01. Januar 2016

Stabübergabe rechtzeitig regeln

Eine sorgfältig vorbereitete Nachfolgeregelung ist speziell im Handwerk für das wirtschaftliche Überleben einer Firma nach dem Ausscheiden des Seniorchefs von zentraler Bedeutung.

Die Regelung der Nachfolge wird von den meisten Unternehmern ab einem gewissen Alter zwar immer mal wieder ins Auge gefasst. Allerdings wird sie aufgrund der komplexen Thematik, aber auch aus persönlichen Gründen, oft verschoben oder nur zögerlich angegangen. Es fällt eben vielen Unternehmern schwer, ihr »Lebenswerk« abzugeben.

Nachfolgeregelung ist zeitaufwendig
Dabei ist es besonders wichtig, für die Nachfolgeregelung ausreichend Zeit einzuplanen. So muss nach den Erfahrungen der Handwerkskammern für eine sorgfältige und Erfolg versprechende Unternehmensübergabe an einen Nachfolger ein Zeitraum von fünf Jahren einkalkuliert werden. Dabei sind vor allem folgende Punkte zu klären beziehungsweise zu berücksichtigen:
• Die Form der Betriebsübergabe und ihre Terminierung müssen exakt festgelegt werden.
• Das Unternehmen ist auch bei einer geplanten externen Nachfolge schon aus Gründen eines guten Verkaufspreises bis zur Übergabe als wirtschaftlich rentabler und wettbewerbsfähiger Betrieb zu erhalten.
• Bei Nachfolgeregelungen innerhalb der Familie ist das Vorhaben mit allen Angehörigen zu erörtern, um nach­trägliche Erbschaftsstreitigkeiten und übermäßige finanzielle Belastungen für den Nachfolger zu vermeiden.
• Bei einem externen Nachfolger ist ausreichend Zeit für die Suche zu berücksichtigen. Der Nachfolger ist zudem gegebenenfalls zu qualifizieren und in der Einführungsphase zu unterstützen.
• Die steuerlichen und rechtlichen Konsequenzen der Betriebsübergabe sind mit einem Fachmann, in der Regel dem in die firmeninternen Daten eingeweihten Steuerberater, im Detail zu klären.
• Die geplante Betriebsübergabe ist den Mitarbeitern rechtzeitig mitzuteilen (dazu Betriebsübergang nach
§ 613 BGB).
• Der ausscheidende Unternehmer muss frühzeitig eine ausreichende Altersversorgung beziehungsweise -vorsorge für sich sicherstellen.
 
Handwerksordnung beachten
Eine Grundvoraussetzung ist bei der Nachfolgeregelung die Einhaltung der Handwerksordnung. Einen zulassungspflichtigen Handwerksbetrieb darf nur jemand führen, der entweder eine Meis­terprüfung abgelegt hat oder als so­genannter qualifizierter Geselle mindes­tens sechs Jahre Berufserfahrung –
davon vier Jahre in leitender Position – aufweisen kann. Ansonsten muss der Nachfolger einen Partner mit entsprechender Qualifikation hinzugewinnen oder alternativ einen Betriebsleiter mit ausreichender Ausbildung einstellen.
Mit der fachlichen Qualifikation allein ist es beim Nachfolger nicht getan.
Neben Führungsqualitäten muss vor ­allem kaufmännisches Wissen vorhanden sein. Die Anforderungen an einen Firmenchef werden auch im Handwerk immer höher. Während ein Familienangehöriger in der Regel über viele Jahre in die Rolle des Nachfolgers hineinwächst, muss ein Externer schnell »funktionieren«. Da sich für Betriebs­übergaben zunehmend in der Unternehmensführung unerfahrene Existenzgründer als Nachfolger bewerben, sollte der Unternehmer schon im Interesse seiner Mitarbeiter die Eignung des »Neuen« unter die Lupe nehmen. Ein erster Test ist ein vom potenziellen Nachfolger vorgelegtes, schlüssiges Weiterführungskonzept. Es muss unter anderem auch finanzielle Reserven für Investitionen und die wirtschaftlich oft schwierige Übergangsphase beinhalten.

