17. September 2010

Bauchemie bringt Umweltproduktdeklarationen auf den Weg

Mehr als 120 Fachleute aus der Branche und den Mitgliedsunternehmen nutzten die Chance, sich am 7. September in Frankfurt beim 1. EPD-Workshop der Deutschen Bauchemie über Grundlagen und die aktuellen Entwicklungen in Sachen »Nachhaltiges Bauen« zu informieren. Im Mittelpunkt standen Umweltproduktdeklarationen (EPD).


Hauptgeschäftsführer Norbert Schröter betonte bei der Begrüßung, dass der Verband dieses Thema und die Realisierung der Umweltproduktdeklarationen für die eigene Branche zu einem Zeitpunkt aufgegriffen habe, »zu dem politisch bereits die Weichen gestellt sind, zahlreiche Erfahrungen aller Beteiligten gesammelt wurden, jedoch noch viele regulative und wirtschaftliche Aspekte beraten werden müssen und auch noch teils heftige Emotionen im Spiel sind.« Auch im Verband habe man intensiv diskutiert, welche Beiträge die Bauchemie und ihre Produkte zum nachhaltigen Bauen leisten können und sich die Frage gestellt: »Bedeuten EPDs für die bauchemische Industrie nur Zusatzkosten und bringen sie überhaupt einen Mehrwert?« Die Meinungsbildung, so Schröter, hierzu sei abgeschlossen, Mitgliedsunternehmen, Vorstand und Geschäftsführung bekennen sich uneingeschränkt zum Prozess des nachhaltigen Bauens. Der Workshop, die Mitgliedschaft des Verbandes in der IBU und die laufenden Aktivitäten zur Realisierung der EPDs seien hierfür ein klares Signal.


Den Auftakt des Workshops bestritt Prof. Dr.-Ing. Carl. A. Graubner (TU Darmstadt). Er definierte Nachhaltigkeit von Immobilien als »langfristige Sicherstellung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Leistungsfähigkeit von Bauwerken.« Graubner präsentierte anschließend Details zum Deutschen Gütesiegel für nachhaltiges Bauen (DGNB) sowie dessen Unterschiede und Vorteile gegenüber etablierten Zertifizierungssystemen wie Breeam oder Leed. Investoren, Planer und Bauausführende müssten sich auf neue Herausforderungen einstellen und über entsprechende Kenntnisse verfügen. »Nachhaltigkeit ist keine Modeerscheinung, sondern wesentliche Voraussetzung für zukunftsfähige Gebäude.«


Ministerialrat Hans-Dieter Hegner vom Bundesbauministerium skizzierte anschließend die grundsätzliche Ausgangslage für nachhaltiges Bauen in Deutschland und stellte das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) seines Ministeriums vor. Erweitert wird künftig der »Leitfaden nachhaltiges Bauen« um das Kapitel E (»Bestand«); darin sind die nach und nach fertig gestellte Forschungsvorhaben zusammengefasst. Die Forschungsinitiative Zukunft Bau erfährt eine Aufteilung in »Ressortforschung des BMVBS« und »Antragsforschung der Baubranche«. Ressortforschung kümmert sich um übergreifende Probleme mit starkem Bezug zum Ordnungsrecht oder sonstigen Regelungen des Bundes. Die Antragsforschung steht laut Hegner unter dem Credo: »Es wird geforscht, was der Branche die größten Innovationsvorteile bringt«; das heißt konkret: die Baubranche wird bei ihren Forschungsbemühungen unterstützt.


David Baumgart (BASF) stellte in seinem Vortrag Zusammenhänge zum Markt her: »Green Building Zertifizierungssysteme sind für Planer und Investoren Anlass, komplexe und hoch entwickelte Produkte einzusetzen« – damit kommt dieser Trend auch der Bauchemie entgegen. Andererseits tragen die Systeme teilweise zur Verschärfung von Regulierungen bei, so Baumgart. Die Beschäftigung mit ihnen sei für die Industrie zeitaufwändig, die Einflussmöglichkeiten dabei begrenzt. Aber: Green Building Zertifizierungen setzten zukünftig die Standards bei allen Aktivitäten rund um Regulierungen und Normungsprozessen. Die Industrie sollte sich am Prozess der wissenschaftlichen Weiterentwicklung dieser Zertifizierungen beteiligen und die Gelegenheit nutzen, entsprechende Top-Produkte für dieses anspruchsvolle Marktumfeld zu entwickeln.


