01. Januar 2016

Freunde im Netz

Fotolia_40977546_M Ausbau und Fassade - Freunde im Netz

Die sozialen Netze wie Facebook oder Twitter sind modern. Man fühlt sich fast schon ausgegrenzt, wenn man nicht mit dabei ist. Es sind die Aspekte der Dialogmöglichkeit, Selbstdarstellung und des Marketings, welche die neuen Medien interessant machen. Allerdings sieht dies nicht jeder so.

Für viele ist es seichte Unterhaltung ähnlich dem niveaulosen Stammtischgespräch. Vom Datenschutz ganz zu schweigen. Das stimmt zu einem großen Teil. Aber die neue Form der Kommunikation ist vor allem für junge Menschen ein grundlegender Bestandteil des täglichen Dialogs und gehört zum Miteinander dazu.
Die Plattformen der sozialen Netze formen die Kommunikation von immer mehr Menschen. In den Foren gehört man dazu. Das Gemeinschaftserlebnis der sozialen Netzwerke wie Facebook - erst vor Kurzem an die Börse gegangen - verändert die Gesellschaft. Die Netzwerke übernehmen über Jahrzehnte gewachsene Kontaktformen. Die sozialen Medien sind erfolgreich, weil Gleich und Gleich sich eben gern gesellt.
Die Nutzer berichten aus ihrem Leben und plaudern über alles und jeden. Es geht um Reiseziele. Welche Hobbys man hat. Was man gerade tut. Wie es in der Schule war. Bilder werden zur Schau gestellt, genauso wie Filme oder Tagebucheinträge. Die anderen sehen und hören bereitwillig zu. Alte Freundschaften werden wiederbelebt. Neue Freundschaften entstehen.
Für viele Menschen sind Freundschaften ein hoher Wert. Aus diesen Gründen wird versucht, Beziehungen freundschaftlich zu gestalten. Am Arbeitsplatz soll die Arbeitsbeziehung kollegial und freundschaftlich sein. Eltern sehen sich als Freunde ihrer Kinder. Ehepartner sind ohnehin die engsten Vertrauten.
Ob Facebook-Freunde echte Freunde sind oder nur Bekanntschaften, bleibt offen. Die Rolle der sozialen Medien ist für das Entstehen und Weiterentwickeln von Beziehungen – vor allem, wenn es um Vertrautheit geht – noch unerforscht. Jüngere Nutzer sind der Meinung, dass Online-Beziehungen heilsame Eigenschaften  der Vertrautheit bieten. Ältere bestehen darauf, dass echte Begegnungen von Angesicht zu Angesicht stattfinden müssen. Körpersprache, Mimik oder Stimme sind einfach zu wichtig, um diese auszublenden. Identität lässt sich nicht mit der Tastatur von Computern herstellen. Im Gegenteil: Vertrautheit hat aus der Sicht der Älteren nur wenig mit Informationen zu tun, die man über sich verbreitet. Vielmehr liegt die Qualität von Freundschaft im privaten Raum. Ein Raum, in dem Vertrauen wachsen kann. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

Kündigung wegen »Gefällt mir«-Klicks
Was kaum einer bedenkt: Die Phantasie aus dem Roman von George Orwell »1984« wird durch Facebook oder ­Google zunehmend Wirklichkeit. Mitte der 1980er-Jahre wurde noch gegen Volkszählung oder Überwachung durch den Staat demonstriert. Heute geben viele freiwillig ihre Daten – und in der Folge demokratisch legitimierte Grundrechte – ohne nachzudenken preis. Die Datenspur dient vor allem der Gewinnmaximierung der Unternehmen, die für die Auslegung von Datenvorratshaltung und Datenschutz immer stärker kritisiert werden. Es hat bereits Kündigungen wegen »Gefällt mir«-Klicks gegeben. Letztendlich basieren vergleichbare ­Geschäftsmodelle einzig und allein auf Werbung. Mit der Konsequenz, dass Informationen der Anwender hemmungslos kommerzialisiert werden.
Die Kritiker bemängeln weiter, dass das Wort »Freund« durch Facebook in seinem Wert verkommt und degradiert wird. Freundschaft entsteht demnach nicht durch Mitteilen, sondern vor allem durch Teilen. Und es braucht reale Begegnungen, wirklich erfahrene Geschichten. Anstatt Nachrichten an alle. Dann entsteht Vertrautheit und Echtheit, die gerade im digitalen Zeitalter das Alleinstellungsmerkmal von Freundschaft ist. Letztendlich kann man nicht mit 30 oder 20 Freunden wirklich vertraut sein.
Die neuen Medien und die sozialen Netzwerke spiegeln zu einem Teil die Entwicklungen in unserer Gesellschaft wider. Sie sind ein Signal für die Vereinsamung von Menschen, die sich der Vision eines virtuellen Lebens vor dem Computer hingeben. Kinder werden von ihren Freunden gedrängt. Das fängt mit der Vielzahl der so genannten Freunde an. Jugendliche werden über das Netz gemobbt. Immer mehr Menschen sind mittlerweile schon abhängig von ­»Gefällt mir«-Klicks. Die aktuellen ­Zahlen zur Internet-Suchtgefahr junger Menschen geben Anlass zum Nachdenken.

Das Bedürfnis nach echten Freunden ist zeitlos
Der Höhenflug um die digitalen Plattformen ist vielleicht ein kleines Ventil für die anstrengende Welt da draußen. Eines ist sicher: Beziehungen, Netzwerke und Freundschaften sind wichtig für unser Wohlergehen. Das Bedürfnis nach Kontakt, Zugehörigkeit und Vertrautheit wird sich auch in naher ­Zukunft nicht grundlegend verändern. Und damit auch nicht die Bedeutung für unser Wohlbefinden. Die Technologie verändert sich. Das tiefe Bedürfnis nach vertrauensvollen Beziehungen, nach echten Freunden, die durch geteilte und mitgeteilte Gefühle entstehen, ist zeitlos.

F. Helfensteiner

Abbildungen: Fotolia                                                                                                   Ausgabe: 7-8/2012

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