Selbstverständlich kann und sollte der ausscheidende Senior-Unternehmer bei Bedarf in der Einführungsphase seinem Nachfolger beratend zur Seite stehen. Eine wichtige Hilfe ist zum Beispiel die Einführung des »Neuen« bei ihm persönlich gut bekannten Stammkunden und Lieferanten. Allerdings muss die neue Rolle als »Berater« von ihm auch so verstanden und angenommen werden. Dazu gehört unter anderem, eventuelle Veränderungen im Betrieb durch den Nachfolger zu akzeptieren. Das fällt dem ausscheidenden Unternehmer bei einem Externen im Normalfall leichter als bei einem Familienangehörigen.

Erbschaftssteuer bleibt ein Problem
Bei einer familieninternen Nachfolge­regelung bleibt dem Unternehmer zwar die zeitaufwendige Nachfolgersuche
erspart. Dafür sind neben persönlichen Befindlichkeiten vor allem finanzielle Aspekte zu berücksichtigen. Trotz einiger Anpassungen der Erbschaftssteuertarife zu Jahresbeginn 2010, insbesondere für Geschwister, ist die Erbschaftssteuer ein erhebliches Nachfolgehemmnis geblieben. Der Senior-Unternehmer muss im Vorfeld einer Betriebsübergabe an einen Familienangehörigen die Rechte aller Erbschaftsberechtigten erfassen und abklären. Ansonsten können eventuell nachträgliche Forderungen den Firmen­erben finanziell erheblich belasten und damit letzlich die Zukunft des Betriebes infrage stellen.

Verkaufspreis realistisch einschätzen
Steht bei fehlendem Nachfolger aus der Familie ein Verkauf des Unternehmens an, spielt der Preis bei den Verhandlungen mit einem externen Nachfolger eine zentrale Rolle. Der Erlös ist oft wesent­licher Bestandteil der Altersvorsorge. Viele Unternehmer haben nur eine vage Vorstellung vom Wert ihres Betriebes. In vielen Fällen behindern nach den Erfahrungen der Handwerkskammern überzogene Preisvorstellungen die Verhandlungen mit potenziellen Interessenten.
Die Festlegung des Unternehmenswertes ist im sehr heterogen strukturierten Handwerk allerdings auch schwierig. Privat- und Betriebsvermögen sind oft eng miteinander verflochten. Die Höhe der Unternehmenserträge wird zudem wesentlich von der Inhaberpersönlichkeit beeinflusst. Die Arbeitsgemeinschaft der Wert ermittelnden Betriebsberater im Handwerk (AWH) hat deshalb ein bundesweit standardisiertes Bewertungsverfahren speziell für Handwerksunternehmen entwickelt. Bei der Berechnung auf Basis des Ertragswertverfahrens werden dabei unter anderem aus Vergangenheitswerten die zukünf­tigen Ertragsaussichten des übergebenen Unternehmens nach realistischen Maßstäben ermittelt. Die Ermittlung des ­Unternehmenswertes nach AWH-Standard ist für Mitglieder der Handwerkskammern in der Regel kostenlos.

Service der Handwerkskammern nutzen
Die Ausgangslage für eine erfolgreiche Betriebsübergabe ist je nach Firmen­struktur, Rechtsform und Handwerksbranche sehr unterschiedlich, so dass generelle Empfehlungen für die richtige Vorgehensweise problematisch sind. Angesicht der vielfältigen Möglichkeiten der Betriebsübergabe ist in jedem Fall eine individuell maßgeschneiderte Beratung durch einen Fachmann sinnvoll. Neben dem für das Unternehmen tätigen Steuerberater sollte dabei auch der Service der Handwerkskammern oder der Industrie- und Handelskammern in Anspruch genommen werden. Sie stellen den Firmen mittlerweile eine breite Palette von unterstützenden Hilfen zur Verfügung. Neben der Einzelberatung des übergabewilligen Unternehmers rundet eine Vielzahl von angebotenen Seminaren das Gesamtangebot ab.
Die Kammern helfen auch bei der Nachfolgersuche. Ein effektives Hilfsmittel ist die gemeinsam von den Kammern und Wirtschaftsverbänden eingerichtete Online-Börse »Nexxt-change«. Unter der Internet-Adresse www.nexxt-change.org können einerseits geeignete Nachfolger gefunden werden und andererseits Exis­tenzgründer interessante Übergabe-­Angebote studieren.

Hans-Gerd Heye
Fachjournalist

Abbildungen: 1. Madel       Ausgabe: 11/2012