01. Januar 2016

Denkmal runderneuert

xella_Fachwerk-1 Ausbau und Fassade - Denkmal runderneuert

Bei der Modernisierung eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses wurde eine ­Innendämmung aus Lehmmörtel in Kombination mit Mineraldämmplatten ausgeführt. Das diffusionsoffene Dämmsystem ist speziell für historische Fachwerkhäuser geeignet.

Der Trend geht zum Wohnen im histo­rischen Ambiente. Die oftmals über Jahrhunderte hinweg entstandene ­Atmosphäre alter Häuser ist bei einem Neubau — und sei er noch so geschickt geplant — einfach nicht zu reproduzieren. Allerdings müssen für den Erhalt viel Fingerspitzengefühl, Sachverstand und in der Regel auch eine Menge Kapital investiert werden. Das zeigt sich auch bei der Modernisierung eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses in einer Kleinstadt im Paderborner Land, das derzeit mit einem speziell auf die Sanierung von historischen Fachwerkhäusern abgestimmten diffusionsoffenem Dämmsystem aus Lehmmörtel und Mineraldämmplatten saniert und an moderne Wohnstandards angepasst wird.

Umbaumaßnahmen
Das im späten 18. Jahrhundert errich­tete Fachwerkhaus blickt auf eine wechselvolle Vergangenheit zurück, die sich bis heute an den Fassaden des denkmalgeschützten Gebäudes ablesen lässt. Unterschiedliche Holzbearbeitungen, Holzquerschnitte und Verzimmerungen der Fachwerkständer an den Traufseiten des Baukörpers sind Zeugnis von mindestens zwei grundlegenden Umbaumaßnahmen zu Beginn und zum Ende des 19. Jahrhunderts, in deren Folge der Kernbau aus ursprünglich drei Gebinden zu einem größeren Wohnhaus mit insgesamt sieben Gebinden erweitert wurde, was im Wesentlichen dem aktuellen Befund entspricht. Durch den Einbau neuer Fenster erhielt die Fassade damals ihre heutige Gliederung. Gleichzeitig wurde das bis heute bestehende Raumkonzept angelegt. Weitere massive Eingriffe in die Gebäudesubstanz waren nach dem Krieg notwendig. Dabei ­wurden beide Giebel neu aufgerichtet. Ein Bombentreffer in der Nachbarschaft hatte das Dachwerk so stark beschädigt, dass es vollständig erneuert werden musste. Auf der Südseite wurde außerdem der untere Teil der Außenwand durch Ziegelmauerwerk ersetzt — wohl als Ersatz für zerstörte Hölzer. Die ­Innenwände erhielten Vormauerschalen aus bis zu 10 cm dicken Holzwolle-Leichtbauplatten mit Zementputz, um leichte Schiefstellungen auszugleichen. Aktuell wird das Gebäude zu einem Wohnhaus mit integriertem Büro umgebaut und soll nach seiner Fertigstellung alle Ansprüche an modernes Wohnen erfüllen.

Abrissantrag abgelehnt
»Alles in allem«, resümiert Architekt Raffael Wundes vom Soester Architekturbüro Dieckmann und Hohmann den Status unmittelbar vor Beginn der ­Sanierungsarbeiten, »hatten wir ­einen heterogenen und desolaten Bestands­befund, bei dem mit unvorhersehbaren Baumaßnahmen zu rechnen war.« Aus wirtschaftlichen Gründen hatte das ­Architekturbüro den Abriss des Hauses, das ursprünglich wahrscheinlich als ­Nebengebäude zu einem der umliegenden größeren Wohnhäuser gehörte, ­beantragt. Nachdem dieser Antrag ­jedoch von der Denkmalbehörde abgelehnt wurde, stand der Erhalt des ­Gebäudes in seiner gesamtgeschicht­lichen Struktur im Vordergrund aller ­folgenden Maßnahmen. Um aufsteigende Feuchtigkeit zu minimieren, verfüllten die Architekten zunächst den ­etwa um 1900 nachträglich angelegten Keller im vorderen ­Bereich des Hauses. Sämtliche Wände wurden abschnittsweise zirka 70 cm unterfangen, um ­etwas mehr Raumhöhe zu gewinnen. Ursprünglich waren die Räume des Hauses knapp zwei Meter hoch. Gleichzeitig erhielt die ­unter dem Haus am Fuß des Keller­abgangs vorhandene Quelle eine Anbindung an den ­nahen Bachlauf.

