01. Januar 2016

Mehr Kompetenz, mehr Kommunikation

Am Bau weichen Theorie und Praxis oftmals voneinander ab. Bestes Beispiel ist der Brandschutz. Welche Probleme gibt es bei der Ausführung? Welche Rolle spielt der individuelle Sachverstand? Wie entstehen Brandschutzlösungen, die auch zeitnah zur Abnahme gelangen können? Die Redaktion von ausbau + fassade sprach dazu im Expertengespräch mit Ralf Wagner, Prof. Jochen Pfau und Carl-Arndt Saul.

Im Brandschutz ist die Ausführungsqualität immer wieder in der Diskussion. Wie sieht es damit speziell beim Trockenbau aus?
Wagner: Im Trockenbau sind wir mit ausgebildeten Fachhandwerkern, die zum Beispiel eine Lehre zum Stuckateur absolviert haben, gut aufgestellt. Doch wir haben es auch vielfach mit Nach­unternehmern zu tun, bei denen es oft an den Grundlagen mangelt, die notwendig sind, um den Brandschutz zu verstehen, etwa am Wissen, wie eine Trennwand oder eine abgehängte Decke überhaupt funktioniert. Spätestens bei Anschluss­details werden fehlende Kenntnisse schnell deutlich.
Pfau: Dabei sind die Ausbildungsangebote an sich gut. Die Systemgeber und Hersteller der Komponenten bieten Schulungen an, ebenso die Akademien. Auch der Handel sowie die qualifizierten Brandschutzallianzen und die Verbände halten Seminare ab. Das Problem ist allerdings stets das Gleiche: »Gute« Firmen qualifizieren sich und ihre Mitarbeiter oder Bauleiter weiter und die »schlechten« Firmen nehmen das Angebot nicht wahr. Wobei ich gar nicht der Meinung bin, dass jeder ausführende Monteur detailliertes Wissen benötigt. Eine kompetente Fachbauleitung genügt, die sich dann aber auch um das Thema Brandschutz kümmern muss.
Wagner: In der Praxis kommt oft der Planer oder Architekt auf die Baustelle und fordert, dass eine Wand eingebaut werden soll, die bestimmte Brandschutzbedingungen erfüllt. Für diesen Fall sollte der ausführende Monteur oder der übergeordnete Polier zumindest so viel Grundlagenwissen haben, dass er beurteilen kann, ob das geforderte Detail funktioniert. Im Ernstfall muss er um ein klärendes Gespräch bitten, bevor er mit der Arbeit beginnt.
Saul: Ich halte den Brandschutz für zu komplex, um die Qualität ausschließlich an der Leistung des Fachunternehmers festzumachen. Die Industrie ist beteiligt, der Handel, der Fachunternehmer und der Planer. Alle müssen sich abstimmen, damit das Ergebnis stimmt. Steht beispielsweise in einer Ausschreibung der Satz »Herstellen von Wandaussparungen zur Durchführung von Leitungen gemäß Herstellerangaben«, hat der Planer seine Aufgabe nicht erfüllt.

In welcher Bauphase wird über den Brandschutz entschieden? Wer oder was beeinflusst die Qualität?
Pfau: Bei komplexen Gebäuden steht das prinzipielle Brandschutzkonzept ­relativ früh fest. Wegen der ständigen Änderungen kann die Detailplanung allerdings nicht vernünftig in der erforderlichen Tiefe erfolgen, sondern muss sich meist auf prinzipielle Leitdetails und -lösungen beschränken. Selbst bei einer guten Planung hängt deswegen am Ende die Ausführungsqualität im Brandschutz von der Kompetenz der Fachunternehmen ab.
Im Detail lassen sich die Lösungen allerdings kaum vernünftig in der erforderlichen Tiefe vorplanen, weil sie einer ständigen Umplanung unterworfen sind. Natürlich sind prinzipielle Leitdetails und -lösungen wichtig, und die Planung muss schlüssig sein. Doch sie kann wegen der ständigen Änderungen nie bis ins letzte Detail gehen. Selbst bei einer guten Planung hängt am Ende die Ausführungsqualität im Brandschutz vom Fachunternehmen ab.
Wagner: Uns begegnet immer wieder der Fall, dass es zwar ein schlüssiges Brandschutzkonzept gibt. Dann wird umgeplant, aber das Brandschutzkonzept nicht angepasst. Die Zusammenarbeit zwischen den Gewerken und den Planungsbüros muss also gleichfalls stimmen. Zudem ist es unerlässlich, dass der Brandschutz frühzeitig eingeplant wird.

