05. August 2010

denkmal mit Schwerpunkt Backsteinarchitektur

Wenn vom 18. bis 20. November 2010 in Leipzig die denkmal, Europäische Messe für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung stattfindet, werden vor allem »Backsteine, Ziegel und Klinker in der Architektur der Jahrhunderte« im Blickpunkt stehen. Was macht die Backsteinarchitektur so interessant, dass sie zum Schwerpunktthema der denkmal avanciert ist? »Die Erhaltung dieses Kulturerbes betrifft den gesamten Nord- und Ostseeraum und erfordert einen internationalen Erfahrungsaustausch – über Ländergrenzen hinweg«, nennt Projektdirektorin Ulrike Lange einen Grund.


Aktuell geht jedes Land mit der Backsteinarchitektur auf seine Weise um, selbst innerhalb der beteiligten deutschen Bundesländer gibt es aufgrund der Denkmalschutz-Gesetzgebung auf Länderebene keine bundeseinheitlichen Richtlinien oder Standards. Dabei existiert bereits ein multinationales Projekt, das die Backsteinarchitektur in den Fokus rückt: die Europäische Route der Backsteingotik (EuRoB). Die Kultur- und Tourismus-Route verbindet Zeugnisse der typischen Backstein-Baukultur der mittelalterlichen Hanse von Dänemark über Deutschland und Polen bis ins Baltikum und nach Schweden.


Klöster und Rathäuser, Stadttore und Mauern, Hallenkirchen und Basiliken aus den charakteristischen, von Hand gefertigten roten Ziegeln erinnern noch heute an Macht und Reichtum der Hansestädte des 13. bis 16. Jahrhunderts. Damals wie heute sind sie Landmarken und Wahrzeichen vor allem der Ostsee-Region, stiften Identität und sind oft das älteste sichtbare Kulturerbe. »Für dieses Erbe wollen wir das Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit schärfen. Wir setzen uns für dessen Bewahrung und eine kulturelle und touristische Erschließung ein«, sagt Dipl.-Ing. Christoph Pienkoß vom Verein der Europäischen Route der Backsteingotik, der vor allem kultur- und geschichtsinteressierte Erlebnisurlauber und Radtouristen ansprechen will.


Widerspruch zwischen Denkmalpflege und Tourismus?
Die attraktivsten Ziele der Europäischen Route der Backsteingotik sind in einem Reiseführer enthalten, den der Verein im Spätsommer herausgeben will. Dabei ist Christoph Pienkoß durchaus bewusst, dass es Kritiker gibt, die einen Widerspruch zwischen der touristischen Vermarktung der Backsteinarchitektur und der Denkmalpflege sehen. Dieses Spannungsfeld will der Verein deshalb auf der denkmal 2010 diskutieren. Pienkoß selbst sieht mehr Potenziale als Probleme und ist davon überzeugt, dass die Denkmalpflege sogar von der touristischen Nutzung profitiert.


»Ein Beispiel für positive Wechselwirkungen ist die Marienkirche in Parchim«, erzählt er. »Dort wurde vor Kurzem bei einer dendrochronologischen Untersuchung der Dachstuhl auf das Ende des 13. Jahrhunderts datiert – und war somit 100 Jahre älter als vermutet. Um dieses Highlight Besuchern nahezubringen, wurde ein Weg in den Dachstuhl eingebaut, der geführte Besichtigungen ermöglicht. Die verstärkte Aufmerksamkeit durch Bevölkerung und Touristen hatte schon vorher zur Aufnahme der Backsteinkirche in das Förderprogramm des Bundes für Denkmale von Nationaler Bedeutung und einer Finanzspritze für die denkmalgerechte Restaurierung geführt.«


Sanierungsstau in kleineren Orten und auf dem Land
Und solche Mittel werden überall dringend gebraucht, gerade bei Bauten fernab der bekannten Touristenstädte. Pienkoß: »Auch wenn die Backstein-Hülle meist noch gut erhalten ist, gibt es oft bei Fenstern, Innenausstattung, Ausmalungen und Orgeln zu tun. Viele große Kirchen sind da schon auf einem guten Weg, wie die Georgenkirche in der Altstadt von Wismar.« Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte und zu DDR-Zeiten zur Ruine verkommene Bauwerk – seit 2002 als Teil der Altstadt von Wismar auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes – wurde in den vergangenen 20 Jahren wieder aufgebaut und im Mai 2010 als Gotteshaus und Kulturkirche neu in Betrieb genommen. Im Gegensatz zu solchen Leuchttürmen bestünde in kleineren Städten und erst recht in ländlichen Regionen noch ein riesiger Sanierungsstau bei Backsteingebäuden, so Pienkoß.


Um die anstehenden Sanierungen so fachgerecht wie möglich zu realisieren, werden auf der denkmal spezialisierte Hersteller Klinker, Backsteine, Ziegel- und Formsteine präsentieren, darunter das 1928 gegründete Ziegelwerk Hoffmanowska. Der polnische Marktführer stellt eine umfangreiche Kollektion von roten, handgearbeiteten kohlegebrannten Ziegelsteinen her. Maßgenaue Ziegel jeder Form und Größe werden in dem traditionsreichen Betrieb ganz nach den individuellen Bedürfnissen der Kunden einzeln in Holzrahmen geformt. Hoffmanowska-Ziegelsteine kamen beispielsweise bei der Restaurierung des königlichen Schlosses in Warschau zum Einsatz, sie werden aber auch nach Deutschland, England und Frankreich exportiert.


