurch optisch dezent zurück, wodurch der vom Architekten gewollte leichte, fast schwebende Charakter der Decke entsteht. Dort, wo der Versprung von darüber liegenden Etagen einsehbar ist, wurde er mit einem waagerechten Edelstahl-Lochblech abgedeckt, so dass ein sauberer Abschluss entsteht und keine Gegenstände in die Decke geworfen werden können.

Zusatznutzen als Installationsdecke
Die neue Akustikdecke war Teil einer umfangreichen Schulmodernisierung im Rahmen des Konjunkturpakets II. Zum Gesamtvorhaben gehörten dabei neben brandschutztechnisch verbesserten Türen und einer neuen Bühnenkonstruktion für die Aula auch die Modernisierung der Heizungsanlage und die Kompletterneuerung der Elektroinstallation, jetzt unter anderem mit einem elektro-akustischen Warnsystem und einer steuerbaren Beleuchtung für die Aula.
Die Akustikdecke musste daher eine Vielzahl von Installationen für die Heizung und die in I30-Kanälen verlegte Elektrik aufnehmen, wofür die groß­zügige Abhängehöhe von zirka 500 mm ausreichend Raum bot. Revisionsklappen für einen späteren Zugriff auf die Installationen konnten ebenso unauffällig in die Decke integriert werden wie Deckenstrahler, Lautsprecher und Rauch­melder.
Alle Wandanschlüsse sind für eine ausreichende Bewegungsmöglichkeit der Decke gleitend mit Schattenfuge ausgeführt. Ebenfalls ohne kraftschlüssige Verbindung wurden alle Dehnfugen des Gebäudes in die Decke übernommen und materialgleich hinterlegt. Die bauakustische Funktion des ursprünglichen grünen Teppichs konnte auf diese Weise erfolgreich an die Decke verlegt werden. Zum einen mit gestalterischem Gewinn durch die geschwungenen Formen, zum anderen mit dem Zusatznutzen einer Installationsdecke. Für den Fußboden hat sich Alexander Benthaus dann noch eine besondere Idee einfallen lassen: Der nunmehr einfacher zu pflegende PVC-Belag ist in den dynamischen Hauptflächen und Laufwegen in einem freundlichen Gelb gefärbt. Darin eingearbeitet sind grüne Teilflächen für Aufenthalt und Verweilen. Während die Farbe dieser Ruhezonen bewusst an den alten textilen Bodenbelag erinnert, nimmt ihre geschwungene Geometrie die runde Form der neuen Decke auf.

Abbildungen: OWA                                                                                                                                Ausgabe: 10/2013

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  4. OWA_4 Ausbau und Fassade - Scheinbar schwebend
  5. OWA_5 Ausbau und Fassade - Scheinbar schwebend
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