18. Oktober 2010

5 Jahre Boom, 10 Jahre Schrumpfkur

In der deutschen Bauwirtschaft hat sich ein fundamentaler Strukturwandel vollzogen. Nachdem die erste Hälfte der 90er Jahr noch von einem Bauboom in Folge der deutschen Wiedervereinigung geprägt war, musste die Branche in den folgenden zehn Jahren einen drastischen Rückgang der Baunachfrage verkraften. So wurde im Jahr 2005 – preisbereinigt – ein Viertel weniger Bauinvestitionen getätigt als zehn Jahre zuvor. Der Anteil der Bauwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt fiel im selben Zeitraum von vierzehn auf zehn Prozent. Das ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München fasst die Entwicklung zusammen.

Diese extreme Entwicklung – fünf Jahre Boom gefolgt von zehn Jahren Schrumpfkur – hatte drastische Auswirkungen. Die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe schrumpfte um mehr als die Hälfte von 1,434 Millionen im Jahr 1995 auf 715.000 im Jahr 2009. Besonders betroffen waren die großen Unternehmen. So gab es im Jahr 2009 in Deutschland nur noch 25 Baufirmen mit mehr als 500 Beschäftigten; 1991 waren es noch 180. Auch die Zahl der mittelgroßen Betriebe ist im selben Zeitraum deutlich gesunken. Zugenommen hat hingegen die Anzahl der kleinen Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern. Ihre Zahl stieg zwischen 1995 und 2009 um 15.620 (+38 Prozent), so dass die Zahl der Bauunternehmen insgesamt sogar geringfügig zugenommen hat.

Besonders deutlich werden die Veränderungen in der Baubranche auch, wenn man die Liste der jeweils zehn größten Unternehmen betrachtet. Von den Top 10 Baufirmen des Jahres 1990 finden sich nur noch zwei in der Liste für das Jahr 2008. Drei „verschwanden“ durch Insolvenz, fünf gingen – teilweise über Umwege – in ausländische Hände.

So erscheinen aktuell nur noch zwei deutsche Firmen (Hochtief AG und Bilfinger Berger AG) in der von Deloitte LLP herausgegebenen Liste der Top 50 Bauunternehmen in Europa. Zum Vergleich: Dreizehn Firmen unter den Top 50 haben ihren Sitz in Großbritannien, sieben in den Niederlanden und sechs in Spanien. Gelingt die versuchte Übernahme von Hochtief durch die spanische ACS wäre sogar nur noch ein deutsches Unternehmen in den Top 50 der europäischen Bauunternehmen vertreten.