01. Januar 2016

Durchhänger

Der durchhängende Boden eines Dachraums aus dem Jahre 1698 wurde zum Wohnzimmerboden umgebaut. Dr. Josef Maier beschreibt, wie trotz der Durchhängung von mehr als 12 cm ein Trocken­estrich mit Fliesen und Laminat eingebracht werden konnte.

Wenn man in Altbauten neue Fußböden verlegen will, müssen zunächst die ­alten Holzdecken überprüft werden. ­Zumeist müssen die vorhandenen Holzbalkendecken den heutigen bautech­nischen Anforderungen angepasst ­werden. Die Balken können nämlich durch Pilze, tierische Schädlinge oder Nässe geschädigt sein oder durch ­unsachgemäße Eingriffe wie Einschnitte ins Holz oder andere mechanische Schwächungen nicht mehr die erforderliche Last aufnehmen.
Am häufigsten werden Durchbiegungen der Deckenbalken festgestellt. Die DIN 1052 - Entwurf, Bemessung und ­Berechnung von Holzbauwerken vom August 2004 legt eine maximale Durchbiegung für neue Deckenbalken mit l/300 fest, bei einer in Altbauten ­üblichen Auflagerlänge l = 400 cm wären also nur 1,33 cm Durchbiegung zulässig. Da bei Altbaudecken oft eine Durchbiegung von bis zu 120 mm festgestellt werden kann, entspricht diese selbstverständlich nicht der Norm.
Da aber diese alten Decken über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte eine Verkehrslast bei normaler Wohnnutzung problemlos übernommen haben, können die Decken insbesondere bei Aufbringen einer zusätzlichen Lastverteilungsplatte weiterhin eine solche Verkehrslast übernehmen.

Untersuchung auf Insekten
In erster Linie wird also auf der Decke eine geeignete Lastverteilungsplatte benötigt, auf die problemlos eine Schüttung aufgebracht werden kann. Die vorhandenen Fußbodenbretter sind meistens stark beschädigt und sollten daher entweder zusätzlich verschraubt oder entfernt werden. Die Füllung ­zwischen den Balken sollte auf jeden Fall auf schädliche Insekten wie Speckkäfer, Messingkäfer etc. untersucht werden. Sinnvoll wäre auch das Neueinbringen einer Schüttung aus Sand oder Perlite.
Auf die zuvor instand ­gesetzten Holzbalken der Decke wird zunächst anstelle der alten Fußbodenbretter ein neuer Trockenunterboden zum Beispiel aus Rauspundbrettern oder aus Spanplatten in einer Stärke von 22 mm mit Fugen­versatz auf die Holzbalken aufgeschraubt.
Die Plattenstöße sind zu verkleben. Ein durch eine Feder entstehender Überstand am ­Wandanschluss ist abzuschneiden. Außerdem muss am Wand­anschluss ein Randdämmstreifen aus Mineralwolleplatten von mindestens 10 mm Dicke eingelegt werden, damit Trittschallschutz gegeben ist. Die geforderten Schalldämm-Werte der DIN 4109 ­werden leicht erreicht.

Schwimmende Estrichverlegung
Auf dem Trockenunterboden können nun Versorgungsleitungen aller Art, beispielsweise Heizungs- oder Wasser­rohre, sorgfältig fachgerecht verlegt werden. Unter die gedämmten Leitungen werden Dämmplatten angeordnet oder zwischen ihnen eine Perliteschüttung gefüllt. Die Dämmschichten ­müssen genauso wie der Estrich selbst aus Gründen der Vermeidung der Schallübertragung von allen angrenzenden Bauteilen getrennt sein. Mit der Dämmschicht entsteht eine glatte, waagerechte, fugenlose Oberfläche, auf die der Trockenestrich aufgebracht ­werden kann. Es handelt sich dabei um eine schwimmende Estrichverlegung. Die gesamte Fußbodenkonstruktion sollte, wie oft gefordert wird, am besten nicht mehr als 3 cm auftragen und so gut wie nichts wiegen. Gleichwohl muss sie selbstverständlich alle Anforderungen erfüllen: Ein Postulat, das sich freilich selten erfüllen lässt.
Wenn die Durchbiegung gering ist, können als Fußbodenaufbau Trocken­estrichplatten auf Schüttungen eingesetzt werden. Das dabei zusätzlich aufgebrachte Gewicht ist jedenfalls sehr gering. Gemäß VOB DIN 18340 sind Trockenschüttungen mindestens 15 mm dick auszuführen. Rohrleitungen, Kabel und dergleichen sind dabei mindestens 10 mm zu überdecken. Die Schüttung ist so einzubringen, dass ein seitliches Ausweichen oder Wegrieseln nicht möglich ist. Bei Schütthöhen über 40 mm ist eine Verdichtung vorzunehmen oder die Schüttung dauerhaft in sich zu binden. Diese Konstruktion kann im günstigsten Fall auf die alten Fuß­bodendielen etwa 60 mm auftragen. Höhere Schüttungen sind nicht zu ­empfehlen. Werden die alten Dielen entfernt, wird die Konstruktionshöhe so gering ausfallen, dass man sogar vorhandene alte Dachraum-Eingangstüren erhalten kann.