Ein besserer Austausch der Beteiligten ist sicher ein richtiger Ansatz. Könnte ein Weg nicht auch darin bestehen, dass ein externer Experte eine Güte­überwachung vornimmt?
Pfau: Das wäre ein guter Ansatz. Ich war beispielsweise beim Neubau des ADAC-Hochhauses in München als externer Überwacher mit der Begutachtung des Brandschutzes beauftragt. Meine Aufgabe war es, parallel zur ­eigenen Bauleitung des ADAC und parallel zum Brandschutzplaner die verschiedenen brandschutzrelevanten Konstruktionen im Trockenbau in regelmäßigen Abständen stichpunktartig zu überprüfen, um eine möglichst hohe ­Sicherheit für den Bauherrn zu generieren.

Wie nehmen Fachunternehmer beziehungsweise Auftraggeber eine solche Güteüberwachung auf: als Hilfe oder als Gängelung?
Pfau: Das ist unterschiedlich. Unternehmer, die sich freiwillig überwachen lassen, zum Beispiel von der Gütegemeinschaft Trockenbau, betrachten dies als externe Hilfe. Andere hingegen sind relativ beratungsresistent und verurteilen die Überwachung als unnötige, nur Mehrkosten verursachende Gängelung.
Wagner: Ich empfinde die Fremdüberwachung durch die Gütegemeinschaft Trockenbau als sehr positiv. Wenn man eine Tätigkeit häufig ausführt, droht Betriebsblindheit. Die Überwachung bietet Anstöße, über die Betriebs- oder Baustellenabläufe nachzudenken. Ich würde mich freuen, wenn sich diese Möglichkeit bei Unternehmen und Bauherren herumsprechen würde und Fremdüberwachung generell in den Bauablauf eingebunden werden könnte.

Könnten Qualifizierungsnachweise helfen, die Ausführungsqualität zu verbessern?
Pfau: Es ist nicht nachvollziehbar, dass etwa Unternehmen, die zum Beispiel Brandschutzbeschichtungen auf Stahlbauteilen aufbringen, einer strengen Qualitätssicherung unterworfen sind, Trockenbauer, die das gleiche Bauteil mit Gipsprodukten beschichten, hingegen nicht. Hierbei geht es um Details, bei denen Menschenleben in Gefahr geraten können, falls sie nicht richtig ausgeführt sind. Für Produkte oder Konstruktionen gibt es Zulassungen und Prüfzeugnisse, für die beteiligten Akteure gibt es das nicht.
Saul: Die Schulungsverpflichtungen in den Zulassungen sind auch nicht einheitlich, mal ja, mal nein. Im Trockenbau werden die Nachweise über ABPs geführt. Auch wenn keine Verpflichtung besteht, bieten die Hersteller trotzdem Schulungen an.
Die Nachweisführung durch einen externen Überwacher kann schon zur Gängelei für den Fachunternehmer werden, wenn die Theorie der Prüfzeugnisse 1:1 in die Praxis überführt werden soll. Praxisbezug, Fachwissen und der Blick für das Ganze, das Schutzziel, sind dann sehr hilfreich.

Im Sinne das Schutzziels müssen sich Bauherr, Planer und Ausführung als Einheit verstehen und an einem Strang ziehen. Welche Wege würden Sie dafür in der Praxis vorschlagen?
Pfau: Nachweis-, Schulungs- oder Über­wachungsverpflichtungen der Fach­unternehmer halte ich grundsätzlich für eine denkbare Lösung. Nicht zuletzt müssten die Planer ebenfalls an Schulungen teilnehmen, um ihre Leistung in der geforderten Qualität abzuliefern.
Saul: Nur wird die Weiterbildung für Planer in jedem Bundesland anders gehandhabt. Wenn die am Bau Beteiligten mehr miteinander reden würden, würden sich viele Probleme schnell auflösen. Schließlich treffen sich Architekt, Handel, Industrie und Fachunternehmen regelmäßig auf der Baustelle.

Pfau: Das gemeinsame Gespräch ist nicht nur unter den tatsächlichen Baubeteiligten nötig, sondern auch mit der Behörde. Man sollte dieses relativ früh von der Fachplanungs-, Bauherren- oder Fachunternehmerseite aus suchen und klar machen, dass es sich bei dem Projekt um ein Bauvorhaben handelt, bei dem es zu Abweichungen im Brandschutz kommen kann. Wer sich frühzeitig um Ansprechpartner, Formalien und Bewertungsgrundlagen kümmert, der wird auch positiv aufgenommen, wenn es um die Genehmigung von Abweichungen geht.