Hohe Authentizität
Die Fassade wurde »aufgehübscht«, in den Außenwandkonstruktionen ließen die Planer nicht mehr tragfähige Hölzer ­ersetzen. Teile der Konstruktion, die nur partiell geschädigt waren, wurden in Absprache mit der Denkmalbehörde ­ergänzt und Neuausfachungen mit Lehmstein beziehungsweise weich ­gebrannten Tonziegeln ausgeführt. Der Einbau neuer Fenster in zweiflügeliger Ausführung mit Isolierverglasung und Sprossen sorgt für eine hohe Authentizität der historischen Fassade.
Im gesamten Gebäude mussten alte, nicht tragfähige Farb- und Putzschichten entfernt und durch konstruktionsverträgliche Produkte und Materialien ersetzt werden. »Insgesamt«, erinnert sich Raffael Wundes, »haben wir nur für das Freilegen der Außenwände fünf Container Schutt aus dem Haus entfernt.« Da das Gebäude nach Abschluss der Bauarbeiten als Wohnhaus genutzt werden sollte, war eine Dämmung der Außenwände geplant. Das Wärmedämmkonzept wird ergänzt durch die Installation einer neuen Heizungsanlage in Gas-Brennwerttechnik.

Feuchteschäden vermeiden
Die Forderung der Denkmalpflege nach Erhalt der historischen Außenfassade konnte nur durch ein Innendämmsystem erfüllt werden. Wundes: »Wir haben hier ein System ohne ­Folie gesucht. Bei der Verwendung einer Dampfsperre kann man viele Fehler bei der Ausführung machen, die schwerwiegende Konsequenzen haben.« Laut Wundes stellt ­eine Innendämmung grundsätzlich sowohl an die Planenden und Ausführenden, als auch an die gewählten Materialien besondere Anforderungen. ­»Sobald eine Dampfsperre nicht sorg­fältig verarbeitet ist und nicht richtig angeschlossen wird, dringt über ­Konvektion feucht-warme Raumluft in die Konstruktion ein und die Feuchtigkeit kondensiert hinter der Dämmebene  mit der Folge der lokalen Substanzzersetzung.« Das merke man erst, wenn es zu spät ist. »Daher ist die richtige Materialwahl äußerst wichtig. Dann können diese Probleme vermieden werden.«

Feuchteschäden vermeiden
Speziell bei Fachwerk sei der Dämm-Konstruktion eine besonders hohe Bedeutung beizumessen: »Die Kombination von so verschiedenen Materialien wie Holz, Ziegel, Naturstein, Lehm sowie Kalk und deren unterschiedliches Verhalten bei veränderten klimatischen Verhältnissen erfordern eine genaue ­Betrachtung. Speziell bei der Ausführung einer Innendämmung sind ­Besonderheiten zu berücksichtigen, die dem Schutz der tragenden Holzkon­struktion dienen.« Dabei gelte es, vor ­allem auch Feuchteschäden an der ­Konstruktion zu vermeiden. »Die können leicht auftreten, denn eine Fachwerkfassade ist zum Beispiel nie ganz schlag­regendicht.« Der Einsatz eines ­kapillaraktiven Dämmstoffs, der über ein Austrocknungspotenzial nach innen zum Raum hin verfügt, da keine Dampfsperre im Weg ist, sei die einzige Alternative.

