06. Oktober 2009

East Side Gallery auf Vordermann gebracht

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Berühmtheit erlangte der »Bruderkuss« von Dmitrij Vrubel, der die Scheinheiligkeit öffentlich demonstrierter Freundschaftsbeziehungen aufs Korn nahm. Der Maler setzt den Schlusspunkt unter die zweite Ausgabe des »Bruderkusses«, der nach wie vor das ungeteilte Interesse der Besucher genießt. (Foto: Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.)

Vor zwei Jahrzehnten fiel die Mauer quer durch Berlin. Als Symbol stehen blieb sie auf einer Länge von 1300 Meter zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof an der vielbefahrenen Mühlenstraße im Vorfeld der Spree. Dort hatten über hundert Künstler aus 21 Ländern unmittelbar nach Öffnung der Mauer ihren Überzeugungen und Gefühlen zu diesem Thema auf den 3,40 Meter hohen und 1,20 Meter breiten Betonsegmenten künstlerischen Ausdruck verliehen. So entstand in neun Monaten die »East Side Gallery«, die mit ihren 106 Gemälden die Erinnerung an die deutsche Teilung und ihre Überwindung wach hält und von Millionen Menschen aus aller Welt besucht wird. Verwitterung und Emission hatten ihr jedoch in der vergangenen 19 Jahren ebenso zugesetzt wie mutwillige Verschmutzung. Eine Komplettsanierung tat jetzt dringend Not.


Die November-Ereignisse des Jahres 1989 hinterließen bei dem Maler Kani Alavi, der 1980 aus dem Iran nach Westberlin gekommen war und seine »Zelte« unmittelbar am Grenzübergang Checkpoint Charlie aufgeschlagen hatte, tiefe Spuren. Er hatte den Maueralltag und die Absurdität der Teilung aus nächster Nähe erlebt. Am Abend des 9. November, als sich der Schlagbaum öffnete, blickte er in die Gesichter der über die Grenze strömenden Menschen, auf denen sich Fassungslosigkeit und überschäumende Freude ebenso spiegelten wie Nachdenklichkeit und Sorge. Wochen später übertrug er seine Eindrücke, die er in Skizzen festgehalten hatte, auf ein Mauersegment.


»Es geschah im November« nannte er sein Bild. Die Euphorie, so der Maler, habe Künstler aus aller Welt erfasst und spontan zur Idee geführt, die Mauer in ein künstlerisch gestaltetes zeitgeschichtliches Denkmal zu verwandeln. Nachdem das damalige DDR-Verteidigungsministerium dem Vorhaben zugestimmt hatte und die Zuteilung der einzelnen Segmente erfolgt war, wurde die Mauer zu einer »Riesenleinwand«, auf welche die Künstler ihre Entwürfe oder Ideenskizzen übertrugen. Nach neun Monaten verfügte Berlin über die längste Open-Air-Galerie der Welt. Sie wurde 1991 unter Denkmalschutz gestellt. Doch auch Denkmäler sind gegen das Altern nicht gefeit, und mit Sorge sah Kali Alavi den Prozess des Verfalls voranschreiten.


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Der Künstlerverein East Side Gallery mit seinem Vorsitzenden Kali Alavi (links) an der Spitze übernahm nicht nur die Mobilisierung, sondern auch die Betreuung der Künstler und erntete dafür viel Anerkennung. (Foto: Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.)


Erster Anlauf zur Sanierung
Der Erhalt dieses einmaligen Denkmals ist wichtigstes Anliegen des 1996 gegründeten Künstlervereins »East Side Gallery«. »Wenn wir künftigen Generationen gegenüber glaubhaft sein wollen«, betont Kani Alavi, »müssen wir solche Zeitzeugnisse bewahren.« Er wurde nicht müde, auf diese Verantwortung hinzuweisen – und fand Mitstreiter.


Im Mai 2000 forcierte der Verband der Lackindustrie anlässlich seines 100. Jahrestages mit einer Spende die Sanierung der East Side Gallery. Renommierte Unternehmen stellten Material, Ausbildungsbetriebe Fachkräfte zur Verfügung. Zu den Sponsoren gehörte auch der Farbenhersteller Caparol. Unterstützt wird die Künstlerinitiative seither von Helene Schwarzmann, die bei Caparol für die Objektarbeit verantwortlich ist. Die insgesamt bereitgestellten Mittel reichten für 300 Meter Mauersanierung.


