01. Januar 2016

»Billig kann teuer werden«

FV_WDVS2 Ausbau und Fassade - »Billig kann teuer werden«

Der Fachverband WDV-Systeme hat einen neuen Energiesparkompass herausgebracht. Darin wird für die energetische Sanierung argumentiert und getrommelt. ausbau + fassade sprach mit Dr. Wolfgang Setzler, dem Geschäfts­führer des Fachverbands.

Der Energiesparkompass 2012 vom Fachverband WDVS liegt vor. Was sind die wesentlichsten Erkenntnisse?
Um es für alle Schnell-Leser auf den Punkt zu bringen, sind es genau acht wesentliche Erkenntnisse, die wir in einer Kurzfassung zusammengestellt haben. Drei davon möchte ich an dieser Stelle zitieren:
Erstens: Ohne Energieeffizienz im Gebäudebereich ist die Energiewende nicht zu schaffen.
Zweitens: Energetische Sanierung schafft und sichert Arbeitsplätze, vor allem im qualifizierten Fachhandwerk.
Drittens: Mehr als zehn Prozent Rendite kann eine umfassende energetische Sanierung bringen.

Welche speziellen Botschaften enthält der neue Energiesparkompass für den Stuckateur?
Die wohl wichtigste Erkenntnis für den Stuckateur bringt der Beitrag von Dr. Enseling, denn dieser räumt ein für alle Mal auf mit nicht zutreffenden Amortisationsrechnungen. »Dämmen lohnt sich« lautet demnach die Devise. Des Weiteren zeigt der Energiesparkompass 2012, dass es noch immer ein Informationsdilemma bei den Hausbesitzern gibt. Denn wie bereits 2009 im ersten Energiesparkompass, fühlen sich über 80 Prozent gut informiert zum Thema Energieeffizienz, aber nur ein Drittel weiß, dass mit der energetischen
Gebäudesanierung der größte Beitrag zur Energieeinsparung geleistet werden kann. Der Fachhandwerker trifft immer mehr auf vorinformierte Kunden, die eher zur Skepsis neigen. Dies bedeutet für den Stuckateur: mehr Wissen muss her. Der Energiesparkompass 2012 ist Informations- und Überzeugungsquelle in einem.

Wie kann der Fachunternehmer die wichtigsten Impulse zum WDVS bei seinem Endkunden setzen?
Nach wie vor durch Testimonials, sprich Botschaften von zufriedenen Kunden. Wenn ein 70-jähriger Rentner sagt, dass Dämmen sich lohnt, dann sind zwei Drittel der Verkaufsarbeit bereits getan. Das letzte Drittel besteht dann aus guten Referenzobjekten und einem detaillierten und nachvollziehbaren Angebot. Und zu guter Letzt ist gezielte Werbung im Umfeld der Baustelle die beste Reklame, denn der Neid in unmittel­barer Nachbarschaft ist nach wie vor ein starker Auftragsbringer: »Wenn sich Meiers eine Dämmung leisten können, dann können wir das auch, Karl!«

Welche Strategie verfolgt der Fachverband in nächster Zeit im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen – Stichworte neue EnEV und Innen­dämmung?
Die neue EnEV bringt, was die Belange des Handwerks betrifft, keine verschärften Anforderungen bezüglich der U-Werte, aber deutliche Vorgaben, was die Ausführungsqualität betrifft. Gemeinsam mit dem Fachhandwerk, sprich den Stuckateuren und Malern, möchte der Fachverband die Qualität der Ausführung durch gezielte Schulungsangebote und qualifizierte Kommunikation mit dem Markt steigern.
Gemeinsam müssen wir die Qualität hoch halten. Dies tun wir mit der Botschaft »Billig kann teuer werden«. Wir haben hierzu »10 Goldene Regeln« für die Verarbeitung von WDV-Systemen erarbeitet, die sich derzeit noch in der Abstimmungsarbeit mit den Organisationen des Handwerks befinden.
Für die Innendämm-Systeme haben wir mit führenden Fachleuten der Branche eine Richtlinie und ein Qualitätssiegel erarbeitet, das derzeit in den Markt eingeführt wird. Am 27. Juni 2012 hat das Deutsche Patent- und Markenamt die Eintragung des Qualitätssiegels als Marke
bestätigt.

