22. September 2010

Energieeffizienz: Werden Sanierungspotenziale überschätzt?

Die Energieeinsparverordnung (EnEV 2009) und das neue Energiekonzept der Bundesregierung fordern eine deutliche Reduktion des Energiebedarfs bei Sanierungen beziehungsweise beim Neubau von Wohnimmobilien. Allerdings unterscheiden diese Vorgaben nicht nach Alter und Art einer Immobilie und berücksichtigen auch nicht die Marktbedingungen, unter denen gebaut oder saniert wird. Eine neue Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und der ista Deutschland GmbH zeigt auf Grundlage eines umfangreichen Datensatzes von rund 200.000 Gebäuden, dass diese Vorgaben der Situation nur bedingt gerecht werden.


Und das aus drei Gründen: Erstens ist der Energieverbrauch unsanierter Gebäude weniger hoch als angenommen. Zweitens ist das technisch machbare Sanierungsniveau nicht das ökonomisch sinnvolle. Und drittens ist der Sanierungsaufwand abhängig davon, welches Alter und welchen Baustil ein Gebäude hat.


Die Daten zeigen, dass die Energiekennwerte von Mehrfamilienhäusern abhängig vom Jahr ihrer Errichtung sowohl im sanierten als auch im unsanierten Zustand deutlich variieren. Eine bautechnische und architektonische Betrachtung legt die Vermutung nahe, dass unterschiedliche Sanierungskostenverläufe und die Bestandseigenschaften des Altbaus zu den beobachteten Differenzen beitragen.

So wurde beispielsweise berechnet, dass 1900 bis 1918 errichtete Gründerzeitbauten mittlerer Größe (7 - 12 Wohneinheiten) im unsanierten Zustand einen Heizenergiebedarf von rund 141 Kilowattstunden je Quadratmeter pro Jahr aufweisen. Nach einer Sanierung liegt der mittlere Energiekennwert bei rund 126 Kilowattstunden und damit lediglich rund zehn Prozent niedriger. Weitaus größere Einsparungen werden hingegen in Bauten der späten 1950er- und 1960er-Jahre realisiert. Hier beträgt die Differenz rund 27 Prozent bei Gebäuden mittlerer Größe.


Im Ergebnis sprechen die hier präsentierten Zahlen für eine differenziertere Strategie, die sowohl die Belange der Wirtschaftlichkeit von Sanierungen als auch die Belange des Klimaschutzes und Städtebaus berücksichtigt. Konkret bedeutet dies: Die rechtlichen Vorgaben und die Förderpolitik sollten die spezifischen Eigenschaften von Immobilien berücksichtigen, um Investitionsanreize auch tatsächlich zu setzen. Eine pauschale Sanierungspflicht, wie sie im Energiekonzept der Bundesregierung vorgeschlagen ist, wird diesen Kriterien nicht gerecht.


Die Ergebnisse wurden auf Grundlage der Energieausweis-Datenbank des Energiedienstleisters ista Deutschland GmbH berechnet. Der Datensatz umfasst verbrauchsbasierte Energieausweise von zirka 200 000 Gebäuden in Deutschland. Zudem enthält er Informationen über den Stand der Sanierung der jeweiligen Gebäude. Die in der Studie berechneten Zahlen beziehen sich auf den Mehrfamilienhausbestand (mehr als 2 Wohnungen).