Um die Idee von der East Side Gallery als künstlerische Dokumentation mit Blick auf den 20. Jahrestag des Mauerfalls zu realisieren, war weitere Unterstützung vonnöten. Schließlich fiel die Entscheidung zugunsten einer Komplettsanierung mit Mitteln von Lottostiftung, Europäischer Union und Land Berlin unter Projektführung der S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung. Für die aufwendige Betonsanierung zur Bewahrung der Bausubstanz und die Wiederherstellung der Bilder standen am Ende 2,2 Millionen Euro zur Verfügung. Die Künstlerinitiative East Side Gallery e.V. übernahm die Kontaktaufnahme und Betreuung der Künstler.


Authentizität bleibt gewahrt
Es war eine mühselige Arbeit, die Künstler aufzuspüren und für das Sanierungsvorhaben zu begeistern. Denn es geht nicht um Auffrischung oder Ausbesserung, sondern um eine der Authentizität verpflichtete Neuauflage der Bilder. Das eröffne den Künstlern und ihren Werken die Chance, so Kani Alavi, sich erneut ins Gespräch zu bringen. Mehr als 90 Künstler haben diese Chance genutzt. Für Organisation, Logistik und Betreuung fühlt sich der eigens für diesen Zweck eingesetzte Koordinator Jörg Weber zuständig. »Jeder Maler muss sich bei uns gut aufgehoben fühlen, wenn er die erwartete künstlerische Leistung bringen soll.«


Besondere Anforderungen wurden angesichts der hohen Verkehrs- und Umweltbelastungen an die zu verwendenden Farben gestellt. Sie sollten gut verarbeitbar, elastisch und unempfindlich gegen Witterung beziehungsweise UV-Belastung sein. In der öffentlichen Ausschreibung überzeugten die von Helene Schwarzmann offerierten Farben aus dem Caparol-Sortiment am meisten. Die seidenmatten AVA-Amphibolin Vollton- und Abtönfarben beziehungsweise Colorfarben wurden an einem 40 Meter langen Mauersegment mit dem Bild »Die Masken« des russischen Malers Wjatscheslaw Schljachow auf Herz und Nieren geprüft und von Architekten wie Künstlern für gut befunden.


Lob ernteten vor allem die gute Mischbar- und Streichfähigkeit, bezahlt macht sich auf Dauer die Wetterbeständigkeit und die schützende Wirkung gegenüber Abgasen. Für die pünktliche Lieferung sorgte der Berliner Großhändler Gustav Knittel GmbH und Co. KG.



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Zur Sanierung der Mauersegmente wurden die Stahlbewehrungen freigelegt und mit Rostschutz versehen. (Foto: Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.)
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Die entstandenen Löcher und Öffnungen wurden mit Spezialbeton verschlossen und wie die Segmente insgesamt elastisch beschichtet. (Foto: Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.)

Die denkmalgerechte Sanierung der 821 Mauersegmente mit ihren Bildern geht in die letzte Phase. Viele Maler sind von der Wirkung ihrer »Zweitausgabe« überrascht. Das mag unter anderem daran liegen, dass an die Stelle spontaner Begeisterung Wissen und Souveränität getreten sind. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten aber auch die guten Arbeitsbedingungen mit der perfekten Rundum- Betreuung. »Wir gehen auf die Intentionen der Künstler ein«, so Helene Schwarzmann. Anzumerken ist allen Beteiligten die Freude darüber, dass die jahrelangen Bemühungen um den Erhalt dieses einmaligen Kunstdenkmals durch ein riesiges Besucherinteresse belohnt werden.

Wolfram Strehlau




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Die Lacher auf ihrer Seite hat Birgit Kinder, die mit ihrem Bild »Test the Rest« die Brüchigkeit der Mauer der Robustheit des gleichfalls neu in Farbe gesetzten Trabant gegenüberstellt. (Foto: Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.)