Wie wichtig ist die Messe »Farbe – Ausbau und Fassade« im nächsten Jahr?
Diese Messe hat Leitcharakter für die Branche. Da sie bekanntlich nur alle drei Jahre stattfindet, ist die Branche natürlich hungrig auf Produktneuheiten. Es ist ein Treffpunkt, bei dem man gern gesehen ist und wird. In Zeiten des Internets laufen die bahnbrechenden Impulse aber – sofern es sie gibt – auch über die Infokanäle des Direktmarketings und somit schneller und effektiver. Ich bin gespannt auf die Stände, die Besucher und die Botschaften.

Es gibt eine Studie, die zu der Aussage kommt: »Solarthermie ist günstiger als Dämmung«. Was sagen Sie zu dieser These?
Sie kennen doch das Sprichwort: Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Ähnlich ist es auch mit den Studien. Insbesondere dann, wenn Auftraggeber und Studienbegleitung in ein und demselben Boot sitzen. Wir setzen mehr auf Gemeinsamkeit. Wenn der durch eine gut gedämmte Gebäudehülle gesenkte Energiebedarf regenerativ erzeugt wird, dann sind unsere Ziele erreicht. Wir müssen die Menschen mehr motivieren, im Gebäudebestand Energie einzusparen, als durch Streitgespräche Zweifel zu säen. Die Skepsis hat als aufgehende Saat nur die Verlangsamung der Entscheidung zur Folge. Beiden
Systemen – Dämmung und Solarthermie – gehört die Zukunft.

Der Systemgedanke beim WDVS wird immer wieder hinterfragt.
Welche neuen Entwicklungen gibt es?
Wenn wir den Gesamtmarkt betrachten, dann sind in Deutschland mehr als 90 Prozent der Marktpartner für den Systemgedanken bei WDVS. Abgesehen von einigen Hardlinern wollen Planer, Bauherren und Fachhandwerker geprüfte Qualität, und die gibt es bei WDV-Systemen nun mal nur im System. Wie schon zuvor erwähnt, wird Qualität immer wichtiger, denn Facilitymanagement, sprich Gebäudeunterhalt, wird für den Investor zu einer bestimmenden Entscheidungsgrundlage. Gemeinsam mit dem Fachhandwerk suchen wir derzeit nach einem passenden Konzept. Ein zugegeben schwieriger Prozess, bei dem alle Beteiligten noch dazu lernen müssen, wollen wir als Branche gemeinsam erfolgreich sein. Europäisches Handelsrecht und nationales Baurecht klaffen hier noch weit auseinander. Unser Ziel müssen klare Vorgaben und Regeln sein, die dann von den Marktteilnehmern zu befolgen sind.

Die Sanierungsrate beim energetischen Bauen soll erhöht werden.
Welche Konsequenzen hat das für die Industrie und das Handwerk?
Alle Beteiligten wissen, dass die derzeitige Sanierungsrate von etwa einem Prozent auf zwei Prozent verdoppelt werden müsste, wollen wir die hochgesteckten Klimaziele der Regierung erreichen. Das ist eine hundertprozentige Steigerung. Ein zusätzliches Wachstum, das ohne Verstärkung des Fachhandwerks, das heißt die Zahl der qualifizierten Verarbeiter, gar nicht zu schaffen ist. Wir haben eine Situation wie Ende der 1950er-Jahre: Arbeitskräftemangel in Deutschland hoch zwei und in Spanien und Portugal eine hohe Anzahl an qualifizierten Arbeitslosen. Wenn wir also nach einer Aufstockung der Sanierungsrate rufen, dann müssen wir auch Ja sagen zu Zuwanderung und weiteren Gastarbeitern. Die Ziele der Energiewende sind zu schaffen, aber nur dann, wenn wir bereit sind, umzudenken und Veränderungen zuzulassen. Ohne diesen Paradigmenwechsel bleiben wir auf der Kardanwelle des Fortschritts sitzen,
ohne dass die Kraft unserer Wünsche an den Motor der Konjunktur gelangt.

Abbildungen: FV WDVS                                                                             Ausgabe: 9/2012

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