01. Januar 2016

Konzentration und Leidenschaft

Schenk_1 Ausbau und Fassade - Konzentration und Leidenschaft

Um sich den Titel des Weltmeisters in der Kategorie »Stuckateur und Trockenbauer« zu verdienen, reicht es nicht aus, handwerklich geschickt und schnell zu sein. Andreas Schenk bringt ein paar spezielle Charaktereigenschaften mit, die ihm auf dem Weg zur Goldmedaille gute Dienste geleistet haben.

Vier lange und harte Tage hatten die jungen Hand­werker, die aus allen ­Winkeln der Welt zu den WorldSkills nach Leipzig gekommen ­waren, ­geschwitzt, gerackert und hoch anspruchsvolle Prüfungen in ihren ­Gewerken bewältigt, um Anfang Juli 2013 den Besten in ihren Berufen zu ermitteln. Für Deutschland war in der Sparte »Stuckateur und Trockenbauer« der Ehinger Andreas Schenk angetreten. Als die Jury bei der Abschlussfeier ­seinen Namen aufrief und klar war, dass er zusammen mit dem ­Taiwanesen Wen-Wei Lin die Gold­medaille gewonnen hatte, fiel eine ­riesige Anspannung von ihm ab. »Das war Gänsehaut pur - ein unbeschreib­lich schönes Gefühl. Es war großartig, von 8000 Menschen in der Halle ­Applaus und Anerkennung zu bekommen. Wir alle – meine Familie und die deutsche Delegation - haben danach bis tief in die Nacht gefeiert. Alle ­Anstrengungen hatten sich ­gelohnt«, erinnert sich Andreas mit ­einem Lächeln.

Erfolgreiches Jahr
Knapp vier Wochen später sitzt er entspannt im Büro des Fami­lienbetriebs Matthäus Schenk in Ehingen-Altbierlingen und blickt auf das Erreichte zurück. Sein Vater ­Anton, ­zusammen mit ­seinem Onkel Norbert der Chef des ­Unternehmens, und die angestellten 16 Handwerker befinden sich im wohlverdienten Urlaub. Die Geschäftsräume sind leer, vom üblichen Trubel und von Hektik keine Spur.
Andreas Schenk genießt diese Ruhe. Er hat sie sich verdient. Das Jahr 2013 ist gerade mal acht Monate alt, hat aber schon enorm viel Kraft gekostet. Der 21-Jährige arbeitet im väterlichen Stuckateurbetrieb und hat im April ­seine Meisterprüfung in Leonberg abgelegt. Von ­diesem Zeitpunkt an richtete er seine volle Aufmerksamkeit und Konzentra­tion auf die WorldSkills. Schon seit ­November 2011 ist Andreas Mitglied im Nationalteam der Stucka­teure und was Wett­kämpfe angeht, längst ein »alter ­Hase«. Zusammen mit Kadir Uzunsakaloglu trat er im vergangenen Jahr bei den EuroSkills im belgischen Spa an und verpasste die Bronzemedaille im Teamwettbewerb nur um Haaresbreite. Andreas erinnert sich: »Es hört sich seltsam an, aber dieser undankbare vierte Platz hat mich noch mehr motiviert. Uns ­haben damals zum Siegertreppchen nur ein paar winzige Details gefehlt, deshalb nahm ich mir vor, in Leipzig noch genauer und schneller zu arbeiten. Ich wollte, dass bei meinem letzten großen Wettkampf alles zu 100 Prozent stimmt.«