Johannes Kreißig (PE International) wies in seinem Vortrag darauf hin, dass die kommende Bauproduktenverordnung lebenszyklusbezogene Informationen – wie sie in EPDs enthalten sind – einfordern werde: »EPDs bieten die geforderten Umfänge und den Qualitätsnachweis.« Bislang erfüllt nach Kreißigs Worten nur der Ansatz der DGNB die zukünftigen Anforderungen der europäischen Normung an Umfang, Transparenz und Bewertung auf Systemebene, weshalb er auch im Ausland Anwendung findet. Die EPDs sind nach seinen Worten strukturell fest im DGNB-System verankert, derzeit würden aber noch nicht alle Produktgruppen abgedeckt. Darüber hinaus werde die Harmonisierung von EPDs in Europa beschleunigt, dazu werde gerade eine »European Construction product Organisation (ECO)« als entsprechende Institution aufgebaut. Hier können nationale Verbände Mitglieder werden, die Hersteller sind dies bereits über ihr nationales EPD-System.


»Die Zertifizierung nachhaltigen Bauens ist eine Chance für die Bauwirtschaft«, stellte Prof. Dr.-Ing. Bernhard Bürklin (Hochtief AG) fest. Nachhaltige Immobilien müssten nicht zwangsläufig teurer sein. Die höhere Gesamtqualität liefere bessere Erlöse bei Verkauf und Vermietung. Prof. Bürklin zitierte eine Studie, nach der mit einer nachhaltigen Immobilie nach 20 Jahren zehn mal höhere Einsparungen erzielbar sind, als zuvor durch Mehrkosten entstanden waren. Entsprechend rücke das Thema immer mehr in den Fokus von Bauherren und Investoren – mit Konsequenzen für den Markt: »Nicht nachhaltige Immobilien werden schon in Kürze nicht mehr vermarktbar sein«, so Bürklin.


Dr. Helge Kramberger (DAW) erläuterte zum Abschluss des Workshops die Aktivitäten der Deutschen Bauchemie zum nachhaltigen Bauen. Das Thema stehe beim Verband schon seit Jahren im Fokus und habe durch die Diskussionen um EPDs weiter an Bedeutung gewonnen. Die von Dr. Kramberger geschilderte Historie des Themas mündete in der Einrichtung einer eignen Projektgruppe EPDs im letzten Jahr. Das Gremium arbeitet seitdem unter hoher Beteiligung verschiedener Experten aus den Mitgliedsfirmen an der Recherche und der Bewertung von Möglichkeiten zur Erlangung von Branchen- EPDs. Dr. Kramberger unterstrich in diesem Zusammenhang auch die enge Zusammenarbeit mit dem Lack- (VDL) und dem Klebstoffverband (IVK). Branchen-EPDs haben einen gemeinsamen Datensatz als Basis der Ökobilanz und bieten die Möglichkeit der Individualisierung für einzelne Produkte beziehungsweise Hersteller. Die Zertifizierung kann über die Verbandsmitgliedschaft erfolgen. Mit PE-International wurde ein sachkundiger Partner als Consultant und Zertifizierer gefunden, so. Dr. Kramberger. Er präsentierte dann noch die Erstellung von Rahmenrezepturen als wichtige aktuelle Aufgabe der Projektgruppe. Die ersten Branchen EPDs sollen Mitte 2011 für die Mitgliedsunternehmen verfügbar sein.



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Gastgeber und Referenten beim EPD-Workshop der Deutschen Bauchemie (v.l.): Norbert Schröter (Hauptgeschäftsführer), Prof. Carl A. Graubner, Johannes Kreißig, Hans-Dieter Hegner, Dr. Helge Kramberger, Dr. Alfred Kern (Vorstandsvorsitzender). (Foto: Deutsche Bauchemie)