Günstiges Feuchtekapillarverhalten
Seitens des Denkmalamtes wurde gefordert, die Innendämmung mit Holzweichfaserplatten auszuführen. Wegen eines generell günstigeren Feuchtekapillartransportes von Mineraldämmplatten gegenüber Holzweichfaserplatten konnte der Architekt Ytong Multipor Mineraldämmplatten durchsetzen. Hilfreich für die Beantragung der denkmalrecht­lichen Erlaubnis war ein feuchteschutztechnischer Nachweis, den Multipor-Gebietsleiter Peter Böhm erstellen ließ. Er bestätigte die Funktionalität des ­Systemaufbaus. »Wir haben in der Frage der Innendämmung frühzeitig den Kontakt zur Industrie gesucht«, berichtet Raffael Wundes, »das hat sich gelohnt. Das Denkmalamt stimmte auf Basis dieser Berechnungen zu.«
Mit den Multipor Mineraldämmplatten kommt für die Dämmung des Baudenkmals ein diffusionsoffenes, kapillaraktives System zum Einsatz, das ohne Dampfsperre ausgeführt wird. Entscheidend für die Materialwahl war auch der Fakt, dass die Platten ­gegen Schwamm- und Schimmelbefall resis­tent sind, während Holzweichfaser­platten dafür einen geeigneten Nähr­boden bieten. »Das System ist eine einfach zu verarbeitende Innendämmung, ohne Folien und feuchtigkeitsregulierend. Das birgt ein geringeres Fehlerpotenzial und trägt zur Bauteilerhaltung bei«, so Wundes.

Materialien harmonieren miteinander
Der wichtigste Grund war aber, dass mit dem Multipor Lehmmörtel eine ­Systemergänzung zu den Mineraldämm­platten desselben Anbieters zur Verfügung steht, die für die energetische Sanierung von historischen Fachwerkgebäuden optimal geeignet ist. »Das kapillare Feuchtetransportvermögen von Ytong Multipor Lehmmörtel«, erklärt Peter Böhm, »wirkt mit seiner geringen Ausgleichsfeuchte konservierend auf die umschlossenen Hölzer.« Und Wundes ergänzt: »Speziell bei Fachwerkgebäuden ist Lehmmörtel sehr gut geeignet. Die Materialien passen zusammen und harmonieren miteinander. Die Natürlichkeit der Baustoffe bleibt weiterhin erhalten und wir bekommen im Ergebnis eine effiziente Dämmung und ein gutes Raumklima. Außerdem lässt sich das Ganze wirtschaftlich umsetzen.«
Der Multipor Lehmmörtel ist ein umweltfreundlicher Baustoff, der frei von Schad- und sonstigen Zusatzstoffen ist. Durch seine große Diffusionsoffenheit verfügt er über eine gute Feuchteaufnahme- und -abgabefähigkeit. Seine wärmeregulierenden und wärmespeichernden Eigenschaften wirken sich ­positiv auf das Raumklima aus. Lehm­reste können zu 100 Prozent kompos­tiert werden.

Wandaufbau mit einem Material
Speziell im vorliegenden Fall bietet der Lehmmörtel Vorteile durch sein breites Anwendungsspektrum, das es ermöglicht, den kompletten Wandaufbau ­neben der Dämmplatte mit nur einem Material zu erstellen. Das ausschließlich aus Lehmpulver und Natursanden ­bestehende Material wird gleichermaßen als Ausgleichputz bei Unebenheiten im Untergrund oder als Klebe-mörtel für die Mineraldämmplatte eingesetzt, außerdem als Armierungsputz mit Gewebeeinlage beziehungsweise als abschließender Oberputz auf die Mineraldämmplatten.
Das Material kann — wichtig bei dem hier vorliegenden heterogenen ­Bestandsbefund — auf fast allen Untergründen verarbeitet werden: Mineraldämmplatten, Multipor Leichtmörtel, Kalk- oder Kalkzementputze, Lehm­steine und Lehmbauplatten, alle Arten von Mauerwerk, Schilfrohr, Ziegeldraht oder Fachwerkgeflecht. Einzige Voraussetzung ist ein Putzgrund, der sauber, trocken und staubfrei ist.