Bewährtes Team
Gesagt, getan! Für das große Ziel bereitete er sich akribisch und mit großem Enthusiasmus in der ÜBA Leonberg vor. »Schon drei ­Monate vor dem Wettkampfbeginn ­haben alle Teilnehmer die Pläne für die Prüfung bekommen. Die geforderte Trockenbaukonstruktion ­habe ich dann sechs Wochen vor den WorldSkills lang intensiv durchexerziert. Im Wettkampf darf man sich nicht ablenken lassen, man muss im Kopf immer einen Schritt vorausdenken. Speziell Frank Schweizer, Jochen Drescher und Ingo Neumann haben mich stets mit Rat und Tat unterstützt«, sagt Andreas.
Während Schweizer und Drescher bei Reglement- und Materialfragen halfen, war Neumann bei allen fachlichen Angelegenheiten ­eine große Stütze. Andreas: »Mit ­seiner Hilfe ­habe ich ­unter anderem das Freestyle-­Modul, das far­bige World­Skills-Logo, entwickelt. Es sollte dreidimensional sein und ein echter Hingucker werden. Für die vier linken Strahlen habe ich mit ihm Silikonformen gebaut. Für den fünften Strahl haben wir eine Wellenschablone geformt und dann mit einem Elypsenkreuz den Stuckstrahl gezogen. Ich habe eine spezielle Technik angewandt. Beim Wettkampf hat dann alles perfekt geklappt.«

Liebe zum Beruf
Wer Andreas Schenk kennenlernt, dem fallen rasch einige Charaktereigenschaften an dem schlaksigen, jungen Mann auf, die ihm auf dem Weg zum Titel des Stuckateurweltmeisters gute Dienste geleistet haben: Er ist natürlich und gerad­linig (O-Ton: »Wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich das auch durch!«), mit einer großen Portion Ehrgeiz ausgestattet und mit einer ­aus-geprägten Konzentrationsgabe ­geseg-net. Noch wichtiger ist aber die Leidenschaft für seinen Beruf. Andreas: »Schon als Kind habe ich in den Ferien in unserem ­Betrieb mitgeholfen. Die Vielfalt des Stuckateurberufs hat mich schon immer fasziniert. Recht früh war klar, dass ich nach der mittleren Reife eine Berufsausbildung bei meinem ­Vater absolvieren werde.«
Seit 2008 ist er inzwischen dabei und hat mittlerweile das ganze Spektrum des Berufs kennengelernt. Sanierungen, Wärmedämm-Verbundsysteme, Putz und Gerüstbau sind die wichtigsten ­Geschäftsfelder der Schenk GmbH. »Stuckarbeiten, Eckgesimse, aber auch anspruchsvolle Trockenbauarbeiten ­machen mir richtig Spaß. Man muss sich reindenken, mit Kopf und Hand ­dabei sein«, schwärmt der bekennende ­Bayern München-Fan.

Horizont erweitert
Der Titel des Stuckateur-Weltmeisters bringt nicht nur Ruhm und Ehre, sondern führt auch handfeste berufliche Vorteile mit sich. Andreas grinst und erklärt: »Es schadet natürlich nicht, wenn die ­Öffentlichkeit weiß, dass in unserem Betrieb ein Weltmeister arbeitet - das ist gute Werbung. Nach meinem Titelgewinn haben sich viele Architekten gemeldet und gratuliert. Davon abgesehen, kann ich jedem nur empfehlen, sich um eine Qualifikation für die Stuckateur-Nationalmannschaft und die Berufswettkämpfe zu bemühen – die Teilnahme erweitert den Horizont, beruflich wie menschlich. Es ergeben sich viele wertvolle Kontakte. Jeder, der es ins Team schafft, ist ein Gewinner.«

Nächste Generation folgt
Bis Ende August hat unser Stuckateurweltmeister Betriebsferien, dann fängt der Alltag an. Bedauert er nicht, dass der Trubel um seine Person von Monat zu Monat langsam abnehmen wird? Schließlich war Andreas auf Seite 1 der Bild-Zeitung, wurde von Bundeskanzlerin Angela Merkel geehrt und vom Ehinger Bürgermeister im Rathaus empfangen. »Nein«, sagt er unauf­geregt. »Ich habe alles erreicht, was möglich war – eine Europa- und eine Weltmeisterschaft mitgemacht. Bis ­November bin ich noch Teil der Nationalmannschaft, dann ist es Zeit für die nächste Stuckateurgeneration, sich zu beweisen. Ich habe meinen Frieden ­damit gemacht.« Wer Andreas Schenk kennt, glaubt ihm das.

dm

Abbildungen: Schenk                                                                                                                        Ausgabe: 9/2013

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