Diffusionsoffenheit für Wasserdampf
Bei Verdichtung der Schüttmasse etwa durch Erschütterung infolge des Straßenverkehrs kann es zu Wanderungen der Schüttung kommen. Die Folge davon wird sein, dass die Ränder der Platten aufschüsseln, was sich durch ­eine Schiefstellung der Möbel bemerkbar macht. Diese Wanderung muss durch Verdichten der Schüttung verhindert werden.
Perlite ist ein Baustoff der Brandschutzklasse B2 und wird das Brandverhalten der Holzbalkendecke nennenswert verbessern. Die notwendige Diffusions­offenheit für Wasserdampf ist ebenfalls gegeben. Bei einer vorhandenen, extremen Durchbiegung der alten Decke von bis zu 12 cm ist eine Schüttung nur in den Randbereichen der Decke zu ­empfehlen, weil dort die Durchbiegung noch sehr gering ist. Hier läuft die Durchbiegung an manchen Stellen auf 0,00 mm aus. In der Deckenmitte, also an der tiefsten Stelle, wird ein Höhenausgleich mit Styroporplatten besser geeignet sein, denn die mehrfach aufeinander gelegten Platten können ­weder seitlich ausweichen noch wegrieseln. Außerdem ist Styropor ein leichter Baustoff, der das Gewicht der Deckenkonstruktion nur unwesentlich erhöht. Man muss sich aber bewusst sein, dass Styropor im Brandfalle giftige Gase entwickelt, die für Menschen äußerst schädlich sind.

Trockenestrichplatten
Bei Trockenestrichen kommen nach­folgende Materialien zum Einsatz: Holzspanplatten (auch zement- oder magnesitgebunden), OSB-Platten, Hartholzfaserplatten, Gipsfaserplatten, Gipskartonplatten, Perliteplatten und zementäre Estrichplatten. Sie haben folgende Vorteile gegenüber nass eingebrachten Estrichen: es entsteht keine Wartezeit durch Trocknung und keine Feuchtigkeitsbelastung des Baukörpers; geringere Konstruktionshöhen als konventionelle Estriche sind möglich und bei Einbau einer Fußbodenheizung ist weniger Masse betroffen, daher schneller aufheizbare Räume.
Trockenestrichplatten reagieren jedoch meistens empfindlich auf schwankende Luftfeuchte, sie können sich verwerfen, vor allem wenn die Verarbeitungsregeln nicht genau beachtet wurden. Bei richtiger Ausführung können alle Standardböden darauf gelegt werden. Bei Verdichtung der Schüttmasse etwa durch Erschütterung infolge des Straßenverkehrs kann es zu Wanderungen der Schüttung kommen. Die Folge davon wird sein, dass die Ränder der Platten aufschüsseln, was sich durch eine Schiefstellung der Möbel bemerkbar macht.
In Bädern und Toiletten werden statt Spanplatten stets nässeunempfindliche Platten aus zementären Trockenestrich eingebracht. Mit diesen Platten wächst die Konstruktion des Fußbodens in ihrer Gesamthöhe kaum höher an als die Spanplattenversion. Das Brandverhalten verbessert sich. Auch das Gewicht pro Quadratmeter steigt. Dies muss auch bei der Baustelleneinrichtung beachtet werden, denn zu hohe Plattenstapel können eine Dachbalkendecke über­lasten, ihre relativ schwachen Balken könnten brechen.