Wie flexibel sind die am Bau Beteiligten vor Ort, wenn es auf der Baustelle zu Abweichungen vom Prüfzeugnis kommt? Haben sie die Kompetenz und die Befugnis, ein Detail an die Praxis anzupassen?
Wagner: Rein theoretisch wäre es möglich, über den Brandschutznachweis für Punkte, die nicht hundertprozentig ­regelkonform sind, Kompensationsmaßnahmen zu erarbeiten. Das muss im Brandschutznachweis dokumentiert sein. Es wäre wünschenswert, wenn sich die externen Institute, über die die Nach­weise erbracht werden, mehr an der Praxis orientieren und nicht nur das akzeptieren würden, was im Prüfzeugnis steht. Gut wäre es, wenn sich die Bereitschaft zur Lösungsfindung erhöhen würde, damit wir in der Nachweisführung realistischer und schneller werden und Anforderungen besser umsetzen können.
Saul: Bis eine Zustimmung im Einzelfall erwirkt ist, ist das Bauvorhaben fast schon abgeschlossen. Das Problem sind die für die Praxis notwendigen Abweichungen von den dokumentierten Lösungen. Die darin steckenden Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen ist die Kunst beziehungsweise hier ist das Fachwissen erforderlich. Dabei ist die nichtwesentliche Abweichung nicht unbedingt die falsche, sondern die andere, richtige Nachweisführung. Auch wenn etwas nicht im Prüfzeugnis steht, kann es trotzdem zulässig und sicher sein und in der Praxis funktionieren. Hier braucht es Prozessbeteiligte, die diese Wahrheit formulieren und Beteiligte, die diese Wahrheit akzeptieren.

Wäre eine Art Bibliothek mit dokumentierten Lösungen eine Möglichkeit, dieses Problem zu bewältigen?
Saul: Die Industrie und natürlich auch viele Fachunternehmer oder Sachverständige halten solche Bibliotheken vor. Dieses Expertenwissen kann dann wieder objektbezogen eingesetzt werden. Wenn es keine Standardlösung aus dem Katalog gibt, ist dieses Wissen auch die Chance sich zu differenzieren.
Pfau: Die Bandbreite der Lösungen oder der verschiedenen Produkte ist so groß, dass man sie nicht zentral zusammenbringen kann. Jeder Fachunternehmer ist gut beraten, wenn er mit einigen Industriepartnern enger zusammen arbeitet und deren Lösungen beherrscht, als dass er die ganze Bandbreite irgendwo in seiner Datei hat. Zudem fände ich es wichtig, dass das Ingenieurswissen im Brandschutz einen höheren Stellenwert bekommt. Wer als Ingenieur Kompetenz und Erfahrung hat, kann viele Details, basierend auf geprüften Konstruktionen, verantwortlich bewerten.

Um praktikablen und funktionierenden Brandschutz zu erreichen, müsste die Fachkompetenz der Beteiligten ­also eine stärkere Bedeutung bekommen.
Saul: Es sollte möglich sein, dass ein Ingenieur Lösungen, die schon mehrfach ausgeführt wurden, und die nachgewiesenermaßen in der Praxis funktionieren, aber in keinem Prüfzeugnis oder in der Zulassung 1:1 verankert sind, ohne weitere große Argumentationsketten zur Genehmigung gelangen können. Stattdessen werden hierzulande in einem solchen Fall sofort formaljuristische Einwände geltend gemacht.
Pfau: Letztendlich hat man dann wenig Probleme mit Abweichungen, wenn sich alle Baubeteiligten vom Bauherrn über die beteiligten Planer bis hin zu den ausführenden Unternehmen als Team sehen und versuchen, die Bauaufgabe gemeinsam in einer hohen Qualität und fristgerecht bis zum Ende durchzuziehen.
Wagner: Unsere Erfahrungen in dieser Hinsicht sind durchaus positiv, allerdings funktioniert das nur dann, wenn der Zeitraum zwischen Vergabe und Auftragsbeginn groß genug ist. Denn ­eine ordnungsgemäß laufende Baustelle, in der mögliche Schwachstellen rechtzeitig erkannt und angesprochen werden, setzt eine gründliche Arbeitsvorbereitung voraus.
Saul: Häufig werden die regionalen Marktmanager von Knauf bei großen Objekten so eingebunden, dass sie in punkto Brandschutz als »Kommunikationsstelle« zwischen den Baubeteiligten fungieren. Bei Großobjekten könnte man diese Dienstleistung bei entsprechender Brandschutzkompetenz möglicherweise auch gesondert einbringen. Allein schon, wenn dieser Mediator die Kommunikation zwischen den einzelnen Spezialbereichen oder Prozessbeteiligten koordiniert und vor der Ausführung vieles abstimmt, wäre dem ganzen Prozess geholfen. Wenn wir vorher miteinander reden, müssen wir hinterher umso weniger über die Baustellen laufen und kontrollieren.