Wie kann eine Backsteinfassade denkmalgerecht gedämmt werden?
»Ziegelsteine nach historischem Vorbild zu formen, ist gar nicht so einfach«, erklärt Dr. Ursula Schirmer, Sprecherin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Bonn. »Die Ziegel schrumpfen beim Brennen durch den Feuchtigkeitsverlust, so dass oft experimentiert werden muss, bis die erforderliche Passgenauigkeit erreicht ist.« Dabei seien solche Ziegel nicht nur für Jahrhunderte alte Backsteinbauten gefragt, sondern auch für neuere, zum Beispiel beim Rückbau von Fenstern in Originalgröße. »Neuere Backsteinbauten stammen aus den 1920er- und 30er-Jahren, man findet sie im Bauhaus wie auch in der Gründerzeitarchitektur«, zählt Schirmer auf.


Ein aktuell drängendes Problem sei die energetische Sanierung solcher Backsteingebäude. Die Schwierigkeit: »Von außen kann man sie nicht dämmen, weil das typische Fassadenbild dann verloren ginge. Von innen ist es aber auch schwierig, weil die Sanierung für die Bewohner mit erheblichen Belastungen verbunden wäre«, erklärt Schirmer. Umso interessanter findet die Fachfrau ein aktuelles Pilotprojekt aus Hamburg, bei dem derzeit rund 90 Jahre alte Laubenganghäuser denkmalgerecht energetisch saniert werden. Dabei wird vor die Ursprungsfassade aus Klinkern eine komplett neue Vollklinkerfassade gesetzt. In Zusammenhang mit weiteren Energie sparenden Maßnahmen soll der Jahresprimärenergiebedarf so um die Hälfte gesenkt werden. Ende 2010 werden die ersten Häuser fertig sein. Das Pilotprojekt wird wissenschaftlich begleitet, um so Bauherren und Denkmalschutzbehörden nachnutzbare Erfahrungen für spätere denkmalgerechte Sanierungen zu vermitteln. Zur energetischen Sanierung denkmalgeschützter Gebäude wird es auch Fachvorträge auf der denkmal geben.


Backsteine – Alternative zu fehlendem Naturstein im Nord- und Ostseeraum
Klinker, wie sie beim Hamburger Pilotprojekt verwendet werden, sind bei besonders hohen Temperaturen gebrannt und deshalb eine besonders witterungs- und frostbeständige Variante des Back- oder Ziegelsteins. »Egal ob man Backstein, Ziegel oder Klinker dazu sagt: Alle drei bestehen aus gebranntem tonhaltigen Lehm«, erklärt Dr. Ursula Schirmer. »Ist anteilig mehr Ton enthalten, bekommen die Steine den typischen roten Farbton. Überwiegt der Lehm, wird der Ziegel gelb.« Backsteine seien schon seit der Antike bekannt, es handele sich um das älteste vorgefertigte Bauelement.


»Die Verwendung von Backsteinen als Baustoff setzte in Nordeuropa im 12. Jahrhundert ein. Der Grund war ganz einfach: Im Nord- und Ostseeraum gab es keine Steinbrüche, deshalb musste das Baumaterial selbst hergestellt werden«, so die Denkmalschutz-Fachfrau. »Seinen Siegesszug trat es dann beim Bau von Kirchen, Stadttoren, Rat- und Bürgerhäusern in den wohlhabenden Kaufmannsstädten der Hanse an. Im ländlichen Raum sind besonders Klöster Zeugnisse der Backsteinarchitektur.« Charakteristisch sei dabei einerseits das Fehlen von großen figurativen Bauplastiken, die mit Backsteinen nicht zu realisieren seien, andererseits die reiche Gliederung durch gemauerte Ornamente und Flächenstrukturierungen durch den Wechsel von roten und glasierten Ziegeln und weiß gekalkten Wandflächen. »Viele von der Backsteingotik geprägte Altstädte und Einzelbauten wurden in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen«, so Schirmer. »Auch bei modernen Architekten ist der Baustoff heute immer noch gefragt.«


Angebot trifft Nachfrage: Marktplatz denkmal-Messe
Was das Thema Backsteinarchitektur in der Denkmalpflege angeht, so sieht Dr. Ursula Schirmer viele Marktchancen für Industrie und Handwerk: »Egal ob Formsteine, Dachziegel, authentische Fenster mit guten Energiewerten, besonders dünnes Dämmmaterial, individuelle Heizungslösungen oder optisch kompatible Solarmodule für historische Dächer – hier gibt es Nachfrage bei Denkmal-Eigentümern und Bauherren.«


Auf der denkmal treffen beide Seiten aufeinander, so Projektdirektorin Ulrike Lange. Auch das Rahmenprogramm sei mit Sonderschauen und Fachvorträgen auf das diesjährige Schwerpunktthema eingestellt. So gebe es eine Fotoausstellung zu mitteldeutschen Ziegelbauten und im Rahmen des polnischen Gemeinschaftsstandes die Präsentation »Polen – Backsteinarchitektur der Jahrhunderte«. Ulrike Lange: »Diese Schau vermittelt einen Überblick über charakteristische polnische Gebäude aus Romanik und Gotik bis hin zur Architektur der 1930er-Jahre, darunter Kirchen, öffentliche Gebäude, Wohnhäuser, Militär- und Gartenarchitektur. Ein spezieller Teil der Ausstellung dokumentiert die Restaurierung von ausgewählten Backsteinobjekten in Polen, von den Arbeitsmethoden bis hin zum Endzustand der Gebäude.«


denkmal im Internet:
www.denkmal-leipzig.de
www.leipziger-messe.de