Ausgleichsputz
Noch vor der Verarbeitung des Lehmmörtels durch die beauftragte Firma Andreas Peukert aus Soest, die sich auf Holz- und Bautenschutz sowie Trockenbau spezialisiert hat, entfernen die Res­tauratoren die alten Holzwolle-Leichtbauplatten der Nachkriegs-Sanierung sowie alte und nicht tragfähige Putzschichten. Schadstellen werden beige­arbeitet. Manche Wände müssen komplett aufgearbeitet werden. Die Deckenfelder werden in allen Anschluss- bereichen geöffnet. Anschließend ­werden die gesamten Außenwände mit Lehmmörtel als Ausgleichsputz begradigt. Es gelingt dabei, einen planebenen Untergrund herzustellen. So kann die anschließende vollflächige Verklebung vereinfacht und beschleunigt werden. Eingesetzt werden Mineraldämmplatten in einer Dicke von 80 mm.

Einfache Handhabung
Sobald der Ausgleichsputz ausgetrocknet ist, beginnt die Verarbeitung der Mineraldämmplatten, die im Fugenverband auf den ebenen und trockenen Untergrund geklebt und zusätzlich mit vier Schraubbefestigern pro Quadrat­meter im Fachwerkholz befestigt ­werden. Dazu wurde Ytong Multipor Lehmmörtel mit einer 10 mm Zahn­traufel auf der Plattenunterseite aufgetragen, »durchgekämmt« und dann auf dem Untergrund eingeschwommen.
Das geringe Gewicht, die Druckfestigkeit und Formstabilität sowie das handliche Format von 600 x 390 mm sorgen für eine einfache Handhabung sowie einen schnellen Arbeitsfortschritt. Die Dämmplatten werden press gegeneinander ­gestoßen. Eine Verklebung der Stoß­fugen erfolgt nicht. Durch das vollflächige Auftragen des Lehmmörtels als Dämmplattenkleber konnte die gesamte Wand hohlraumfrei erstellt werden. »Weil man die Mineraldämmplatten in Kombination mit dem Lehmmörtel satt und vollflächig auf der Wand aufbringen kann«, erklärt Wundes, »funktioniert eine Innendämmung auch bei den un­regelmäßigen Wänden eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses. Baumängel, die ansonsten durch Konvektion von feucht-warmer Raumluft in Hohlräumen hinter der Dämmung entstehen können, werden damit vermieden.«

Armierungsschicht
Nach dem Verkleben der Mineraldämmplatten wird der Lehmmörtel mit ­Gewebeeinlage als Armierungsschicht aufgebracht. Die Schichtdicke beträgt zirka 8 mm. Sobald die Armierung ­getrocknet ist — die Trocknungszeit ­beträgt etwa 1 mm/Tag — kann ab­schließend eine 5 – 6 mm dicke Oberschicht aus Lehmmörtel aufgetragen werden. Sämtliche mit Multipor Lehmmörtel ausgeführten Schichten, angefangen von der Ausgleichsschicht bis hin zum zweilagigen Oberputz, werden mit der gleichen Mischung ausgeführt. Abschließend wird der Lehmoberputz durch Abfilzen streichfertig bearbeitet. Die Endbeschichtung kann alternativ mit den Systemkomponenten Silikat­innenfarbe oder Lehmfarbe ausgeführt werden, die Xella als Ergänzung anbietet. Bei der Lehmfarbe handelt es sich um eine diffusionsoffene, lösemittelfreie, natürliche Wandfarbe auf Lehmbasis. Sie verfügt über die gleichen positiven Produkteigenschaften wie Multipor Lehmmörtel. Die Verarbeitung erfolgt mit Rolle, Quast oder Pinsel. Die Farbe wird ausschließlich im Farbton Weiß angeboten. Andere Farbtöne ­können durch Zugabe von Farbpigmenten erreicht werden. Sofern die Innenwände und Decken des alten Gebäudes neu verputzt werden müssen, kommt ebenfalls Multipor Lehmmörtel zum Einsatz. Wundes: »In diesem Bereich ­haben wir aber noch viele Wände, bei denen die Putzsubstanz gut ist. Das ­lassen wir dann auch.«

Abbildungen: Xella                                                                                                        Ausgabe: 6/2012

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