Wann muss die Güteüberwachung einsetzen?
Pfau: Eine Güteüberwachung lediglich am Ende des Projekts, also im Zuge der Abnahme, ergibt keinen großen Sinn. Eine vernünftige Güteüberwachung ist regelmäßig und in den Bauprozess eingebunden. Sie ist beratend oder vermittelnd tätig und nicht als abschließende Bewertung zu sehen.

Wenn man das Thema Brandschutz unter Marketinggesichtspunkten sieht, zahlt es sich für Fachunternehmer aus, sich zu qualifizieren?
Wagner: Leider sind die Bauherren nur selten bereit zu honorieren, dass sich jemand im Bereich Brandschutz qualifiziert hat. In der Praxis geht es immer um den Preis. Wir sind natürlich immer bestrebt, Lösungen anzubieten. Allerdings ist man als Fachunternehmer schnell in der Planungsverantwortung. Auf der anderen Seite sucht man natürlich bei der Industrie nach Hilfe bei einer Problemlösung. Gute Planer hören dann zu und überlegen, wie sie das jeweilige Detail lösen können. Schlechte Planer fordern eine Lösung vom Fach­unternehmer – ohne dass dies honoriert wird. Die geben ihre Planungsaufgabe einfach an den Fachunternehmer weiter.

Wie verhält es sich bei Produkten und Konstruktionen mit Preis und Qualität?
Pfau: Es sind durchaus Konstruktionen auf dem Markt, die ausgereizt sind und bei einer nur geringen Überschreitung zum Beispiel der Spannweite schon versagen. Muss man die auf den Markt bringen, weil sie vielleicht etwas günstiger anzubieten sind als die Konstruktionen, die eine höhere Sicherheit bieten? Besteht nicht die Gefahr, dass diese von einem nicht hundertprozentig qualifizierten Unternehmer verbauten Kons­truktionen im Brandfall versagen?

Die Konstruktionen sind geprüft. Wie tolerant sind sie gegenüber Fehlern in der Ausführung?
Saul: Eine qualifizierte Ausführung ist immer notwendig. Aber in diesem Punkt steckt wieder das Thema der »Nichtwesentlichen Abweichung«. Es gibt Kons­truktionen, die halten bei der Prüfung 92 Minuten, andere 98 Minuten und wieder andere schaffen 103 Minuten. Mit diesem Hintergrundwissen kann der Halter eines ABPs, die Industrie, oder die MPA, bei der eine solche Prüfung durchgeführt wurde, beurteilen, wie viel Abweichung bei der Ausführung verträglich ist, was also noch »nicht wesentlich« ist. Daher finde ich es gewagt, wenn der Fachunternehmer eine Überschreitung eventueller Toleranzen auf seine Kappe nimmt. Hier ist Rücksprache mit dem Hersteller, der die Prüfung begleitet hat, oder mit der MPA unumgänglich. Wenn jemand allerdings sehr schlecht arbeitet, sind auch die Toleranzen irgendwann weg. Darüber hinaus gibt es bei Knauf eben zahlreiche Details, die wir in unseren Unterlagen verankern. Der gute Fachunternehmer nimmt sich die Zeit und setzt sich mit den Unterlagen auseinander.
Wagner: Es kommt leider häufig vor, dass Systeme gemischt werden, weil ein Bestandteil irgendwo etwas günstiger zu haben ist. Die Konstruktion für die Stützen ist von X, aber der Rest von Y. Das kann nicht funktionieren.
Saul: Das birgt in der Tat große Risiken. Obwohl beide Produkte aus F90-Kons­truktionen stammen, differieren sie in der Nachweisführung. Modifizierte Kleinigkeiten machen dann wieder formaljuristische Unterschiede aus und ein Nachweis ist nicht gegeben, weil so nicht geprüft.

Welche Informationen benötigt der Fachunternehmer für die Beurteilung von Details?

Wagner: Wir wünschen uns von der Industrie die Prüfzeugnisse, und zwar aus meiner Sicht spätestens in der Angebotsphase für das Produkt. Doch es ist relativ schwierig, solche Prüfzeugnisse rechtzeitig zu bekommen.
Saul: Knauf gibt dem Fachunternehmer die Empfehlung, nach Detailblatt zu bauen und nicht nach Prüfzeugnis. Denn zum Brandschutz kommt zum Beispiel noch der Schallschutz. Nach ABP wird zum Beispiel für den Brandschutz ein Mineralwollstreifen unter dem Wandanschlussprofil eingesetzt. Damit ist zwar der Brandschutz realisiert, aber der Schallschutz ist nicht sichergestellt. Im Detailblatt ist dieser Anschluss so dokumentiert, dass beides funktioniert. Dennoch stellen wir die Prüfzeugnisse jederzeit zur Verfügung.

Ausgabe: 3/2012