05. November 2010

Handwerk sucht Auszubildende

In Baden-Württemberg starteten im neuen Ausbildungsjahr 20.844 junge Menschen eine Lehre in einem Handwerksberuf – nahezu gleich viel wie im vergangenen Jahr. Gleichzeitig drohen aber erneut mehrere tausend Ausbildungsplätze unbesetzt zu bleiben. Wo früher der Betrieb die Qual der Wahl hatte, sagte Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle, seien Handwerker einzelner Branchen heute froh über jeden qualifizierten Bewerber: »Es gibt schlicht nicht genügend, auch weil die Zahl der Schulabgänger weiter zurückgeht.« Diesen Trend hätten sowohl eine Sonderumfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT) zur Ausbildungssituation als auch die Ergebnisse einer Onlineumfrage unterstrichen.


Rund jeder siebte Betrieb wartet noch auf passende Bewerber. Offene Lehrstellen gibt es derzeit in allen Handwerksgruppen. Besonders schwierig ist die Situation im Nahrungsmittelhandwerk, wo zwei von fünf Betrieben offene Stellen melden. Aber sogar jeder neunte Kfz-Betrieb hat noch eine Stelle frei. Probleme melden in diesem Jahr verstärkt größere Betriebe (ab elf Beschäftigten), die jedoch häufig bei ihren Anforderungen an Deutsch- und Rechenkenntnisse der Bewerber kritischer sind als die Kleinstbetriebe. Aber die Betriebe klagen nicht nur über mangelhafte Grundkompetenzen, sondern vermissen auch Leistungsbereitschaft und gute Umgangsformen bei den Schulabgängern. Mehr als ein Drittel (34,7%) aller Befragten hätten bei guten Bewerbern zusätzliche Stellen geschaffen.


Rund zwei Drittel der Betriebe setzen bei den Bewerbern einen Hauptschulabschluss voraus, etwa 30 Prozent erwarten einen mittleren Bildungsabschluss. Während auf dem Bau, im Nahrungsmittel- und in Dienstleistungsbereich ein Bewerber mit ordentlichem Hauptschulabschluss beste Chancen hat, verlangen 80 Prozent der Gesundheitshandwerker und rund 43 Prozent aller gewerblichen Zulieferer die mittlere Reife. Neben leistungsstarken Jugendlichen ermöglicht das Handwerk aber nach wie vor auch schwächeren Schulabgängern den Schritt in eine berufliche Zukunft. Allerdings sieht Möhrle keinen Bedarf für einen Ausbau der zweijährigen Berufsausbildung, da es im Handwerk kaum Einsatzmöglichkeiten für solche Berufsbilder gebe.


Um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen, müssten aktiv alle Potenziale auf dem Ausbildungsmarkt erschlossen werden, betonte Möhrle. Die Handwerksbetriebe im Land setzten alles daran, ausreichend Auszubildende zu finden und ihren Fachkräftebedarf zu sichern. Aber viele junge Menschen wüssten zu wenig über das Handwerk und fänden es uncool. Möhrle: »Dabei ist das Handwerk vielfältig wie kein anderer Wirtschaftsbereich und bietet attraktive Karrierechancen.«


Seit Anfang des Jahres wirbt das Handwerk mit einer Imagekampagne deshalb bundesweit und offensiv für seine Stärken. Gleichzeitig intensiviere das Handwerk seine Maßnahmen zum Ausbildungsmarketing, sagte Möhrle weiter. Viele Betriebe hätten beispielsweise fundierte Bildungspartnerschaften vor allem mit den neuen Werkrealschulen und Hauptschulen aufgebaut. Eine praxisnahe Berufsorientierung müsse aber fest auch an allen anderen Schularten verankert werden: »Wir brauchen eine klare Trendwende und Offenheit gegenüber den Möglichkeiten im Handwerk und einer beruflichen Karriere.«


Die 130.000 Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg beschäftigen 730.000 Mitarbeiter, bilden 58.500 junge Menschen aus und erwirtschaften einen Umsatz von 64 Milliarden Euro.