Trockenbauböden
Auch auf trockenen Schüttungen schwimmend verlegte Trockenestriche sind für den Ausbau gut geeignet. Mit Hilfe der Schüttung kann man im Altbau schiefe Böden begradigen und zugleich den Trittschalldämmwert nachhaltig verbessern. Dabei ist darauf zu achten, dass in der Schüttung liegende Heizleitungen sorgfältig verlegt wurden. Bilden diese sich windende »Rohrschlangen«, so sind sie wärmetechnisch nicht mehr beherrschbar und führen zu Wärmestaus unter dem Trocken- oder Nassestrich. Außerdem weiß im Nachhinein keiner mehr, wo die Leitungen  liegen. Beschädigungen durch Nach­trägliches Anbohren der Leitungen sind dann nicht mehr auszuschließen. Die Heiz- und Warmwasserleitungen sollten immer an den Wänden entlang und parallel verlegt werden. Stichleitungen müssen immer im rechten Winkel dazu angeordnet werden. Dort wo Heiz­leitungen einander überqueren, entsteht ein zusätzlicher Höhenbedarf, der sich als Wärmebrücke bauschädlich bemerkbar machen wird. Die Leitungen sind vor dem Verlegen des Trocken­estrichs stets ausreichend wärmezudämmen. Wenn das nicht geschieht, kann später das Verlegen von Parketten sowie anderer Beläge auf dem Trocken-estrich wegen der partiellen Temperaturunterschiede zum Problem werden.

Gestalterische Probleme
Vor dem Verlegen von Trockenestrichen muss vor allem auch die Frage der ­Kanaltrassen im Boden geklärt werden. Kabelkanäle für EDV oder Elektrik lassen sich nämlich in Trockenbauböden ganz bequem unterbringen. Dies muss freilich immer im Zusammenhang mit dem späteren Bodenbelag gesehen werden. Hier können durch fehlende gestal­terische Überlegungen sowohl Mehr­kosten durch zusätzlich erforderlichen Zuschnitt des Belags als auch erheb­liche, wenn nicht sogar unerträgliche Beeinträchtigungen der Raumgestalt entstehen.
Ein weiteres gestalterisches Problem ist die durch den zusätzlich eingebrachten Trockenestrich erforderliche neue ­Bodenhöhe. Der alte Fußboden muss dabei oft aufgedoppelt werden. Das heißt: Anschlüsse an Treppen, Fensterbrüstungen oder Nassräumen bereiten erhebliche Schwierigkeiten. Insbeson­dere im Altbau entstehen zusätzliche hohe Schwellen, die wie Stolperfallen wirken. Dies lässt sich nur vermeiden, wenn der alte Dielenboden und die in den Balkendecken liegende alte Schüttung entfernt wird und dann ein gänzlich neuer Bodenaufbau geplant wird.

Gestalterische Fehler vermeiden
Gerade in diesem sensiblen Bereich werden sehr häufig gestalterische ­Fehler gemacht, die eine Instand­setzung direkt verunstalten können.
Es können alle Standardbeläge auf ­zementären Trockenestrich gelegt ­werden. Auch für Fliesen ist dieser ­Untergrund gut geeignet. Allerdings müssen zuvor Abdichtungen aufgebracht werden. Fliesen, die auf Trocken­estrichplatten verklebt wurden, sind als Nassraumfußboden schalltechnisch sehr problematisch. Um Körperschall im Nassraum, ­also in Küchen und Bädern zu vermeiden, empfiehlt es sich, die einzelnen Sanitärgegenstände auf zusätzlich ­gedämmte Podeste oder auf Unterlagsscheiben aus Hartgummi zu stellen.

Dr. Josef Maier
Architekt und Bauforscher



Literatur
Josef Maier, Energetische Sanierung von Altbauten, Fraunhofer IRB Verlag, 2. Auflage, Stuttgart 2011.
Josef Maier, Ausbau von Dachge­schossen, Fraunhofer IRB Verlag, ­Stuttgart 2005.

Abbildungen: Maier                                                                                                                   Ausgabe: 3/2013